Mein Handy vibrierte auf dem Nachttisch. Es war genau drei Uhr morgens. Auf dem Display erschien der Name meiner Nachbarin Renate. Ihre Stimme war kaum mehr als ein erschrockenes Flüstern in der Leitung.

„Brigitte, da ist ein Mann in deinem Garten. Er hat ein Brecheisen dabei. “
Ich schaltete die Nachttischlampe nicht ein. Ich stand vorsichtig auf und spürte die Kälte des Holzbodens unter meinen nackten Füßen.
Panik empfand ich nicht. Mit achtundsechzig Jahren habe ich gelernt, dass Angst nur den Verstand trübt. Lautlos ging ich zum Fenster, das auf den hinteren Garten zeigte, und schob den Vorhang kaum einen Spalt zur Seite. Das Mondlicht fiel auf die Silhouette eines Mannes, der sich gegen die massive Holztür meiner Werkstatt stemmte.
Zu seinen Füßen lag eine Leinentasche. In seinen Händen hielt er ein schweres, metallenes Brecheisen. Renate war noch in der Leitung. Ich hörte ihren hastigen Atem.
„Ich rufe jetzt die Polizei“, flüsterte sie. „Nein“, antwortete ich völlig ruhig, ohne den Blick vom Fenster zu lassen. „Rufen Sie niemanden an, Renate. Gehen Sie wieder ins Bett und schließen Sie Ihre Tür ab.
Ich kümmere mich darum. “
Der Mann im Garten drehte sich leicht zur Seite, um mit dem Werkzeug mehr Hebelwirkung zu bekommen. Sein Profil wurde für eine Sekunde vom schwachen Licht einer entfernten Straßenlaterne erhellt. Für einen Moment wurde mir eiskalt, aber die Überraschung wich sofort einer eisigen Klarheit.
Das war kein Fremder, der es auf flüchtige Wertsachen abgesehen hatte. Es war Jürgen, der Ehemann meiner Tochter Sabine. Seit Monaten stellte er Fragen über die Restaurierungsausrüstung und die Maschinen, die ich dort seit dem Tod meines Mannes aufbewahrte. Ich hatte ihn immer für habgierig gehalten, aber dass er so dreist sein würde, hätte ich nicht gedacht.
Ich ließ den Vorhang langsam wieder zurückgleiten. Statt zum Telefon zu greifen und Hilfe zu rufen, ging ich in den Flur zum Sicherungskasten. Es war an der Zeit, ihm einen gebührenden Empfang zu bereiten. Um zu verstehen, warum Jürgen mit einem Brecheisen in meinem Garten stand, muss man ein wenig zurückschauen.
Meine Werkstatt ist nicht nur ein Schuppen voller alter Werkzeuge. Sie ist ein vierzig Quadratmeter großer Raum, in dem ich antike Möbel restauriere. Ein Handwerk, das mir nicht nur inneren Frieden gebracht hat, sondern auch eine finanzielle Unabhängigkeit, die meine Kinder völlig unterschätzen. Darin stehen professionelle Poliermaschinen, eine Präzisionskreissäge und eine Holzdrehbank, die mehr gekostet hat als das Auto, das Jürgen fährt.
Seine Bemerkungen begannen vor etwa einem halben Jahr beim Sonntagskaffee. Er schlenderte in die Werkstatt, spähte durch das Fenster und fragte mich, was das alles wert sei oder ob es nicht leichtsinnig sei, in meinem Alter so viel totes Kapital herumliegen zu haben. Meine Tochter Sabine pflichtete ihm vom Gartentisch aus bei und sagte, sie würde alles verkaufen und das Leben genießen. Ich ließ mich nie auf eine Diskussion ein.
Ich schenkte einfach Kaffee nach und wechselte das Thema. Aber ich hatte die Warnsignale nicht ignoriert. Drei Tage nach seiner aufdringlichsten Bemerkung über den Wert der Drehbank hatte ich einen Schlüsseldienst bestellt. Das alte Schloss wurde durch einen stabilen Sicherheitszylinder ersetzt und an der Innenseite der Tür schwere Stahlriegel angebracht.
