ER SCHRIEB DIE SCHÖNSTEN SÄTZE DER DEUTSCHEN SPRACHE — BETRUNKEN UND OBDACHLOS

ER SCHRIEB DIE SCHÖNSTEN SÄTZE DER DEUTSCHEN SPRACHE — BETRUNKEN UND OBDACHLOS

Im Herbst 1932 sitzt ein Mann im Wiener Café Herrenhof und erzählt einem jungen Journalisten von seinem Vater. Er sagt, dieser sei ein österreichischer Beamter oder vielleicht ein polnischer Graf gewesen, auf einer Zugreise von Wien nach Lemberg wahnsinnig geworden und in eine Anstalt in Galizien gebracht worden. Der kleine Josef habe ihn nie wiedergesehen. Eine tragische, literarisch perfekte Geschichte – und eine vollständige Erfindung.

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Josef Roths Vater hieß Nachum. Er war kein Beamter und kein Graf, sondern ein kleiner jüdischer Getreidehändler aus der galizischen Kleinstadt Brody. Er verlor den Verstand nicht in einem Erste-Klasse-Abteil, sondern in einem armen Haus am Rande eines Schtetls. Statt in eine vornehme Anstalt brachte man ihn zu einem chassidischen Wunderrabbiner, weil das Geld für einen Arzt fehlte.

Nachum Roth verschwand um 1892 – zwei Jahre vor der Geburt seines Sohnes. Josef Roth, der als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Journalisten seiner Generation galt und dessen Romane in über 40 Sprachen übersetzt wurden, hat seinen Vater nie gesehen. Kein einziges Mal. Geboren wurde Moses Josef Roth am 2.

September 1894 in Brody, im äußersten Osten der Habsburgermonarchie, nahe der russischen Grenze. Bis zu 70 Prozent der Einwohner waren jüdisch. Es gab Synagogen und Bordelle, Talmudschulen und Schmugglerhöhlen, fromme Rabbiner und gottlose Händler – manchmal waren es dieselben Menschen. Den Vornamen Moses legte Roth später ab.

Auch seinen Geburtsort veränderte er: Gelegentlich behauptete er, im Stadtteil Schwabi geboren zu sein, weil das weniger provinziell klang – obwohl Schwabi nur ein Viertel derselben Kleinstadt war. Seine Mutter Maria, geborene Grübel, stammte aus einer orthodoxen Familie. Sie sprach wenig und betete viel. Ihr Mann war verschwunden, bevor der Junge geboren wurde.

Einige Quellen deuten leise an, Nachum habe sich das Leben genommen – ein Hinweis, kein Beweis. Er starb vermutlich um 1910, ohne dass sein Sohn je sein Gesicht gesehen hätte. Trotz der Armut fand Maria Geld für Geigenstunden. Es war eine Botschaft: Wir sind arm, aber nicht ungebildet.

Der Junge besuchte die jüdische Baron-Hirsch-Schule und später das Kronprinz-Rudolf-Gymnasium in Brody, wo er als einer von wenigen Juden in seiner Klasse lernte, was es bedeutete, anders zu sein – und was man dagegen tun konnte: besser sein als alle anderen. Die Lehrer bemerkten ein außergewöhnliches Talent: Der Junge konnte Geschichten erzählen, die zugleich wahr und erfunden klangen. Eine Fähigkeit, die ihn berühmt machen und zerstören würde. Im Herbst 1913 immatrikulierte sich der 19-Jährige an der Universität Lemberg für Germanistik.

Ein Jahr später zog er nach Wien, ins Herz des Reiches – in dessen letztem Friedensjahr. Für einen Jungen aus Brody war Wien eine Stadt mit zwei Millionen Einwohnern, Straßenbahnen, Opernhäusern und Kaffeehäusern, in denen aus einem Ostjuden alles werden konnte, wenn er nur richtig sprach, sich richtig kleidete und richtig log. Roth lernte schnell. Innerhalb weniger Monate sprach er ein Deutsch, das Wiener für Wienerisch hielten.

Im Sommer 1916 meldete er sich freiwillig zum Militär. Später erzählte er Geschichten von der Front, von russischer Gefangenschaft und einer dramatischen Flucht, deutete an, Offizier gewesen zu sein. In Wahrheit diente er als einfacher Freiwilliger, vermutlich in einer Presse- oder Zensurabteilung, fern der Schützengräben. Der Kriegschronist Egon Erwin Kisch bestritt die heldenhaften Erzählungen später.

