Der Regen peitschte gegen die Windschutzscheibe, ein feiner, hartnäckiger Nieselregen, der die Felder links und rechts der B472 in graue Schwaden hüllte. Ich, Friedrich Zimmermann, saß in meinem alten Mercedes, Baujahr 82, und lauschte dem Stottern des Motors, das sich zu einem ächzenden Röcheln auswuchs. Es war ein Geräusch, das ich als gelernter Maschinenbauingenieur sofort erkannte: die Kraftstoffpumpe gab ihren Geist auf. Ein letztes Husten, dann rollte der Wagen still aus und blieb auf dem schmalen Streifen eines fast vergessenen Parkplatzes stehen.

30 Kilometer vor München, die Nase gen Osten gerichtet, mitten im Nirgendwo. Meine Hände zitterten, als ich das alte Nokia aus der Jackentasche zog, ein Weihnachtsgeschenk von Christine, das sie mir letztes Jahr nur widerwillig gekauft hatte. Der Akku war fast leer, das Display ein blaugraues Glimmen in der hereinbrechenden Dämmerung. Ich wählte ihre Nummer und lauschte dem monotonen Klingelton.
Jeder Ton ein kleiner Stich in meine fünfundsiebzig Jahre. Drei Mal klingelte es, dann hörte ich ihre Stimme, die nicht die meiner Tochter, sondern die einer völlig Fremden war. Sie klang gehetzt, kalt, beinahe unwillig, als hätte ich sie mitten in einer Herzkurve unterbrochen. Im Hintergrund hörte ich das Klappern von Geschirr, gedämpftes Gelächter, das Zirpen von Gläsern.
Sie war in einem Restaurant, mitten unter Menschen, die wichtigere Dinge taten, als auf die Probleme ihres alten Vaters zu warten. „Ja, Papa, was denn? Ich bin gerade in einer Besprechung, es ist wichtig“, sagte sie in einem Ton, der keine weitere Erklärung zuließ. „Christine, ich bin’s, dein Vater“, stammelte ich, obwohl sie es genau wusste.
„Mein Auto ist liegengeblieben, ich stehe hier auf der B472, kurz vor Rosenheim. Der Motor ist aus, es regnet, ich friere. Der ADAC braucht mindestens zwei Stunden. Könntest du mich vielleicht abholen?
“ Meine Stimme klang alt, zittrig, so wie ich mich fühlte. Ich schämte mich für meine eigene Bitte. Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Eine quälende Stille, die nur durch ein leises Seufzen unterbrochen wurde, das sie kaum zu verbergen suchte.
Ich hörte, wie sich eine Hand über die Sprechmuschel legte, scheinbar ein Gespräch mit jemandem, der neben ihr saß. „Entschuldigt, das ist nur mein Vater. Der kennt wirklich keine Grenzen. “ Es klang wie eine Entschuldigung an ihre Gäste, nicht an mich.
Dann war ihre Stimme wieder dran, scharf wie eine Messerklinge. „Als wenn ich gerade nicht kann, Papa. Weißt du, was für ein Tag heute ist? Ich habe ein wichtiges Geschäftsessen, die Entscheidung über einen 50-Millionen-Euro-Deal fällt heute Abend.
Und du rufst mich wegen einer Panne an? Mach einen Witz. Das war mein Karrierehöhepunkt, und meine eigene Tochter kann mir nicht einmal eine Stunde helfen. “
„Aber ich brauche Hilfe“, presste ich hervor, die Worte ein einziger Klumpen in meinem Hals.
„Ich stehe hier im Regen, die Temperatur sinkt. Ich kann hier nicht ewig stehen bleiben. Ich bin nicht mehr der Jüngste und Taxi ist mir zu teuer. Ich wollte nur fragen, ob du nicht…”
„Papa, dein Drama ist wirklich unnötig.
Wenn dein Auto alt ist, hier, nimm ein Taxi. Fahr mit einem Taxi nach Hause. Die Fahrt kostet vielleicht 80 Euro, aber was ist das schon für dich? Du sitzt doch eh nur zu Hause und der Cent sitzt dir genauso locker wie vor zwanzig Jahren.
Denken wir mal nach, bei dem, was ich für dich tun könnte, könnte ich mir dafür ein neues Auto kaufen, und du jammerst herum, weil ich bei einer wichtigen Vertragsverhandlung mit Entscheidern bin. Ich kann da nicht weg. Punkt. “ Ihre Worte, gehetzt und kalt, trafen mich wie ein physikalischer Schlag in die Magengrube.
