Im Winter 1939 saß im Hauptquartier der Heeresgruppe A in Koblenz ein Mann über seinen Karten, dessen Name später in jedem Militärgeschichtsbuch stehen sollte: Erich von Manstein. Als Stabschef der Heeresgruppe hatte er eine Idee, die das gesamte Oberkommando des Heeres gegen ihn aufbringen sollte. Sein Plan war der Schlüssel zu einem der schnellsten Feldzüge der Militärgeschichte – und doch wäre er beinahe nie umgesetzt worden. Generaloberst Franz Halder war dagegen, Generaloberst Walter von Brauchitsch war dagegen, das gesamte OKH war dagegen.

Nur ein einziger Mann war dafür: Adolf Hitler. Der Polenfeldzug war am 6. Oktober 1939 beendet. Hitler bot den Westmächten Frieden an, doch Großbritannien und Frankreich lehnten ab.
Schon am 9. Oktober erließ Hitler die Weisung Nummer 6, die einen baldigen Angriff im Westen forderte. Der erste geplante Termin war der 12. November 1939.
Es sollte der erste von insgesamt 29 verschobenen Angriffsterminen werden. An der deutsch-französischen Grenze herrschte seit Wochen ein merkwürdiger Zustand, den die Franzosen „Drôle de guerre“, die Briten „Phony War“ und die Deutschen „Sitzkrieg“ nannten. Die französische Armee hatte sich hinter der Maginot-Linie verschanzt, einem gewaltigen Festungssystem, das als uneinnehmbar galt. Das OKH legte am 19.
Oktober 1939 seinen ersten Operationsplan vor, die Aufmarschanweisung Nummer 1 für „Fall Gelb“. Der Plan sah einen Angriff mit Schwerpunkt auf dem rechten Flügel vor: ein Stoß durch Belgien, eine Rechtsdrehung zur Kanalküste. Im Kern war es eine abgespeckte Wiederholung des Schlieffen-Plans von 1914 – genau das, was Hitler zutiefst beunruhigte. Der Schlieffen-Plan hatte nicht zum Sieg geführt, sondern in den Stellungskrieg und in die Niederlage des Kaiserreichs.
Hitler sagte zu seinen engsten Mitarbeitern, er könne diesen Plan nicht akzeptieren, weil er ihn an 1914 erinnere und weil die Engländer und Franzosen genau einen solchen Angriff erwarteten. Manstein stammte aus einem alten preußischen Offiziersgeschlecht. Sechzehn seiner unmittelbaren Vorfahren waren preußische Generäle gewesen. Im Ersten Weltkrieg wurde er schwer verwundet und kehrte nach seiner Genesung in den Generalstab zurück.
Die Erfahrungen des Stellungskriegs prägten sein Denken tief: Er glaubte an den Bewegungskrieg, an den Durchbruch, an die schnelle Entscheidung. Nach dem Polenfeldzug wurde seine Heeresgruppe Süd in den Westen verlegt und in Heeresgruppe A umbenannt. Rundstedt blieb Oberbefehlshaber, Manstein sein Stabschef. In dieser Konstellation entstand der Plan, der alles verändern sollte.
Als Manstein die Aufmarschanweisung des OKH zur Kenntnis nahm, erfasste ihn eine doppelte Ablehnung. Militärisch erschien ihm der Plan unzulänglich, weil er keinen Entscheidungssieg versprach, sondern allenfalls eine Zurückdrängung der Alliierten hinter die Somme. Und der Plan wies seiner eigenen Heeresgruppe A nur eine Nebenrolle zu: 22 Divisionen ohne eine einzige Panzerdivision, reine Flankensicherung. Die Heeresgruppe B unter Generaloberst Fedor von Bock sollte mit 30 Divisionen und neun Panzerdivisionen den Hauptstoß führen.
Zwischen dem 31. Oktober 1939 und dem 12. Januar 1940 verfasste Manstein sechs Denkschriften. Sein Gedanke war revolutionär und bestechend einfach: Wenn die Alliierten einen deutschen Angriff mit Schwerpunkt in Belgien erwarteten, würden sie ihre besten Divisionen dorthin vorziehen – das war sogar ihre offizielle Planung, der Dyle-Breda-Plan.