Doch etwas war geschehen: Der junge Mann, der 1916 in den Krieg gezogen war, kehrte 1918 als anderer zurück. Er hatte ein Reich sterben sehen. Die Habsburgermonarchie war die einzige Ordnung gewesen, die einem Jungen aus Brody erlaubte, sich Österreicher zu nennen. Nun gab es Republiken, Grenzen, Nationalismen – eine Welt, in der man nicht mehr beides sein konnte: Jude und Österreicher, Galizier und Wiener.

Also erfand er sich neu. Nach dem Krieg stand er in einem Wiener Schneideratelier und probierte seinen ersten richtigen Anzug an – englischer Stoff, dunkelgrau, Nadelstreifen so fein, dass man sie erst beim zweiten Hinsehen bemerkte. Dazu ein Monokel an silberner Kette, ein Spazierstock mit Elfenbeingriff. Was er im Spiegel sah, war nicht er selbst.

Es war der Mann, der er sein wollte. 1923 kam der Durchbruch: Die Frankfurter Zeitung, die bedeutendste liberale Zeitung Deutschlands, nahm Roth als festen Mitarbeiter. Feuilletonchef Benno Reifenberg erkannte etwas Seltenes: einen Schriftsteller, dessen Reportagen wie Literatur klangen und dessen Literatur nach Wahrheit schmeckte. Roth schrieb über Berliner Mietskasernen und albanische Dörfer, russische Revolutionäre und Pariser Straßenmädchen.

Er beschrieb die Welt nicht, wie sie war, sondern wie sie sich anfühlte – und verwischte die Grenze zwischen Beobachtung und Erfindung so geschickt, dass seine Leser ihm vertrauten, ohne zu ahnen, wie viel Erfindung in seiner Wahrheit lag. Im Herbst 1919, im Café Herrenhof, sah er zum ersten Mal eine junge Frau, die so laut lachte, dass sich die Kellner umdrehten. Ihr Name war Friederike Reichler, genannt Friedl. Sie war 19 Jahre alt, Tochter einer jüdischen Wiener Familie, gebildet, hübsch, mit einem Lachen, das Räume füllte.

Sie glaubte alles, was Joseph Roth ihr erzählte. Das war ihr erstes Unglück. Das zweite war, dass er sie auf eine Weise liebte, die mehr mit Besitz zu tun hatte als mit Zärtlichkeit, mehr mit Panik als mit Hingabe. Sie heirateten am 5.

März 1922 in Wien. Er war 27, sie 22. Die ersten Ehejahre verbrachten sie in Berlin. Friedl tippte seine Manuskripte ab, kochte in kleinen Wohnungen, die sie oft wechseln mussten, weil ihr Mann es nirgendwo lange aushielt.

Sie wartete, wenn er bis Mitternacht im Kaffeehaus saß. Was sie nicht sah oder nicht sehen wollte, waren die Risse. Roth war eifersüchtig – nicht auf gewöhnliche Weise. Seine Eifersucht war ein Fieber, das nie abklang.

Er verbot Friedl, allein auszugehen. Er wollte nicht, dass sie arbeitete. Sprach sie mit einem Mann – einem Nachbarn, einem Buchhändler, einem Kellner –, konnte sein Gesicht sich verdunkeln wie ein Himmel vor dem Gewitter. Kinder bekam das Paar nicht.

Der Grund wurde nie öffentlich genannt, aber er liegt nahe: Roth fürchtete das Erbe. Sein Vater war wahnsinnig geworden. Es gibt keinen direkten Satz von ihm, der das bestätigt. Aber es gibt seine Romane, in denen Väter ihre Söhne verfluchen und Söhne ihre Väter suchen.

Und es gibt sein Schweigen zu diesem Thema, das lauter spricht als jedes Wort. Dann begann Friedl sich zu verändern. Es begann langsam, irgendwo zwischen 1926 und 1928. Zuerst waren es Merkwürdigkeiten, Sätze ohne Sinn, Vergesslichkeit.

Dann kamen Halluzinationen, Stimmen, Bilder. Dann die Unfähigkeit, den Alltag zu bewältigen. Die Diagnose lautete Schizophrenie. Friedl zehrte sich ab, magerte auf 32 Kilogramm ab.

