HITLERS LIEBLINGSOPERETTE — UND DIE LÜGE, DIE LEHÁR BIS ZUM TOD VERSCHWIEG

HITLERS LIEBLINGSOPERETTE — UND DIE LÜGE, DIE LEHÁR BIS ZUM TOD VERSCHWIEG

Am 30. April 1870 kam in Komarom, einer Garnisonsstadt im Königreich Ungarn, ein Junge zur Welt, der als Franz Lehár in die Musikgeschichte eingehen sollte. Getauft wurde er auf den Namen seines Vaters, wie es in Soldatenfamilien üblich war. Sein Vater, Franz Lehár senior, war Militärkapellmeister – ein Mann, der Strenge, Disziplin und Pflichtgefühl über alles stellte.

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Für ihn war Musik kein Ausdruck der Seele, sondern Dienst an der Ordnung. Eine Partitur galt als Befehl, der ausgeführt, nicht interpretiert wurde. Wer eine Note falsch spielte, bekam keine zweite Chance. Die Mutter Christine Neubrand, die aus einer deutschsprachigen Familie in Ungarn stammte, war das Gegenteil ihres Mannes.

Sie war tief katholisch, ging jeden Sonntag zur Messe und sang ihren Söhnen Volkslieder, Kirchenlieder und Wiegenlieder vor – Melodien, so einfach, dass sie ein Kind nach dem ersten Hören mitsummen konnte. Das Leben in der Garnison bedeutete Wanderschaft. Die Familie zog oft um, und Franz wuchs in einem Kinderzimmer über einem Kasernenhof auf, wo er zum ersten Mal das Weinen einer Geige hörte. Die harte Erziehung seines Vaters und die Zärtlichkeit seiner Mutter prägten ihn gleichermaßen.

Diese Spannung zwischen militärischer Strenge und seelischer Wärme sollte sein gesamtes Schaffen beeinflussen. Jahrzehnte später, im Dezember 1938, sitzt ein 68-jähriger Mann in einem Wiener Arbeitszimmer und schreibt einen Brief. Es ist teures Papier, cremeweiß mit dezentem Wasserzeichen. Um ihn herum die vertraute Umgebung, das Licht der Lampe zeichnet einen gelben Kreis auf das Blatt.

Der Mann hat sein Leben lang auf solche Dinge geachtet: auf die richtige Krawatte, die richtige Verbeugung, das richtige Wort zur richtigen Zeit. Aber diesmal stimmt nichts davon. Diesmal ist das richtige Wort das falsche. Der Brief ist keine gewöhnliche Korrespondenz.

Er ist adressiert an Hans Hinkel, den Sonderbeauftragten des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, zuständig für die sogenannte Entjudung des deutschen Kulturlebens. Der Verfasser ist Franz Lehár, der berühmteste Operettenkomponist der Welt, der Schöpfer der „Lustigen Witwe“. Seine Melodien aus Werken wie „Das Land des Lächelns“ wurden in jedem Tanzsaal von Buenos Aires bis Tokio gespielt. In dem Brief schildert Lehár eine Erpressung, deren Opfer er sei.

Er betont die jüdische Herkunft seiner Erpresser, und unter dem letzten Satz steht: „Heil Hitler. “ Seine Hand zittert nicht. Er hat den Gruß schon oft geschrieben. Etwa 400 Kilometer nördlich, im Konzentrationslager Buchenwald, schlägt in derselben Dezemberkälte ein anderer Mann Steine.

Er trägt die gestreifte Uniform der Häftlinge, eine Nummer auf der Brust, keinen Namen. Sein Name ist Fritz Löhner-Beda. Er ist der Mann, der die Worte für Lehárs größte Erfolge schrieb, darunter „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Wo du nicht bist, kann ich nicht sein“. Diese Verse haben den Mann am Wiener Schreibtisch unsterblich gemacht.

