Am 1. Oktober 1938 wurde die Berliner Staatsoper Unter den Linden zum Schauplatz eines Ereignisses, das die Musikwelt für Jahrzehnte prägen sollte. Vor 2. 000 Zuschauern dirigierte ein damals 30-jähriger Dirigent aus Salzburg Richard Wagners „Tristan und Isolde“ – und löste zwanzig Minuten Standing Ovations aus.

Der anwesende Propagandaminister Joseph Goebbels applaudierte, während Wilhelm Furtwängler, der mächtigste Dirigent des Reiches, regungslos blieb. Er hatte sofort erkannt, was hier geschah: Die NS-Führung hatte einen Rivalen für ihn aufgebaut. Die Berliner Zeitung feierte den Abend als „Das Karajan-Wunder“. Die Karriere des jungen Mannes, dessen voller Taufname Herbert Adolf Ernst Ritter von Karajan lautete, schien schlagartig zu beginnen.
Doch dieser Aufstieg warf eine Frage auf, die den Dirigenten bis zu seinem Tod begleiten sollte: Was war der Preis für diesen Triumph? Fünf Jahre vor diesem Abend, am 8. April 1933, hatte Karajan in Salzburg seine Aufnahme in die NSDAP beantragt – in einem Land, in dem die Partei zu diesem Zeitpunkt verboten war. Zwei Jahre später, 1935, meldete er sich in Aachen ein zweites Mal an.
Als Generalmusikdirektor in Aachen, der jüngste im gesamten Reich, dirigierte er auch bei Veranstaltungen der Organisation „Kraft durch Freude“. Jüdische Musiker verschwanden derweil aus den Orchestern. Ob er daran aktiv beteiligt war, ist bis heute nicht abschließend belegt. Fest steht, dass er blieb, Karriere machte und schwieg.
Karajans Herkunft stand im Widerspruch zu dem Bild, das er pflegte. Die Familie hieß ursprünglich Karayanes und stammte aus Kozani im damals osmanischen Mazedonien. Sein Urgroßvater war als Händler nach Wien gekommen und hatte den Adelszusatz „von“ nicht für Heldentaten, sondern für Geschäftstüchtigkeit erhalten. Der Dirigent verschwieg diese Wurzeln sein Leben lang.
Seine Mutter stammte zudem aus Ljubljana, eine weitere Wurzel, die er nicht betonte. Der Historiker Oliver Rathkolb fand bei Archivforschungen Hinweise darauf, dass Teile der Familienunterlagen möglicherweise gezielt vernichtet wurden – ein Beleg dafür fehlt jedoch. Schon als Kind zeigte sich Karajans außergewöhnliches Talent. Mit drei Jahren saß er erstmals am Klavier, mit fünf gab er sein erstes öffentliches Konzert.
Seine Karriere als Pianist endete jedoch früh: Eine Nervenentzündung in beiden Händen machte die feinmotorischen Bewegungen unmöglich. Diese Krankheit zwang ihn zur Musik auf andere Weise zu finden – am Dirigentenpult. Nach Stationen am Mozarteum in Salzburg und der Wiener Akademie erhielt er 1929 seine erste Stelle als Kapellmeister am Ulmer Stadttheater. Dort entwickelte er seinen von Besessenheit geprägten Arbeitsstil, der keine Fehler und keinen Widerspruch duldete.
Der Abend in Berlin im Jahr 1938 war jedoch mehr als ein musikalischer Erfolg. Goebbels nutzte den jungen Dirigenten als Werkzeug im Machtkampf gegen Furtwängler, der nicht der Partei beigetreten war und sich öffentlich für jüdische Musiker eingesetzt hatte. Furtwängler erkannte die Gefahr und forderte in einem Brief an Hermann Göring, den Jüngeren von den Berliner Philharmonikern fernzuhalten. 1939 jedoch wandte sich das Blatt: Hitler besuchte eine Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ und war unzufrieden – zu modern, zu eigenwillig.
