Am 25. Januar 1988 wurde Carlos Mauro Hoyos, der Generalinspektor der Nation, auf dem Weg zum Flughafen in der Nähe von Medellín von schwer bewaffneten Mitgliedern des Medellín-Kartells abgefangen. Seine beiden Leibwächter wurden bei dem Angriff getötet; Hoyos selbst wurde verwundet, aus dem Fahrzeug gezerrt und auf eine abgelegene Farm in den Bergen des östlichen Antioquia verschleppt. Die Entführung war Teil einer doppelten Strategie des Kartells, das nur eine Woche zuvor den Präsidentschaftskandidaten Andrés Pastrana entführt hatte.

Als das Militär Pastrana in einem improvisierten Versteck entdeckte und befreite, ordnete Pablo Escobar unmittelbar die Hinrichtung von Hoyos an, um den Erfolg des Staates zunichte zu machen. Ein ehemaliges Kartellmitglied namens Popeye behauptete später, den Befehl persönlich ausgeführt und Hoyos mit drei Schüssen getötet zu haben, nachdem er sich als Student getarnt hatte. Der Sohn Escobars legte dagegen eine abweichende Version vor, wonach ein Kommandant namens Pinina den Auftrag ausführte. Die Beerdigung von Hoyos wurde zu einem nationalen Trauermoment; Präsident Virgilio Barco kündigte ein strengeres Antiterrorgesetz an.
Der Fall blieb jedoch teilweise ungeklärt und wurde nie vollständig juristisch aufgearbeitet. Der Fall von Luis Carlos Galán entwickelte sich zu einem der dramatischsten Kapitel der kolumbianischen Politik. Galán, geboren 1943 in Charalá, galt als charismatischer Reformer und entschiedener Gegner der Drogenkartelle. Er hatte öffentlich die Aufnahme Escobars in seine politische Bewegung abgelehnt und das Auslieferungsabkommen mit den USA unterstützt.
Als Favorit der Präsidentschaftswahlen 1990 stieg seine Popularität auf 60 Prozent, doch gleichzeitig wuchsen die Bedrohungen. Ein erster Mordversuch am 4. August 1989 konnte durch Polizeikommandant Waldemar Franklin Quintero vereitelt werden; Quintero wurde kurz darauf selbst ermordet. Trotz zahlreicher Warnungen und drängender Ratschläge seiner Mitarbeiter hielt Galán an einer Veranstaltung in Soacha fest.
Am 18. August 1989, während er sich durch eine Menschenmenge von etwa 10. 000 Anhängern bewegte, wurde er von Schüssen niedergestreckt. Die Angreifer handelten innerhalb von Sekunden; mindestens zehn Zivilisten wurden verletzt.
Galán starb wenig später im Krankenhaus. Ehemalige Kartellmitglieder belasteten später Pablo Escobar, Gonzalo Rodríguez Gacha und den Politiker Alberto Santofimio, der den Satz gesagt haben soll: „Töte ihn, Pablo, töte ihn. ” Ein demobilisiertes AUC-Mitglied behauptete zudem, auch korrupte Militärs und Angehörige des Geheimdienstes DAS seien beteiligt gewesen. Viele der festgenommenen Attentäter wurden später im Gefängnis oder kurz nach ihrer Freilassung getötet, was die Ermittlungen erheblich erschwerte.
Rodrigo Lara Bonilla, geboren in Neiva, wurde im August 1983 zum Justizminister ernannt. Er gehörte zu den ersten, die Escobas Vergangenheit im Kokainhandel öffentlich anprangerten. Seine Enthüllungen führten zum Ausschluss Escobas aus dem Kongress und zum Verlust seines US-Visums. Gemeinsam mit Oberst Jaime Ramírez entdeckte er den Kokainproduktionskomplex Tranquilandia im Süden Kolumbiens, der im März 1984 von Polizei und DEA zerstört wurde.