Wenn man den deutschen Schwerpunkt aber südlich ansetzte, durch die Ardennen, konnte man genau hinter dem Rücken der nach Belgien vorstoßenden Alliierten den Durchbruch erzwingen. Die Ardennen galten als panzeruntauglich, dicht bewaldet, von tiefen Schluchten durchzogen. Genau deshalb waren sie das perfekte Einfallstor, denn dort würde niemand einen Angriff erwarten. Der französische Oberbefehlshaber Maurice Gamelin hatte diese Region entsprechend schwach besetzt.
Hinter den Ardennen musste die Maas überquert werden – bei Sedan. Von dort sollte der Stoß nicht nach Süden gegen Paris führen, sondern nach Westen zur Kanalküste. Die gesamte Nordgruppe der Alliierten, einschließlich des British Expeditionary Force, wäre in einem gewaltigen Kessel eingeschlossen. Manstein war kein Panzerspezialist und unsicher, ob so große gepanzerte Verbände überhaupt durch die Ardennen bewegt werden konnten.
Er konsultierte General Heinz Guderian, den Vater der deutschen Panzertruppe. Guderian bestätigte, dass der Durchmarsch möglich sei, und forderte sogar, dass die Panzer nach dem Maasübergang nicht auf nachrückende Infanterie warten sollten, sondern sofort nach Westen durchstoßen müssten. Diese Idee, die später den Namen Blitzkrieg erhalten sollte, wurde zum operativen Kern des Plans. Die Denkschriften gingen ans OKH und wurden dort systematisch blockiert.
Halder ließ sie zu den Akten nehmen, verhinderte, dass sie Hitler vorgelegt wurden, und unterrichtete den Führer nicht einmal über ihre Existenz. Er hielt Mansteins Vorschläge für abenteuerlich, für gefährlich und operativ nicht vertretbar. Auch Brauchitsch war skeptisch. Dazu kam ein persönlicher Faktor: Dass ein Stabschef einer Heeresgruppe das Konzept des gesamten OKH in Frage stellte, empfanden viele als Anmaßung.
Manstein ließ sich nicht beirren. Rundstedt deckte ihn loyal und reichte die Denkschriften weiter nach oben. Am 27. Januar 1940 fiel dann die Entscheidung, die beinahe das Ende des Plans bedeutet hätte: Manstein wurde zum kommandierenden General des 38.
Armeekorps ernannt, mit Dienstantritt am 9. Februar 1940. Formal war dies eine Beförderung, tatsächlich eine Verbannung. Sein Korps war ein Infanteriekorps der zweiten Welle, das erst in „Fall Rot“, der zweiten Phase des Feldzugs, eingesetzt werden sollte.
Die treibende Kraft hinter dieser Versetzung war mit großer Wahrscheinlichkeit Halder persönlich. Doch bevor Manstein zu Hitler gelangen konnte, geschah ein Ereignis, das die gesamte Planungssituation erschütterte. Am 10. Januar 1940 notlandete eine Messerschmitt Bf 108 bei der belgischen Ortschaft Mechelen an der Maas.
An Bord war Major Helmut Reinberger, ein Verbindungsoffizier der Luftwaffe, der Teile der Aufmarschanweisung Nummer 2 in seiner Aktentasche trug. Der Pilot hatte sich im Nebel verirrt. Nach der Notlandung versuchte Reinberger verzweifelt, die Dokumente zu verbrennen, doch der kalte Januarwind wehte Teile davon davon. Eine belgische Gendarmeriestreife erschien und nahm beide fest.
Auf der Gendarmeriestation warf Reinberger in einem unbeobachteten Moment die Reste der Dokumente in einen Ofen, doch die Belgier rissen die Papiere mit bloßen Händen aus dem Feuer. Genug blieb erhalten, um den Alliierten einen Einblick in die deutschen Absichten zu geben. In Berlin herrschte Entsetzen. Hitler geriet in einen Wutanfall.
Der Mechelen-Zwischenfall bedeutete einen einschneidenden Bruch: Die kompromittierte Aufmarschanweisung konnte nicht mehr verwendet werden. Es musste ein neuer Plan her – oder der bestehende musste so verändert werden, dass er vom Bekannten abwich. Genau hier öffnete sich die Tür, durch die Mansteins Gedanken ins Zentrum rücken konnten. Am 16.
