DER MANN, DEN SIE 30 JAHRE LIEBTE, WURDE IHR VERRÄTER — ELSE LASKER-SCHÜLER

DER MANN, DEN SIE 30 JAHRE LIEBTE, WURDE IHR VERRÄTER — ELSE LASKER-SCHÜLER

In einer schäbigen Pension in Berlin erhielt Else Lasker-Schüler im Frühjahr 1927 ein Telegramm, das ihr Leben für immer veränderte: Ihr einziger Sohn Paul war im Alter von 28 Jahren in einem Sanatorium in Marseille gestorben. Die Dichterin, die sich selbst als Prinz Yusuf von Theben bezeichnete, stand an diesem Abend am Fenster und sah auf das gleichgültige Lichtermeer der Stadt. Die Diagnose lautete Tuberkulose, doch für die Mutter war klar, dass es mehr war – eine Zerbrechlichkeit, die ihren Sohn geprägt hatte, seit er ohne festen Boden in der Berliner Boheme aufgewachsen war. Geboren wurde Elisabeth Schüler am 11.

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Februar 1869 in Elberfeld als fünftes Kind eines jüdischen Privatbankiers. Schon als Vierjährige konnte sie lesen, ohne dass es ihr jemand beigebracht hatte. Die Hebamme hatte bei ihrer Geburt gesagt, sie habe noch nie ein Neugeborenes so aufmerksam gesehen. Während ihre Mutter Jeanette, die aus einer kunstsinnigen Familie stammte, die Liebe zur Musik und Poesie ins Haus brachte, blieb der Vater Aaron ein Mann der Zahlen und Bilanzen – ein Bereich, der seiner Tochter zeitlebens fremd bleiben sollte.

Der erste Schicksalsschlag traf die Familie, als Elisabeth dreizehn Jahre alt war. Ihr älterer Bruder Paul, der Hoffnungsträger des Vaters, starb im Frühjahr 1882 an einer Krankheit, die die Ärzte nicht heilen konnten. Die Mutter schrie, der Vater zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Elisabeth begann in den Nächten danach Briefe an ihren toten Bruder zu schreiben.

In diesen Nächten wuchs in ihr die Überzeugung, dass Worte mächtiger seien als der Tod – eine Überzeugung, die sie später dazu brachte, ihren eigenen Sohn ebenfalls Paul zu nennen. Nach dem Tod beider Eltern stand die junge Frau allein da. Die bürgerliche Gesellschaft verlangte von ihr Anpassung, doch Elisabeth weigerte sich. Sie schrieb seltsame Gedichte, trug unpassende Kleidung und sagte Dinge, die man nicht sagte.

Um dem Provinzleben zu entkommen, heiratete sie 1894 den Arzt Berthold Lasker, neun Jahre älter als sie, ein ernster Mann, der eine Frau erwartete, während sie Freiheit suchte. Die Ehe hielt fünf Jahre, 1899 wurde der Sohn Paul geboren, im selben Jahr endete die Ehe. Das Sorgerecht blieb bei Else – ungewöhnlich für die damalige Zeit. Berlin um die Jahrhundertwende wurde ihre wahre Heimat.

Im Café des Westens, das die Berliner spöttisch „Café Größenwahn” nannten, traf sie 1901 auf Peter Hille, einen obdachlosen Vagabunden-Dichter, der seine Manuskripte in einer Papiertüte mit sich trug. Er war der erste, der ihre Gedichte ernst nahm und ihr sagte, die Welt brauche solche Worte. Hille wurde ihr Mentor und Seelenverwandter, starb jedoch bereits 1904 auf einer Parkbank im Tiergarten. Sie stilisierte ihn in ihrem Buch über ihn zu einem Heiligen und machte ihn unsterblich – die erste Verwandlung eines Menschen in ein Kunstwerk.

Ihre zweite Ehe schloss sie 1903 mit Georg Levin, den sie kurzerhand in Herwarth Walden umbenannte, weil sein bürgerlicher Name nicht zu seinen großen Plänen passte. Gemeinsam gründeten sie die Zeitschrift „Der Sturm”, das wichtigste Organ des deutschen Expressionismus. Doch die Ehe hielt nicht. 1912 verließ Walden sie für eine jüngere Frau.

