WARUM STARB KLAUS MANN MIT 42 ALLEIN IN EINEM HOTELZIMMER?

WARUM STARB KLAUS MANN MIT 42 ALLEIN IN EINEM HOTELZIMMER?

Im September 1933 saß der 26-jährige Klaus Mann in einem Hotelzimmer in Amsterdam und hielt ein Telegramm in den Händen. Die Nachricht war kurz und geschäftsmäßig. Sein Vater Thomas Mann, der berühmteste Schriftsteller deutscher Sprache, ließ ihm mitteilen, dass er vorerst nicht öffentlich gegen das neue Regime in Berlin Stellung beziehen werde. Die Bücher müssten weiter verkauft werden, die Familie müsse geschützt werden.

Thumbnail

Klaus lachte bitter und schrieb nur einen Satz in sein Tagebuch: „Der Zauberer schweigt, ich muss sprechen, weil er es nicht kann oder nicht will. “ Die Entfremdung zwischen dem Sohn und dem übermächtigen Vater prägte Klaus Manns ganzes Leben. Aufgewachsen in der Münchner Poschinger Straße 1, lernte Klaus früh die Regeln des Hauses: Die Tür zum Arbeitszimmer des Vaters blieb geschlossen, der Genius brauchte Ruhe, alles andere war zweitrangig. Die Mutter Katja organisierte den Haushalt mit preußischer Präzision und hielt die Kinder vom arbeitenden Vater fern.

Später verbrannte sie nach dem Tod ihres Mannes Briefe und Papiere, deren Inhalt nie bekannt wurde. Aus den veröffentlichten Tagebüchern Thomas Manns ging hervor, dass dieser sich zeitlebens zu jungen Männern hingezogen fühlte. Einige Einträge betrafen auch den eigenen Sohn, dessen Körperbau er notierte. Unter den sechs Kindern waren Klaus und seine ältere Schwester Erika die engsten Verbündeten.

Sie nannten sich „Miel“ und bildeten eine Einheit. Während Klaus begann, früh zu schreiben, stand sein Talent immer im Schatten des berühmten Namens. Jede Anerkennung war vergiftet, jede Kritik doppelt schmerzhaft. Die Schule, die alles verändern sollte, war die Odenwaldschule, ein Reforminternat in Hessen, das Freiheit und Eigenständigkeit förderte.

Dort, so erinnerte sich Klaus später, habe er seine homosexuelle Neigung nicht als Schande, sondern als Teil einer antiken Tradition begreifen gelernt. 1925 veröffentlichte Klaus Mann seinen ersten Roman „Der fromme Tanz“, der offen die Welt der Berliner Homosexuellen beschrieb. Die Kritiken waren verrätselelnd: Man lobte das Talent, wies aber stets auf den berühmten Vater hin. Thomas Mann schwieg zu dem Buch, was Klaus härter traf als jede Verrissung.

In den wilden Jahren der Weimarer Republik erlebte Klaus das nächtliche Berlin, besuchte das legendäre Eldorado und begann eine Beziehung mit dem ehrgeizigen Schauspieler Gustaf Gründgens. Der wiederum heiratete 1926 Erika Mann, ein Zweckbündnis, das drei Jahre hielt. Gründgens war homosexuell, alle Beteiligten wussten es. Ein Verlöbnis mit Pamela Wedekind, der Tochter des Dramatikers Frank Wedekind, scheiterte 1928, weil Klaus sich zu Männern hingezogen fühlte.

Eine Reise in die Sowjetunion 1927 machte aus Klaus Mann zunächst einen Sympathisanten der Revolution. Innerhalb von zwei Jahren wandelte er sich jedoch zum scharfen Kritiker des Stalinismus. Er hasste die Faschisten, verachtete aber auch die Stalinisten. Im Januar 1933 eröffneten Klaus und Erika in München das Kabarett „Die Pfeffermühle“, das mit scharfen Parodien gegen die aufkommende Nazi-Bewegung ankämpfte.

Nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 flohen die Geschwister im März in die Schweiz. Das Kabarett tourte durch Europa, bis es 1936 aufgelöst wurde. Im Herbst 1933 gründete Klaus Mann die Exilzeitschrift „Die Sammlung“ mit Sitz bei Querido in Amsterdam.

Er bat seinen Vater brieflich um eine öffentliche Unterstützung, doch Thomas Mann lehnte ab. Im Februar 1934 distanzierte er sich sogar öffentlich in deutschen Zeitungen von der Zeitschrift seines Sohnes. Klaus notierte daraufhin in seinem Tagebuch, der „Zauberer“ habe ihn für dreißig Silberlinge verraten, ausgezahlt in Reichsmark. Historiker debattieren bis heute, ob Thomas Mann unter Druck seines Verlegers stand oder taktierte, um später wirksamer sprechen zu können.

Für Klaus gab es damals keine Grautöne, nur den Schmerz des verlassenen Sohnes. Als Thomas Mann 1936 endlich öffentlich gegen das Regime Stellung bezog, reagierte Klaus ohne Freude: „Drei Jahre zu spät. Meine Freunde sind alle tot. “ Die tiefe Entfremdung zwischen Vater und Sohn heilte nie vollständig.

