Laura Hauf stand am Spülbecken und wusch mechanisch das Geschirr vom Abendessen ab, während sie der Stimme ihres Mannes aus dem Wohnzimmer lauschte. Stefan telefonierte seit etwa zwanzig Minuten, und sein Tonfall war eigenartig weich, beinahe sanft – ganz anders als sonst. Sie drehte den Wasserhahn zu und hörte genauer hin. „Nein, heute Abend kann ich nicht”, sagte er leise.

„Du weißt schon. Zu Hause. Ja, natürlich erinnere ich mich. Ich rufe dich morgen an.
”
Laura spürte ein vertrautes Kribbeln in der Magengegend. Diese Gespräche hatten in den letzten drei Monaten immer häufiger stattgefunden, und ihr Mann brach sie stets ab, sobald sie den Raum betrat. Anfangs dachte sie, es hätte mit der Arbeit zu tun. Stefan arbeitete als Manager in einer Logistikfirma, und abendliche Anrufe waren keine Seltenheit.
Doch nach und nach fügten sich die Details zu einem unangenehmen Gesamtbild zusammen. Das neue Hemd, das er vor einem Monat gekauft hatte und nur auf Geschäftsreisen trug. Der Geruch eines fremden Parfüms an seinem Jackett, leicht und blumig. Die seltsame Zerstreutheit, wenn sie von ihrer Arbeit in der Zahnarztpraxis erzählte, wo sie seit fünf Jahren am Empfang arbeitete.
Stefan schien ihr immer nur halb zuzuhören, ständig abgelenkt von seinem Smartphone. „Laura, ich bin fertig! “, rief er aus dem Wohnzimmer. „Kannst du Kaffee machen?
”
Sie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und ging zu ihrem Mann. Stefan saß auf dem Sofa, starrte auf sein Handy und sah zufrieden aus. Sieben Jahre Ehe hatten Laura gelehrt, seine Stimmungen zu lesen, und zweifellos war er jetzt guter Laune – so wie er es war, wenn er eine Bonuszahlung bei der Arbeit erhalten hatte oder etwas Schönes plante. „Wer hat angerufen?
“, fragte sie und versuchte, ihre Stimme gleichgültig klingen zu lassen. „Ein Kollege aus München. Wir haben über die Lieferungen für nächste Woche gesprochen. ”
Laura nickte und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.
Ein Kollege aus München. Sie fragte sich, was für ein Kollege um diese Uhrzeit anrufen und so sprechen würde, als würde es um etwas viel Persönlicheres als Lieferungen gehen. Sie füllte Kaffeepulver in die Maschine und dachte darüber nach, wie sich ihre Ehe in den letzten Monaten verändert hatte. Früher hatte Stefan ihr immer von der Arbeit erzählt, von schwierigen Kunden, Papierkram und Zukunftsplänen.
Jetzt antwortete er nur noch einsilbig, wenn sie ihn danach fragte, und lenkte das Gespräch schnell auf andere Themen. Die Geschäftsreisen wurden häufiger – alle vierzehn Tage statt wie üblich einmal im Monat – und jedes Mal kehrte er mit einer besonderen Laune zurück, müde und gleichzeitig aufgedreht. „Laura, kochst du den Kaffee oder baust du ihn erst an? “, scherzte Stefan und erschien im Türrahmen der Küche.
Sie drehte sich um und musterte ihn eingehend. Mit seinen Jahren war er immer noch ein attraktiver Mann, groß, schlank, mit dichtem dunklen Haar und ausdrucksstarken braunen Augen. In letzter Zeit achtete er mehr auf sein Äußeres. Er hatte sich neue Kleidung gekauft, das Parfüm gewechselt und sich sogar im Fitnessstudio angemeldet, obwohl er seine Freizeit früher lieber zu Hause verbracht hatte.
„Er ist fast fertig”, sagte sie und goss Kaffee in die Tassen. „Wie läuft die Arbeit? ”
„Viele Aufträge. Das übliche Geschäftsvolumen.
” Stefan nahm die Tasse und nahm einen Schluck. „Übrigens muss ich nächste Woche vielleicht wieder nach München. Die Kunden wollen den neuen Vertrag persönlich besprechen. ”
Schon wieder.
Laura versuchte, ihre Irritation zu verbergen. „Du bist doch erst vor einer Woche aus München zurückgekommen. ”
„Das ist Geschäft, Schatz. Wenn wir ein gutes Leben wollen, müssen wir dorthin gehen, wo das Geld ist.