Februar 1940 reiste Manstein nach Berlin. Am Abend zuvor hatte ihn Oberst Rudolf Schmund, der Chefadjutant der Wehrmacht bei Hitler, aufgesucht. Schmund hatte das Hauptquartier der Heeresgruppe A besucht, mit Manstein gesprochen und war von dessen Ideen beeindruckt. Er bedeutete Manstein, seine Konzepte vorzutragen, wenn Hitler ihn dazu aufforderte.
Am Morgen des 17. Februar traf Manstein in der Reichskanzlei ein. Hitler begrüßte die neu ernannten Korpsführer, tauschte höfliche Floskeln. Als er zu Manstein gelangte, geschah das Entscheidende: Hitler führte ihn nach dem Frühstück in sein Arbeitszimmer ab, um unter vier Augen ein längeres Gespräch zu führen.
Die Substanz ist aus Mansteins Nachkriegserinnerungen rekonstruierbar: Manstein trug seine Konzeption vor, erklärte die Schwäche der Aufmarschanweisung, die Notwendigkeit eines Schwerpunktwechsels, die operativen Vorteile eines Stoßes durch die Ardennen auf Sedan und von dort zur Kanalküste. Hitler, der sich bereits seit Monaten an einer ähnlichen Grundidee abgearbeitet hatte, war fasziniert. Am selben Abend noch wies er Brauchitsch und Halder an, die Planung grundlegend zu revidieren. Am 24.
Februar 1940 wurde die Aufmarschanweisung Nummer 4 erlassen. Der Schwerpunkt lag nun bei der Heeresgruppe A unter Rundstedt, die 45 Divisionen erhielt, darunter sieben der zehn Panzerdivisionen. Die Heeresgruppe B wurde auf 29 Divisionen reduziert; ihre Aufgabe war nun, die Alliierten nach Belgien zu locken, wo sie in die Falle laufen sollten. Der operative Kern war die Panzergruppe Kleist mit fünf Panzerdivisionen und drei motorisierten Divisionen, etwa 134.
000 Mann und rund 1. 250 Kampfpanzern. Innerhalb dieser Panzergruppe operierte das XIX. Armeekorps unter Guderian.
Nördlich davon das XV. Armeekorps unter General Hermann Hoth, mit der 7. Panzerdivision unter einem damals noch relativ unbekannten Generalmajor namens Erwin Rommel. Am 10.
Mai 1940 um 5:35 Uhr begann „Fall Gelb“. Im Norden stürmte die Heeresgruppe B in die Niederlande und nach Nordbelgien. Deutsche Fallschirmjäger landeten bei Rotterdam und nahmen die als uneinnehmbar geltende Festung Eben-Emael mit Lastenseglern binnen Stunden aus. Die Alliierten reagierten genau wie erwartet: Gamelin aktivierte den Dyle-Breda-Plan und schob etwa 30 seiner besten Divisionen nach Belgien.
Während die Aufmerksamkeit im Norden gebunden war, rollte die Panzergruppe Kleist durch die Ardennen. Guderians Korps überquerte am 10. Mai die luxemburgische Grenze und erreichte am 12. Mai die Maas bei Sedan.
Die französische 55. Infanteriedivision der Reserve, besetzt mit älteren Reservisten, hielt den Abschnitt und hatte die Ruhe als Beweis genommen, dass dort nichts Ernsthaftes geschehen würde. Am 13. Mai 1940 begann die Luftunterstützung.
Das VIII. Fliegerkorps unter General Wolfram von Richthofen warf alles, was es hatte, auf die französischen Stellungen. Etwa 1. 500 Einsätze flogen die Deutschen an diesem Tag über Sedan.
Der psychologische Effekt war vernichtend. Um 15 Uhr begannen die Infanterieeinheiten mit Sturmbooten den Übergang über die Maas. Binnen weniger Stunden war ein Brückenkopf etabliert. Noch am Abend schlugen die Deutschen eine Pionierbrücke, am Morgen des 14.
Mai rollten die ersten Panzer über den Fluss. Ein französischer Gegenangriff mit der 3. Panzerdivision, der die Brückenköpfe hätte zerschlagen können, kam nicht zustande: Die Divisionen wurden nicht koordiniert, Befehle waren widersprüchlich, einem Teil der Panzer fehlte der Treibstoff. Binnen 48 Stunden war die gesamte französische Front an der Maas zwischen Sedan und Dinant aufgerissen.
