Ich stand auf dem Balkon im 27. Stock, und als ich die Tür hinter mir zufallen hörte, wusste ich, dass es kein Zufall war. Robert hatte mich hierhergebracht, an den Ort unserer ersten Begegnung,…

Ich stand auf dem Balkon im 27. Stock, und als ich die Tür hinter mir zufallen hörte, wusste ich, dass es kein Zufall war. Robert hatte mich hierhergebracht, an den Ort unserer ersten Begegnung,...

Sie hatte die Reise nie gemocht, solche Überraschungsfahrten schon gar nicht. Aber als Robert vor zwei Tagen mit diesem seltsamen, fast schuldigen Lächeln vor ihr gestanden und gesagt hatte, er habe das alte Hotel am See gebucht, denselben Ort, an dem sie sich vor über zwanzig Jahren kennengelernt hatten, da hatte sie etwas in sich zusammenbrechen lassen. Vielleicht war es die Hoffnung. Vielleicht war es aber auch nur die Erschöpfung, die sie seit Monaten begleitete, dieser stumme Krieg aus Blicken und Schweigen, der ihr Zuhause zu einem Ort gemacht hatte, an dem sie nicht mehr atmen konnte.

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Sie sah aus dem Fenster des Autos, während die schneebedeckten Bäume vorbeizogen. Der Schnee war ungewöhnlich früh in diesem Jahr. Er lag dick auf den Ästen und dem Boden, und irgendwie kam er Johanna wie ein sauberes Tuch vor, das über etwas Schmutziges gebreitet worden war. Robert saß schweigend am Steuer, die Hände fest um das Lenkrad gelegt, und starrte auf die Straße.

Er hatte ihr kaum etwas erzählt. Keine Andeutung, kein Lächeln, kein Zeichen von Zuneigung. Er wechselte nur die Gänge, sie wechselte die Gedanken, und dazwischen hing die Stille wie ein dichter Vorhang. Sie dachte an ihre Hochzeit zurück, an diesen hellen Sommertag, an dem alles möglich schien.

An das Atelier in der Stadt, in dem sie ihre Bilder gemalt hatte, und an Roberts hochmütiges Lächeln, als er ihre Kunst zum ersten Mal als „Beschäftigung“ und nicht als Beruf bezeichnet hatte. Ihr Herz war damals ein wenig kälter geworden, aber sie hatte es ignoriert. Sie hatte gedacht, er würde sie verstehen, hatte gedacht, er würde sie eines Tages hereinbitten in seine Welt. Aber er tat es nie.

Stattdessen wurden seine Kommentare über ihre „Kleckerei“ schärfer, und seine Abwesenheiten wurden länger. Sie hatten sich nie richtig etwas geschenkt. Ein Hochzeitstag verging wie der andere, mit einem Essen in einem Restaurant, das nicht einmal sie ausgewählt hatte. Ein Geburtstag war ein Anlass für eine Karte, die Robert schnell an der Tankstelle kaufte.

Jeder Einkauf wurde besprochen, gewogen und bezüglich seiner Notwendigkeit berechnet, als ob ihr gemeinsames Leben eine Buchhaltung wäre, die er führte. Und sie, Johanna, die einst davon geträumt hatte, ihre Bilder in Galerien zu zeigen, sie malte nur noch Stillleben mit Apfelschalen und traurigen Vasen, die sie später wieder übermalte. Die Monate vor dieser Reise waren die Hölle gewesen. Robert hatte plötzlich angefangen, fernzusehen, wenn sie sprach.

Er nahm Anrufe in anderen Räumen entgegen, ging sogar im Regen in den Garten, um zu telefonieren. Er kam später von der Arbeit nach Hause und ging sofort unter die Dusche, anstatt sie zu begrüßen. Und dann war da dieser Geruch in seinem Kragen, ein fremdes Parfüm, das sie nicht kannte. Und diese neuen, teuren Hemden, die sie noch nie gesehen hatte.