Jürgen dachte wahrscheinlich, das alte Holz würde nach ein paar Stößen mit dem Brecheisen nachgeben. Er wusste nicht, dass er versuchte, einen Safe zu knacken, der nur als Gartentür getarnt war. Ich hörte das Kratzen von Metall bis in meinen Flur. Jürgen wurde sichtlich frustriert.
Meine Werkstatt hielt stand und schien ihn fast zu verhöhnen. Ich zog meinen Bademantel über die Schultern und griff nach der schweren Taschenlampe, die ich in der Schublade der Kommode aufbewahre. Ich musste nicht schreien, weinen oder Erklärungen verlangen. Ich musste ihm nur unmissverständlich klarmachen, dass sein Zugang zu meinem Leben und meinem Eigentum in dieser Nacht endgültig abgelaufen war.
Lautlos ging ich die Treppe hinunter. Das Haus war stockdunkel, genau so, wie ich es mochte. In der Küche blieb ich vor dem Hauptschalter für die Außenbeleuchtung stehen. Diese riesigen Halogenfluter hatte ich vor zwei Jahren einbauen lassen, um den Garten taghell zu erleuchten, wenn ich abends arbeitete.
Ich drückte den Schalter nach oben. Der gesamte Garten explodierte in grellem, weißem Licht. Durch das Glas der Terrassentür sah ich, wie Jürgen zurückzuckte und das Brecheisen fallen ließ, als hätte das Metall seine Hände verbrannt. Die Nachtluft war kühl.
Ich trat durch die offene Terrassentür auf den Kiesweg hinaus, die Taschenlampe in der Hand, obwohl ich sie nicht mehr brauchte. Jürgen stand wie erstarrt da, blinzelte in das gleißende Licht. Er trug dunkle Kleidung, die nicht zu ihm passte, und stammelte etwas von einem Geräusch, das er gehört haben wollte. Er wollte nur nach dem Rechten sehen, behauptete er.
Ich sah ihn nur an, dann das Brecheisen auf dem Boden, dann die leere Tasche. „Jürgen“, sagte ich, und meine Stimme war ruhig wie ein zugezogener Vorhang. „Wenn du jemals wieder unaufgefordert mein Grundstück betrittst, wird das Licht nicht das Einzige sein, das angeht. “
Er murmelte etwas von einem Missverständnis, wollte nach dem Brecheisen greifen, aber ich trat einen Schritt vor.
Er ließ die Hand sinken. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit des Gartens. Ich wartete, bis das Gartentor ins Schloss fiel, dann schaltete ich das Licht aus. Die Werkstatt hatte keine einzige Schramme abbekommen.
Nur einen Kratzer an der Tür hatten die Stahlriegel dem Holz zugefügt, aber das war meine eigene, gewollte Sicherheitsvorkehrung gewesen. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Es war Sabine. Ihre Stimme klang gepresst.
Sie verlangte eine Erklärung. Sie sprach von einem Anruf Jürgens, der behauptete, ich hätte ihn nachts wie einen Verbrecher behandelt. Sie sagte, ich hätte ihn mit einer Waffe bedroht. Ich hörte mir das alles an, bis sie Luft holen musste.
Dann sagte ich nur: „Dein Mann hat versucht, nachts mit einem Brecheisen in meine Werkstatt einzudringen. Bitte verschwende meine Zeit nicht mit seinen Ausreden. “ Ich legte auf. Ich wusste, dass das Gespräch damit nicht beendet war.
Zwei Tage später meldete sich Sabine bei mir, diesmal mit einer anderen Taktik. Sie wollte mich zum Frühstück treffen, „unter vier Augen“. Ich ließ sie herein, aber ich führte sie nicht in die Küche. Ich blieb mit ihr im Flur stehen, direkt vor der Tür zur Werkstatt, die nun ein neues, noch stabileres Schloss hatte.
Sie zuckte kurz zurück, fing sich aber sofort wieder. „Mama, wir müssen über Jürgen reden“, begann sie mit ihrer altbekannten, bestimmten Stimme. „Das war ein Fehler. Er war verzweifelt.
Die Firma hat Schulden. Er hat Angst, alles zu verlieren. “
Ich verschränkte die Arme. „Dann hätte er mit mir reden können.
Stattdessen hat er versucht, nachts meine Tür aufzubrechen. “
„Du verstehst das nicht“, sagte sie und ihre Stimme bekam einen scharfen Unterton. „Jürgen meint, es ist nicht richtig, dass du in diesem großen Haus allein lebst. Wir machen uns Sorgen.