” Er legte den Arm um ihre Schultern, aber die Berührung wirkte mechanisch, ohne echte Nähe. „Keine Sorge, es wird nicht lange dauern. Höchstens drei Tage. ”
Laura lehnte sich an seine Brust und schloss die Augen.
Früher hatte ihr diese Umarmung ein Gefühl von Sicherheit und Frieden gegeben, aber jetzt spürte sie nur Leere. Stefan roch nach einem neuen Parfüm, herb und holzig, nicht dem süßlichen Duft, den sie ihm einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. „Ich werde dich vermissen”, sagte sie leise. „Ich werde dich auch vermissen”, antwortete er.
Aber die Worte kamen automatisch, ohne echtes Gefühl. Nach dem Kaffee sahen sie die Nachrichten im Fernsehen, aber Laura nahm die Informationen kaum auf. Sie überlegte, was sie als Nächstes tun sollte. Stefan direkt auf die Affäre ansprechen?
Aber was, wenn sie sich irrte? Was, wenn er wirklich nur hart arbeitete und all ihre Zweifel nur Hirngespinste waren? Nein. Ihr Instinkt sagte ihr, dass etwas nicht stimmte.
Es gab zu viele Kleinigkeiten, die nicht zusammenpassten. Die neue Angewohnheit, sofort zu duschen, wenn er von Geschäftsreisen zurückkam. Das Telefon, das er jetzt immer mit dem Display nach unten hinlegte. Die Ausreden, wenn sie vorschlug, gemeinsam in den Urlaub zu fahren.
„Laura, wirst du eigentlich deine Schwester Anja besuchen? “, fragte Stefan plötzlich und schaltete den Fernseher stumm. „Wie bitte? ”
„Ich dachte, du könntest sie nächste Woche besuchen.
Du hättest es dir sicherlich auf dem Herzen, dass du sie schon so lange nicht gesehen hast. Nur für ein paar Tage, so ein Tapetenwechsel könnte dir guttun. ”
Laura starrte ihn an. Das kam aus dem Nichts.
Vor einigen Monaten hatte sie sogar von einem gemeinsamen Urlaub mit ihre Schwester gesprochen, aber Stefan hatte abgewunken und von Terminen gesprochen. Jetzt schlug er selbst vor, dass sie ihre Schwester besuchen sollte? „Ich weiß nicht”, sagte sie langsam. „Normalerweise magst du es ja nicht, wenn ich länger weg bin.
”
„Ich habe im Moment viel zu tun und bin sowieso die ganze Zeit unterwegs”, antwortete er schnell. „Da wäre es eigentlich praktisch, wenn du nicht da wärst. Außerdem kann die schöne Abwechslung dir sicherlich guttun. ”
Die Worte klangen falsch, durchschaut und zu durchtrieben.
Es war ein Vorschlag, der Räume schaffen sollte, keine Fürsorge. Ihr Herz schlug mit einem Mal schwer. In diesem Moment war es, als würde sich ein dunkles Gewissheit in ihr zusammenbrauen. „Ich werde darüber nachdenken”, meinte sie schließlich.
Als sie später die Treppe hinaufging, hörte sie, wie sich die Haustür. Das Geräusch der Eingangsverriegelung. Stefan ging raus, ohne ihr etwas zu sagen. Sie blieb in der Dunkelheit sesshaft und wartete auf seine Rückkehr, aber er kam nicht.
Das Geräusch eines Autos ließ hören, dass er wegfährt. Um halb zwölf, nachdem die Tankstellenlampen auf der andere Straßenseite bereits erloschen waren, hörte Laura das Geräusch des Autos wieder, das in der Einfahrt hielt. Sie hörte Schritte auf der Treppe, das leise Öffnen der Tür. Sie machte die Augen zu und gab vor zu schlafen, als das Badezimmerlicht anging.
Als er ins Bett stieg, drehte er ihr den Rücken zu, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sie hielt es keine Viertelstunde mehr aus. Sie stand leise auf, ging nach unten in die Küche, nahm ihr Handy und ging zum Couchtisch im dunklen Wohnzimmer. Das einzige Licht war das Flimmern des Fernsehers, das über die Möbel zuckte.
Sie sah zu dem Gerät, das wie ein unheimlicher Zeuge im Raum stand. Eine Kammer der stillen Beweise. Dann nahm sie ihr Handy und begann zu tippen. „Hallo Tim, ich hoffe, deine Wochen waren schön.
Du fragst dich vielleicht, warum ich so spät noch schreibe. Ich wollte mich endlich bei dir melden, weil mir neulich aufgefallen ist, dass ich es dir schuldig bin. ”
Sie überlegte kurz, hielt inne und schaute auf die geschlossene Schlafzimmertür. Sie wusste nicht, was sie eigentlich fühlte.