Und dieser merkwürdige Glanz in seinen Augen, wenn er dachte, sie schaue nicht hin, eine Mischung aus Schuld und Aufregung. „Das wird gut uns tun“, hatte er gesagt, als er ihr die Zimmerschlüssel vom Havanna-Hotel in die Hand drückte. „Ein Wochenende, nur wir zwei. So wie damals.

“

Johanna rollte die Schlüssel zwischen ihren Fingern. Sie wog auf dem Parkplatz des neunstöckigen Gebäudes jeden Zentimeter ab. Es war nicht das historische Hotel, das sie von früher kannte. Dieses hier wirkte neu, modern, mit einer Glasfassade, die den grauen Himmel spiegelte.

Sie war enttäuscht. Aber sie sagte nichts. Sie stieg aus dem Auto, ging mit ihm hinein und spürte, wie die Kälte des Windes durch ihren Mantel kroch. Im Innenraum roch es nach Politur und langweiliger Eleganz.

Ein Portier nahm ihre Koffer, und sie fuhren mit dem Aufzug in den 27. Stock. Das Zimmer war geräumig, mit einem großen Bett, das mit dunkler Bettwäsche bezogen war. Die Heizung war auf eine unangenehm trockene Art warm.

Robert öffnete den kleinen Balkon, der zu einer schmalen Betonfläche hinausführte, auf der man kaum stehen konnte. Der Blick ging auf die einförmige, verschneite Landschaft unten, auf der ein paar Autos wie Käfer über eine schneebedeckte Brücke fuhren. „Schau mal, Schneefall“, sagte Johanna, um die Stille zu brechen. „Es ist so ruhig hier.

Als ob nichts existieren würde außer uns. “

Der letzte Satz fühlte sich so hohl an. Robert drehte sich um und zuckte mit den Schultern. Er wirkte nicht glücklich.

Er wirkte wie ein Mann, der einen Termin hatte, den er schnell hinter sich bringen wollte. Er blieb nicht ein- oder zweimal in ihrer Nähe stehen, um sie zu halten. Er verschwand einfach im Bad und ließ sie allein auf dem Bett sitzen, den Koffer noch unausgepackt. Sie erinnerte sich an ihre erste Nacht zusammen, wie sie sich in diesem alten Bootshaus am See versteckt hatten, das vor Lachen und Kindheit strotzte.

Sie hatten von der Kunst geträumt, von Paris, von einem Leben, in dem alles möglich war. Sie hatten sich geschworen, das hier zu schaffen. Und jetzt stand er im Badezimmer, das Wasser rauschte, und sie dachte, wie das Leben in eine so graue, kalte Gleichgültigkeit abgleiten kann. Beim Abendessen im Restaurant des Hotels saß sie ihm gegenüber, das weiße Tischtuch war feierlich gedeckt.

Ein Oberkellner mit betontem Ernst servierte den Wein, und Robert hob zustimmend das Glas, obwohl er kein einziger Weintrinker war. Johanna beobachtete seine Hände, diese Hände, die sie einst geliebt hatten, die nun aber nur noch auf ein Handy zu warten schienen, das er unsichtbar in der Innentasche trug. „Erinnerst du dich an unser erstes Essen hier? “, fragte sie, gequält von dieser Situation.

„Am See, mit dem schwankenden Holzkahn und dem lauten Lachen, das über das Wasser hallte? “

Robert legte das Besteck aus der Hand. Er sah sie an, wirklich an, das erste Mal an diesem Abend. In seinem Blick war etwas Erschöpftes, aber nicht Wehmut.

Es war eine Art von Erleichterung, als ob er einen großen Auftritt vor sich hätte und endlich die Bühne betreten durfte. „Wir müssen reden, Johanna. “

Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig.

Johanna setzte ihr Glas ab. „Worüber? “

„Über uns. Über das, was du weißt.