Sie erkannte ihren Mann nicht mehr. Sie erkannte sich selbst nicht mehr. Roth reagierte nicht, wie man es von einem liebenden Ehemann erwartet hätte. Er tat drei Dinge gleichzeitig: Er bezahlte Kliniken, er trank, er verschwand.

Die Stationen ihrer Krankheit waren Westend in Berlin, Rekawinkel in Niederösterreich 1930, Steinhof in Wien 1933, Mauer-Öhling 1935. Er schickte Geld, schrieb Briefe an Ärzte, aber er besuchte Friedl fast nie. In einem Brief an Stefan Zweig um 1930 finden sich Sätze über ihre Krankheit und seine eigene Schuld – kurz, fast atemlos, als könne die Sprache das Gewicht dessen, was er sagen wollte, kaum tragen. In seiner Verzweiflung konsultierte Roth heimlich einen chassidischen Wunderrabbiner und fragte nach einem Dybbuk – einem bösen Geist, der sich in einem Menschen einnistet und ihn von innen auffrisst.

Sein Freund Soma Morgenstern, der zuverlässigste Zeuge dieses Lebens, berichtet davon mit einer Mischung aus Staunen und Trauer. Irgendwann versuchte Roth, die Scheidung einzureichen. Die Dokumente wurden vorbereitet, aber nie abgeschlossen. 1929, während Friedl in ihrer Krankheit gefangen war, suchte Roth etwas, das er Trost nannte und das vielleicht nur Flucht war.

Andrea Mangabell war die Tochter einer deutschen Mutter und eines kubanischen Pianisten, verheiratet gewesen mit Alexandre Duala Mangabell, einem Prinzen aus der herrschenden Duala-Familie Kameruns. Sie arbeitete als Redakteurin, hatte einen Beruf, ein Einkommen, eine Meinung – das Gegenteil der stillen Friedl. Die Beziehung dauerte fast ein Jahrzehnt. Ab 1933, als Roth ins Pariser Exil floh, lebten sie zusammen – er, sie und ihre zwei Kinder.

Er zahlte Miete, Essen, Schulen. Es gelang ihm nicht, der Mann zu sein, der er für Friedl nie hatte sein können. Die Eifersucht kehrte zurück; sie kehrte immer zurück. In Briefen an Freunde beklagte er sich über die Kosten, die Andrea und ihre Angehörigen verursachten – und tat dies in Worten, die einem den Atem rauben.

Er sprach von einem „Negerstamm“ von neun Menschen, die er durchfüttern müsse. Neun war eine Übertreibung. Der Rassismus war es nicht. Der Mann, der mit „Hiob“ eine der zartesten Geschichten über menschliches Leid in deutscher Sprache geschrieben hatte, gebrauchte in privaten Briefen eine Sprache, die man ihm nicht zugetraut hätte.

Es ist einer der Widersprüche dieses Lebens, dass Mitgefühl und Verachtung in derselben Person wohnen konnten – manchmal im selben Atemzug. Der Bruch mit Andrea kam um 1938. Doch zuvor hatte die Geschichte eine Wendung genommen, die nichts mit Frauen und alles mit Kaisern zu tun hatte. 1925 glaubte Joseph Roth an die Arbeiterklasse.

Zehn Jahre später küsste er einem Thronprätendenten die Hand. In seinen frühen Journalistenjahren war der Autor ein Mann der Linken, ein überzeugter Sympathisant der Sozialdemokratie. Kollegen nannten ihn „den roten Josef“. 1926 schickte ihn die Frankfurter Zeitung nach Sowjetrussland.

Was er sah, war keine Utopie, sondern Bürokratie, Angst und graue Eintönigkeit. Irgendwann Ende der zwanziger Jahre begann die Verwandlung. „Der rote Josef“ wurde ein österreichischer Legitimist, ein Anhänger der Habsburger, ein Mann, der an die Wiederherstellung der Monarchie glaubte. Es war keine politische Berechnung.

Es war etwas anderes, Tieferes als jede Ideologie. Dieser Mann suchte einen Vater. Seine ganze Leben lang hatte er das getan. Der Kaiser, jeder Kaiser, war das Gegenteil des Lochs, das sein eigener Vater hinterlassen hatte: eine Figur übermenschlicher Autorität.

Für ihn war die Monarchie keine Regierungsform. Sie war eine Ordnung, die versprach, dass jeder seinen Platz hatte – auch ein Jude aus Galizien, auch ein Sohn ohne Vater. Otto von Habsburg traf er mehrfach im Pariser Exil. Roth begegnete dem jungen Thronprätendenten mit einer Hingabe, die an religiöse Verehrung grenzte.