Es gab kein ‚Hallo Papa‘, kein ‚Geht es dir gut? ‘. Nur Vorwürfe. Ich wollte etwas erwidern, wollte sie an unsere Absprachen erinnern, an die Jahre, in denen ich für sie da gewesen war, aber das Klicken in der Leitung signalisierte das Ende des Gesprächs.
Aufgelegt. Einfach aufgelegt. Ich starrte auf das erloschene Display, als hätte mich jemand geohrfeigt. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Kälte mir wie ein kalter Wind ins Gesicht schlug, aber dieser Tag, dieser Regen und diese stille Einsamkeit machten es unerträglicher als je zuvor.
Da stand ich nun, ein alter, durchgefrorener Mann, neben einem Kultauto, das mir inzwischen zu einem stolzen, stummen Freund geworden war. Meine Gedanken wanderten zurück. Zu den Tagen, als Christine zehn Jahre alt war und voller Stolz neben mir in der Garage kniete, um mir den Schraubenschlüssel zu reichen, während ich den Vergaser des 200D einstellte. Wie sie mir abends um den Hals fiel, als ich sie nach einem langen Arbeitstag mit Schuhcreme im Haar und Mehl an der Hose vom heutigen Schuhputztag abholte.
„Papa ist der Allerbeste“, hatte sie immer gesagt, während sie ihre kleine Hand in meine fest verschmierte und wir die anderen Kinder in der Nachbarschaft ignorierten, die ob meiner missmutig anmutenden Aufmachung mit den Fingern auf mich zeigten. Diese Zeiten waren vorbei. Heute schämte sie sich für mich. Ich, ihr leiblicher Vater, war zu einer Belastung geworden, einem unliebsamen Punkt auf ihrer ansonsten so perfekten Terminliste.
Der Regen wurde stärker, ein wahrer Vorhang aus Wasser, der an den Scheiben meines geliebten Wagens hinablief. Ich riss mich von meinen Erinnerungen los. Der ADAC war meine einzige Option. Der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung konnte mir keine Hoffnung machen, es sei denn, ich hätte für den Premium-Dienstleister extra bezahlt.
Die Wartezeit von zwei Stunden bei vier Grad Celsius gab mir den Rest. Ich setzte mich wieder in den Fahrersitz, der nach altem Leder roch, nach meinem Leben, nach all den Fahrten in den Urlaub, die Christine hasste, weil sie zu Hause bleiben wollte, um bei ihren Freunden sein zu können. Ein neuer Schauer durchfuhr mich, als ich zusah, wie die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos durch den Nebel tanzten. In diesem Moment klingelte mein Telefon erneut.
Ich hob sofort ab, ein Anflug von Hoffnung in meiner Stimme. „Christine? Liebling? “
„Papa.
“ Ihre Stimme hatte sich nicht verändert. Immer noch diese geschäftsmäßige Schärfe, dieses leichte Überdrüssig-Sein, als würde sie ein lästiges Pflichtgespräch führen. „Ich habe mit meinem Assistenten gesprochen. Meine Sekretärin macht Feierabend, aber mein Praktikant, der junge Kevin, der ist gerade in der Nähe von München.
Ein Freund von mir, ein Kollege aus einer Kanzlei, er hat ein Boot auf dem Starnberger See, die fahren eigentlich gerade hoch. Ich schicke dir Kevin vorbei. Der ist zwar erst 19 und hat erst seit einer Woche seinen Führerschein, aber er kann dich abholen. Sein Golf ist zwar nicht der Komfortabelste, aber er kommt durch.
Er ist in einer halben Stunde bei dir. “
Ich wurde etwas wärmer. Trotz des strengen Tons war es doch ein Angebot, eine Geste der Gnade. Ich wollte ihr zuhören, wollte sie nicht wieder angreifen.
„Kevin? “, wiederholte ich betont langsam. „Christine, ich will keine 19-jährigen Fahranfänger bezahlen…” Ich hielt inne, um die Worte zu mildern, die ihr unter den Nägeln brennen würden. „Aber danke, Liebes.
Es ist lieb, dass du…“
„Das ist schon in Ordnung“, unterbrach sie mich sofort, das Knattern ihres typischen Geschwätzes in ihrer Tonlage machte meine Wärme zunichte. „Ich sage ihm, er soll dich zu meiner Wohnung nach Bogenhausen bringen. Da kannst du dich etwas aufwärmen. Er hat aber nur eine Stunde, verstehst du?