Über Christina. “

Der Name hing zwischen ihnen wie ein Messer. Johanna wurde heiß, aber sie blieb äußerlich gefasst. Sie hatte sich diesen Moment so oft vorgestellt, mit einer Anklage, mit einem Schrei, mit einem Tisch, den sie umwerfen würde.

Aber im echten Leben blieb sie einfach starr sitzen, ihren Saft aus der Weintraube ausdrückend. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagte sie, aber ihre Stimme zitterte ein wenig. „Oh, ich denke schon“, sagte Robert, und seine Lippen kräuselten sich zu einem Anflug eines Lächelns, das nicht bis zu seinen Augen reichte. „Ich habe gesehen, wie du auf dem Haus kletterst.

Ich habe gehört, wie du am Telefon gesprochen hast. Ich weiß über die Nachforschungen Bescheid, über die Spuren, die du bis zu einer Wohnung in der Uhlandstraße verfolgt hast. Zu Christina. “

Das Blut rauschte in ihren Ohren.

Sie hatte so viel geglaubt, sie getarnt zu haben. Aber es war alles umsonst gewesen. „Und? “, flüsterte sie.

„Was ist damit? “

„Und ich muss zugeben, dass ich dich unterschätzt habe. Ich dachte, du wärst zu feige, um mir zu folgen. Aber es war ganz anders.

“

Er fuhr fort, sich seine Fingerspitzen zu kämmen und das Muster auf dem Tischtuch zu studieren. „Seit drei Jahren nicht mehr, Johanna. Seit drei Jahren lebe ich mit einer Lüge und sie mit einer Zukunft. Und jetzt bin ich es leid.

Ich bin müde, nach Hause zu kommen, wo nach Farben riecht. Ich bin müde, in ein Bett zu klettern, in dem du deine kalten Füße an mich drückst, während ich an sie denke. Und ich bin zu ehrlich, um dir in dein schönes, dummes Gesicht zu lügen. “

Johanna schluckte.

Ihr Herz war nicht gebrochen. Es war eher so, als hätte jemand den Stecker gezogen. Alles wurde still. Sie konnte ihn hören, aber gleichzeitig schien er meilenweit entfernt zu sein.

„Und was willst du mir erzählen? Dass du sie liebst? Dass du das hier alles wegwirfst? “

Robert lachte kurz auf.

Es klang bitter. „Liebe? Nein. Christina ist ein sozialer Aufstieg.

Ihre Familie hat Einfluss und Geld. Mit dir… mit dir habe ich es zu nichts gebracht. Sieh dich an. Eine Künstlerin, die in einem feuchten Keller eine Saftpresse aus einem Flohmarkt bemalt.

Du bist genauso eine Sackgasse wie deine Bilder. “

Jedes Wort traf wie ein Faustschlag in Magengrube. Johanna legte die Hand auf den Bauch, als wolle sie sich vor einem Schlag schützen. „Ich bin deine Frau“, sagte sie.

„Ich habe dich geliebt. Ich habe dir meine Jugend gegeben. “

„Du hast mir nichts gegeben, was man anfassen kann“, sagte Robert und zuckte mit den Schultern. „Aber egal.

Es ist vorbei. Du wirst mir nicht im Weg stehen, Johanna. Ich habe alles geregelt. “

Er stand auf und warf eine Geldscheinhülle auf den Tisch.

„Komm, wir gehen nach oben. Es gibt etwas, das ich dir zeigen muss. “

Johanna blieb sitzen. Sie konnte sich nicht bewegen.

Das Desaster lief wie ein Film ab, aber sie konnte nicht eingreifen. Sie fühlte keine Trauer. Nur eine taube Wut wollte sie überwältigen. Sie stand langsam auf und folgte ihm zum Fahrstuhl.

In ihrem Kopf drehte sich alles, aber ihr Herz war eiskalt. Sie würde es ihm nicht geben. Nie wieder. Auf dem 27.

Stock angekommen, trat er ein und hielt die Tür auf. „Na los. “

Sie schlüpfte ins Zimmer. Es war immer noch kalt, aber sie roch das Parfüm von Christina.

