Edward Gein galt in der Kleinstadt Plainfield in Wisconsin jahrzehntelang als harmloser Sonderling. Der schüchterne Mann half Nachbarn bei der Arbeit, passte auf Kinder auf und galt als still und zuverlässig. Dass hinter den Mauern seiner verfallenen Farm eines der grauenvollsten Kapitel der amerikanischen Kriminalgeschichte heranwuchs, ahnte niemand in der Gemeinde. Gein wurde am 27.

August 1906 in La Crosse geboren. Seine Eltern George und Augusta führten eine zerrüttete Ehe. Der Vater war Alkoholiker und wechselte ständig den Beruf. Die Mutter war fanatisch religiös, verachtete ihren Mann und übernahm die vollständige Kontrolle über die Erziehung ihrer Söhne Henry und Edward.
Sie predigte täglich Passagen aus dem Alten Testament, verdammte Frauen als Werkzeuge des Teufels und verbot ihren Söhnen jeglichen Umgang mit ihnen. 1914 zog die Familie auf eine isolierte Farm nahe Plainfield, ohne Strom und fließendes Wasser. Augusta hielt ihre Söhne von der Außenwelt fern. Edward war ein zurückhaltender Junge, der unter Ticks und Sprechproblemen litt und in der Schule verspottet wurde.
Seine Mutter bestätigte ihm, dass die Welt grausam sei und man ihr nicht trauen dürfe. Henry begann mit den Jahren, die Extremisten seiner Mutter zu kritisieren, während Edward sie blind verehrte. Am 1. April 1940 starb der Vater an den Folgen jahrelangen Alkoholismus.
Augusta deutete seinen Tod als gerechte Strafe. Die Brüder blieben mit der Mutter auf der Farm zurück und arbeiteten als Gelegenheitsarbeiter. Henry plante, sich von der Familie zu lösen, und kritisierte offen die Kälte der Mutter. Am 16.
Mai desselben Jahres kam es bei einem kontrollierten Abbrennen von Unkraut auf einem sumpfigen Grundstück zu einer Tragödie. Das Feuer geriet außer Kontrolle, die Feuerwehr musste eingreifen. Henry verschwand im Rauch und wurde später leblos gefunden. Die offizielle Todesursache lautete Rauchvergiftung, obwohl Blutergüsse am Kopf des Toten festgestellt wurden.
Eine Obduktion fand nicht statt, der Fall wurde als Unglücksfall geschlossen. Nach Henrys Tod pflegte Edward seine Mutter, die kurz darauf einen Schlaganfall erlitt. Am 29. Dezember 1945 starb Augusta im Alter von 67 Jahren an einem weiteren Schlaganfall.
Für Edward war dies der schwerste Schlag seines Lebens. Er verlor die einzige Person, der er vertraute. Er versiegelte ihre Räume unberührt und zog sich in einen kleinen Teil des Erdgeschosses zurück. In den folgenden Jahren verfiel die Farm zunehmend.
Gein lebte als Einsiedler, kümmerte sich nicht um Hygiene und nahm gelegentlich Arbeiten in der Gemeinde an. Sein Interesse verlagerte sich auf morbide Literatur über Verbrechen, Konzentrationslager und Kannibalismus. Er besorgte sich Bücher über Anatomie und Konservierung menschlicher Überreste. Zwischen 1947 und 1952 beging er mindestens neun dokumentierte Grabschändungen auf Friedhöfen der Umgebung.
Er grub frische Gräber aus, entnahm Körperteile und fertigte daraus Gegenstände und Kleidungsstücke aus menschlicher Haut. Er wählte stets Frauen mittleren Alters, die ihn an seine Mutter erinnerten. Am 8. Dezember 1945 verschwand die Wirtin Mary Hogan aus Plainfield spurlos.
In ihrer Kneipe fanden sich Blutspuren, eine leere Hülse und Schleifspuren. Der Fall blieb jahrelang ungelöst. In der Folgezeit verschwanden mehrere Menschen in der Region, darunter ein achtjähriges Mädchen, ein Kindermädchen und zwei Jäger. Nie konnte Gein mit diesen Fällen in Verbindung gebracht werden.