Er muss um acht Uhr in Schwabing sein, er hat einen Vortrag in einem Seminar. “
In dem Moment war sie mir kein Stück nähergekommen. Eher wie ein Automechaniker, die das Ersatzteil für die kaputte Maschine bestellt. „Eine halbe Stunde Fahrt, das hast du; zwei Stunden warten erübrigt sich.
Er muss los. Ich hab dich ja kurz gewarnt. “ Dann war der Anruf beendet. Ich stand da, den Hörer noch ans Ohr gepresst, bis das Freizeichen mein Bewusstsein erreichte.
Sie schickte mich buchstäblich in ihr Haus, um mich abzustellen, wie einen Koffer, den sie an einer Ecke ablädt, weil er sie an seinem Bestimmungsort stört. Und ich, in meiner Naivität, war noch immer dankbar. Ich lehnte mich in den gepolsterten Sitz, schob den kalten Windschatten des Alters zur Seite und wartete auf den Jungen. Die Minuten zogen sich.
Die Dunkelheit wurde dichter, der Regen schlug nun wie Geschosse auf meine Windschutzscheibe. Ich starrte auf das rote Blinken eines weit entfernten Kirchturms und dachte an die gute Stube, die ich mir mühsam als Meister der eigenen Demut gebaut hatte. Dann ein weißer Lichtkegel, der sich von weitem näherte. Kein neuer, kein glänzender Golf, sondern ein klappriger, verbeulter Polo, den ein Fahranfänger nicht besser aussehen lassen konnte.
Der Wagen hielt vor meinem Auto, der Motor lief im Leerlauf und hüpfte, als hätte er Schluckauf. Eine junge Frau, keine 20, mit verfärbten Haaren und einem dicken Nasenpiercing, beugte sich vor und machte eine fragende Geste. Ich stieg aus und lief durch den prasselnden Regen zum Beifahrerfenster und klopfte. Sie kurbelte das Fenster herunter, kaum einen Spalt breit, um den Regen heraus zu halten.
„Friedrich? “, fragte eine undeutliche Stimme aus dem Inneren. Sie hatte eine feste, zu dünne Jacke an, die ihren dürren Armen keinen Schutz bot. „Sie sind der Papa von Frau Richter, oder?
Steigen Sie ein. Ich bin Lisa“. „Lisa? Ich habe eine andere Person erwartet.
Kevin? “, fragte ich verwirrt und deutete auf das armselige Fahrzeug, das wie ein verletzter Käfer am Straßenrand kauerte. „Die haben den Plan geändert“, sagte sie trocken und warf ihre Zigarette achtlos aus dem Fenster, die im Regen zischte. „Steigen Sie ein.
Ich bringe Sie nach München, kein Drama. “ Sie war keine zehn Minuten gefahren, da stellte ich die Frage, die mich schon den ganzen Weg beschäftigt hatte. „W- wieso kennst du Christine? Bist du auch ein Praktikant in ihrer Kanzlei?
“
Lisa schnaubte auf, ein raues, unangenehmes Lachen. „Ich? Anwältin? Ich habe einen Minijob in der Kanzlei, ich kopiere Taxen und mache Kaffee, damit ich mir das Studium finanzieren kann.
Aber ich glaube, Ihr habt einen anderen hier, der hilft, oder wie? “ Sie deutete mit dem Kinn auf mein Auto, das im Rückspiegel langsam verschwand. „Und Sie kennen die gute Frau Mutter wohl besser als ich. Sie hat jeden reingelegt, der ihr zum Beispiel beim Autofahren beisteht, wenn man den Falschen beauftragt hat.
“ In ihrer Stimme lag ein Unterton, der an gute, journalistische Recherche erinnerte. Ich brauchte einen Moment, bis mein Kopf die Kette aus Halbsätzen und Anspielungen sortiert hatte. „Ich verstehe nicht. Sie hat mir einen Kevin geschickt.
Oder er sollte…? “
„Egal, was sie Ihnen erzählt hat“, fuhr Lisa fort, während sie eine scharfe Kurve nahm, ohne das Tempo zu drosseln. „Sie hat mir 20 Euro gegeben, damit ich Sie fahre. Ich wohne sowieso in Bogenhausen, also quasi in derselben Gegend; ich habe sie ehrlich gemacht und gesagt, es ist ein halbes Jahr her, dass ich den Wagen geschrottet habe.