Es war stark und stach ihr in die Nase. Das schlechte Gewissen von Robert. „Wo ist sie? “, fragte Johanna.

„Versteckt sie sich im Schrank? Willst du mich zu einer Herrenausstatter-Szene machen? “

„Keine Lust“, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, während er deutlich tiefer atmete. „Stell dich auf den Balkon.

“

„Bist du betrunken? Es ist da draußen höllenmäßig kalt. “

„Tu es einfach. “

Der Ton hatte etwas Endgültiges.

Eine kalte Ahnung stieg in Johanna auf. Sie spürte, wie ihre Haut sich zusammenzog. Sie sah das ferne Rot eines Lasters auf der Autobahn und die weiße Weite der Bäume. Sie trat hinaus.

Der Wind blies scharf. Vor dem Geländer blieb sie stehen und drehte sich nicht um, als sie die Tür hinter sich zufallen hörte. Dann das dumpfe Klicken des Schlosses, das einen Nachhall durch den Raum hatte. Nein, es war kein Schloss.

Es war ein leises Schnappen, als ein Vorhängeschloss zufiel. Sie versuchte, die Tür zu öffnen, erst vorsichtig, dann heftiger. Sie war verschlossen. „Robert?

Robert! “ Ihre Stimme zitterte. Sie schlug mit der flachen Hand gegen das Glas. Von drinnen war nur ein undeutliches Rascheln zu hören, dann trat Robert näher an die Scheibe heran.

Durch das geschlossene Glas, deren Oberfläche sich mit der Kälte beschlug, konnte sie ihn sehen. Er war ruhig. Völlig rühlos. Er hob die Hand und winkte ihr zu.

Nicht wie zum Abschied, sondern wie ein Nachbarn, den man vom Fenster aus grüßt. Johanna presste die Hände auf das Glas. „Robert! SO nicht!

öffne die Tür! “, schrie sie, aber ihre Stimme klang hohl, der Wind riss ihr die Worte vom Mund. Er schüttelte langsam den Kopf. Dann trat er einen Schritt zurück und begann, sich umzusehen, suchte nach etwas.

Ihr Blut wurde zu Eis, als sie begriff. Er ging hinüber zum Bett und hob etwas Unzusammenhängendes auf, eine Decke, ihr Tagebuch? Dann trat er zu einem Koffer, den er geöffnet hatte, und machte eine ausladende Geste, als ob er ihr ein Geschenk zeigen wollte. Er hatte geplant.

Alles war geplant gewesen. „Es tut mir leid, Johanna“, sagte er durch das Glas, mehr als Lippenbewegung als als Ton. „Aber es ist der einzige Ausweg. Christina ist bereits auf dem Weg hierher.

Sie wird mich heiraten, und du… du bist der einzige Fehler in diesem Plan. Ein Beweisstück, das man nicht liegen lassen kann. “

Johanna sah seine Lippen die Worte im Spiegelglas formen. Sie hämmerte mit den Fäusten gegen das Glas.

„FICK DICH! Ich bring dich um! Ich schwöre, wenn du das tust, bring ich dich um! “

Aber er lachte nicht aus.

Er sah sie nur an, mit einem Ausdruck von Mitleid, der schlimmer war als Hass. Dann trat er zurück, ging mit ruhigen Schritten zum Telefon im Zimmer, hob den Hörer ab und sprach kurz hinein. Nach wenigen Augenblicken legte er auf und verließ das Zimmer. Johanna blieb allein zurück.

Der Wind pfiff und blieb. Ihre Tränen gefroren zu Eis auf den Wangen, aber sie weinte nicht wirklich. Sie war zu fröstelig, zu erstarrt. Die Kälte begann in ihre Kleider zu kriechen.

Sie hörte, wie unten eine Autotür zuschlug und ein Motor startete. Sie hörte, wie er davonglitt, ohne sich noch einmal umzudrehen. Und dann begriff sie langsam. Sie hatte heute Abend ein paar Minuten überlebt, weil er vorsichtig gewesen war.