Den Zionisten war Roth ein Gegner: Er lehnte die Idee eines jüdischen Staates in Palästina leidenschaftlich ab. Einen eigenen Staat zu gründen, so sagte er, hieße zuzugeben, dass Europa die Juden verstoßen habe. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler.

Joseph Roth verließ Berlin noch am selben Tag oder am Tag darauf; die Zeugen widersprechen sich um 24 Stunden. Soma Morgenstern berichtet, sein Freund habe gesagt: „Ich habe es immer gewusst. “ Es war keine Prahlerei. Am 10.

Mai 1933 brannten die Bücher in Berlin. Unter den Werken, die Studenten in Uniform auf die Scheiterhaufen warfen, waren auch die Romane Joseph Roths. Er floh mit einem Koffer, einem Manuskript und Stefan Zweigs Adresse in der Tasche nach Paris. Er sollte nie wieder nach Deutschland zurückkehren.

Ihm blieben sechs Jahre – sechs Jahre in Hotels, in Cafés, in Betten, die anderen gehörten. In diesen sechs Jahren lernte er eine Frau kennen, die so furchtlos war wie er selbst – nur nüchterner. Irmgard Keun war Schriftstellerin, Autorin von „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“, Romanen, die in der Weimarer Republik Hunderttausende Leser erreicht hatten und die die Nazis als undeutsch verboten. Sie trafen sich im Sommer 1936 im belgischen Ostende, einem Treffpunkt für Exilanten.

Was dann geschah, war wie eine chemische Reaktion, in der beide Substanzen verbraucht wurden. Sie tranken gemeinsam – nicht gesellig, nicht gelegentlich, sondern mit einer Beharrlichkeit, die erfahrene Trinker verblüffte. Ein Freund beschrieb das Paar als „Löcher, die trinken“. Sie reisten gemeinsam durch Europa: Paris, Wien, Amsterdam, zurück nach Paris.

Das Muster seiner Eifersucht wiederholte sich. Keun beschrieb es später mit schmerzhafter Genauigkeit: „Er konnte es nicht ertragen, wenn ich das Zimmer verließ. Er rief nach mir, wenn ich zur Toilette ging. “ Der Unterschied zu Friedl: Keun wehrte sich.

Sie schrie zurück, sie konnte über ihn lachen – und er brauchte das, obwohl er es hasste. Es dauerte zwei Jahre, dann ging Keun. Einer Version zufolge verließ sie ihn für einen anderen Mann, einer anderen zufolge rettete sie sich einfach – so, wie man ein brennendes Haus verlässt. Es gab etwas, das ihn durch diese letzten Jahre trug: das Hotel Foyot, ein Gebäude aus dem 19.

Jahrhundert mit hohen Decken, schweren Vorhängen und dem Duft von Bohnerwachs und altem Leder. Das Hotel lag in der Rue de Tournon im sechsten Arrondissement, direkt gegenüber dem Jardin du Luxembourg. Es war ein Haus, in dem sonst Senatoren und Diplomaten abstiegen. Dass dort auch ein mittelloser österreichischer Schriftsteller wohnte, der seine Hotelrechnung mit Vorschüssen auf noch ungeschriebene Romane bezahlte, gehörte zu den angenehmen Absurditäten des Pariser Lebens.

Roths Tagesablauf war so regelmäßig wie der eines Beamten: Er stand früh auf, wusch sich, kleidete sich vollständig an – Weste, Krawatte, polierte Schuhe, die er jeden Morgen selbst putzte. Dann ging er ins Café Tournon gegenüber, setzte sich an seinen Stammtisch und begann, mit Füller auf losen Blättern zu schreiben. Der Text kam fertig an, ohne Korrekturen, ohne Entwürfe. Zwischen den Seiten trank er erst Kaffee, dann Wein, dann Pernod.

Wie viel er trank, darüber gehen die Berichte auseinander. Sicher ist: Es war genug, um einen anderen Mann zu töten. Aber der Alkohol schien seine Sprache nicht zu verdünnen, sondern zu destillieren. Je mehr er trank, desto klarer wurden die Sätze – zumindest auf dem Papier.