Vor ein paar Jahren wäre dieser Abend völlig anders verlaufen. Jetzt war sie nur noch ein Ort der Verdächtigungen, der Mutlosigkeit und der Verzweiflung. Sie löschte die Nachricht und begann noch mal:
„Tim, ich bin es. Ich wollte fragen, ob wir uns nächste Woche treffen können.
Du weißt schon, wegen des alten Papierkrams, den ich von dir gefunden habe. Sicherlich hat sich da einiges angesammelt. ”
Sie hielt inne und schickte es ab. Was tat sie da?
Aber die Antwort kam nach Minuten: „Hallo Laura. Du hast mich lange nicht zufällig gebraucht. Natürlich können wir uns treffen. Sagen wir am Dienstag, im Café an der Ecke, wie damals?
Soll ich dich zu Hause abholen? ”
„Nein, ich komme direkt vom Termin”, antwortete sie. „Treffen wir uns im Café. ”
Sie steckte das Handy weg und starrte an die Decke.
Der Schmerz, die Wut, das Gefühl des Betrogen-werdens, aber auch die tiefe Erschöpfung – all das lagen sich in ihrer Brust zu einer bleiernen Schwere zusammen. Am Dienstag betrat sie das Café, kurz vor der Mittagspause. Laura hatte sich sorgfältig angezogen, nicht zu elegant, nicht zu betont, nur saubere Jeans und eine Bluse, um zu zeigen, dass sie sich Mühe gegeben hatte, ohne aufdringlich zu wirken. Tim saß am hinteren Tisch, genauso wie früher.
Er hatte sich kaum verändert in den Jahren, seit sie sich zuletzt gesprochen hatten. Dunkles Haar, das er sich aus der Stirn strich, ein offenes Lächeln, die Ruhe und das Vergnügen, die sie einst an ihm gemocht hatte. Er stand auf und umarmte sie kurz, mit einer Vertraulichkeit, die sie aus der alten Zeit kannte, aber ohne jede Berührung, die zu nah für dieses Wiedersehen gewesen wäre. „Laura”, sagte er, und es klang wie eine erstaunte Feststellung, als hätte er nicht erwartet, sie jemals wiederzusehen.
„Ich freue mich, dass du dich gemeldet hast. Komm, setz dich. Du siehst müde aus. ”
Laura setzte sich ihm gegenüber und bestellte einen Kaffee.
Sie atmete tief durch, sammelte ihre Gedanken. Dann erinnerte sie sich an die eigentliche Frage, die sie sich die ganze Woche gestellt hatte. „Tim, ich hoffe, du hattest keinen Ärger, dass ich direkt schreibe”, begann sie zögerlich. „Es geht um etwas ganz Bestimmtes.
Es geht um dich und mich. Es ist über Stefan. Ich glaube, er hat eine Affäre, und ich muss wissen, ob das stimmt. ”
Tim sah sie an, dann senkte er den Kopf.
Seine Reaktion verriet ihr, dass er etwas wusste. „Was weißt du, Tim? Bitte. Ich habe niemanden, mit dem ich offen reden kann, ohne dass es jemand weitererzählt.
”
Er seufzte und verschränkte die Hände. „Laura, ich bin kein guter Freund von Gerüchten. Aber ich habe vor ein paar Wochen etwas gehört, was dich interessieren könnte. Es geht um deinen Mann.
Es gibt da eine Frau, die ich kenne, aus meinem Fitnessstudio. Sie ist auch mit dir bekannt. ” Er machte eine Pause. „Stefan hat sich vor ein paar Monaten exklusiv angemeldet.
Bei diesem neuen Studium, das die Leute im Moment oft machen. Er trainiert dort regelmäßig. Und nicht alleine. Da gibt es eine Frau.
Ich kenne ihren Namen nicht genau, aber ich habe gehört, sie arbeitet als Physiotherapeutin oder so was Ähnliches. Sie trainieren oft zusammen, ziemlich eng. Ich habe sie zusammen gesehen. ”
Laura hörte ihm zu und ihr wurde kalt.
Sie sah das Fitnessstudio vor sich, in das er sich plötzlich angemeldet hatte, ausgerechnet um „fit zu bleiben”, obwohl er nie viel Sport getrieben hatte. „Sag mir den Namen, Tim. Bitte. ”
„Ich kenne ihn nicht genau”, erwiderte er.
„Aber ich habe gehört, ihre Initialen wären A. oder B. , ich weiß es nicht mehr. Ich hoffe nur, du kannst das irgendwie aufklären, ohne dass du dich in Gefahr bringst.