Nun begann der eigentliche Vorstoß, der dem Plan seinen Namen geben sollte: der Sichelschnitt. Der Begriff stammt nicht von Manstein selbst, sondern ist eine spätere Prägung. Winston Churchill sprach in seinen Memoiren vom „Sickle Cut“, weil die Bewegung der Panzerverbände vom Ausgangsraum über Sedan bis zur Kanalküste die Form einer Sichel beschrieb. Guderian verlor keine Stunde.
Noch am 14. Mai befahl er den Vormarsch nach Westen, quer durch das französische Hinterland zur Kanalküste. Diese Entscheidung war umstritten. Kleist, Rundstedt und Halder waren besorgt über die offenen Flanken.
Am 15. Mai erhielt Guderian eine Haltewarnung. Er reagierte mit einer ungewöhnlichen Geste: Er drohte mit seinem Rücktritt. Nach heftiger Auseinandersetzung wurde ein Kompromiss gefunden: Guderian durfte eine „verstärkte Aufklärung“ durchführen – de facto marschierte er weiter nach Westen.
In diese Tage fiel der einzige nennenswerte alliierte Gegenangriff. Bei Montcornet griff eine hastig zusammengestellte französische 4. Panzerdivision mit etwa 200 Panzern die deutschen Nachschublinien an. Der Kommandeur war Colonel Charles de Gaulle, der spätere Präsident Frankreichs.
Der Angriff erzielte lokale Erfolge, konnte aber die deutsche Bewegung nicht stören. De Gaulle musste sich zurückziehen. Die Panzerspitzen rollten unaufhaltsam. Am 20.
Mai 1940 erreichte die 2. Panzerdivision Abbeville und damit die Kanalküste. Innerhalb von elf Tagen hatten die Panzerverbände eine Strecke von etwa 350 Kilometern zurückgelegt. Die alliierten Nordarmeen – etwa eine Million Soldaten der besten französischen, britischen und belgischen Divisionen – waren abgeschnitten.
Nun kam jener Moment, der bis heute zu den umstrittensten Entscheidungen des Zweiten Weltkriegs gehört. Nach dem Erreichen der Küste drehten die Panzer nach Norden. Am 24. Mai befanden sich die Spitzen nur noch etwa 15 Kilometer von Dünkirchen entfernt.
Dann kam der berühmte Haltebefehl. Die Urheberschaft ist bis heute umstritten. Lange galt die Version, Hitler habe den Befehl gegen den Rat der Generalität erteilt. Die neuere Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild: Die Initiative stammte von Rundstedt, dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe A.
Seine Panzerdivisionen hatten etwa die Hälfte ihres Geräts verloren, das Gelände vor Dünkirchen war flach, sumpfig, von Kanälen durchzogen. Zudem stand „Fall Rot“ bevor, und Rundstedt wollte seine Panzer für den Vorstoß nach Süden schonen. Als Hitler am Morgen des 24. Mai das Hauptquartier der Heeresgruppe A besuchte, sprach Rundstedt ihm seine Bedenken aus.
Hitler stimmte zu und verschärfte den Befehl. Göring hatte ihm versprochen, die Luftwaffe werde den eingekesselten Feind allein vernichten – ein Versprechen, das haltlos war. Der Befehl hielt die Panzer für fast drei Tage zurück. Diese 72 Stunden nutzten die Alliierten für die Operation Dynamo.
Bis zum 4. Juni 1940 wurden insgesamt 338. 226 Soldaten evakuiert, davon etwa 215. 000 Briten und etwa 123.
000 Franzosen und Belgier. Das British Expeditionary Force musste seine gesamte schwere Ausrüstung zurücklassen, aber die Männer waren gerettet. Winston Churchill sprach vor dem Unterhaus von einem Wunder, mahnte aber zugleich: Kriege würden nicht durch Evakuierungen gewonnen. Vier Jahre später, am 6.
Juni 1944, würden genau jene Briten, die hier entkamen, an der Normandieküste zurückkehren. Am 5. Juni begann „Fall Rot“. Die Franzosen hatten versucht, entlang der Somme und der Aisne eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, die Weygand-Linie, benannt nach dem neuen Oberbefehlshaber General Maxime Weygand.