Nachmittags kamen seine Freunde: Morgenstern, der fast täglich kam; Hermann Kesten, der Roths Genie kannte und seine Rechnungen fürchtete; und Stefan Zweig, der aus seinem Londoner Exil Briefe und Schecks schickte – beides regelmäßig, beides unzureichend. Die Freundschaft zwischen Roth und Zweig ist eine der ergreifendsten Beziehungen der deutschen Literatur. Zweig war damals der meistgelesene deutschsprachige Autor seiner Epoche. Roths Bücher verkauften sich weniger, aber sie waren besser.

Beide wussten es. Keiner sprach es aus. Roth brauchte Zweigs Geld und verachtete die Abhängigkeit. Zweig brauchte Roths Urteil und fürchtete dessen Schärfe.

In einem Brief an Zweig von etwa 1934 findet sich ein Satz, der das Elend des Exils in zwei Zeilen zusammenfasst: „Ich wohne in einem Hotel. Ich habe keinen festen Boden unter den Füßen, nur einen Teppich, und der gehört dem Hotelier. “

Im Hotel Foyot entstanden einige seiner besten Bücher. „Radetzkymarsch“ war bereits 1932 erschienen, noch vor dem Exil – der Roman, der seinen Ruhm begründete und bis heute als sein Meisterwerk gilt.

Im Pariser Exil folgten „Tarabas“, „Die Kapuzinergruft“, „Beichte eines Mörders“ und die Novellen. Sein Amsterdamer Verleger Allert de Lange druckte, was Roth schickte, und zahlte Vorschüsse, die niemals reichten – weil nichts je reichte für einen Mann, dessen Durst grenzenlos war. Als nächstes fiel das Foyot. Zwischen 1937 und 1938 kamen die Bagger, das Hotel wurde abgerissen.

Die Pariser gewannen ein paar Quadratmeter Grün. Der Schriftsteller verlor seine letzte Adresse. Es war ein symbolischer Verlust – aber für einen Mann, dessen Leben aus Symbolen bestand, war ein symbolischer Verlust realer als ein materieller. Im März 1938 kam der zweite, schlimmere Schlag: der Anschluss.

Hitlers Truppen marschierten in Österreich ein. Das Land, das für Roth nie aufgehört hatte zu existieren – das habsburgische, das Vielvölker-Österreich seiner Bücher und seiner Sehnsucht –, wurde von der Landkarte getilgt. In diesen Wochen schrieb er „Die Kapuzinergruft“, den Roman, der dort beginnt, wo der „Radetzkymarsch“ endet. Er zog in billigere Hotels; das Foyot war weg, und das Geld, das nie gereicht hatte, reichte nun noch weniger.

In diesen letzten Monaten entstand „Die Legende vom heiligen Trinker“, eine Geschichte von weniger als 100 Seiten, die viele für sein feinstes Werk halten. Die Geschichte eines Parisers namens Andreas, der unerwartet Geld bekommt und es nicht behalten kann, der trinkt und liebt und trinkt und schließlich in einer Kirche stirbt, still und friedlich, mit 200 Francs Schulden bei der heiligen Therese von Lisieux. Es war ein Selbstporträt, unverhüllt bis zur Schamlosigkeit. Andreas der Trinker war Roth der Trinker, und die 200 Francs waren seine Schulden.

Und der Tod in der Kirche war der Tod, den er sich wünschte: leicht und schön, ohne die hässliche Wahrheit des Delirium tremens, das er kommen sah. Die Schlusszeilen der Geschichte lauten: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod. “ Es waren die letzten Worte, die er der Welt hinterließ, bevor die Welt ihn verließ. Er wusste, dass es ein Gebet war.

Er wusste auch, dass es nicht erhört werden würde. In den Wochen vor dem Ende sah er aus wie ein alter Mann. Er war 44 Jahre alt. Seine Haut hatte die Farbe von altem Pergament.

Seine Hände zitterten so sehr, dass er das Glas mit beiden fassen musste. Aber sein Anzug blieb bis zum Schluss einwandfrei. Dann kam die Nachricht über Ernst Toller. Toller, der mit 23 die Bayerische Räterepublik angeführt hatte, hatte sich am 22.

Mai 1939 in seinem Hotelzimmer in New York erhängt. Er war 46. Die Nachricht erreichte Paris am selben Abend. Sie erreichte das Café Tournon.

Sie erreichte den Tisch von Joseph Roth. Am 23. oder 24. Mai – die Zeugen widersprechen sich um einen Tag – brach der Schriftsteller zusammen.

