Im Januar 1881 verließ Wilhelm Busch München überstürzt und kehrte der Stadt, in der er 27 Jahre gelebt hatte, für immer den Rücken. Zuvor hatte es eine Nacht in einem Münchner Varieté gegeben, über die Biografen bis heute nur vorsichtig sprechen. Fest steht nur, dass der damals 49-jährige, betrunken und sichtbar verzweifelt, in dem vollen Saal einen Auftritt hinlegte, der als peinlich und beschämend überliefert ist. Am nächsten Morgen packte er seine Koffer.

Der Mann, der mit „Max und Moritz” Millionen zum Lachen gebracht hatte, zog sich in das Pfarrhaus seiner Schwester Fanny in Wiedensaal zurück. Er blieb dort siebzehn Jahre, malte im Verborgenen hunderte von Ölgemälden und zeigte sie niemandem. Als er am 9. Januar 1908 in Mechtshausen starb, kannten ihn die Dorfbewohner nur als stillen Bruder von Frau Nölde – nicht als das Genie, das die Welt in ihm sah.
Geboren wurde Heinrich Christian Wilhelm Busch am 14. April 1832 in Wiedensaal im Königreich Hannover. Seine Eltern, ein Krämer und dessen Frau, schickten den Neunjährigen zu seinem Onkel, Pastor Georg Kleine, nach Ebergötzen. Die Entscheidung war praktisch gedacht, für den Jungen jedoch ein Bruch, den er nie verwand.
Im Pfarrhaus wuchs er bei fremden Menschen auf, während seine sechs Geschwister im Elternhaus blieben. In Ebergötzen freundete er sich mit dem Müllerssohn Erich Bachmann an. Ein gemeinsamer Streich, bei dem sie einem geistig zurückgebliebenen Dorfbewohner Kuhhaare in die Pfeife stopften, sollte später in die Literaturgeschichte eingehen. Der Mann qualmte, hustete und spuckte, die Jungen lachten.
Onkel Georg bestrafte Wilhelm mit Ruten. 24 Jahre später erschien die Szene fast wörtlich als vierter Streich in „Max und Moritz”, als die Lausbuben dem Lehrer Lämpel Schießpulver in die Pfeife füllen. Busch durchlief mehrere Stationen, bevor er seinen Platz fand. Auf Wunsch des Vaters studierte er ab 1847 Maschinenbau in Hannover, langweilte sich jedoch und wechselte 1851 an die Kunstakademie nach Düsseldorf.
Auch dort war er nicht glücklich. Ein Jahr später ging er nach Antwerpen, wo er in den Museen die flämischen Meister des 17. Jahrhunderts entdeckte – Rubens, Brouwer, Teniers. Diese Bilder, voller Leben und Wirklichkeit, prägten seinen Traum: Er wollte Maler werden.
Im Winter 1853 erkrankte er schwer an Typhus und kehrte genesen, aber verändert nach Wiedensaal zurück. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nistete sich in ihm ein. 1854 zog er nach München, wo er im Kreis „Jung München” Anschluss fand. Seine Ölbilder aber fanden keinen Käufer.
Der Verleger Kaspar Braun erkannte stattdessen sein Talent für humoristische Bildergeschichten und holte ihn zu den „Fliegenden Blättern”. Busch zögerte – diese Arbeit lag unter seinem Anspruch –, aber sie zahlte. Ein Auswanderungsplan nach Brasilien, wo er Bienenzüchter werden wollte, scheiterte an fehlendem Geld für die Überfahrt. Stattdessen entstand 1865 „Max und Moritz”.
Busch zeichnete die sieben Streiche im Haus seiner Eltern in Wiedensaal in kurzer Zeit. Sein Verleger zögerte zunächst, weil ihm die Geschichte zu grob war, ließ sich aber überzeugen. Busch verkaufte die Rechte gegen eine einmalige, bescheidene Zahlung – ohne Anteil an den Auflagen, die in die Hunderttausende gingen. Es war die finanziell katastrophalste Entscheidung seines Lebens.