Aber sie hat auf der sofortigen Abfahrt bestanden und dass ich Sie nicht zur Wohnung bringe, wenn Sie sie sehen. Sie sollen nur irgendwo abgesetzt werden, zum Beispiel im Dorf oder am Ortsrand. Sie sagte, Sie würden ständig Ärger machen und sie will keine Bühne in der Nachbarschaft. “
Die Worte trafen mich wie ein weiterer Schlag in den Magen.
Nicht zu glauben, dass ausgerechnet diese Frau, diese Verliererin, mir das sagte. Aber ihr Ton hatte nichts Unfreundliches, nur eine flapsige Direktheit, die ich aus meiner Jugend kannte, bevor mir Krawatte und Anzug ebendiese Fremdheit bescherten. Meine Tochter, die Anwältin für Millionenverträge, belog ihren eigenen Assistenten, um mich, ihren Vater, auf der Straße zu entsorgen. Ein hilfloses, bitteres Lachen stieg in mir auf.
Ausgerechnet diese fremde Studentin, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, war die Einzige, die mich wie einen Menschen behandelte. „Weißt du, was, junges Fräulein“, sagte ich mit einem maliziösen Grinsen, das mein Altern glatt um Jahrzehnte aufhob. „Du hast mir soeben einen Gefallen getan. Ich wollte schon immer einmal sehen, wie sich die halbe Stunde Klischee, das man mir aufzuzwingen versucht, anfühlt.
“
Lisa sah mich kurz von der Seite an, verwirrt über meinen sich abrupt einstellenden Frohsinn. „Fahren Sie mich zu einem netten Gasthof in der Nähe. Sie bekommen ihr Geld, aber wir müssen nur einmal kurz an einem Bahnhof dieser Stadt hier vorbeifahren. “ Meine Tochter sollte nicht mit all ihren Worten und Abscheulichkeiten recht behalten.
Diese junge, zerzauste Frau wollte sie austricksen, aber nicht alle. Sie gab mir eine Idee. Ich, ein 75-jähriger Rentner mit einem Stolz, der unter allem Schrott noch glühte wie die Asche eines ausgebrannten Feuers. Eine halbe Stunde später setzte mich Lisa vor dem bayrischen Hof in Harlaching ab.
Ich bat sie, kurz zu warten und holte meine alte, ausgebesserte Lederreisetasche aus dem Kofferraum meines liegengebliebenen Autos, die ich für alle Fälle mit Öl und Putzlappen eingeladen hatte, und damit einen Schlips, ein frisches weißes Hemd und eine korrekte dunkle Hose. Ein Rest an Stolz. Ich schaute Lisa an und zog mit zittrigen Fingern meine Geldbörse heraus, als ich den vollen 20-Euro-Schein herausholte. „Fräulein Lisa, Sie haben mir vorhin die Wahrheit gesagt und mich vor einer ganzen manchmal selbstgefälligen Nummernnummer bewahrt.
Dafür bedanke ich mich. Aber wissen Sie, was eine Frau wie mich von einer besseren Gelegenheit unterscheidet? Ich zeige Ihnen, wie man ein Ersatzteil des Herzens ist. “ Mit diesen Worten drückte ich ihr den Schein in die Hand und drehte mich mit meiner Reisetasche um.
„He, warten Sie“, rief sie mir hinterher. „Was haben Sie denn vor? Soll ich Sie nicht irgendwohin fahren? “
„Das haben Sie schon“, rief ich über die Schulter zurück, ein Stück altes Feuer in mir aufkeimend, während ich die Stufen zum Hotel hinaufstieg.
„Sie wünschen aus dem Hotel keine langen Erklärungen. Sagen Sie einfach, der Herr Zimmermann kommt aus der Werkstatt und hat ein, äh, Kontrolltermin im Haus. Ich warte. “ Das Lachen in meiner Stimme war so aufrichtig, dass mir beinahe das Herz überlief, obwohl ich gleichzeitig spürte, wie der Nieselregen an mir läuft.
Im Raum, in der Wärme des Hotels, ließ ich mir ein Taxi rufen, fuhr nach Hause und ignorierte dabei das Klingeln meines Handys, das alle zehn Minuten einen Anruf von Christine anzeigte. Ich wusste nicht, ob sie wissen wollte, wie ich angekommen war, oder ob sie ihre Beleidigung weiter auskotzen wollte, weil ich ihrem fleißigen, durch Anerkennung gedemütigten Praktikanten einen Korb gegeben hatte. Meine Gedanken klangen jetzt anders. Der Halbgott der Werkbänke, der das große Geld für sie gescheffelt hatte, und ich fragte mich, was aus uns beiden geworden war.