Der Wert der beschlagnahmten Güter wurde auf über eine Milliarde Dollar geschätzt. Obwohl der US-Botschafter ihm eine kugelsichere Weste und ein gepanzertes Fahrzeug anbot, lehnte Lara das Auto ab. Er hatte bereits ein neues Amt als Botschafter in der Tschechoslowakei angenommen; die Antrittsreise war für den 12. Mai geplant, die Ernennung erfolgte allerdings erst nach seinem Tod.
Am 30. April 1984 wurde er auf dem Heimweg in Bogotá von einem Motorrad mit zwei Männern attackiert. Der Schütze Iván Darío Guisado feuerte mehrere Schüsse durch das Seitenfenster; Lara starb noch am Tatort. Der Schütze wurde von Sicherheitskräften getötet, sein Komplize Byron Velásquez festgenommen und 1995 auf Bewährung freigelassen.
Der Mord führte zur sofortigen Verabschiedung des Auslieferungsgesetzes und zur Auslieferung dreier prominenter Kartellmitglieder an die USA. Jaime Pardo Leal, geboren am 28. März 1944, war Jurist und wurde nach einer Karriere als Richter zum führenden Kopf der Union Patriótica. Die Partei war aus den Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der FARC hervorgegangen.
Bei den Wahlen 1986 belegte Pardo Leal mit 328. 752 Stimmen den dritten Platz. Danach wurden Mitglieder der UP systematisch ermordet; bis 1987 waren bereits 471 Mitglieder getötet worden. Pardo Leal sprach öffentlich über die gezielten Tötungen und machte den Staat mitverantwortlich.
Am 11. Oktober 1987 wurde er auf dem Rückweg zu seiner Farm bei Lamesa von einem anderen Fahrzeug abgefangen und erschossen. Er hatte zuvor den Großteil seiner Sicherheitsleute entlassen. Für den Mord wurden mehrere Männer verurteilt, darunter William Infante, der später in den USA wegen Drogenhandels eine lebenslange Haftstrafe erhielt.
Als Hauptauftraggeber galt Gonzalo Rodríguez Gacha, genannt El Mexicano. Später berichtete die Parteizeitung Voz von Verbindungen innerhalb der kolumbianischen Armee. Die UP erklärte 1988, dass mehr als 500 ihrer Mitglieder ermordet worden seien; Amnesty International bestätigte 1988 eine „gezielte Politik politischer Tötungen”. Die Regierung von Virgilio Barco wies die Vorwürfe zurück.
Bernardo Jaramillo Ossa, geboren 1956 in Manizales, wurde nach Pardo Leals Ermordung Präsident der Union Patriótica. Er versuchte, die Partei zu erneuern, sie der Sozialistischen Internationale anzunähern und von ihrem Ruf als politischer Arm der FARC zu lösen. Als Präsidentschaftskandidat sprach er offen über die Zusammenarbeit zwischen Militär und Drogenstrukturen beim Aufbau paramilitärischer Einheiten. Zwei Tage vor seinem Tod wies Innenminister Carlos Lemos alle Vorwürfe öffentlich zurück und nannte die UP den „politischen Arm der FARC”; Jaramillo bezeichnete dies als Aufruf zur Liquidierung.
Am 22. März 1990 wurde er am Flughafen El Dorado in Bogotá von dem 16-jährigen Andrés Arturo Gutiérrez Maya erschossen. Der Attentäter wurde festgenommen, aber weniger als ein Jahr später während eines vorübergehenden Ausgangs zusammen mit seinem Vater getötet. Spätere Ermittlungen ergaben Verbindungen zu Gerardo Gutiérrez Uribe, der wenig später Carlos Pizarro ermordete.
Der Mord wurde zunächst Escobar zugeschrieben, der eine Beteiligung bestritt. Ein anonymer Anrufer beschuldigte die paramilitärische Organisation von Fidel Castaño; dessen Bruder Carlos Castaño gab später zu, dass die Organisation der Familie beteiligt war. 2010 wurde der frühere DAS-Direktor Alberto Romero beschuldigt, gemeinsam mit Carlos Castaño den Mord geplant zu haben. Offiziell wurde bis heute niemand für das Attentat verurteilt.