Wir denken, dass es Zeit ist, dass jemand sich um dich und dein Erbe kümmert. Wir könnten hier einziehen, uns um dich kümmern, dann ist niemand mehr auf sich allein gestellt. “
Da war er also, der wahre Kern. Sie hatten es auf das Haus abgesehen.
Auf die Werkstatt. Auf alles. Aber sie täuschten sich gewaltig, wenn sie dachten, ich würde mich von ihnen einschüchtern oder einwickeln lassen. „Das ist weder notwendig noch gewünscht“, sagte ich ruhig.
„Ich bin weder pflegebedürftig noch verwirrt. Und was das Erbe betrifft, Sabine, ich bin noch nicht tot. Und bis dahin verwalte ich mein Eigentum selbst. “
Ich hielt inne.
Der Flur war still. Auf dem Tisch neben mir lagen zwei Briefumschläge. Ich nahm einen davon und hielt ihn ihr hin. Sie runzelte die Stirn, machte aber keine Anstalten, ihn zu nehmen.
„Das ist die Kündigung für die Partnerkarte, die auf mein Konto läuft“, sagte ich. „Ich habe sie gekündigt. Ab sofort sind meine Finanzen von euch abgekoppelt. Ich habe mein Testament überarbeitet und einen Anwalt mit der Verwaltung meines Nachlasses beauftragt.
Ihr werdet nicht mehr an die Werkstatt, an die Maschinen oder an das Haus kommen, solange ich lebe. Und danach auch nicht, außer ich entscheide es anders. “
Sabines Gesicht wurde erst weiß, dann rot. „Du bist wirklich nicht mehr ganz dicht“, zischte sie, ihre Stimme jetzt hoch und schrill.
„Du behandelst uns wie Verbrecher. Nur weil Jürgen einen blöden Fehler gemacht hat. Du hast mich immer bevorzugt behandelt wie ein Kind, das man nicht ernst nehmen kann. Aber denk daran, wir können dich auch gegen deinen Willen in ein Heim einweisen lassen.
Das geht heutzutage schneller, als du denkst. “
Ich ließ ihre Drohung einen Moment im Raum stehen. Sie klang so leer, so trotzig. „Das wird sie nicht“, erwiderte ich.
„Und wenn du dich weiter so verhältst, Sabine, dann werden wir uns nur noch über meine Anwälte unterhalten. Jetzt verlasse bitte mein Haus. Und sag deinem Mann, er soll mir aus dem Weg gehen. Sollte ich ihn noch einmal auf meinem Grundstück sehen, erstatte ich Anzeige.
Das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen. “
Sie stand da, zornig, aber auch verunsichert. Sie konnte nicht glauben, dass ich mich nicht umstimmen ließ. Schließlich drehte sie sich um, riss die Tür auf und ging, ohne ein weiteres Wort.
Als das Gartentor ins Schloss fiel, atmete ich tief durch. Die Entscheidung war gefallen. Es gab kein Zurück mehr. Und obwohl ich wusste, dass mich dieser Schritt meine Tochter kosten würde, empfand ich eine riesige Erleichterung.
Ich hatte mich nie selbst betrogen. Jetzt betrog ich mich auch nicht selbst über die Konsequenzen. In den folgenden Wochen spitzte sich die Lage weiter zu. Ein Brief von einem Anwalt Sabines und Jürgens flatterte in den Briefkasten.
Sie versuchten, einen Anspruch auf das Haus geltend zu machen, mit der Begründung, ich sei nicht mehr geschäftsfähig und sie mir helfen zu müssen. Sie schickten mir sogar ein Formular, das meine Unterschrift für eine Kontovollmacht verlangte. Ich gab den Brief meinem eigenen Anwalt, der es kaum fassen konnte. „Das ist dreist, Frau Berndorf“, sagte er kopfschüttelnd.
„Die wollen Ihnen die Kontrolle entziehen, nicht helfen. Soll ich antworten? “
„Ja“, sagte ich. „Sagen Sie ihnen, sie sollen sich an mich halten.