Doch die französische Armee war nach dem Verlust ihrer besten Divisionen zu schwach. An dieser zweiten Phase nahm nun auch Manstein mit seinem 38. Armeekorps teil. Er überquerte die Somme und war eines der ersten Korps, das die Seine überschritt.
Die französische Regierung verließ am 10. Juni Paris. Am selben Tag erklärte Italien unter Mussolini Frankreich den Krieg, in einer Aktion, die sogar Hitler mit Verachtung quittierte. Am 14.
Juni marschierten deutsche Truppen in Paris ein. Am 16. Juni trat Premierminister Paul Reynaud zurück, sein Nachfolger wurde Marschall Philippe Pétain. Am 22.
Juni wurde der Waffenstillstand im Wald von Compiègne unterzeichnet, an derselben Stelle, an der 1918 der Waffenstillstand das Deutsche Reich zur Kapitulation gezwungen hatte. Hitler setzte sich demonstrativ auf den Stuhl, auf dem einst Marschall Foch gesessen hatte. Frankreich wurde in eine besetzte Nordzone und eine unbesetzte Südzone geteilt. Am 25.
Juni trat der Waffenstillstand in Kraft. Sechs Wochen und einen Tag nach Beginn der Offensive war der Feldzug im Westen zu Ende. Für Manstein bedeutete der Erfolg den Durchbruch seiner Karriere. Am 1.
Juni 1940 war er zum General der Infanterie befördert worden, am 19. Juli erhielt er das Ritterkreuz. Zum Generalfeldmarschall stieg er erst am 1. Juli 1942 auf.
Nach dem Krieg wurde er zum legendären Strategen stilisiert, nicht zuletzt durch seine eigenen Erinnerungen „Verlorene Siege“, erschienen 1955. Für die deutsche Generalität brachte der Sieg eine tiefgreifende Verschiebung im Verhältnis zwischen Hitler und dem OKH. Vor dem Feldzug hatten viele Generale, darunter auch Halder, ernsthaft mit Putschplänen gespielt, weil sie den Westfeldzug für ein aussichtsloses Abenteuer hielten. Nach dem überwältigenden Sieg war jede Kritik an Hitlers militärischem Urteil moralisch entkräftet.
Hitler glaubte nun, er sei der größte Feldherr aller Zeiten. Die gleiche Konstellation, die Mansteins Plan an die Entscheidungsspitze gebracht hatte, sollte sich in den folgenden Jahren als verhängnisvoll erweisen: Hitler regierte zunehmend über die Köpfe seiner Generale hinweg, und die Niederlagen bei Stalingrad und Kursk waren auch eine Folge dieser Fehlentwicklung. Der Westfeldzug schuf den Mythos der unbesiegbaren Wehrmacht, der Hitler zur maßlosen Überschätzung verleitete und ihn zum Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 animierte.
Und die Frage, wer Frankreich eigentlich besiegt hat, bleibt komplex: War es Manstein, der Stratege, der den Plan entwarf? War es Guderian, der Praktiker, der ihn gegen alle Widerstände durchsetzte? War es Rommels 7. Panzerdivision, die als Gespensterdivision in die Legende einging?
Die ehrliche Antwort lautet: Es war all dies zusammen – und es war zugleich die Schwäche der Gegner, deren Doktrin aus dem Ersten Weltkrieg stammte, deren Führung zögerlich agierte und deren Panzerverbände verzettelt eingesetzt wurden. Mansteins Verdienst bleibt, dass er den entscheidenden konzeptionellen Funken zündete. Doch ein Plan auf Papier gewinnt keine Schlacht. Der Sieg gehörte denen, die ihn auf dem Gelände, im Feuer, unter dem Heulen der Stukas und in den Pionierbooten bei Gloire umsetzten – und am Ende gehörte er auch jenen, die ihn verloren.
Denn ohne die doktrinäre Erstarrung einer französischen Armee, die noch im Jahr 1940 so kämpfen wollte wie 1918, wäre keine Sichel durch die Ardennen geschnitten worden. Militärische Siege sind nie nur Produkte eigener Genialität, sondern immer auch Produkte gegnerischer Fehler.