Jaramillos Tod markierte das Ende der letzten Hoffnung der UP; mehr als 3. 000 Mitglieder wurden in den folgenden Jahren ermordet, was von vielen Forschern als der schlimmste politische Genozid im modernen Lateinamerika bezeichnet wird. CONTENT:
Ein Mann, der höchste staatliche Aufsichtsbeamte Kolumbiens, wird auf offener Straße aus seinem Fahrzeug gezerrt und in die Berge verschleppt – während das gesamte Militär des Landes nach ihm sucht. Die Entführung von Carlos Mauro Hoyos am 25.
Januar 1988 war kein Zufallsangriff. Sie war der Auftakt zu einer Reihe politischer Morde, die das Land in den folgenden Jahren an den Rand des Zusammenbruchs bringen sollte. Hoyos, Generalinspektor der Nation und eine der wichtigsten Figuren des kolumbianischen Rechtsstaates, hatte sich durch seine enge Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen DEA und seinen kompromisslosen Kurs gegen die Drogenkartelle zur Zielscheibe gemacht. Er war an jenem Morgen auf dem Weg zum Flughafen in der Nähe von Medellín, als schwer bewaffnete Männer des Medellín-Kartells sein Fahrzeug abfingen.
Seine beiden Leibwächter wurden noch am Ort des Angriffs getötet. Hoyos selbst wurde verwundet, aus dem Wagen gezerrt und auf eine abgelegene Farm im Osten Antioquias gebracht. Das Kartell hatte bereits eine Woche zuvor zugeschlagen: Am 19. Januar 1988 entführten Escobars Männer den Bürgermeisterkandidaten Andrés Pastrana, der ein Jahrzehnt später Präsident Kolumbiens werden sollte.
Pastrana wurde in seinem Wahlkampfbüro in Bogotá entführt. Die Entführung von Hoyos diente als Gegengewicht – eine hochrangige staatliche Figur, die zusätzlichen Druck auf die Regierung ausüben sollte. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Gegen 11:30 Uhr entdeckte eine Polizeistreife in der Zone von El Retiro eine verdächtige Farm.
Dort fanden die Beamten den entführten Pastrana in einem improvisierten Versteck. Einer der Polizisten bot an, sich an seiner Stelle gefangen nehmen zu lassen, um eine bewaffnete Auseinandersetzung zu vermeiden. Pastrana wurde befreit – ein seltener Sieg des Staates gegen das Kartell. Diese Befreiung besiegelte das Schicksal von Hoyos.
Kaum erreichte die Nachricht Pablo Escobar, gab er einen kurzen, brutalen Befehl: Hoyos musste sofort getötet werden. Sein Tod sollte den Erfolg des Staates zunichte machen und dem Kartell die Oberhand zurückgeben. Der Mann, der nach eigenen Angaben den Auftrag ausführte, war Jhon Jairo Velásquez, bekannt als Popeye, jahrelang Mitglied im innersten Kreis von Escobars Organisation. Er behauptete später, er habe sich als Student getarnt, einen alten Geländewagen voller Bücher und Medikamente gefahren und sei so an Militärkontrollen vorbeigekommen.
Auf der Farm habe er Hoyos getötet – mit drei Schüssen. Die Leiche ließ er an einem ausgetrockneten Flussbett zurück, nur wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem Pastrana festgehalten worden war. Eine zweite Version stammt aus dem Buch von Juan Pablo Escobar, dem Sohn des Kartellchefs. Darin wird der Auftrag einem Kommandanten namens Pinina zugeschrieben, einem der loyalsten Männer Escobars.