Und dass ich bei dem geringsten Anzeichen von weiteren Übergriffen oder Nachstellungen nicht zögern werde, eine einstweilige Verfügung gegen sie zu erwirken. Ich glaube, das ist klar genug. “
Der anwaltliche Schriftsatz reiste ab. Zur selben Zeit, als ich die Briefe schrieb, traf ich eine andere Entscheidung.
Das Haus war mir zu groß geworden. Die Zimmer, die einst mit Lachen gefüllt waren, lasteten auf mir. Die Werkstatt, so geliebt sie war, war nur noch ein Raum voller Erinnerungen an den Beginn von Unruhe und Gier. Ich wollte frei sein.
Nicht unbedingt von den Erinnerungen, aber von dem Ballast. Ich rief einen Immobilienmakler an, den ich von früher kannte, einen seriösen, unauffälligen Mann. Ich erklärte ihm, dass ich das Haus verkaufen wollte, aber nur an jemanden, der es als Wohnhaus schätzte, nicht an Spekulanten. Er versprach, sich umzusehen.
In der Zwischenzeit begann ich, die Werkstatt auszusortieren. Die teuren Maschinen waren das erste, was ging. Ich inserierte sie in einer Fachzeitschrift für Schreinerei. Das Interesse war groß.
Ich verkaufte sie zu einem fairen Preis an einen jgezogenen Tischlermeister, der ein neues Atelier eröffnete. Ich behielt nur die Handwerkszeuge, die ich noch benutzte, meine kleinen Schleifgeräte und das Material für Restaurationen. Der Raum war plötzlich geräumig, sauber und, was am wichtigsten war, frei von jeder teuren Versuchung. Das Geld war sicher auf einem Konto, zu dem es keine Bankkarte gab und auf das nur ich Zugriff hatte.
Die Ruhe war fast beunruhigend. Ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis Sabine und Jürgen Wind davon bekamen. Und ich hatte recht. Genau drei Wochen später bekam ich einen wutentbrannten Anruf von Sabine.
Sie hatte den neuen Briefkasten gesehen oder einen Nachbarn ausgefragt. Ihre Stimme überschlug sich fast. „Du verkaufst das Haus? Du hast umgehend damit aufzuhören!
Du kannst nicht einfach alles verkaufen und uns um unser Erbe betrügen! “
„Ich habe euch nicht betrogen, Sabine“, antwortete ich. „Und es ist nicht euer Erbe. Es ist mein Haus.
Ich habe es selbst abbezahlt, mit meiner eigenen Hände Arbeit, nicht mit eurem Geld und auch nicht mit dem meines Mannes. Es ist mein gutes Recht, es zu verkaufen, wenn ich es will. Und ich will es. “
„Du wirst das nicht tun!
“, schrie sie. „Ich bringe dich ins Pflegeheim, wenn das nötig ist! Ich werde es schaffen, dass du nie wieder allein sein kannst! “
„Sabine“, sagte ich mit einer Ruhe, die sogar mich überraschte, „wenn du mich weiter so behandeln willst, als wäre ich unfähig, dann wirst du die Bekanntschaft meines Anwalts machen.
Das ist kein leeres Gerede. Ich habe nichts zu verbergen, ich brauche nichts zu schützen. Ich habe nur ein Leben, und ich werde es nicht damit verbringen, auf deinen Anruf zu warten oder mich vor deinen Launen zu fürchten. Du hast dich entschieden, auf welcher Seite du stehst.
Ich habe meine Entscheidung auch getroffen. “
Ich legte auf, bevor sie widersprechen konnte. Ich stand am Küchenfenster, den Hörer noch in der Hand, und schaute hinaus in den Garten. Das alte, vertraute Gefühl von Trauer überkam mich für einen Moment.
Aber ich ließ es nicht zu, dass es blieb. Ich hatte den Schlüssel zu meinem eigenen Leben wieder in der Hand, und das war es wert. Der Makler meldete sich schneller als erwartet. Er hatte ein Paar gefunden: ein junges Ehepaar, beide berufstätig, die ein Haus mit Ausblick suchten.
Sie kamen am Samstag zur Besichtigung. Sie gingen durch die Räume, öffneten Schränke, lobten die alten Fenster und die Holzböden. Sie blieben stehen, als sie die leere Werkstatt sahen. Der Mann, ein Architekt, sagte zu seiner Frau, diese Räume seien perfekt für ein großes Atelier.