Aber er hatte nicht gesehen, wie ihre Nachbarin vom Stockwerk unter ihr, Frau Schmidt, sich wegen des Rauchens auf den Balkon gestellt und sich ihr Lied angehört hatte. Und als sie das Lachen des Motors auf dem vereisten Parkplatz hörte, da wusste sie: Sie war nicht allein gewesen. Sie wirbelte herum, aber die Eingangstür war verschlossen. Nein, das war sie nicht.

Ein Windzug hatte die Terrassentür ihrer Nachbarin aufgestoßen. Sie trat an das Geländer, und dort, zwei Stockwerke tiefer, sah sie unter einem Vordach eine regungslose dunkle Gestalt zusammengekrümmt liegen. „Mein Gott, Frau Schmidt? “, rief sie.

„Frau Schmidt! “

Die Gestalt hob langsam den Kopf. Es war eine ältere Frau mit wirrem weißen Haar. Sie war gerade dabei, sich eine unangezündete Zigarette aus den Lippen zu nehmen.

„Sind Sie verrückt? Ich bin gar nicht auf dem Balkon, junge Frau! Ich habe einen Spaziergang gemacht! Und Sie da oben, Sie sind doch die verrückte Johanna, die sich aus dem 27.

Stock in den Schnee setzt! Kommen Sie da runter, da holt Sie der Tod! “

Johanna brach auf dem Balkon zusammen. Die Erleichterung und die Kälte hatten ihre Beine weich gemacht.

Sie konnte nicht antworten, aber aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie Frau Schmidt nervös die Treppe hinaufrannte, um das Personal zu rufen. Sie hörte das Lachen des Aufzugs weiter unten und die Verwirrung der Stille. Als die Zimmertür schließlich aufgerissen wurde und ein aufgeregter Herr vom Empfang mit einem Schlüsselbund hereinstürmte, war Johanna schon bis auf die Knochen durchgefroren. Sie zitterte am ganzen Körper, aber ihre Augen waren trocken und brannten.

„Gnädigste, was ist denn passiert! Sie sind ja kreidebleich! Wir haben Sie gesucht! Kommen Sie…“, stammelte er und half ihr auf die Füße.

„Alles gut“, flüsterte Johanna und befreite sich von seiner besorgten Hand. „Nur ein kleiner Unfall mit der Terrassentür. Ich bin ausgerutscht, als ich sie schließen wollte. Ist jemandem aufgefallen, in welche Richtung mein Mann gegangen ist?

“

Der Portier blinzelte verwirrt. „Ihr Mann? Der Herr im schwarzen Mantel? Der ist mit dem Auto weggefahren, vor ungefähr einer Stunde, direkt nachdem er mich gebeten hat, die Rechnung für eine zweite Nacht zu begleichen.

Er sagte, Sie kämen später nach. “

Eine Welle der Übelkeit stieg in Johanna auf. „Ich habe keine zweite Nacht gebucht. Rufen Sie die Polizei.

Sofort. Ich glaube, mein Mann wollte mir einen Streich spielen, aber es ist gründlich schiefgegangen. Und dieses Mal hat er zu weit gegangen, um eine Frau in seinem eigenen Leben zu retten, die er verriet, die er mit dem Tod bezahlen wollte, damit er glaubt, ich sei in einem verriegelten Käfig erfroren. Sagen Sie ihnen, es geht um einen Mordversuch, und er ist auf der Flucht.

“

Der Empfangschef sah den Kriminalbeamten an, der mit ihm kam, und dann zurück zu Johanna. „Gnädigste, ich verstehe. Aber von wo aus erzählen Sie uns, dass …“

„Dass die Terrassentür von innen verriegelt war“, wiederholte die Kriminalbeamtin, eine Frau mit kurzem grauen Haar, die neben ihr am Tisch im Aufenthaltsraum saß. „Ihr Mann konnte also unmöglich im Zimmer gewesen sein, nachdem Sie auf dem Balkon waren.