Ich duschte, wechselte das Hemd, um mich wiederzufinden, und sah mich im Spiegel an. Das Alter hatte Spuren hinterlassen, aber in meinen Augen stand immer noch dieser Funke Rebellion. Ich schenkte mir einen billigen Whiskey aus der Minibar ein, wartete, bis meine Kleider getrocknet waren, und ließ mir dann ein Taxi rufen. Der Fahrer hieß Selim und war ein freundlicher Mann.
„Wohin geht’s denn so spät, bester Mann? “, fragte er, als ich in den Wagen stieg. „Bogenhausen, Parkstraße 12“, sagte ich und lehnte mich zurück, das Adrenalin der Entscheidung rauschte in meinen Ohren. Die Fahrt zur Wohnung meiner Tochter kam mir vor wie ein Karriereende.
Ich dachte an Ingrid, meine tote Frau. Sie hätte Christine eine lange, energische Standpauke gehalten und wäre wahrscheinlich schon längst draußen gewesen, aber es wäre ihr egal gewesen. Sie hätte mir vielleicht die Hand gedrückt. Sie war die einzig Starke in diesem Haus gewesen.
Christine öffnete mir die Tür im schicken Outfit und ein ungläubiger Blick schlich sich in ihr Gesicht. Über ihren Schultern sah ich zwei Paare neugieriger Augen im Wohnzimmer. „Was willst du hier bei mir zu Hause? Bist du nicht mit dem Auto zu Hause gewesen?
Was ist mit meinem Termin, Mama, ich habe dich…? “
„Klappt offenbar höchst unprofessionell, oder? “, beendete ich ihren Satz, ein falsches Lächeln aufsetzend, wie sie es tagtäglich aufsetzte. Ich machte einen Schritt in ihre dreißig Quadratmeter große, puristische Wohnzimmerhölle hinein, das mich wie eine gelangweilte Museumsmagierin empfing.
„Mein Schatz, ich möchte nur kurz mit dir sprechen. Ein privates Gespräch. Wenn deine Gäste uns entschuldigt haben, ich denke, wir haben uns eine halbe Stunde des besinnlichen Räsonierens verdient, nicht wahr? Das kann doch im Stehen neben der Schiene des Gelds noch jemand.
“
Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, und sie warf einen kurzen warnenden Blick zu ihren Gästen, die ihre Höflichkeitsmaske nicht fallen ließen. „Du bist unmöglich. Wir haben nichts, worüber wir privat sprechen müssten, du stehst jetzt schon auf der Gästeliste des Präsidenten, Papa, wenn du so tust. Es gehört sich nicht, hier aufzutauchen.
Wir sind mitten im Geschäftsessen! “
„Ach, ist das hier dein Geschäftsessen? “, posaunte ich heraus, nicht mit der Absicht, zu plaudern, sondern es so zu sagen, wie es war. Ich wollte, dass ihre Gäste hörten, wie sie mit mir umgesprungen war.
„Und ich, ich bin hier der Pannenfall, die Weihnachtsgans. Ich werde auf der Landstraße bei strömendem Regen geparkt ohne Pannenreifen und Autopanne, während meine Tochter mit dem Geschäftsführer über Millionen, aber nicht über ihren Narren, der es wagen würde, als Privatschah in der Öffentlichkeit zu stehen, mit dem rechten Zeiger um sich wirft. “
Ich konnte sehen, wie sie mit den Zähnen knirschte, kurz und heftig, während ihre Augen eine Warnung an ihre Gäste sandten, sofort zu verschwinden. Aber zu spät.
Einer von ihnen, ein älterer Herr im feinen Zwirn, begann zu grinsen und legte seine Serviette hin. „Sehr charmant, Christine“, sagte er trocken. „So eine gute Fee, was man vom eigenen Papa nicht behaupten kann. “ Er stand auf und schüttelte mir unvermittelt die Hand.
„Es war mir eine Freude, Herr…? “
„Zimmermann, Friedrich Zimmermann“, sagte ich, meine Stimme jetzt ruhig, fast erhaben. Nachdem ich mir ein Vermögen aufgebaut hatte, aber nicht um anzugeben. „Ich habe früher noch selbst im Dreck geschraubt.
Man vergisst seine Wurzeln nie, wissen Sie? “
Ich ließ seine Hand los und wandte mich wieder an Christine, die jetzt wie eine Salzsäule dastand. Die Fassade des perfekten, erfolgreichen Anwaltslebens hatte ab heute einen Riss, durch den der Mann von damals hindurchschien, der mit der Fackel des Wartens und der Härte der Arbeit rang. „Ich wollte nur wissen, was du über meine Weihnachtskarte denkst, die du mir vorhin mit deinem Lebensgefährten mitgabst?