Ich hörte es mir an und lächelte. Sie sagten das Richtige. Ein paar Tage später unterschrieben wir den Kaufvertrag. Es war ein seltsames Gefühl, den Stift zu halten und meinen Namen unter den Verkauf mein Lebenswerks zu setzen.
Aber es fühlte sich auch richtig an, wie das Schließen eines Buches, dessen letzte Seite man nicht mag, das man aber trotzdem zuklappt, weil man es ausgelesen hat. Ich orderte einen Umzugswagen. Ich beauftragte ein Unternehmen, meine restlichen Möbel – die wichtigsten Stücke, die ich wirklich schätzte – in eine kleine, renovierte Wohnung am anderen Ende der Stadt zu bringen. Eine Erdgeschosswohnung mit einem kleinen, umzäunten Garten.
Nicht groß, aber meins. In das Haus mit der kahlen Werkstatt und den leeren Zimmern wollte ich nicht zurückkehren. Bevor ich endgültig umzog, musste ich Renate Bescheid sagen. Sie war die Einzige, der ich mich verpflichtet fühlte.
Zwei Tage vor dem Umzug stand ich an unserem Gartenzaun. Sie kam sofort heraus, neugierig, aber zögerlich. „Ich ziehe um“, sagte ich ohne Umschweife. „Ich habe das Haus verkauft.
Ich habe eine kleine Wohnung am anderen Ende der Stadt genommen. Die neuen Eigentümer werden nächsten Monat einziehen. Sie sind sehr nett, ein junges Paar. “
Renate blinzelte überrascht.
„Du ziehst um? So plötzlich? Und Sabine? “
„Sabine muss damit klarkommen“, antwortete ich.
„Sie hat mir nicht geholfen, sie hat mir nur Hindernisse in den Weg gelegt. Ich habe alle Verbindungen gekappt. Ich habe mir selbst die Schuld gegeben, dass ich das so lange mitgemacht habe. Aber jetzt ist es Zeit, dass ich mich um mich selbst kümmere.
Wenn mich jemand fragt, ich weiß nicht, wo ich wohne, ist das egal. Aber du bist die Einzige, die es wissen soll. Hier ist meine neue Adresse. Komm mich besuchen.
Es gibt Kaffee und ein Stück Kuchen von nebenan. “
Sie nahm den Zettel, las ihn und lächelte dann fast traurig. „Ich bin froh für dich, Brigitte. Du siehst aus, als hättest du eine Last von deinen Schultern genommen.
“
„Das denke ich auch“, sagte ich und drückte ihre Hand. Der Umzug ging reibungslos über die Bühne. Die Fahrer waren schnell und vorsichtig. Als der letzte Karton in der neuen Wohnung stand und der Lkw davonfuhr, war es still.
Ich stellte meine Lieblingspflanze auf das Fensterbrett, stellte den Tisch an das große Fenster zum Garten und atmete tief durch. Es roch noch nach Farbe und neuen Holz. Es war ein guter Geruch. Es roch nach Frieden.
Am selben Nachmittag klingelte es. Ich ging zur Tür und öffnete. Draußen stand ein Mann, groß, etwas linkisch, mit einem Blumentopf in der Hand. Er lächelte verlegen.
„Hallo, ich bin der Nachbar von nebenan. Ich wollte nur schnell Hallo sagen und sagen, dass ich bei der Renovierung noch einiges an Werkzeug habe, wenn du ab und zu Hilfe brauchst. Und für einen Blumenkasten, ich habe gesehen, du hast schöne Geranien bekommen. “ Er lachte.
„Ich bin übrigens niemand, der dich mit Fragen löchert. Du wirkst wie eine Frau, die weiß, was sie will. Und wenn du eine Tasse Kaffee vertragen kannst, ich habe auch einen Kuchen gebacken, mein Sohn hat Geburtstag gehabt und er besteht darauf, dass man die Reste anbietet“, er hielt inne, „oder ich mische mich zu sehr ein? “
Ich lachte auf.
Es klang überraschend warm. „Das habe ich gesagt? Ja, ich schätze, ich weiß, was ich will. Und ich habe nichts gegen eine Tasse Kaffee.