Goebbels ließ seinen Schützling daraufhin fallen. Karajans Privatleben war von drei Ehen geprägt, die jeweils unterschiedliche Seiten des Mannes zeigen. Die erste Ehe mit der Operettensängerin Elmy Holgerlöf im Juli 1938 blieb kinderlos und endete 1942. Über diese Frau ist kaum etwas bekannt – Karajan sorgte dafür, dass sie aus der Geschichte verschwand.
Im Oktober 1942, mitten im Krieg, heiratete er Anna Maria Sauerst, genannt Anita, aus der Industriellenfamilie Gütermann. Ihr Großvater war jüdisch gewesen, nach den Nürnberger Rassegesetzen galt sie als Vierteljüdin. Diese Ehe kann als Liebesbeweis gelesen werden, aber auch als kühle Rechnung: Eine Frau mit jüdischem Blut konnte nach einem Zusammenbruch des Regimes als Schutzschild bei der Entnazifizierung dienen. Beide Deutungen sind möglich, keine ist belegt.
Die Lage wurde für das Paar zunehmend gefährlich. Im Winter 1944 flohen sie mit falschen Papieren über den Brenner nach Mailand, wo der antifaschistische Dirigent Victor de Sabata ihnen half. Nach dem Krieg stand Karajan 1946 vor der Entnazifizierungskommission. Das Urteil lautete auf „Mitläufer“.
Die Ehe mit Anita hatte sich als nützlich erwiesen – 1958 ließ er sich von ihr scheiden, als sie nicht mehr benötigt wurde. Seine dritte Frau wurde 1958 das Dior-Model Eliette Mouret, 26 Jahre jünger als er. Die Ehe hielt bis zu seinem Tod und brachte zwei Töchter hervor. In ihrem Buch „Mein Leben an seiner Seite“ beschrieb Eliette einen Mann, der über Wochen kaum ein Wort mit ihr wechseln konnte, der bestimmte, was sie trug, und der nur in seltenen Momenten Zärtlichkeit zeigte.
Nach Furtwänglers Tod im November 1954 wählten die Berliner Philharmoniker Karajan im folgenden Jahr zu ihrem Chefdirigenten – auf Lebenszeit. 34 Jahre lang, von 1955 bis 1989, sollte er das Orchester führen. Parallel übernahm er von 1957 bis 1964 die Leitung der Wiener Staatsoper und gründete 1967 die Salzburger Osterfestspiele, bei denen er allein über Werkwahl, Besetzung, Regie und sogar die Beleuchtung bestimmte. Mit der Deutschen Grammophon schloss er einen Exklusivvertrag und nahm über 900 Werke auf, darunter Beethovens Neunte viermal.
Seine Probenarbeit war legendär. Er dirigierte oft mit geschlossenen Augen und hörte selbst kleinste Fehler, die kein Zuhörer bemerkt hätte. Die Orchester musiker beschrieben die Arbeit mit ihm als ebenso prägend wie fordernd. Kontrolle war das bestimmende Prinzip seines Handelns, das über die Musik hinausging: Er produzierte eigene Filmaufnahmen über seine Firma Telemondial und bestimmte persönlich Kameraperspektiven und Schnittrhythmus.
Die Vergangenheit holte ihn immer wieder ein. Bei der ersten Amerika-Tournee der Berliner Philharmoniker 1955 protestierten vor den Konzerthäusern Überlebende und Angehörige jüdischer Organisationen. In Detroit wurde das Konzert mit ihm verboten. Auch in Israel war er nicht willkommen.
Seine Standardantwort auf alle Fragen lautete: „Ich war Musiker, ich war nie an Politik interessiert. “ Eine öffentliche Entschuldigung oder ein Ausdruck von Reue blieben sein ganzes Leben lang aus. 1988, ein Jahr vor seinem Tod, leitete das US-Justizministerium noch eine Untersuchung wegen möglicher Beteiligung an der Verdrängung jüdischer Musiker ein. Sie wurde nach seinem Tod wegen Mangels an Beweisen eingestellt.