Da Sie zusammen gefahren sind, muss er Sie anschließend ins Zimmer gebracht und Sie dann wieder ausgesperrt haben. Stimmt das? “

Johanna nippte an dem heißen Tee, den man ihr gebracht hatte. Ihre Zähne schlugen immer noch aufeinander, aber sie zwang sich, ruhig zu sein.

„Nein, er war im Zimmer. Er hat mit mir gesprochen. Er hat mir eine schöne Zukunft mit Christina angekündigt und ist dann gegangen. Ich habe die Tür zugemacht, ohne dass er es bemerkt hat.

Ich bin nicht ausgerutscht. Als ich gemerkt habe, dass ich eingesperrt bin, war er schon weg. Ich weiß nicht, wie, aber er muss einen Zweitschlüssel gehabt haben, oder einen Trick, das Schloss von außen zuzukriegen. Prüfen Sie es!

Die Tür ließ sich nicht öffnen, auch wenn ich den Hebel betätigt habe. “

Die Kriminalbeamtin wechselte einen Blick mit ihrem jungen Kollegen, der am Eingang stand. „Das klingt nach einer ausgedachten Geschichte, Frau Sanders. Glauben Sie, dass Ihr Mann versucht hat, Sie zu töten?

“

„Ich will keine Anschuldigungen, bis ich es genau weiß“, antwortete Johanna leise, obwohl ihre Stimme kaum vor ihr zitterte. „Aber ich will auch nicht, dass er sich noch einmal davonstiehlt, indem er mich als hoffnungslosen Versicherungsfall darstellt. Er hat mir gedroht, mich für eine neue Ehe loszuwerden. Und glauben Sie mir, dieser Mann ist zu einem solchen Schritt fähig.

Er hat sein Lächeln aufgesetzt, als er mich einschloss. “

Der Kollege beugte sich zu seiner Vorgesetzten und flüsterte etwas. Die Kriminalbeamtin nickte kurz. „Gut.

Wir versuchen, ein Viertel nach neun am Hotel vorbeizukommen. Ein Streifenwagen ist bereits dabei, den Pkw zu verfolgen, den sie aus der Garage gestartet haben. Wie hießen Sie noch einmal, als sie den Fluchtweg eingeschlagen haben? Ihr Mann, der uns gebeten hat, sich zu melden, sobald ich mich erholen würde?

“

„Das hat er gelassen? “, fragte Johanna und stellte die Tasse hart ab. „Er hat sich hierher gemeldet? “

Sie bekam keine Antwort, denn im selben Moment dröhnte das Geräusch eines Motors, der die Auffahrt hochfuhr.

Johanna erlöste sich von dem Fenster, und durch die dünnen Vorhänge sah sie, wie ein blauer Dienstwagen mit Reifen auf dem Kies zum Stehen kam. Eine kräftige Gestalt stieg aus, im dunklen Mantel, mit einem Aktenkoffer in der Hand. Es war Robert. „Houston, wir haben ein Problem“, flüsterte der junge Kollege.

Robert betrat die Lobby, seine Schuhe quietschten auf dem glänzenden Boden. Er nickte Johanna zu, ohne sie wirklich wahrzunehmen, und ging direkt auf die Kriminalbeamtin zu. „Guten Abend. Ich bin Robert Sanders.

Das hier ist sicherlich ein Missverständnis. Meine Frau hier, sie war schon immer etwas nervös. Ich glaube, dieser Ausflug hier hat sie doch überfordert. “

Johanna stand langsam auf.

„Hast du sie den Alten vom Balkon holen sehen, Robert? Wie haben Sie die Nachricht von deinen Plänen übertragen? Sie sind nämlich nicht durchgegangen. Dank Frau Schmidt da unten, die ihre verdammte Zigarette anstecken wollte.

“

Für einen Moment flackerte etwas in Roberts Augen auf, Unsicherheit. Dann lächelte er, aber es war dünn, aufgesetzt. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Liebling. Aber wenn du dich nicht wohlfühlst, sollten wir das hier abbrechen.