Ich weiß nicht, wie tief das geht. ”
Laura wollte etwas erwidern, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Bevor sie etwas sagen konnte, ging das Telefon auf dem Tisch los. Die Nummer ihres Mannes.
Sie hob ab. „Ja? ”
„Laura, wo bist du? ” Sein Ton war scharf.
„Ich bin vorhin vom Büro nach Hause gefahren und du bist nicht da. Warum gehst du plötzlich irgendwohin, ohne dich zu melden? ”
Sie zögerte und ihr Blut rauschte in den Ohren. „Ich treffe mich mit einer Freundin auf einen Kaffee.
Ist das jetzt ein Verbrechen? ”
„Nein, natürlich nicht”, sagte er schärfer als nötig. „Ich hätte mir gewünscht, Bescheid zu wissen. Wir können gleich darüber reden, wenn ich zu Hause bin.
”
Er legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Tim schaute sie betroffen an. „Alles okay bei dir? ”
„Nein”, antwortete Laura leise und ihre Augen brannten.
„Ich glaube nicht, dass alles okay ist. Ich glaube, mein Mann hat mich betrogen. ”
Sie verließ das Café mit schwankenden Schritten. Auf dem Weg nach Hause malte sie sich alles aus: die Frau im Studio, das Geheimnis, die Lügen.
Als sie die Tür aufschloss, hörte sie Geräusche aus der Küche. Stefan kam ihm entgegen, mit einem übermäßig lockeren Lächeln. „Ah, da bist du ja”, sagte er und trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich automatisch einen Schritt zurück.
„War die Kaffeerunde schön? ”
„Wer ist sie? “, fragte sie, ohne zu zögern. „Wie bitte?
”
„Ich habe dich doch gehört. Das Telefon geht, das Klingeln, und du stattst trotzdem auf dein Handy. Du hältst mich für nichts Besseres, nicht wahr? Ist es die Frau aus dem Fitnessstudio?
Oder jemand anderes? Sag mir einfach die Wahrheit. ”
Stefan wurde rot bis über beide Ohren. Das war das Geständnis.
Statt zu verhandeln, fing er an zu lallen und auszuholen. „Das ist nicht wahr, woher willst du das wissen? Wer hat dir das erzählt? Das ist eine Lüge.
”
„Ist es das? “, fragte Laura schneidend. „Bist du wirklich nach München gefahren, als du es gesagt hast? Vor drei Tagen?
Ich habe deinen Flugbegleiter angerufen, weißt du das noch? Es war ein Ding der Unmöglichkeit, meinen Standpunkt zu vertreten, aber ich habe es trotzdem versucht. Du bist nicht geflogen, Stimmt doch, oder? ”
Stefan sah aus, als hätte man ihm einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet.
Er trat zurück, mit einer hilflosen Geste. „Es ist nicht das, was du denkst, Laura. Das ist nur eine Kollegin. Sie hört mir einfach zu, verstehst du?
Sie hat Komplikationen zuhause mit ihrem Ehemann, und ich hab versucht sie zu trösten. Mehr ist da nie gelaufen. Alles andere sind nur Missverständnisse. ”
„Ein missverständiges Affärending also”, höhnte sie.
„Du trägst neues Parfüm, neue Hemden, du gehst plötzlich trainieren, und wenn ich anrufe, wirst du immer unmöglich erreichbar. Das sind keine Missverständnisse, das sind Lügen. Und ich bin es leid. ”
Stefan begann sie zu beruhigen, mit weicher werdender Stimme, holte ihre Hand und suchte körperliche Nähe.
„Es tut mir leid, das war falsch, ich weiß. Es war ein blöder Fehler. Aber ich liebe dich, Laura, wirklich. Ich schwöre, ich breche die Sache ab.
Hör zu, ich werde Urlaub nehmen, wir fahren irgendwohin, nur wir beide. Leg es auf mich. Danach wird wieder alles wie früher. ”
Laura entzog sich seiner Berührung und trat an das Fenster.
Sie starrte auf die Straße hinunter, ohne es wahrzunehmen, und aus ihrem Mund kamen leise, aber bestimmt gesetzte Worte. „Nein, Stefan. Es wird nie wieder wie früher. ”
Sie drehte sich um und fasste ihn scharf an den Blick.
„Ich habe dich geliebt. Wirklich geliebt, fußläufig bis zum Horizont. Aber ich erkenne dich nicht mehr. Und ich erkenne unser Leben nicht mehr.
Es tut mir leid, aber ich kann nicht so weitermachen. ”
„Was willst du damit sagen? “, fragte er misstrauisch. „Ich will, dass du ausziehst”, sagte Laura ruhig.