Oder hast du es schon vergessen? Dein Papa, Der dich mit seiner spießigen Art einklemme, nur weil er nicht mehr für dein Kleingeld ins Gefängnis gehen wollte“, sagte ich, meine Stimme mit einem süßen, gefährlichen Unterton. „Du musst nicht nett zu mir sein. Aber ein bisschen Anstand, den das Gesetz nicht vorschreiben kann, den hätte ich mir für dich gewünscht.
Aber da haben wir heute Morgen noch etwas erledigt. “
Ihre Wangen glühten, und ihre Gäste, die ihre Gläser diskret hoben, tauschten Blicke aus. Christine zischte mich an wie ein aufgescheuchtes Kätzchen. „Wir sprechen uns später, Papa.
“ Es war ein Raubtier-zu-Raubtier-Fauchen. „Nein, wir sprechen uns nicht später. Das war’s für heute“, sagte ich freundlich. Ich nickte ihren verdutzten Gästen zu, die diese Begegnung sichtlich genossen.
Ich verließ ihre Wohnung, ein ungläubiges Grinsen auf dem Gesicht, und wusste nicht ganz, ob mein Herz noch im Rhythmus schlug. Auf der Treppe stand ich, die Nachtluft schlug mir entgegen, aber wie neu. Ich war nicht mehr dieser arme, verlassene Mann. Ich war Friedrich Zimmermann, und ich hatte ihr gezeigt, wie man einem Menschen in den Rücken fällt, eine Lektion, die ich von ihr gelernt hatte.
Ich wollte sie nicht mehr – diese kalte, hasserfüllte Schale des Egos. Dann ging ich den kleinen unebenen Bürgersteig zum Hauptbahnhof hinauf. Ein letztes Mal, sagte ich mir selbst, während ich das spärlich erleuchtete Fenster in der Wohnung wiederfand, die mir immer entgleiten sollte. Ich musste einfach meine Pflicht gegenüber Ingrid erfüllen, die sich ein Leben lang nichts sehnlicher wünschte.
Mein Handy klingelte. Es war kein Anruf, sondern eine SMS. Eine lang erwartete Antwort eines Gläubigerschutzes, den ich beauftragt hatte, als ich nach Ingrids Tod anfing, ihre Rechnungen zu prüfen, weil ich seltsame Abbuchungen auf einem ihrer Konten fand. „Vorgang abgeschlossen.
Bitte um Rückruf. Haben Sie das gestern nicht bekommen? Die Einlagensumme wurde eingefroren, da die Vollmacht umstritten ist. “
Ich hörte auf, zu zögern, und hörte es klingeln.
Eine andere Frequenz der Dinge, die da draußen bei Nacht liefen. Christine war nicht nur kalt, sie war korrupt. Sie hatte Tag für Tag heimlich Geld von Ingrids und meinem Konto abgebucht, um es in die eigene, brillante Karriere zu stecken. Ich war naiv, aber nicht blind.
Ich lehnte mich gegen eine Laterne am Bahnhof, während der kalte Wind an meiner Jacke zerrte und die zerfransten Fetzen eines Traums zerfetzte. Der Mann, den sie auf dem Gipfel ihres Triumphs zu belächeln gelernt hatte, entdeckte tatsächlich, dass er das Herz seines Kindes mit einem Missverhältnis von über 150. 000 Euro erkauft hatte. Vielleicht war aber auch das der Moment, an dem ich meinen eigenen Befreiungsschlag hätte vorbereiten können.
Ich trat in eine Telefonzelle, die in diesem Zeitalter des Smartphones einsam auf dem Trottoir stand. Ich rief die Polizei-Inspektion an und ließ mich mit einer leisen, aber entschiedenen Stimme mit dem zuständigen Kommissar verbinden. Es war an der Zeit, dass ich nicht mehr Frieder, der Pantoffelheld und Toilettenmann meiner Tochter war, sondern mit Anstand austrat – und die Einzige bezahlte, die sich nie hatte beschweren können.
Die Nacht war lang und kalt, aber in meiner Brust war etwas, das schon lange nicht mehr gelebt hatte: ich wusste ganz genau, was ich zu tun hatte, und ich hatte zum ersten Mal seit Jahren keine Angst, dass ich es tun würde.