Der Arzt kann dir was verschreiben. Komm hoch und pack deine Sachen. “

„Ich fahre nirgendwohin, ins Zimmer“, sagte Johanna, und ihre Stimme schnappte vor Eis. „Es sei denn, Sie glauben mir nicht.

Aber Sie glauben mir besser. Denn ich habe mir das Zimmer nicht selbst versperrt. Ich hatte keine zweite Person bei mir. Sie wollen es doch immer mit der Logik.

Also, was stimmt jetzt, Robert? Rauchst du jetzt auch heimlich den ganzen Abend im Bad, während ich auf dem verschneiten Balkon stehe? “

Der Name der Kriminalbeamtin – Sie hörte sie zugleich mit dem des jungen Mannes, aber sie registrierte sie kaum. Sie ließ ihre Hände nicht auf den Tisch fallen, sondern verhakte sie sich unter der Sitzfläche des Stuhls, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren.

„Frau Sanders“, sagte die Kriminalbeamtin mit ruhiger, aber fester Stimme, „waren Sie schon einmal in psychologischer Behandlung? Für längere Zeit? “

Johanna spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Nein.

Niemals. “

„Haben Sie jemals Ihr Gedächtnis verloren? Momente, an die Sie sich nicht erinnern können? “

„Nein.

Das wissen Sie aber gut. “

„Hmm. Können Sie uns Ihre Schritte heute Abend noch einmal genau beschreiben? Den Weg von der Rezeption bis zum Zimmer?

“

Johanna blies die Luft durch die Nase aus. „Ich kann es Ihnen auch nachsprechen. Wir haben eingecheckt, ich bin mit ihm den Flur entlang und habe gesehen, wie er mit anderen Schlüsseln experimentierte. Er ließ die Tür einen Spalt offen, ging hinein und schickte mich wieder hinaus.

Und wieder stieß er mich mit einer Entschuldigung vor die Tür. Das ist die Wahrheit. Nichts Abweichendes. “

Der junge Beamte beugte sich zu seiner Vorgesetzten und flüsterte ihr etwas zu.

Die Kriminalbeamtin nickte, während sie ununterbrochen Robert anstarrte, der inzwischen auf einem Stuhl in der Ecke saß und so tat, als würde er eine SMS auf seinem Telefon lesen. „Gut“, sagte die Kriminalbeamtin, und ihre Stimme wurde förmlicher. „Wir haben die Aufnahmen der Sicherheitskamera in der Hotellobby ausgewertet. Darauf ist zu sehen, wie Sie, Frau Sanders, den Aufzug Richtung 9.

Stock betreten. Ihr Mann kam etwa zehn Minuten später, um einen Becher Kaffee aus der Lobby zu trinken. Nach Ihrer Aussage war er angeblich ’sofort‘ gefolgt. Das ist nicht der Grund für ein Alibi.

Auf den Bändern des 9. Stocks gibt es nur zwei Überwachungskameras, aber beide haben die Zimmertür im Blick. Möchten Sie sich die Bilder ansehen, oder möchten Sie Ihre Aussage überdenken? “

Johanna schloss die Augen.

Sie konnte sich das Bild bildlich vorstellen. Sie wusste, dass sie die einzige war, die ihre Version der Ereignisse stützen konnte. Und in diesem Moment brach es aus ihr heraus. Sie stand auf.

„Ich habe genug von Ihren Spielen“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte nur ein kleines bisschen. „Sie haben gewonnen, Robert. Sie haben mich fertiggemacht, an dem Ort, an dem alles begann. Aber es wäre mir neu, dass ich Ihnen das je verzeihen würde.

Sie haben mich soweit gebracht, dass ich mir wünsche, ich hätte Sie damals nie getroffen. Und genau das ist die Wahrheit, die ich zur Anzeige bringen werde. Diese Frau hier, die mich vom Balkon geholt hat, als Sie dachten, ich würde sterben, sie wird es bestätigen. Haltet ihn fest, oder Sie werden nachher wieder von ihm getäuscht.

