SIE BESUCHTE IHN JEDEN TAG — BIS ER SIE NICHT MEHR ERKANNTE

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Im Oktober 1886 stand ein 26-jähriger Mann vor dem Probesaal der Wiener Philharmoniker, um seine symphonische Dichtung „Pentesilea“ vorzustellen. Was als große Chance begann, endete in einer Demütigung: Etwa vier Minuten nach dem Einsatz brach Gelächter unter den siebzig Musikern aus, Hans Richter stoppte das Orchester, und der junge Komponist verließ den Saal ohne ein Wort. Der Mann hieß Hugo Wolf, und aus dieser Nacht heraus schwor er, es allen zu beweisen. Hugo Wolf wurde am 13.

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März 1860 in Windischgrätz geboren, einer Kleinstadt im damaligen Herzogtum Steiermark, die heute Slovenj Gradec in Slowenien ist. Sein Vater Philipp war Gerber, aber aus Leidenschaft Musiker, der seine eigene verhinderte Karriere an seinen Sohn weitergab. Der Vater brachte Hugo schon früh Klavier und Geige bei, verbot ihm jedoch zugleich, an eine musikalische Zukunft zu glauben. Die Mutter Katharina, eine pragmatische Frau, hielt Musik für Zeitvertreib statt Beruf.

Wolf zeigte früh eine außergewöhnliche Begabung und begann als Jugendlicher, Lieder zu schreiben. Dabei entwickelte er eine verblüffende Fähigkeit, den Stil anderer Komponisten wie Schubert oder Schumann so perfekt nachzuahmen, dass seine Arbeiten für Originale gehalten wurden. Im September 1875 wurde er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufgenommen, wo er unter anderem Robert Fuchs und Franz Krenn studierte. In dieser Zeit traf er den Komponisten Gustav Mahler, mit dem er sich zeitweise eine Mietwohnung teilte – eine Beziehung, die von gegensätzlichen Temperamenten geprägt war.

Im März 1877 wurde Wolf vom Konservatorium ausgeschlossen, offiziell wegen Disziplinverletzung. Die genauen Umstände sind nicht vollständig geklärt; Überlieferungen sprechen von einem anonymen Drohbrief gegen den Direktor, dessen Urheberschaft bis heute unklar ist. Wolf war siebzehn Jahre alt, ohne Abschluss, ohne Geld und ohne Verbindungen. Sein Vater sah sich in seinen Warnungen bestätigt.

Im Jahr 1878, im Alter von achtzehn Jahren, infizierte sich Wolf bei einem Bordellbesuch mit Syphilis. Die Krankheit galt im Wien des späten 19. Jahrhunderts nicht als selten, und es gab weder zuverlässige Diagnosen noch Heilungsmöglichkeiten. Die Infektion sollte sein Leben und vor allem seinen Geisteszustand über Jahrzehnte prägen.

Von 1878 bis 1881 führte Wolf eine etwa dreijährige Beziehung zu Valentina Franck, genannt Vally. Die Trennung traf ihn schwer; er zog sich nach Windischgrätz zurück und konnte zeitweise nicht arbeiten. Hugo Wolf heiratete später nie und hatte keine Kinder. 1881 versuchte er, eine Stelle als zweiter Kapellmeister am Stadttheater Salzburg anzutreten.

Der Versuch scheiterte nach wenigen Wochen: Wolf war nicht in der Lage, Orchesterproben nach Zeitplan zu leiten und geriet in Konflikt mit der Direktion. Nach Wagners Tod im Februar 1883 und dem Antritt einer Stelle als Musikkritiker beim „Wiener Salonblatt“ fand Wolf eine neue Aufgabe. Seine Kritiken wurden zu den schärfsten ihrer Zeit. Er verehrte Wagner, Liszt und Bruckner, verachtete jedoch Johannes Brahms, den er als Epigonen bezeichnete.

Diese Feindschaft spaltete das Wiener Musikpublikum in zwei Lager. Der einflussreiche Brahms-Anhänger Max Kalbeck wurde zu Wolfs erklärten Gegner, Orchester weigerten sich, seine Werke zu spielen, und Verleger schlossen ihre Türen. Im Frühjahr 1887 starb sein Vater Philipp. Danach schrieb Hugo Wolf ein Jahr lang keine einzige Note.