Kommen Sie rein. Aber ich muss Sie warnen, ich werde Sie nicht mit Geschichten über meine Familie langweilen. Ich habe beschlossen, dass ich ab jetzt nur noch mit Geschichten etwas zu tun haben möchte, die gut enden. “
Er trat ein, und ich nahm den Blumenstrauß entgegen, während er folgsam seine Schuhe auszog.
Er hieß Thomas, und er war der erste Mensch in diesem neuen Viertel, der mir lächelnd die Hand schüttelte, ohne zu fragen, ob ich meine Tochter anrufen solle, oder ob ich vergessen hätte, etwas abzuschließen. In der Küche, während der Wasserkocher aufschäumte und der Duft von Kaffee sich ausbreitete, stand ich am Fenster und blickte auf den kleinen Garten, der mir gehörte. Kein Jürgen, der mit Brecheisen an der Tür hantierte. Kein Sabine, die mir mit Pflegeheim drohte.
Nur Stille, gemischt mit dem Plaudern eines freundlichen Nachbarn. Und ich wusste, ich musste nicht streiten oder schreien, um gehört zu werden. Ich musste keine lange Erklärung abgeben oder einen seitenlangen Brief schreiben, der ihm Argumente lieferte. Ich musste einfach nur aufhören, für andere den Schiedsrichter in meinem eigenen Leben zu spielen.
Die Regeln des Spiels waren neu festgelegt worden – nicht mit Worten, sondern mit Taten. Ich hatte die Kontrolle über mein Leben zurückerobert, ohne einen einzigen harten Ton, ohne Drama, ohne lange Verhandlungen. Ich hatte einfach meine Entscheidung getroffen. Es ist nicht egoistisch, seinen eigenen Frieden zu schützen.
Es ist nicht falsch, Grenzen zu ziehen. Die einzige Anerkennung, die wirklich zählt, ist die, die man sich selbst gibt. Meine Kinder glaubten, sie könnten über mich bestimmen, weil sie dachten, ich sei allein und schwach. Aber sie haben die wichtigste Lektion nicht gelernt: Man muss nicht laut sein, um Respekt zu erwarten.
Es reicht, wenn man nicht länger bereit ist, sich klein zu machen. Als ich den Kaffee eingoß, hörte ich Thomas erzählen, wie er kürzlich eine Veranda gebaut hatte. Seine Stimme war ruhig, unbeschwert. Und ich hörte zu und lächelte.
Am nächsten Morgen, als ich meine erste Tasse Kaffee in meinem neuen Garten trank, sah ich über den Zaun. Renate, meine alte Nachbarin, stand auf der anderen Seite. Sie hielt zwei Tassen in der Hand, eine duftete nach Cappuccino. „Ich wollte nur Hallo sagen und sehen, ob die neue Nachbarin Lust auf ein Gespräch über den Garten hat“, rief sie.
Ich ging zu ihr und nahm die Tasse durch den Zaun entgegen. „Immerzu“, sagte ich ehrlich. „Ich habe gehört, du kennst dich gut mit Rosen aus. Da gibt es vielleicht etwas, wobei du mir helfen kannst.
“
Sie kicherte. „Das werde ich hören. Aber nur unter einer Bedingung: Keine Familiengeheimnisse, die man nicht vor Sonnenaufgang hören sollte. Ich bin zu alt für so was.
“
„Meine Familiengeheimnisse sind begraben“, sagte ich und nippte an dem Kaffee. „Sie haben sich aber hier nicht wohlgefühlt. Sie bleiben begraben, wo sie sind. “
Renate lachte laut auf.
„Das ist ein gutes Motto. “
Ich stand da, mit der Tasse in der Hand, und betrachtete die Blumenbeete, die ich selbst angelegt hatte. Jede Blume eine eigene Entscheidung. Diesmal hatte ich eine Wurzel gefasst, an einem Ort, den ich ausgesucht hatte.
Die Konsequenzen meiner Entscheidungen waren endgültig, aber sie waren meins. Und zum ersten Mal seit Jahren hatte ich das Gefühl, dass mein Haus, mein Garten und mein Leben wirklich mir gehörten. Die Gier, die Bosheit, der ungelöste Streit – das alles war jenseits des Zauns zurückgeblieben.
Hier, in diesem neuen Anbeginn, herrschte nur noch Frieden.