Else blieb zurück ohne Geld, ohne Wohnung und ohne den Mann, den sie selbst erschaffen hatte – aber sie behielt den Namen Lasker-Schüler. Im Zentrum des Café des Westens saß sie täglich auf ihren mitgebrachten Kissen auf dem Boden, in orientalische Gewänder gehüllt, angetan mit Ketten aus bunten Steinen. Sie nannte sich nun Prinz Jussuf von Theben und sprach von einem Königreich, das nur in Worten existierte. Einer ihrer engsten Freunde wurde der Maler Franz Marc, der die blauen Pferde malte.

Sie schrieb ihm „Briefe an den Blauen Reiter”, die zu den schönsten Texten ihres Werks zählen. Marc fiel 1916 bei Verdun, während er sich um Pferde kümmerte. Für Else war die Welt der Kunst und der Boheme endgültig zerstört. Die große Liebe ihres Lebens war jedoch der Dichter Gottfried Benn, den sie 1912 kennenlernte.

Sie nannte ihn Gieselher, nach einem Helden aus dem Nibelungenlied, und schrieb ihm glühende Briefe. Er antwortete höflich und distanziert, bewunderte ihr Talent, ließ sie aber nie an sich heran. Ob die Beziehung jemals mehr als Worte war, ist bis heute ungeklärt – die Quellen widersprechen sich. Für Else war es jedenfalls die einzige Liebe, die zählte, auch wenn Benn sich später den Nationalsozialisten andiente und sie damit verriet.

Nach dem Tod des Sohnes 1927 veränderte sich etwas in Else Lasker-Schüler. Die Kostüme blieben, aber hinter ihnen lag eine Schwere, die nicht mehr wich. Sie schrieb weiter über Verlust und Trauer, doch etwas in ihr war zerbrochen, das sich nicht reparieren ließ. Während sie trauerte, wurde die Welt um sie herum brutaler.

Mit der Weltwirtschaftskrise kamen Not und Verzweiflung, dann marschierten die Männer in braunen Uniformen. Else war Jüdin – in der Boheme hatte das nie eine Rolle gespielt, plötzlich war es das Einzige, was zählte. 1932 erhielt sie den Kleist-Preis, die höchste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur, die späte Anerkennung ihres Lebenswerks. Doch der Preis brachte ihr keine Sicherheit.

Kurz nach der Verleihung wurde sie auf einer Berliner Straße von Männern zusammengeschlagen. Die Verletzungen waren nicht lebensbedrohlich – blaue Flecken, eine aufgeplatzte Lippe – aber etwas anderes heilte nie. Als ein Freund ihr riet, Deutschland zu verlassen, sagte sie: „Deutschland war nie sicher. Ich habe nur so getan, als ob.

”

Im April 1933 verließ sie Berlin für immer. In der Schweiz, wohin sie floh, wurde sie nicht als Dichterin, sondern als unerwünschte Flüchtlinge behandelt. Sie durfte nicht arbeiten, ihr Visum musste immer wieder verlängert werden. Ihr Aufenthalt wurde in Dreimonatsintervallen genehmigt.

Ein Beamter fragte sie einmal nach ihrem Beruf. Als sie „Dichterin” sagte, antwortete er: „Das ist kein Beruf. ” Karl Kraus, der sie jahrzehntelang finanziell unterstützt hatte, starb 1936. Eine Stütze weniger, ein Freund weniger.

Sie reiste nach Palästina, in das Land, das sie nur aus Geschichten kannte. Jerusalem war anders, als sie es sich vorgestellt hatte – weiß und steinig unter einem ungewohnt blauen Himmel. Die jüdische Gemeinde empfing sie mit Respekt, aber sie blieb eine Fremde, eine Kuriosität aus einer Welt, die nicht mehr existierte. Die Zionistinnen und Zionisten bauten eine Zukunft auf; Else trug ihre europäischen Träume mit sich, ihre deutschen Gedichte, ihre orientalischen Verkleidungen, die hier im echten Orient seltsam deplatziert wirkten.