Das Buch wurde ein Skandal und ein Erfolg zugleich. Kritiker wie Friedrich Theodor Vischer nannten die Arbeiten grob und widerwärtig. Die katholische Presse tobte 1870 über Buschs Satire auf klerikale Scheinheiligkeit, in Österreich wurde das Werk verboten. Trotz des öffentlichen Aufruhrs blieb Busch stumm.
Seine Figuren waren keine braven Helden, sondern Heuchler, Trunkenbolde und Betrüger. Sein Privatleben war von Scheitern geprägt. 1862 warb Busch um die siebzehnjährige Anna Richter, deren Vater die Verbindung ablehnte – mit der Begründung, seine Tochter verdiene einen Mann, der ihr ein Haus geben könne. Sie heiratete einen anderen.
Später unterhielt Busch eine intensive Korrespondenz mit der niederländischen Schriftstellerin Marie Anderson. Zehn Monate lang, ab Januar 1875, wechselten sie mehr als fünfzig Briefe, in denen sich Busch ungewohnt öffnete. Im Oktober 1875 trafen sie sich in Mainz. Danach kehrte Busch in „fürchterlicher Stimmung” zurück, die Korrespondenz brach ab.
Busch fand keinen Menschen, der zu ihm gehörte. In München, wo das Bier zur Kultur gehörte, wurde aus geselligem Trinken eine Notwendigkeit. Sein Verleger Otto Bassermann beobachtete die Veränderung mit Sorge und versuchte, den Autor aus der Stadt zu holen – nur zeitweise mit Erfolg. Seine eigene Bildergeschichte über einen Trinker zeichnete Busch mit gnadenloser Selbstbeobachtung.
Daneben tröstete ihn die Philosophie Arthur Schopenhauers, die er las wie eine ärztliche Diagnose: Das Leben ist Leiden, die Verneinung des Willens ist der einzige Ausweg. Anfang der 1880er Jahre wurde Buschs Werk düsterer und weniger komisch. 1882 erschien „Plisch und Plum”, in dem sich stereotype Darstellungen jüdischer Menschen finden – Hakennase, Raffgier. Diese Bilder waren Teil des allgegenwärtigen Spotts, den Busch gegen alle Gruppen richtete: Pfarrer, Bauern, Kaufleute, Ehefrauen.
Später, unter den Nationalsozialisten, wurden genau diese Karikaturen aus dem Zusammenhang gerissen und als Propaganda nachgedruckt. Der Mann, der sein Leben lang dumme Brutalität und blinden Gehorsam verspottet hatte, wurde von eben jenen Kräften vereinnahmt, die er verachtet hätte. Nach dem Zusammenbruch 1881 lebte Busch bei seiner Schwester Fanny und deren Kindern. In Wiedensaal zeichnete er für die Nichten und Neffen kleine, warmherzige Szenen – Hasen, Hunde, Vögel –, die sich grundlegend von seinen veröffentlichten Arbeiten unterschieden.
Kein Sarkasmus, keine Schärfe. Diese Zeichnungen wurden erst nach seinem Tod gefunden. In diesen Jahren entstanden auch Werke wie „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter”, in dem so viel von Busch selbst steckte, dass die Ironie nicht darüber hinwegtäuschen konnte. Das Publikum, das lachen wollte, blieb verunsichert.
Heimlich, hinter verschlossenen Fensterläden, malte Busch weiter in Öl – Landschaften, Stillleben, Porträts. Er zeigte sie niemandem, bot sie keiner Galerie an und verbrannte viele davon. Eines der wenigen Bildnisse, die er aufbewahrte, war das Porträt von Johanna Kessler, der Frau eines Bankiers, in deren Haus er in München verkehrte. Ob mehr als Zuneigung war, lässt sich nicht beweisen.