Der erbittertste Konflikt seiner späten Jahre betraf die Klarinettistin Sabine Meyer. 1982 wollte Karajan sie als erste Frau in den Berliner Philharmonikern installieren. Das Orchester lehnte in geheimer Abstimmung ab. Der Dirigent reagierte mit eisiger Wut, sagte Konzerte und Aufnahmen ab und legte seine Arbeit nieder.
Der Streit dauerte zwei Jahre. Am Ende verlor Karajan. Meyer verließ das Orchester und wurde eine weltweit gefeierte Solistin. Der wahre Kern des Konflikts war nicht die Musikerin selbst, sondern die Frage, wer das letzte Wort hatte.
Der endgültige Bruch kam 1988. Karajan unterschrieb ohne Wissen des Orchesters einen Exklusivvertrag mit Sony, von dem die Musiker aus der Presse erfuhren. Am 4. April 1989 reichte er handschriftlich seinen Rücktritt ein – wenige Zeilen, ohne Dank, ohne Bedauern.
Sein Nachfolger wurde Claudio Abbado, in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil: ein Mann des Konsenses und der leisen Töne. Neben der Musik suchte Karajan sein Leben lang Extreme. Er war lizenzierter Pilot, flog regelmäßig selbst und besaß einen eigenen Hangar am Salzburger Flughafen. Die Luftfahrtbehörden ermahnten ihn mehrfach wegen riskanten Flugverhaltens.
Er ignorierte die Warnungen. Auch als Skifahrer ging er bis an die Grenzen – ein Sturz in den 1970er Jahren führte zu dauerhaften Rückenproblemen und mehreren Operationen. Dazu kamen Sportwagen, die er auf abgesperrten Strecken testete. Sein Bedürfnis nach Geschwindigkeit und Kontrolle zeigte sich auch hier.
In seinen letzten Jahren verbarg er seinen körperlichen Verfall unter dem Frack: Ein medizinisches Korsett stützte seinen Wirbelsäule, Schmerzmittel steckten in der Westentasche. Sein Chirurg bescheinigte ihm ein Schmerzniveau, das die meisten Menschen in die Knie gezwungen hätte. Trotzdem stand er auf dem Pult, mit geschlossenen Augen. Erstaunlicherweise wandte sich der Mann, der sein Leben lang nach Herrschaft und Bewegung gestrebt hatte, dem Zen-Buddhismus zu.
Seit den 1960er Jahren meditierte er täglich, studierte japanische und chinesische Philosophie und unternahm Reisen nach Japan, die nicht nur Konzerten, sondern auch Tempeln galten. Über den Tod sagte er: „Der Tod ist eine Fermate“ – eine Pause vor dem nächsten Satz. Er verfügte, ohne Zeremonie, ohne Musik, in völliger Stille beigesetzt zu werden. Am 16.
Juli 1989 starb Herbert von Karajan in seiner Villa in Anif an Herzversagen. Zwei Tage später wurde er auf dem kleinen Friedhof am Ortsrand beigesetzt – nur rund zehn bis fünfzehn Menschen waren anwesend. Auf dem schlichten Grabstein stehen nur sein Name und die Daten 1908–1989. Die Berliner Philharmoniker spielten bei einem Gedenkkonzert, das Pult blieb an diesem Abend leer.
Zurück blieben über 900 Aufnahmen, mehr als 300 Millionen verkaufte Tonträger und die Frage, die seine gesamte Karriere begleitete: Kann man seine Musik hören und das vergessen, was er getan hat? Die zwei freiwillig unterschriebenen Parteimitgliedschaften, die Konzerte unter Hakenkreuzfahnen und das Schweigen zu den jüdischen Musikern, die aus den Orchestern verschwanden, stehen neben einem musikalischen Erbe, das die sinfonische Musik eines halben Jahrhunderts prägte. Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht – nur die Aufforderung, mit offenen Augen zuzuhören.