Die Musik in seinem Kopf verstummte vollständig, und er arbeitete seine Kritiken nur noch mechanisch ab. Im Februar 1888 änderte sich alles: Wolf entdeckte die Gedichte von Eduard Mörike und begann zu komponieren. Innerhalb weniger Monate entstanden 53 Lieder nach Mörike-Texten, gefolgt von 20 Eichendorff-Liedern und später weiteren Zyklen. In weniger als einem Jahr schuf er mehr Meisterwerke, als viele Komponisten in ihrem Leben hervorbrachten.

Moderne Psychiater vermuten, dass die beginnende Neurosyphilis seine manischen Schaffensphasen mitbefeuert haben könnte. In dieser Zeit trat Melanie Köchert in sein Leben, die Ehefrau seines Mäzens Heinrich Köchert, eines Wiener Juweliers und Hoflieferanten des Kaiserhauses. Heinrich Köchert unterstützte Wolf finanziell, lud ihn in sein Stadthaus und sein Landhaus am Traunsee ein. Zwischen Wolf und Melanie entwickelte sich eine intensive Bindung, über deren genaue Natur die Quellen unterschiedliche Angaben machen.

Mehrere Biografen beschreiben sie als jahrzehntelange Liebesbeziehung; die Familie Köchert betont bis heute eine tiefe Freundschaft. Es sind 250 Briefe von Wolf an Melanie erhalten; ihre Antworten existieren nicht mehr. Wolf komponierte große Teile seines Italienischen Liederbuchs im Landhaus am Traunsee, in unmittelbarer Nähe des Ehepaars Köchert. Er versuchte sich auch an der Oper und fand seinen Stoff in der spanischen Novelle „Der Dreispitz“ von Pedro Antonio de Alarcón.

Die Oper „Der Corregidor“ wurde am 7. Juni 1896 in Mannheim uraufgeführt, fand aber nur höflichen Applaus. Die Kritik bemängelte eine zu komplexe Vokalführung und fehlende theatralische Wirkung. Eine Aufführung an der Wiener Hofoper lehnte der neue Direktor ab: Gustav Mahler, Wolfs früherer Zimmergenosse.

Die genauen Worte Mahlers sind nicht überliefert, aber er beurteilte die Oper als nicht bühmentauglich. Wolf empfand dies als Verrat. Im Frühjahr 1897, wenige Wochen nach seinem letzten öffentlichen Auftritt, vertonte Wolf drei Sonette Michelangelos. Es sollten seine letzten Kompositionen sein.

Am 19. September 1897 verkündete Wolf bei einem Treffen mit Freunden mit ruhiger und fester Stimme, er sei zum neuen Direktor der Wiener Hofoper ernannt worden und Gustav Mahler sei abgesetzt. Es war eine Wahnvorstellung. Die Diagnose lautete progressive Paralyse, ein Spätstadium der Syphilis, das unheilbar war.

Im Oktober 1898 sprang Wolf in den Traunsee, den Ort, an dem er glückliche Sommer verbracht hatte. Er wurde gerettet und bat selbst um Einweisung in eine Nervenheilanstalt. Man brachte ihn zunächst in eine Privatanstalt in Wien, später in die niederösterreichische Landesirrenanstalt. Sein Zustand verschlechterte sich über mehr als vier Jahre kontinuierlich: Zuerst verlor er die Fähigkeit zu komplexen Gedanken, dann einfache Sätze, schließlich einzelne Wörter und die Kontrolle über seinen Körper.

Melanie Köchert besuchte ihn über viereinhalb Jahre hinweg mehrmals pro Woche, bis er sie nicht mehr erkannte. Heinrich Köchert bezahlte weiterhin die Kosten der Anstalt, ohne öffentlich ein Wort darüber zu verlieren. Hugo Wolf starb am 22. Februar 1903 im Alter von 42 Jahren.

Er wurde am 24. Februar auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt, in unmittelbarer Nähe zu Brahms, seinem lebenslangen Gegner. Am 21. März 1906 sprang Melanie Köchert aus einem Fenster im vierten Stock ihres Hauses in Wien und starb.

Heinrich Köchert überlebte beide, führte sein Geschäft weiter und sprach bis zu seinem Tod nicht öffentlich über das, was zwischen den dreien gewesen war. Wolfs musikalisches Erbe umfasst rund 300 Kunstlieder. Sie gelten bei Kennern als eine der größten Errungenschaften der abendländischen Musik, doch sein Name ist in der breiten Öffentlichkeit bis heute kaum bekannt. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod begann seine Rehabilitierung durch bedeutende Interpreten wie Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf, die seine Lieder aufnahmen und in die Konzertsäle der Welt trugen.

In seinem Geburtshaus in Slovenj Gradec befindet sich heute ein Museum.