Ein Lügendetektortest bestätigte seine Aussage, mit den vermissten Männern und Kindern nichts zu tun zu haben. Am 16. November 1957 öffnete Gein ein neues Kapitel des Grauens. An diesem Samstagmorgen betrat er das Eisenwarengeschäft von Bernice Worden, einer 58-jährigen Witwe, und kaufte Frostschutzmittel.
Der Kassenzettel auf seinen Namen wurde später zum entscheidenden Beweis. Am späten Nachmittag fand ihr Sohn, Sheriff Frank Worden, die Kasse offen und leer, Blutspuren auf dem Boden und seine Mutter verschwunden. Er entdeckte den Beleg und ließ Gein festnehmen. Bei der Durchsuchung der Farm fanden die Ermittler Bernice Worden in einem Schuppen kopfüber an einem Balken hängend, den Kopf abgetrennt, den Körper aufgeschlitzt und ausgenommen wie ein erlegtes Tier.
Im Haus entdeckten sie eine Szenerie unvorstellbaren Grauens: Möbel mit Menschenhaut bezogen, Lampenschirme aus Haut, Schalen aus Schädeln, eine aus Brustwarzen genähte Gürtel, menschliche Nasen und Gläser mit Körperteilen von Frauen. In einer Tüte lag der Kopf von Bernice Worden. Die Ermittler fanden außerdem die Überreste von Mary Hogan, deren Gesichtszüge anhand einer Maske und eines Schädels identifiziert wurden. Gein hatte zunächst alles geleugnet, brach aber nach einem gewaltsamen Verhör des Sheriffs zusammen.
Das so erzwungene Geständnis wurde später vor Gericht nicht anerkannt. In ruhigeren Verhören gab er die Morde an Mary Hogan und Bernice Worden zu, behauptete jedoch, in einer Art Trance gehandelt zu haben. Er beschrieb nächtliche Friedhofsgänge und gestand, aus den Leichen Kleidung gefertigt zu haben, um die Anwesenheit seiner Mutter zu simulieren. Sein Ziel sei es gewesen, wieder zu spüren, dass er eine Mutter habe.
Ende 1957 stellten Psychiater die Diagnose paranoide Schizophrenie. Gein wurde für unzurechnungsfähig erklärt und in eine Anstalt eingewiesen. Der Prozess wurde auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Im März 1958 brannte die Farm bis auf die Grundmauern nieder.
Die Brandursache wurde nie geklärt. Viele vermuteten Brandstiftung, um zu verhindern, dass das Anwesen zu einer Touristenattraktion würde. Gein reagierte gleichgültig und sagte, so sei es am besten. 1968 wurde Gein für prozessfähig erklärt.
Der Prozess begann am 7. November desselben Jahres. Die Verteidigung argumentierte, der Angeklagte sei schwerkrank und habe nicht begriffen, was er tat. Am 14.
November stellte der Richter fest, dass Gein den Mord an Bernice Worden begangen habe, sprach ihn jedoch aufgrund seiner Geisteskrankheit von der rechtlichen Verantwortung frei. Weitere Anklagepunkte wurden aus Kostengründen nicht verfolgt. Gein verbrachte den Rest seines Lebens in psychiatrischer Betreuung, wo er als ruhiger und angepasster Patient galt. Am 26.
Juli 1984 starb er im Alter von 77 Jahren an Lungenkrebs. Sein Fall wurde zur Grundlage zahlreicher Filme und Bücher. Robert Blochs Roman „Psycho“ aus dem Jahr 1959 und Alfred Hitchcocks Verfilmung basierten auf Geins Leben. Auch „The Texas Chainsaw Massacre“ von Tobe Hooper ließ sich von seinen Verbrechen inspirieren.
Die Figur des Buffalo Bill in „Das Schweigen der Lämmer“ enthielt Elemente von Geins Obsession mit menschlicher Haut. Sein Name bleibt bis heute ein Synonym für die dunkelsten Abgründe menschlicher Psyche.