Die Bilder, die er selbst für seine besten hielt, blieben sein Geheimnis. 1898 zog Busch mit seiner Schwester und deren Familie nach Mechtshausen am Fuße des Harzes. Noch abgelegener, noch stiller. Er schrieb seltener, die Bildergeschichten wichen Gedichten.
1904 erschien sein letzter Band „Zu guter Letzt” – ein Abschied in Versen. In den letzten Jahren vernichtete er systematisch seine Unterlagen: Briefe, Entwürfe, Notizen. Er warf sie Blatt für Blatt in den Ofen. Die Briefe an Marie Anderson überlebten bei ihr in den Niederlanden, ihr einziger erhaltener Brief an ihn durch Zufall.
Alles andere ist unwiederbringlich verloren. Als sich 1902 Verehrer zu seinem 70. Geburtstag mit einer Feier meldeten, erschien Busch nicht. Er dankte höflich und bat, von weiteren Ehrungen abzusehen.
Seine Nachbarn kannten ihn als den stillen Alten, der jeden Tag denselben Spaziergang machte – nicht als den berühmtesten Zeichner Deutschlands. Anfang Januar 1908 erkältete sich Busch. Aus dem Husten wurde Fieber, aus dem Fieber eine Herzschwäche, begünstigt durch jahrzehntelangen Alkoholkonsum und allgemeine Auszehrung. In der Nacht vom 8.
auf den 9. Januar saß seine Schwester Fanny bei ihm. Der Arzt aus dem einige Kilometer entfernten Sesen brauchte wegen der verschneiten Straßen lange. Er kam zu spät.
Wilhelm Busch starb in der Nacht, leise, ohne Drama, ohne Pointe. Die Beerdigung war schlicht, wie er es gewollt hatte. Ein Sarg, ein Grab, ein Gebet. Die Nachbarn kamen, weil man das tat – nicht, weil sie wussten, wen sie zu Grabe trugen.
Erst als die Nachrufe in den Zeitungen erschienen, erfuhren die Dorfbewohner, wer unter ihnen gelebt hatte. In den Wochen nach seinem Tod durchsuchte man das Pfarrhaus. Auf dem Dachboden, in Abstellkammern, hinter Möbelstücken fand man über tausend Gemälde, Zeichnungen und Studien: Landschaften, Stillleben, Porträts. Die Kunstwelt reagierte mit ungläubigem Staunen.
Experten verglichen einzelne Arbeiten mit den niederländischen Genremalern des 17. Jahrhunderts, die Busch zeit seines Lebens verehrt hatte. Er hatte die Anerkennung als Maler, die er sich ersehnt hatte – aber er erlebte sie nicht mehr. Der Einfluss seines Werks reicht weit über seinen Tod hinaus.
1897, elf Jahre vor Buschs Tod, schuf Rudolf Dirks, ein deutscher Einwanderer in Amerika, den Comic „The Katzenjammer Kids” – zwei freche Jungen, die Erwachsene in den Wahnsinn treiben. Die Verwandtschaft mit „Max und Moritz” war unübersehbar, und Dirks bestritt seine Schuld gegenüber Busch nie. Auch Buschs Pantomimen, Bildergeschichten ganz ohne Text, wurden zu Vorläufern des stummen Comics und des visuellen Erzählens. Das Wort „Buschade” ging als Begriff für eine kurze komische Bildergeschichte in die deutsche Sprache ein – für ein Genre, das ihr Schöpfer selbst für unter seiner Würde hielt.
Heute hängen die verborgenen Gemälde im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Der Mann, der ein Leben lang darauf gewartet hatte, dass jemand seine Bilder sieht, sorgte dafür, dass es zu seinen Lebzeiten nicht geschah. Ob aus Bescheidenheit, aus Angst oder aus Stolz – die Frage bleibt offen.
Auf dem leeren Blatt, das auf seinem Tisch zurückblieb, steht keine Antwort.