Sie kehrte zunächst in die Schweiz zurück, doch als ihr Visum endgültig nicht mehr verlängert wurde, verließ sie Europa für immer – kurz vor dem Kriegsausbruch 1939. Die letzten Jahre in Jerusalem waren von einer Einsamkeit geprägt, die sich jeder Beschreibung entzieht. Sie lebte in einem kleinen Zimmer, die Möbel geborgt, die Wände leer. Täglich ging sie in die Cafés der Stadt, in denen andere deutschsprachige Emigranten saßen – Menschen, die über eine Welt sprachen, die nicht mehr existierte.

Auf der Straße riefen Kinder ihr hinterher: „Da kommt die Verrückte! ” Einmal blieb sie stehen und sagte zu einem Jungen: „Ich bin keine Verrückte. Ich bin Prinz Jussuf von Theben. ” Auf seine Frage, wo Theben liege, antwortete sie: „Überall und nirgends, wie alles, was wirklich wichtig ist.

”

1943 entstand ihr letztes großes Werk, der Gedichtband „Mein blaues Klavier”, gedruckt in Jerusalem in winziger Auflage. Das Titelgedicht beginnt mit den Zeilen: „Ich habe ein blaues Klavier zu Hause / und doch kenne ich keine Note. ” Ein blaues Klavier, blau wie die Pferde von Franz Marc. Ein Instrument, das man besitzt, aber nicht spielen kann.

Eine Heimat, die es gibt, aber die unerreichbar ist. Sie arbeitete auch an dem Stück „IchundIch”, einer Vision vom Untergang des Nationalsozialismus, geschrieben vor dessen tatsächlichem Ende. Im Herbst 1944 wurde sie ins Hadassah-Krankenhaus eingewiesen, eine Erkältung, die nicht heilen wollte. Am 22.

Januar 1945 starb Else Lasker-Schüler an einem Herzinfarkt, im Alter von 75 Jahren, fast mittellos. Ihre Habe passte in einen kleinen Koffer. Die Beerdigung fand auf dem Ölberg statt, einem der ältesten jüdischen Friedhöfe der Welt. Nur eine Handvoll Menschen kamen.

Das Grab wurde markiert, aber nicht gepflegt – jahrzehntelang war die Dichterin vergessen. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht begraben. 1957 erschien die erste Nachkriegsausgabe ihrer Gedichte, herausgegeben von Werner Kraft, der selbst im Exil gewesen war. In den 1960er Jahren begann die eigentliche Wiederentdeckung.

Eine neue Generation las ihre Gedichte und staunte über diese Sprache, diese Bilder, diese Kühnheit. In den 1980er Jahren wurde sie zur Ikone der feministischen Literaturwissenschaft. Heute stehen ihre Werke in Schulbüchern, Straßen in Städten sind nach ihr benannt, die sie nie betrat. Preise tragen ihren Namen, Gedenktafeln erinnern an die Orte ihres Lebens, und das Grab auf dem Ölberg wurde wiederentdeckt und restauriert.

Ihre Gedichte werden in Dutzende Sprachen übersetzt und von Menschen gelesen, die kein Wort Deutsch sprechen. Die Worte, die zu Lebzeiten niemand kaufen wollte, sind unbezahlbar geworden. Das ist das Paradox ihres Lebens: Im Leben bekam sie nie, was ihr zustand – Anerkennung, aber kein Geld, Bewunderung, aber keine Sicherheit, Liebe, aber unerwidert. Im Tod erhielt sie alles: Ruhm, der zu spät kam, Ehre, die ihr nichts mehr nutzte, Unsterblichkeit, die nur Toten gehört.

Else Lasker-Schüler hat sich selbst erfunden, weil die Welt keinen Platz für sie hatte. Sie verwandelte alles in Kunst – aus Leben, aus Tod, aus unerwiderter Liebe, aus einem zu früh gestorbenen Sohn, aus einem Exil, das nie Heimat wurde. Die Worte jedoch bleiben.

Der Prinz Yusuf von Theben stirbt nie.