Nürnberg, 16. Oktober 1946. In der Turnhalle des Justizgefängnisses von Nürnberg wurden in den frühen Morgenstunden zehn führende Vertreter des nationalsozialistischen Regimes hingerichtet – doch einer der prominentesten Angeklagten entzog sich dem Henker durch Selbstmord nur Stunden vor der geplanten Vollstreckung.

Hermann Göring, Reichsmarschall und zeitweise designierter Nachfolger Adolf Hitlers, hatte in seiner Zelle eine Zyankali-Kapsel eingenommen und war tot aufgefunden worden, bevor die amerikanischen Wachen ihn zur Hinrichtung führen konnten. Der Mann, der als einer der Hauptarchitekten der nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie galt und während des gesamten Prozesses eine Mischung aus Arroganz und Verachtung gegenüber dem Gericht zur Schau gestellt hatte, entging damit dem Galgen, der für ihn bereits vorbereitet war.
Die Nachricht von Görings Selbstmord verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Gefangenen und Wachen. Die Vollstreckungen, die ursprünglich für den späten Abend des 15. Oktober angesetzt waren, wurden daraufhin um mehrere Stunden vorverlegt.
Um 1:11 Uhr Nürnberger Zeit betrat Joachim von Ribbentrop, der ehemalige Reichsaußenminister, als erster Verurteilter die Hinrichtungskammer.
Von Ribbentrop, der vor dem Krieg eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen mit Italien und der Sowjetunion gespielt hatte, zeigte bis zuletzt eine Mischung aus Stolz und Fatalismus. Als er gefragt wurde, ob er letzte Worte habe, sagte er auf Deutsch: „Gott schütze Deutschland.” Dann fügte er hinzu: „Gott habe Erbarmen mit meiner Seele.
Mein letzter Wunsch ist, dass Deutschland seine Einheit wiedererlangt und dass um des Friedens willen eine Verständigung zwischen Ost und West erreicht wird. Ich wünsche der Welt Frieden.”
Um 1:30 Uhr stürzte von Ribbentrop durch die Falltür. Der Henker John C. Woods, ein amerikanischer Sergeant, der für seine ungenaue Berechnung der Seillängen bekannt war, hatte bereits im Vorfeld für Kontroversen gesorgt.
Berichte von Augenzeugen deuten darauf hin, dass mehrere der Verurteilten nicht sofort starben, sondern minutenlang litten, weil ihre Genicke nicht gebrochen waren.
Wilhelm Keitel, Generalfeldmarschall und Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, folgte zwei Minuten später. Keitel, der als Hitlers williger Vollstrecker galt und für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht wurde, betrat die Kammer mit erhobenem Haupt. Seine letzten Worte waren: „Ich rufe den allmächtigen Gott an, Erbarmen mit dem deutschen Volk zu haben.
Mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten sind vor mir für das Vaterland in den Tod gegangen. Ich folge nun meinen Söhnen – alles für Deutschland.”

Ernst Kaltenbrunner, der höchstrangige SS-Führer, der in Nürnberg vor Gericht stand, war der nächste. Als Chef des Reichssicherheitshauptamtes war er maßgeblich an der Organisation des Holocaust beteiligt. Seine letzten Worte zeigten keine Reue für seine Taten: „Ich habe mein deutsches Volk und mein Vaterland mit warmem Herzen geliebt.
Ich habe meine Pflicht nach den Gesetzen meines Volkes getan, und es tut mir leid, dass mein Volk diesmal von Männern geführt wurde, die keine Soldaten waren, und dass Verbrechen begangen wurden, von denen ich keine Kenntnis hatte. Deutschland, viel Glück.”
Alfred Rosenberg, der Chefideologe der NSDAP und Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze, zeigte hingegen eine bemerkenswerte Wortkargheit. Als er gefragt wurde, ob er etwas zu sagen habe, antwortete er nur mit einem knappen „Nein”. Es waren seine letzten aufgezeichneten Worte.
Hans Frank, der ehemalige Generalgouverneur im besetzten Polen, der dort ein Terrorregime errichtet und die Errichtung von vier Vernichtungslagern überwacht hatte, betrat die Kammer mit einem Lächeln, das Nervosität verriet. In der Haft war er zum Katholizismus konvertiert. Auf dem Schafott sagte er: „Ich bin dankbar für die freundliche Behandlung während meiner Gefangenschaft und bitte Gott, mich mit Erbarmen anzunehmen.”
Wilhelm Frick, Reichsinnenminister und Mitverfasser der Nürnberger Gesetze, die die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung legalisierten, war der sechste, der durch die Falltür stürzte. Seine letzten Worte waren kurz und pathetisch: „Es lebe das ewige Deutschland.”
Julius Streicher, der berüchtigte Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer”, wurde als siebter in die Kammer geführt. Er leistete Widerstand, schrie antisemitische Parolen und soll sogar den Hitler-Gruß gezeigt haben. Seine letzten Worte, bevor er gewaltsam zum Galgen gebracht wurde, waren: „Adele, meine liebe Frau.”
