Am 28. März 1945 erreichten amerikanische Soldaten die Stadt Aschaffenburg in Bayern. Nach fast sechs Jahren Krieg waren sie an Zerstörung und menschliches Leid gewöhnt, doch was sie am Stadtrand vorfanden, gehörte zu den erschütterndsten Bildern dieses Vormarsches. An mehreren Straßen standen tote Menschen an Laternenpfählen. Es handelte sich nicht um gefallene Soldaten im Kampf, sondern um Einwohner der Stadt, die kurz vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen von deutschen Sicherheitskräften und fanatischen Anhängern des NS-Regimes getötet worden waren.

Die Opfer hatten versucht, die Stadt vor weiterer Zerstörung zu bewahren. Sie wollten die Kapitulation ermöglichen und damit verhindern, dass Aschaffenburg in den letzten Kriegstagen noch zu einem Schlachtfeld wurde. Ihre Hoffnung war, dass das Zeigen weißer Fahnen den amerikanischen Truppen signalisieren würde, dass die Stadt nicht weiter verteidigt werden sollte. Doch in den letzten Wochen des nationalsozialistischen Deutschlands galt jeder Versuch einer Aufgabe für fanatische Funktionäre als Verrat.
Der Mann, der in Aschaffenburg für die Verteidigung verantwortlich war, hieß Emil Lambert. Der 1900 geborene Offizier war überzeugter Nationalsozialist und wurde im März 1945 zum Kampfkommandanten der Stadt ernannt. Sein Auftrag entsprach der damaligen Strategie der NS-Führung: Städte sollten zu sogenannten Festungen erklärt werden und bis zum äußersten Widerstand verteidigt werden. Eine Kapitulation war nicht vorgesehen, selbst wenn die militärische Lage längst aussichtslos geworden war.

Als Lambert das Kommando übernahm, verfügte er jedoch nicht über eine starke Armee. Die regulären deutschen Truppen waren weitgehend geschwächt oder aufgerieben. Zur Verteidigung standen ihm nur wenige Soldaten, Polizeikräfte und Einheiten des Volkssturms zur Verfügung. Unter diesen Männern befanden sich viele ältere Menschen und sehr junge Jugendliche, die kaum militärische Erfahrung hatten. Die Ausrüstung war ebenfalls unzureichend: alte Gewehre, einfache Waffen und nur wenige Panzerabwehrmittel standen zur Verfügung.
Trotz dieser aussichtslosen Situation hielt Lambert an der Idee fest, Aschaffenburg um jeden Preis zu verteidigen. Innerhalb der Stadt entstand eine Atmosphäre der Angst. Menschen, die eine friedliche Übergabe forderten oder den Krieg als verloren betrachteten, mussten mit schweren Konsequenzen rechnen. Die letzten Vertreter des Regimes versuchten, die Kontrolle durch Einschüchterung und Gewalt aufrechtzuerhalten.
Kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen kam es zu Hinrichtungen von Bewohnern, die verdächtigt wurden, eine Übergabe der Stadt unterstützen zu wollen. Unter den Opfern befanden sich Zivilisten unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft. Einige hatten versucht, weiße Fahnen vorzubereiten, andere hatten lediglich ihre Ablehnung gegenüber der sinnlosen Fortsetzung des Krieges geäußert. Die Gewalt richtete sich damit nicht nur gegen militärische Gegner, sondern auch gegen die eigene Bevölkerung.
Einer der bekannten Fälle war der Bäcker Johann Dresser. Seine Familie betrieb seit Generationen eine Bäckerei in Aschaffenburg. Er wurde beschuldigt, eine kampflose Übergabe der Stadt unterstützen zu wollen. Ebenso wurde Margarete Buben-Schmidt, eine ältere Witwe, Opfer der Repression. Sie hatte öffentlich Zweifel am weiteren Sinn des Krieges geäußert, nachdem sie bereits Angehörige im Krieg verloren hatte.
Auch viele junge Menschen gerieten in die letzten Kämpfe hinein. Einer von ihnen war Klaus Müller, ein Jugendlicher, der seit seiner Kindheit in der Hitlerjugend geprägt worden war. Als die Niederlage Deutschlands immer offensichtlicher wurde, versuchten manche Jugendliche, sich dem sinnlosen Widerstand zu entziehen. Doch auch sie konnten Opfer der fanatischen Verteidigungsbefehle werden.

Als die amerikanische 45. Infanteriedivision, bekannt als „Thunderbirds“, schließlich Aschaffenburg erreichte, fanden die Soldaten die Folgen dieser Politik vor. Die aufgehängten Menschen an den Zufahrtsstraßen waren eine letzte Botschaft des NS-Regimes: Sie sollten Angst verbreiten und zeigen, dass jeder Widerstand gegen die Verteidigungspolitik bestraft wurde.
Für die amerikanischen Soldaten war die Situation ein weiterer Beweis dafür, wie weit die nationalsozialistische Führung bereit war zu gehen. Der Krieg, der ursprünglich mit dem Ziel geführt worden war, Gebiete zu erobern und Macht auszubauen, hatte sich am Ende gegen die eigene Bevölkerung gerichtet.
Die Kämpfe um Aschaffenburg dauerten mehrere Tage. Obwohl die Stadt militärisch kaum noch zu halten war, leisteten deutsche Einheiten weiterhin Widerstand. Für die amerikanischen Truppen bedeutete dies, dass sie die Stadt nicht einfach übernehmen konnten. Der Vormarsch wurde durch die Verteidigung erschwert, und die Kämpfe führten zu schweren Schäden.

Aschaffenburg war eine historische Stadt mit einer langen Vergangenheit. Sie war bekannt für das Schloss Johannisburg, ihre alten Fachwerkhäuser, die Stiftskirche St. Peter und Alexander sowie ihre kulturelle Bedeutung am Main. Doch in den letzten Tagen des Krieges wurde ein großer Teil dieser historischen Substanz beschädigt oder zerstört.
Die amerikanischen Truppen waren ursprünglich angetreten, um das nationalsozialistische Deutschland militärisch zu besiegen und die besetzten Gebiete zu befreien. In Aschaffenburg wurden sie jedoch auch mit den Folgen der fanatischen Befehle konfrontiert, die eine Stadt und ihre eigenen Bewohner ins Verderben führten.
Emil Lambert überlebte die Kämpfe und wurde später gefasst. Er musste sich für sein Handeln verantworten. Doch für viele Einwohner von Aschaffenburg kam jede spätere Gerechtigkeit zu spät. Familien hatten Angehörige verloren, Gebäude und historische Orte waren zerstört, und eine Stadt, die kurz vor dem Ende des Krieges hätte verschont werden können, wurde erneut zum Schauplatz von Gewalt.
Die Geschichte von Aschaffenburg im März 1945 zeigt die tragischen Folgen eines Regimes, das bis zu seinem Zusammenbruch an fanatischen Befehlen festhielt. Sie erinnert daran, wie gefährlich blinder Gehorsam und politische Radikalisierung sein können – besonders dann, wenn Menschenleben und ganze Städte einem verlorenen Krieg geopfert werden.