Kein dramatischer Zusammenbruch, kein Aufschrei. Es war eher ein Aufhören, als hätte jemand die Stromzufuhr zu einem Gerät unterbrochen, das längst auf Reserve lief. Sie brachten ihn ins Hôpital Necker. Die Ärzte stellten fest, was jeder hätte feststellen können, der ihn in den letzten Monaten gesehen hatte: Delirium tremens, ausgelöst durch den Zusammenbruch eines Körpers, der jahrelang mit Alkohol überflutet worden war.

Dazu kam eine doppelseitige Lungenentzündung. Vier Tage lag er zwischen Bewusstsein und Delirium. Morgenstern saß so oft wie möglich an seinem Bett. Er berichtet, der Freund habe im Fieber gesprochen – auf Deutsch, auf Jiddisch, in einer Sprache, die dazwischen lag, die nirgendwo sonst existierte als in seinem eigenen Kopf.

Er sprach angeblich von Brody, von seiner Mutter, vielleicht vom Kaiser. Was genau er sagte, lässt sich nicht rekonstruieren. Am 27. Mai 1939 starb Joseph Roth.

Er war 44 Jahre alt. Er besaß nichts als ein paar Manuskripte, einen abgetragenen Anzug und Schulden, die seine Freunde bezahlen würden. Er hinterließ keine Kinder, kein Haus, kein Land. Er hinterließ Sätze.

Die Beerdigung fand drei Tage später auf dem Friedhof von Thiais am südlichen Rand von Paris statt. Es wurde ein Spektakel, das der Verstorbene zugleich geliebt und verachtet hätte. Sie kamen alle: die Monarchisten mit dem Habsburg-Wappen, die Sozialisten mit roten Nelken, die frommen Juden mit Gebetbüchern, die Katholiken mit einem Priester. Jede Gruppe beanspruchte den Toten für sich, und keine hatte recht und alle hatten recht, denn dieser Mann hatte so vielen Welten angehört und keiner ganz, dass jeder ihn mit einem Stück seiner selbst begraben konnte.

Ein Rabbiner rezitierte den Kaddisch, das jüdische Totengebet. Ein katholischer Geistlicher sprach Fürbitten. Es gab keinen Beweis, dass Roth je getauft worden war. Aber es gab auch keinen Beweis, dass er es nicht gewollt hatte.

So erhielt er beides: den jüdischen und den christlichen Segen. Im Tod gelang ihm, was im Leben unmöglich gewesen war: beiden Welten anzugehören, ohne wählen zu müssen. Otto von Habsburg war gekommen. Der 26-jährige Thronprätendent stand am Grab des Mannes, der an ihn als letzte Hoffnung geglaubt hatte.

Jemand hatte eine Habsburg-Flagge gebracht, jemand anders legte eine rote Nelke auf den Sarg. Nach dem Tod von Roth: Friedel, seine Frau, lag im Sommer 1940 in der Anstalt Mauer-Öhling in Niederösterreich. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun. Die Aktion T4, benannt nach der Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin, lief seit Januar 1940.

Graue Busse fuhren vor den Anstalten vor, Patienten wurden wie Fracht verladen und in Tötungsanstalten gebracht, wo sie mit Kohlenmonoxid vergast wurden. Danach wurden die Angehörigen benachrichtigt: Die Patientin sei angeblich an Lungenentzündung gestorben. Friedel wurde in das Schloss Hartheim bei Linz gebracht, eine ehemalige Renaissance-Festung, die zu einer Mordstätte umgebaut worden war. Zwischen 18.

000 und 30. 000 Menschen wurden dort getötet. Am 15. Juli 1940 wurde Friederike Roth ermordet.

Sie war 40 Jahre alt. Sie wog vermutlich weniger als 30 Kilogramm. Sie wusste nicht, dass ihr Mann 13 Monate zuvor gestorben war. Es gibt keinen Grabstein für Friedel Roth.

Es gibt einen Eintrag in den Hartheim-Akten, eine Zeile unter Tausenden. Andrea Mangabell überlebte den Krieg. Das ist fast alles, was sich mit Sicherheit sagen lässt. Sie gab keine Interviews, schrieb keine Memoiren.

Irmgard Keun kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, trank weiter, lebte mit ihrer Mutter in Köln – vergessen, verarmt, alkoholabhängig. In den fünfziger und sechziger Jahren verschwand sie aus dem öffentlichen Bewusstsein. Erst in den siebziger Jahren wurden ihre Romane von einer neuen Lesergeneration wiederentdeckt. Keun erlebte diese Renaissance noch.