Diese Version berichtet von einem Schusswechsel während der Entführung, bei dem die Leibwächter getötet und Hoyos am Bein verletzt worden sei. Pinina habe die Exekution ausgeführt, als klar war, dass das Militär den Ring um die Farm schloss. Die beiden Versionen unterscheiden sich in den Details, doch der Kern bleibt derselbe: Hoyos wurde auf ausdrücklichen Befehl Escobars getötet, unmittelbar nachdem der Staat einen militärischen Erfolg erzielt hatte. Sein Tod war eine Botschaft – keine Institution, kein Gesetz und kein Beamter lag außerhalb der Reichweite des Kartells.
Die Beerdigung von Hoyos wurde zu einem Moment nationaler Trauer. Während der Zeremonie wurde sein Lieblingslied „So Colombiano” gespielt. Man erinnerte sich an einen Mann, der einfache Freuden liebte – Musik, Treffen in den Bars von El Retiro, traditionellen Aguardiente. Präsident Virgilio Barco reagierte mit einem neuen, strengeren Antiterrorgesetz, dem sogenannten Statut zur Verteidigung der Demokratie.
Doch trotz dieser Maßnahmen markierte die Ermordung von Hoyos lediglich den Beginn einer langen Phase des Narkoterrorismus, die Kolumbien in einen ständigen Konflikt zwischen institutionellem Widerstand und krimineller Brutalität stürzen sollte. Das Jahr 1989 brachte den nächsten Schlag. Luis Carlos Galán, geboren 1943 in Charalá, war der populärste Politiker des Landes. Er hatte Escobars Aufnahme in seine politische Bewegung öffentlich abgelehnt und das Auslieferungsabkommen mit den USA offen unterstützt.
Seine Reden waren ein Aufruf, sich dem Einfluss der Drogenmafia entgegenzustellen. Im August 1989 erklärte er seine Kandidatur für das Präsidentenamt – seine Popularität lag bei 60 Prozent. Die Drohungen gegen Galán begannen mit anonymen Anrufen nach Mitternacht, dann kamen Flugblätter mit Warnungen, dass seine Kinder entführt würden. Am 4.
August 1989 vereitelte die Polizei einen Anschlag mit einem Raketenwerfer in Medellín – nur dank der Wachsamkeit des Polizeikommandanten Waldemar Franklin Quintero. Beide Männer, die Galán an jenem Tag begleitet hatten – Quintero und der Bürgermeister von Medellín – wurden wenige Wochen später in getrennten Attentaten getötet. Trotz der Warnungen seiner Geheimdienste und seiner engsten Mitarbeiter bestand Galán darauf, am 18. August 1989 eine Kundgebung in Soacha abzuhalten, einer Stadt, die als besonders gefährlich galt.
„Wir gehen nach Soacha”, sagte er an diesem Morgen – ohne einen Anflug von Angst. Ein Rückzug wäre für ihn ein Zeichen des Nachgebens gewesen. Rund 10. 000 Anhänger hatten sich auf dem Platz versammelt.
Als Galán die Stufen zur Bühne betrat, teilte sich die Menge unter lautem Jubel. Nur wenige Sekunden später fielen Schüsse. Menschen rannten in Panik, Leibwächter versuchten den Kandidaten abzuschirmen – doch nichts war mehr zu kontrollieren. Galán wurde getroffen.
Mindestens zehn Zivilisten wurden verletzt. Der Kandidat starb kurze Zeit später. Die Planungen für das Attentat hatten nach Aussagen zweier ehemaliger Kartellmitglieder weit entfernt begonnen – auf einer Farm am Stadtrand. Dort seien Pablo Escobar, Gonzalo Rodríguez Gacha und der Politiker Alberto Santofimio anwesend gewesen.
Santofimio habe den Satz gesagt, der später zum Symbol dieser Zeit wurde: „Töte ihn, Pablo, töte ihn. ” Galáns Unterstützung der Auslieferung hätte die Macht der Kartelle zerstören können, wäre er Präsident geworden. Doch es gab auch eine andere Spur. Ein demobilisiertes Mitglied der paramilitärischen AUC behauptete, Teile des Staatsapparates – korrupte Militärs und einzelne Angehörige des Geheimdienstes DAS – hätten eine Rolle gespielt.