“

Robert ließ das Telefon sinken und lächelte auf einmal. Es war breit und triumphierend. „Na gut, wenn du darauf bestehst, Liebling. Aber du hast ein Detail übersehen.

Als ich aus dem Zimmer ging, um mir den Kaffee zu holen, ließ ich dich weinend auf dem Bett liegen. Und weißt du was? Ich war so höflich, die Tür nicht abzuschließen, weil du immer so Verstecken spielst. Aber deine kleine Schwäche, dich in einen Hinterausgang zu sperren, die kenne ich.

Ich muss dich nicht töten, Johanna. Ich muss nur deine Psyche so weit zerstören, dass du nie wieder vor Gericht gegen mich aussagen kannst. Aber danke, dass du zugegeben hast, dass du allein im Zimmer warst. Das macht es viel einfacher, deine ganze Geschichte als das abzustempeln, was sie ist: ein Rückfall.

“

Johanna spürte, wie sie blass wurde. Sie konnte nicht mehr atmen. „Du bist krank. “

„Realismus“, sagte er und stand auf.

„Keine Sorge, die Beamten werden dir glauben. Sie haben ja gehört, wie du selbst zugegeben hast, dass eine Tür nicht von außen schließen kann. Und trotzdem hättest du geschworen, es getan zu haben. Gut.

Sie spielen gleich mit. “

Er warf der Kriminalbeamtin einen anerkennenden Blick zu. „Ich glaube, wir sind fertig, Frau Kommissarin. Wenn Sie mich bitte zu meinem Anwalt begleiten würden?

Ich meine, für alle Fälle. Aber ich habe das Gefühl, dass meine Frau das hier sowieso nicht zur Anzeige bringen wird, oder, Schatz? Du liebst es, Drama zu machen, aber wenn du eine Anzeige machst, muss ich sie auch nicht zurückhalten. “

Johanna sah ihn an.

In diesem einen Moment, in der stickigen Lobby des schneebedeckten Hotels, begriff sie die gesamte Reichweite seiner Grausamkeit. Er war nicht dumm. Er war nur böse. Und das Schlimmste war, dass er recht hatte.

Sie hatte keine Beweise außer ihrer eigenen gefrorenen Haut. Aber als ihr Blick über seine Schulter zum dunklen Fenster wanderte, sah sie, wie sich eine Gestalt aus dem Schatten des schneebedeckten Parkplatzes beruhigte und auf das Hotelfenster zusteuerte. „Doch“, sagte sie, und ihre Stimme wurde fest, während ein neues, ehrliches Vertrauen in ihr keimte. „Ich bringe Sie zur Anzeige.

Aber nicht wegen heute Nacht. Sondern wegen eines anderen Vorfalls. Und ich glaube, wir haben jetzt einen Zeugen im Haus, der uns dabei helfen wird, Ihnen das Handwerk zu legen. “

Robert drehte sich überrascht um.

In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür, und eine junge Frau mit dunklen, zu einem Dutt zusammengebundenen Haaren trat ein. Sie blieb kurz stehen, ihre Augen fanden den schwarzen Kragen von Roberts Mantel, und ein gutes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, nicht ohne Bitterkeit. „Hallo, Robert“, sagte Christina leise, während ihre Hand einen Schlüssel umklammerte. „Du glaubst, du hast dich von mir losgesagt?

Da irrst du dich. Ich war es nämlich gar nicht, die den Brief an deine Frau geschrieben hat. Das war ich wirklich nicht. “

Und zu Johanna gewandt, fügte sie mit ruhiger Stimme hinzu: „Aber ihr müsst beide wissen, dass ich gern gesehen habe, wie er diesen Balkon aufschließt, wenn ich allein bin.

Ich war die ganze Zeit bei dir, ganz ruhig. Ich glaube, diesmal kriegen sie uns nicht, oder? “