Im selben Jahr begann Klaus Mann mit der Arbeit an seinem Roman „Mephisto“. Gustaf Gründgens, der unter den Nazis geblieben war und unter dem Schutz von Hermann Göring zum Intendanten des Preußischen Staatstheaters aufstieg, wurde zum Vorbild für die Figur des Henrik Höfgen, eines Karrieristen, der seine Freunde verrät und seine Seele verkauft. Klaus bestritt, dass es sich um Rache handele: Er habe einen Typus beschreiben wollen, den Opportunisten, der gefährlicher sei als jeder Ideologe. Thomas Mann riet seinem Sohn zur Zurückhaltung, doch Klaus veröffentlichte den Roman 1936 bei Querido.

In Deutschland war das Buch verboten, wurde aber über die Grenze geschmuggelt. 1938 emigrierte Klaus Mann in die USA. Hollywood wies seine Stoffe über den Faschismus ab, man wollte Unterhaltung, nicht Aufklärung. 1943 wurde er amerikanischer Staatsbürger und meldete sich freiwillig zur Armee.

Er wurde der Militärzeitung „Stars and Stripes“ zugeteilt und als Berichterstatter in Italien eingesetzt. Nach Kriegsende kam er in amerikanischer Uniform nach München zurück und stand vor dem beschädigten Elternhaus in der Poschinger Straße. Er betrat es nicht. Die Nachkriegsjahre brachten keine Erlösung.

Ehemalige Nazis kehrten in ihre Ämter zurück, auch Gustaf Gründgens wurde 1947 wieder Intendant in Düsseldorf. Klaus Mann, von Depressionen geplagt, verfiel erneut Morphium und Barbituraten. 1948 unternahm er einen ersten Suizidversuch. Im Mai 1949 reiste er nach Cannes.

In einer kleinen Pension, fernab des Filmfestivals, verbrachte er seine letzten Tage. Er schrieb kaum noch, die Worte wollten nicht mehr fließen. Am 19. Mai notierte er in sein Tagebuch: „Der Untergang Deutschlands, der Untergang der Welt, mein Untergang.

“ Am Morgen des 21. Mai 1949 fand ihn das Zimmermädchen tot im Bett, neben ihm eine leere Flasche Schlaftabletten. Klaus Mann wurde 42 Jahre alt. Die Nachricht erreichte Thomas Mann in Kalifornien.

In sein Tagebuch schrieb er später den Satz: „Die Nachricht hat weniger Eindruck gemacht, als sie hätte machen sollen. “ Bis heute wird darüber gerätselt, ob darin Kälte, Verdrängung oder eine lange erwartete Gewissheit zum Ausdruck kommt. Thomas Mann kam nicht zur Beerdigung, Katja reiste nach Cannes und regelte die Formalitäten. Die Beisetzung fand im kleinen Kreis auf dem Friedhof von Cannes statt.

Klaus Mann hinterließ sechs Romane, Essays, Erzählungen und Tagebücher. Sein Werk wurde zunächst kaum beachtet. Erst in den späten 1950er Jahren begannen Forscher, seine Bücher als eigenständige Literatur wahrzunehmen. Die Studentenbewegung der 1960er Jahre entdeckte ihn als einen, der nicht geschwiegen hatte.

1966 setzte der Adoptivsohn von Gustaf Gründgens gegen eine Neuauflage von „Mephisto“ ein Verbot durch, das erst 1981 aufgehoben wurde. Das Buch wurde danach zum Bestseller und ist bis heute Klaus Manns meistgelesenes Werk. Die Homosexuellenbewegung der 1970er Jahre fand in ihm einen Vordenker, der offen zu seiner Neigung gestanden hatte, als Homosexualität noch unter Strafe stand. Gustaf Gründgens starb 1963 in Manila an einer Überdosis Schlaftabletten, 14 Jahre nach Klaus Mann.

Auch diese Todesumstände wurden nie abschließend geklärt. Die Symmetrie der Schicksale blieb unübersehbar. Klaus Manns Geschwister trugen die Last der Familiengeschichte unterschiedlich. Golo Mann wurde ein angesehener Historiker, Michael Mann, der jüngste Bruder, nahm sich 1977 im Alter von 56 Jahren das Leben, genau 28 Jahre nach Klaus.

Erika Mann, die Schwester, die ihm am nächsten stand, starb 1969. Katja Mann, die Mutter, überlebte alle und starb 1980 im Alter von 96 Jahren. In einem späten Interview sagte sie: „Klaus war der Mutigste von uns allen, aber Mut wird auf dieser Welt nicht belohnt. “

Klaus Mann wurde auf dem Friedhof von Kilchberg bei Zürich beigesetzt, wo auch seine Eltern ihre letzte Ruhestätte fanden.

Das Werk von Klaus Mann, darunter „Mephisto“, „Der Vulkan“ und „Der Wendepunkt“, wird bis heute gelesen und erforscht. Seine Warnungen vor Nationalismus, Opportunismus und dem Vergessen gelten vielen als von ungebrochener Aktualität. „Die Dummheit ist unsterblich“, schrieb er einmal, „sie wechselt nur ihr Kleid.

“