Diese Behauptungen wurden lange zurückgewiesen. Ein Brief aus dem Jahr 2004, verfasst von einem Mann, der angab, in Galáns Sicherheitsteam eingeschleust worden zu sein, brachte eine neue Dimension: Der Anschlag sei mit Unterstützung korrupter Polizisten und einzelner Leibwächter durchgeführt worden – ein Teil des Sicherheitsapparates sei bereits lange vor dem Attentat gekauft worden. Viele der festgenommenen Attentäter wurden später im Gefängnis oder kurz nach ihrer Freilassung getötet. Offiziell waren es Opfer von Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Gruppen – inoffiziell Männer, die zum Schweigen gebracht werden mussten.
Die Spur der Verantwortlichen wurde dadurch fast unmöglich nachzuvollziehen. Fünf Jahre vor Galáns Tod hatte ein anderer Minister den Mut gefunden, das Kartell offen zu bekämpfen. Rodrigo Lara Bonilla, geboren in Neiva, wurde im August 1983 Justizminister. Er gehörte zu den ersten, die öffentlich aussprachen, dass ein Mann mit einer Vergangenheit im Kokainhandel im Parlament saß.
Seine Enthüllungen über Escobar führten zum Ausschluss des Drogenbosses aus dem Kongress. Die Reaktion folgte prompt: Eine Verleumdungskampagne gegen Lara setzte ein. Ein Verbündeter Escobars im Kongress präsentierte einen angeblichen Check, der beweisen sollte, dass Lara Bestechungsgeld angenommen habe – doch der Check wurde schnell als Fälschung entlarvt. Lara ging weiter.
Gemeinsam mit Oberst Jaime Ramírez entdeckte er den Kokainproduktionskomplex Tranquilandia im Süden Kolumbiens: 19 Labore, eine eigene Stromversorgung, Flugpisten – eine industrielle Anlage, deren Wert auf über eine Milliarde Dollar geschätzt wurde. Im März 1984 wurde der Komplex von Polizei und DEA zerstört. Am 30. April 1984 wurde Lara auf dem Heimweg in Bogotá von einem Motorrad mit zwei Männern attackiert.
Der Schütze feuerte mehrere Schüsse durch das Seitenfenster seines alten Mercedes. Lara starb noch am Tatort. Wenige Tage später flohen Escobar und seine Familie nach Panama. Das Auslieferungsgesetz – für das Lara jahrelang gekämpft hatte – wurde unverzüglich verabschiedet.
Drei prominente Kartellmitglieder wurden an die USA ausgeliefert. Im Oktober 1987 wurde ein anderer prominenter Gegner der Kartelle getroffen – diesmal von der anderen Seite des politischen Spektrums. Jaime Pardo Leal, geboren 1944, war nach einer Karriere als Richter zum Führer der Union Patriótica geworden. Die Partei war aus den Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der FARC hervorgegangen.
Bei den Wahlen 1986 belegte Pardo Leal mit 328. 752 Stimmen den dritten Platz – ein außergewöhnlich starkes Ergebnis für eine so junge Partei. Doch kurz nach der Wahl wurde die UP zum Ziel einer systematischen Vernichtungskampagne. Bis zum Herbst 1987 waren bereits 471 ihrer Mitglieder ermordet worden.
Pardo Leal sprach öffentlich über diese gezielten Tötungen, machte den Staat mitverantwortlich und prangerte die bewaffneten Gruppen an. Als er über Verbindungen zwischen Teilen der staatlichen Strukturen und den Paramilitärs sprach, hatte er eine Grenze überschritten. Sein späterer Nachruf hielt fest: „Jaime Pardo Leal wusste, dass er getötet werden würde. Seine Familie wusste es.
Die Union Patriótica wusste es. Die Journalisten wussten es. Das ganze Land wusste es. ”
Am 11.