Sie starb am 5. Mai 1982 in Köln im Alter von 73 Jahren. Stefan Zweig überlebte seinen Freund um weniger als drei Jahre. Am 22.

Februar 1942 nahm er sich in Petrópolis, Brasilien, gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte das Leben – mit Gift. Der meistgelesene deutschsprachige Autor seiner Zeit starb in einem kleinen Haus in den Tropen, weil die Welt, die er gekannt hatte, aufgehört hatte zu existieren. Soma Morgenstern, der treue Begleiter, entkam über Marseille und Casablanca nach New York. Dort lebte er in einer kleinen Wohnung, schrieb auf Deutsch, was niemand drucken wollte, und bewahrte die Erinnerung an seinen Freund wie einen heiligen Gegenstand.

Er starb am 17. April 1976 in New York im Alter von 81 Jahren. Seine Memoiren wurden zu einer der wichtigsten Quellen für die Biografie des Mannes, über den er nie aufhörte zu schreiben. Und Otto von Habsburg, der junge Mann, der am Grab in tiefer Trauer gestanden hatte, wurde älter als alle anderen in dieser Geschichte.

Er wurde Mitglied des Europäischen Parlaments, Vertreter Bayerns, Diplomat für ein vereintes Europa. Das Reich, für das Roth gelebt und getrunken hatte, kam nie zurück. Otto baute etwas anderes: eine europäische Idee, die manche als Fortsetzung des habsburgischen Vielvölkerideals mit anderen Mitteln verstanden. Er starb am 4.

Juli 2011 im Alter von 98 Jahren. Und Brody, die Stadt, in der alles begann: Die jüdische Gemeinde zählte vor dem Krieg etwa 15. 000 Menschen. Fast alle wurden ermordet – erschossen, deportiert, vergast.

Von der Welt, in der der kleine Munja aufwuchs, blieb nichts. Die Synagogen wurden zerstört, die Kaffeehäuser verschwanden. Brody liegt heute in der Ukraine, nahe der polnischen Grenze. Es gibt dort kein großes Denkmal, das seinem Namen gerecht würde, kein Museum, das erzählt, wer hier geboren wurde und was er der Welt hinterließ.

Die Blumen auf dem Grab in Thiais sind frisch. Jemand hat sie hingelegt, gestern oder vorgestern, und niemand weiß, wer. Vielleicht ein Leser. Vielleicht jemand, der selbst keinen Vater hatte und in Roths Büchern etwas fand, das dieser Abwesenheit eine Form gab.

Die Blumen stehen da, frisch und bunt, neben einem Stein mit verblasster Schrift, auf einem Friedhof am Rande von Paris, über einem Mann, der kein Land hatte. Die Buchstaben auf dem Stein verblassen mit den Jahren, als verschwände die Schrift langsam, so wie alles andere in diesem Leben verschwunden ist. Die Stadt, das Reich, die Frauen, die Stimme. Aber jemand kommt.

Immer wieder kommt jemand und legt frische Blumen nieder, ohne seinen Namen zu hinterlassen. Joseph Roths Leben war eine einzige Flucht vor der eigenen Herkunft. Der Sohn eines verschollenen Getreidehändlers aus einem galizischen Schtetl wurde zum eleganten Wiener Journalisten, zum habsburgischen Legitimisten, zum Weltbürger im Pariser Exil – und blieb doch immer der Junge, der seinen Vater nie gesehen hatte. Er log über seine Herkunft, seine Militärzeit, seine Identität, aber auf dem Papier konnte er nicht lügen.

Auf dem Papier war er, wer er wirklich war: ein verletzter, klarsichtiger, unerbittlich präziser Beobachter der menschlichen Komödie, der die Welt nicht verschönte und nicht verdammte, sondern beschrieb, wie sie war – traurig, komisch, grausam und manchmal, in seltenen Momenten, schön. Er bezahlte für jedes Wort mit seinem Leben – nicht metaphorisch, sondern buchstäblich. Jeder Satz kostete ihn ein Stück Gesundheit, ein Stück Nüchternheit, ein Stück seiner kurzen Zeit. Und doch leuchten diese Sätze mit einer Klarheit, die nach fast 100 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat.

Es ist, als hätte jemand seine eigenen Knochen verbrannt, um anderen Licht zu geben.