„Noch diese Woche. Und dann werden wir das mit der Scheidung regeln. ”
Stefan lachte ungläubig, aber sein Gesicht war schlaff. „Du übertreibst.
Das können wir klären. Du kannst mich nicht einfach rausschmeißen, nicht nach sieben Jahren Ehe. ”
„Doch, das kann ich wohl”, antwortete Laura. „Ich weiß sogar, wovon ich rede.
Und wenn du gehst, dann möchte ich, dass du weißt, dass ich mir bereits einen Anwalt genommen habe und die Papiere für das Haus schon fertig sind. Das ist mein Zuhause. Nicht deins. ”
Sie hörte sich die Worte selbst sagen, sachlich, als würde sie jemandes Befinden auseinandernehmen und die Teile entsorgen.
Sie sah, wie das Leben aus Stefans Augen wich, wie er zu verblassen schien, bevor er sich umdrehte und wortlos das Zimmer verließ. Stunden später saß Laura allein im Dunkeln auf dem Sofa. Das Haus war still. Nur das Ticken der Wanduhr und das Summen des Kühlschranks aus der Küche waren zu hören.
Sie spürte keinen Triumph, nur Müdigkeit und eine seltsame Leere, die sich wie Watte um ihr Herz legte. Neben sich hörte sie das leise Vibrieren ihres Handys. Sie nahm es und sah die Nachricht von Tim. „Ich weiß, das ist nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich wollte nur wissen, ob bei Ihnen alles klar ist.
Wenn Sie jemanden zum Reden brauchen, bin ich da. ”
Laura las die Nachricht mehrmals. Dann tippte sie: „Danke, Tim. Aber es wird alles noch eine Weile dauern.
”
Sie legte das Handy weg und zog die Decke fester um die Schultern. Das erste Licht des Morgens drang durch die Jalousien und trieb die Schatten aus dem Raum. Vor ihr lag die Stadt, ihre Heimat seit so langer Zeit, und sie selbst wusste zum ersten Mal seit Monaten nicht, was Blut in ihren Adern den ganzen Tag trieb. Die Ärztin aus der Zahnarztpraxis, mit der sie sich regelmäßig traf, hatte ihr nach dem Gespräch gesagt: „Sie werden es überleben, Laura.
Es wird nur eine Weile dauern, bis Sie sich selbst wiederfinden. Aber es kommt zurück. ”
Sie wusste nicht, ob sie dieser Stimme glauben sollte, aber sie wusste, dass sie den ersten Schritt weg von all den Lügen bereits getan hatte. Vor ihr lag ein langer Weg, aber heute zum ersten Mal seit Jahren lag es allein an ihr, wohin er führte.
Am nächsten Morgen hörte sie, wie Stefan im Schlafzimmer seine Koffer packte. Sie blieb in der Küche am Küchentisch sitzen und schaute in eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war. Als er die Treppe herunterkam, seinen schwarzen Rollkoffer hinter sich herzog, blieb er vor ihr stehen. „Laura, ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Ich war ein Idiot. Sie bedeutet mir nichts. Bitte, lass uns noch einmal von vorne anfangen. Ich ändere mich, ich verspreche es.
”
Sie sah auf den Fugenstrich zwischen den Küchenfliesen. Früher hätte ihr das Herz bei diesen Worten gebrochen und sie wäre ihm in die Arme gefallen. Jetzt blieb alles still in ihr. „Lass sie uns alle einhalten, was wir versprochen haben”, sagte er und machte eine Pause.
„Leb wohl, Stefan”, antwortete sie, ohne ihn anzusehen. Er wartete, aber als nichts mehr kam, drehte er sich um und ging hinaus ins draußen. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Und das Geräusch, das es machte, klang wie der letzte Seufzer einer Ehe, die lange schon gestorben war.
Laura blieb sitzen, bis das Geräusch des Autos verklungen war. Dann stand sie auf, machte den leeren Krug, der noch auf der Arbeitsplatte stand, zu, und ging langsam die Treppe hinauf in ein Schlafzimmer, das zum ersten Mal seit Jahren nur noch ihr gehörte. In dem neuen Licht des Morgens wirkten die Möbel kleiner, die Vorhänge heller. Sie blieb auf der Schwelle stehen, den Blick aufs Fenster, wo der Tag das ganze Ausmaß des Raumes aufzeigte, der nun zurücksichtslos ihrer war.
Laura setzte sich auf die Bettkante und atmete tief durch. Ein zweiter Atemzug, ein dritter. Dann stand sie auf, öffnete den Schrank und begann, die leere Kleiderstange zu sortieren.