Oktober 1987 wurde er auf dem Rückweg zu seiner Farm bei Lamesa von einem anderen Fahrzeug abgefangen und erschossen. Er hatte zuvor den Großteil seiner Sicherheitsleute entlassen – er behielt nur einen einzigen Leibwächter. Als Hauptauftraggeber galt Gonzalo Rodríguez Gacha, genannt El Mexicano. Doch die Ermittlungen deuteten auf ein weit größeres Netzwerk hin – bis hinein in die Armee.
Nach Pardo Leals Tod übernahm Bernardo Jaramillo Ossa die Führung der Union Patriótica. Geboren 1956 in Manizales in eine Arbeiterfamilie, hatte er bereits als Jugendlicher ein Volksrestaurant für Kinder und Arbeiter gegründet, das bis heute seinen Namen trägt. Jaramillo versuchte, die Partei zu erneuern, sie von ihrem Ruf als politischer Arm der FARC zu lösen und der Sozialistischen Internationale anzunähern – der Spitzname „Perestroika” entstand. Er sprach offen über die Zusammenarbeit zwischen Militär und Drogenstrukturen beim Aufbau paramilitärischer Einheiten.
Er behauptete, Präsident Virgilio Barco ignoriere Beweise für diese Zusammenarbeit. Zwei Tage vor seinem Tod wies Innenminister Carlos Lemos alle Vorwürfe zurück und nannte die UP den „politischen Arm der FARC”. Jaramillo antwortete unmissverständlich: Solche Aussagen seien nicht nur unfair, sondern ein direkter Aufruf zur Liquidierung. Am 22.
März 1990 wartete Jaramillo mit seiner Frau am Flughafen El Dorado in Bogotá. Er wollte nach Santa Marta reisen. Als er vor einer Apotheke im Terminal stand, näherte sich ein 16-jähriger Attentäter, zog eine Maschinenpistole und eröffnete das Feuer. Jaramillo sank seiner Frau in die Arme.
Seine letzten Worte waren: „Mi amor, ich spüre meine Beine nicht. Sie haben mich getroffen. Ich werde sterben. Halte mich und beschütze mich.
” Er starb, bevor die Ärzte ihn in den Operationssaal bringen konnten. Der Attentäter, Andrés Arturo Gutiérrez Maya, konnte nicht in ein Gefängnis eingeliefert werden – er war erst 16 Jahre alt. Weniger als ein Jahr später wurde er während eines vorübergehenden Ausgangs zusammen mit seinem Vater getötet. Damit verschwand die einzige direkte Spur, die hätte offenlegen können, wer ihn geschickt hatte.
Spätere Ermittlungen ergaben Verbindungen zu Gerardo Gutiérrez Uribe, dem Mann, der wenige Monate später Carlos Pizarro ermordete – einen weiteren Präsidentschaftskandidaten und demobilisierten Führer der Bewegung M19. Zunächst wurde das Verbrechen Escobar zugeschrieben – doch der bestritt jede Beteiligung. Ein anonymer Anrufer bei einem Radiosender beschuldigte die paramilitärische Organisation von Fidel Castaño. Dessen Bruder Carlos, späterer Anführer der AUC, gab selbst zu, dass die Organisation der Familie an dem Mord beteiligt war.
Dennoch wurde bis heute niemand offiziell verurteilt. 2010 wurde der frühere Direktor des Geheimdienstes DAS, Alberto Romero, beschuldigt, gemeinsam mit Carlos Castaño den Mord geplant zu haben. Jaramillos Tod bedeutete das Ende der letzten Hoffnung der Union Patriótica. In den folgenden Jahren wurden mehr als 3.
000 Mitglieder und Sympathisanten der UP ermordet – von vielen Forschern als der schlimmste politische Genozid im modernen Lateinamerika bezeichnet. Eine juristische Aufarbeitung fand nie vollständig statt. Die Toten wurden zur Sprache des Staates – und der Staat schwieg.