In vier Jahren wird Löhner-Beda in Auschwitz umkommen – nicht durch Gas, sondern erschlagen. Das Detail ist in den Akten vermerkt. Zwei Männer, dieselbe Winternacht, verbunden durch Verse, die von einer Liebe handeln, die sich vollständig verschenkt. Der eine schreibt einen Brief an das Regime, das den anderen umbringen wird.

Zwischen diesen beiden Punkten liegt ein ganzes Leben. Löhner-Beda, 1883 als Sohn eines jüdischen Ehepaars geboren, hatte eine bemerkenswerte Karriere als Librettist und Texter. Er schrieb nicht nur für Lehár, sondern auch für andere große Komponisten der Zeit. Seine Texte waren volksnah, eingängig und voller Emotion.

Was Sophie, Lehárs Ehefrau, über all das dachte, ist kaum dokumentiert. Die Beziehung zwischen Lehár und seinem Texter war von Höflichkeit in Interviews und Misstrauen in Briefen geprägt. Sie sprachen respektvoll übereinander, wenn die Öffentlichkeit es hörte, doch privat war das Verhältnis angespannt. Der Brief an Hinkel ist ein bemerkenswertes Dokument.

Lehár versuchte sich zu retten, indem er sich vom jüdischen Einfluss lossagte – oder zumindest so tat. Er nannte seine Erpresser, betonte ihre jüdische Herkunft und versuchte, sich als loyalen Deutschen darzustellen. Dass er die Bedingungen der Zeit erkannte, zeigt das Schicksal seines Librettisten. Während Löhner-Beda in einem KZ arbeitete, schrieb Lehár weiter an Erfolgen.

Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass Lehárs Musik ohne die Gedichte von Löhner-Beda ein anderes Gesicht gehabt hätte – und dass der Mann, der diese Zeilen schrieb, im Schatten des Regimes litt, dessen vermeintlicher Wohltäter sein Komponistenkollege war. In Buchenwald beschrieb ein Besucher Löhner-Beda als einen Mann, der wie versteinert wirkte – als hätte jemand den Strom abgestellt und vergessen, die Maschine auszuschalten. Die Aufrechterhaltung der Form, die Weigerung zuzugeben, dass sich die Welt verändert hatte, das Beharren darauf, dass zwei Gedecke auf dem Tisch stehen mussten, weil alles andere bedeutet hätte, dass etwas unwiederbringlich zerstört war. Was genau Löhner-Beda in diesen Monaten dachte, ist nicht überliefert.

Seine Briefe aus der Zeit sind nicht erhalten. Aber sicher ist, dass er weiter an Texten arbeitete und dass seine Haltung ihn nicht retten konnte. Die Wege der beiden Männer trennten sich endgültig. Löhner-Beda starb 1942 im Konzentrationslager – die genauen Umstände seines Todes sind in den Akten festgehalten, und es ist dokumentiert, dass er nicht vergast wurde, sondern gewaltsam umkam.

Franz Lehár überlebte den Krieg. Er starb 1948 im österreichischen Bad Ischl. Der Tod kam still, wie ein vierter Akt ohne Orchestergraben. Er hinterließ eine immense musikalische Erbschaft, aber auch die Frage, wie weit die Verstrickung reichte.

Manchmal, wenn das Museum in Bad Ischl geschlossen ist und die Besucher gegangen sind, wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, ist es so still in dem Haus, dass man meinen könnte, die Bedingung des Testaments sei nicht erfüllt worden. Der Mann, der einst die Melodien für die Ewigkeit schrieb, und der Texter, der die Worte prägte, sind beide dem Vergessen entrissen – durch die Musik, aber auch durch die bittere Geschichte, die sie verbindet. Franz Lehár schrieb die Melodien, aber ohne Fritz Löhner-Beda hätten diese Lieder keine Seele gehabt.

Trotz des Verrats bleibt die Frage, ob man den einen ohne den anderen überhaupt verstehen kann.