In einer Sommernacht des Jahres 1958 sitzt Erich Maria Remarque allein in seiner Villa am Lago Maggiore. Auf dem Schreibtisch stehen eine halb geleerte Flasche Calvados und ein Telegramm aus Hollywood. Vor ihm liegt ein leeres Blatt Papier. Der meistübersetzte deutsche Autor seiner Zeit schreibt in dieser Nacht nur einen einzigen Satz in sein Tagebuch: „Ich bin vollkommen allein.

“
Sein Leben kannte alle Extreme: Ruhm und Verfolgung, Leidenschaft und Verlust, Reichtum und innere Leere. Am 22. Juni 1898 wurde er als Erich Paul Remark in Osnabrück geboren. Sein Vater Peter Franz Remark arbeitete als Buchbinder, war streng gläubig und emotional verschlossen.
Die Mutter Anna Maria war das Gegenteil: Sie schenkte dem kleinen Erich Wärme und steckte ihm heimlich Bücher zu. Als Erich drei Jahre alt war, starb sein fünf Jahre älterer Bruder Theodor Arthur. Es war seine erste Begegnung mit dem Tod, die ihn sein Leben lang begleiten sollte. Der junge Erich fand Zuflucht in Büchern.
Sein Mentor und enger Vertrauter wurde der Maler Fritz Hörstemeier. Im Sommer 1917 wurde der 18-jährige Soldat an der Front in Flandern schwer verwundet. Granatsplitter trafen seinen Hals, Arm und Bein. Im Lazarett in Duisburg erreichte ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter, die im September 1917 an Krebs starb.
1918 verlor er auch seinen Freund Fritz Hörstemeier. Nach dem Krieg begann er, sich neu zu erfinden: Er arbeitete als Volksschullehrer, Grabsteinverkäufer, Organist und Buchhalter. Seine Rastlosigkeit zeigte sich in der Liebe zu schnellen Autos und im Alkohol. 1920 änderte er seinen Namen in Erich Maria Remarque – die französische Schreibweise war ein bewusster Bruch mit der Vergangenheit, der zweite Vorname eine Ehrung der verstorbenen Mutter.
1928 begann er, seinen großen Roman zu schreiben: „Im Westen nichts Neues“. Die Geschichte des jungen Soldaten Paul Bäumer, der im Krieg alles verliert, entstand in nur sechs Wochen. 1929 erschien das Buch. Innerhalb eines Jahres wurden allein in Deutschland zweieinhalb Millionen Exemplare verkauft, Übersetzungen in 50 Sprachen folgten.
1930 erhielt die Hollywood-Verfilmung einen Oscar. Der Erfolg brachte Feinde. Joseph Goebbels bezeichnete das Werk als „literarischen Verrat an den Soldaten des Weltkrieges“. Bei der Berliner Filmpremiere wurden weiße Mäuse freigelassen und Stinkbomben geworfen.
Die Nazis verbreiteten Lügen, Remarque sei Jude und habe nie an der Front gestanden. Nichts davon stimmte. Nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 verließ Remarque Deutschland in Richtung Schweiz.
Am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. 1938 entzogen ihm die Nazis die Staatsbürgerschaft – er war von einem Tag auf den anderen staatenlos. 1943 erreichte die Verfolgung seine Familie.
Seine jüngere Schwester Elfriede Scholz, eine Schneiderin in Dresden, äußerte sich gegenüber einer Kundin: „Der Krieg ist verloren. “ Die Kundin denunzierte sie. Vor dem Volksgerichtshof unter Roland Freisler soll dieser zu ihr gesagt haben: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt, aber Sie werden uns nicht entwischen. “ Am 16.
Dezember 1943 wurde Elfriede Scholz in Plötzensee hingerichtet. Die Nazis schickten der Familie eine Rechnung über 90 Reichsmark für den Henker. Remarque erfuhr erst nach Kriegsende davon. Er brach zusammen und schrieb in sein Tagebuch: „Wegen mir.
“ 1954 veröffentlichte er den Roman „Der Funke Leben“ über ein Konzentrationslager und widmete ihn seiner Schwester. Elfriede hinterließ zwei Kinder, die zu Waisen wurden. Remarque unterstützte sie finanziell bis zu seinem Tod, besuchte ihr Grab jedoch nie. 1937 lernte er Marlene Dietrich in Venedig kennen.
Es begann eine der legendärsten und zerstörerischsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts. Er nannte sie „Puma“. Über Jahre hinweg schrieb er ihr hunderte Seiten voller Sehnsucht und Eifersucht.
Sie spielte mit seiner Liebe und verbarg ihre anderen Liebhaber nicht vor ihm. In sein Tagebuch notierte er: „Sie wird mich zerstören. Ich lasse es geschehen. “ Um 1940 wandte sich Dietrich endgültig Jean Gabin zu.
Später sagte sie, Remarque sei der einzige Mann gewesen, den sie wirklich geliebt habe. Den Ring, den er ihr schenkte, trug sie bis zu ihrem Tod 1992. 1951 lernte Remarque Paulette Goddard kennen, die geschiedene Frau von Charlie Chaplin. Anders als Dietrich war sie warm und geerdet.
1958 heirateten sie und zogen in die Villa in Porto Ronco am Lago Maggiore. Zwölf Jahre verbrachten sie dort – die längste stabile Beziehung seines Lebens. Die Kritiker warfen Remarque vor, sich zu wiederholen. Seine Antwort: „Ich schreibe immer dasselbe Buch.
Der Krieg ist auch immer derselbe. “ Im Osten erfand man den Begriff „Remarqueismus“ und warf ihm politische Gleichgültigkeit vor. Seine Bücher verschwanden aus den Buchhandlungen der sozialistischen Hauptstädte. 1967 erlitt Remarque seinen ersten schweren Herzinfarkt.
Die Ärzte rieten ihm, seinen Lebensstil zu ändern. Er hörte zu und machte weiter wie zuvor. Sein letzter Roman „Schatten im Paradies“ blieb unvollendet und erschien 1971 postum. Am 25.
September 1970 starb Erich Maria Remarque im Alter von 72 Jahren in Locarno. Seine Beerdigung auf dem Friedhof von Ronco sopra Ascona fand klein und privat statt, wie er es verfügt hatte. Sein Grabstein trägt nur seinen Namen und die Daten. Er hatte bestimmt, nicht nach Deutschland überführt zu werden – das Land, das ihn vertrieben und seine Schwester ermordet hatte, sollte seine Gebeine nicht bekommen.
Paulette Goddard verwaltete sein Erbe sorgfältig: Sie gründete einen Preis in seinem Namen und vernichtete fast alle Briefe, die Marlene Dietrich ihm geschrieben hatte. Hunderte Dokumente einer der großen Liebesgeschichten des Jahrhunderts – verbrannt oder zerrissen. Nur seine Briefe an Dietrich überlebten, weil sie sie aufbewahrte. „Im Westen nichts Neues“ wurde zur Pflichtlektüre in Schulen vieler Länder.
Über 20 Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft. Die Verfilmungen von 1930, 1979 und 2022 – letztere gewann erneut einen Oscar – erreichten ein neues Publikum. 1998 eröffnete Osnabrück das Remarque-Friedenszentrum. Sein Werk hat nichts an Aktualität verloren.
Solange es Kriege gibt, wird die Geschichte von Paul Bäumer gelesen werden. In seinem letzten Tagebucheintrag schrieb er: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der Krieg ist ewig und die Liebe, die Liebe ist alles, was wir haben. “