Fritz Sauckel, der für die Organisation von Zwangsarbeit und Sklavenarbeit verantwortlich war, beteuerte auf dem Schafott seine Unschuld: „Ich sterbe unschuldig. Das Urteil ist falsch. Gott schütze Deutschland und mache Deutschland wieder groß.
Es lebe Deutschland. Gott schütze meine Familie.”
Alfred Jodl, Generaloberst und Chef des Wehrmachtführungsstabes, trug bei seiner Hinrichtung eine eilig übergeworfene schwarze Uniformjacke. Er wirkte nervös und musste die Stufen zum Galgen mit Hilfe der Wachen erklimmen. Seine letzten Worte waren: „Meine Grüße an dich, mein Deutschland.”
Den Abschluss bildete Arthur Seyß-Inquart, der ehemalige österreichische Bundeskanzler und Reichskommissar für die besetzten Niederlande. Er hatte in den Niederlanden ein Terrorregime errichtet, Tausende zur Zwangsarbeit deportiert und zahlreiche Menschen in Konzentrationslager geschickt, wo sie ermordet wurden. Seine letzten Worte waren ungewöhnlich reflektiert: „Ich hoffe, dass diese Hinrichtung der letzte Akt der Tragödie des Zweiten Weltkriegs ist und dass die Lehre aus diesem Weltkrieg sein wird, dass Frieden und Verständigung zwischen den Völkern herrschen sollen.
Ich glaube an Deutschland.”
Innerhalb von knapp zwei Stunden waren alle zehn Verurteilten hingerichtet. Die Körper wurden in Särge gelegt und noch am selben Tag eingeäschert. Die Asche wurde später in einen nicht gekennzeichneten Fluss in Bayern verstreut, um zu verhindern, dass die Gräber zu Wallfahrtsorten für Neonazis werden.
Die Hinrichtungen von Nürnberg gelten als einer der umstrittensten Akte der Nachkriegsjustiz. Während viele die Urteile als notwendigen Schritt zur Bestrafung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachteten, kritisierten andere die Verfahren als Siegerjustiz. Mehrere der Verurteilten beteuerten bis zuletzt ihre Unschuld oder behaupteten, lediglich Befehle ausgeführt zu haben.
Der Henker John C. Woods, der bereits vor Nürnberg durch zahlreiche Hinrichtungen von Kriegsverbrechern in Europa bekannt geworden war, wurde später für seine mangelnde Professionalität kritisiert. Berichte über verlängerte Todeskämpfe und blutige Verletzungen der Verurteilten durch unsachgemäße Seillängen sorgten für internationale Empörung.
Woods selbst behauptete später, er habe die Hinrichtungen professionell durchgeführt und keine Fehler gemacht.
Die letzten Worte der Nürnberger Verurteilten sind ein düsteres Zeugnis der Endphase des nationalsozialistischen Regimes. Während einige der Männer Reue zeigten oder zumindest um göttliche Gnade baten, blieben andere bis zum Schluss überzeugte Anhänger der Ideologie, die Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Die Dokumentation ihrer letzten Momente dient bis heute als Mahnung an die Grausamkeit und Menschenverachtung des NS-Regimes.
Historiker betonen, dass die Nürnberger Prozesse und die anschließenden Hinrichtungen einen Wendepunkt in der Geschichte des Völkerrechts markierten. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden führende Vertreter eines Staates für Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen. Die Urteile legten den Grundstein für die spätere Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs und die Entwicklung des modernen Völkerstrafrechts.
Dennoch bleiben Fragen offen. Die Tatsache, dass Göring sich der Hinrichtung durch Selbstmord entzog, wurde von vielen als Makel empfunden. Auch die Art und Weise der Hinrichtungen, die von Zeitzeugen als chaotisch und unprofessionell beschrieben wurden, warf ein schlechtes Licht auf die Alliierten.
Einige Beobachter argumentierten, dass die Vollstreckungen eher von Rache als von Gerechtigkeit geprägt waren.
Die zehn Männer, die in der Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses starben, repräsentierten die Spitze eines Regimes, das für den Zweiten Weltkrieg mit über 60 Millionen Toten und den Holocaust mit sechs Millionen ermordeten Juden verantwortlich war. Ihre letzten Worte, ob reumütig oder trotzig, sind ein historisches Dokument der Endzeit des Nationalsozialismus und ein Mahnmal für die Notwendigkeit, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen.
Die Turnhalle, in der die Hinrichtungen stattfanden, wurde später abgerissen. An ihrer Stelle steht heute ein Parkplatz. Doch die Erinnerung an die letzten Stunden der Nürnberger Verurteilten bleibt in den Archiven und in der kollektiven Erinnerung wach – als Zeugnis eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte und als Warnung vor den Konsequenzen von Hass, Machtgier und Menschenverachtung.