31 T-34 rollten auf das Feld — ein einziger Sanitäter griff zur Pak, weil niemand mehr da war

31 T-34 rollten auf das Feld — ein einziger Sanitäter griff zur Pak, weil niemand mehr da war

Am 14. Januar 1944 wusch Sanitätshauptfeldwebel Erich Kamler in einem zerschossenen Schuppen am Westrand des Dorfes Snamenka geronnenes Blut von einer Kornzange und drei chirurgischen Klemmen. Snamenka liegt etwa elf Kilometer südwestlich von Kirovograd. Das Wasser in der Emaille-Schüssel war eiskalt, am Rand hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, die er mit dem Daumen aufbrach.

Es war 5:42 Uhr. Der Nebel hing in dichten milchigen Schwaden zwischen den Strohdächern, die Sichtweite betrug vielleicht 80 Meter. Die Temperatur lag bei etwa minus elf Grad. In der Luft lag der Geruch von nassem Stroh, Pferdemist, ausgekühltem Geschützpulver und der süßlich faule Hauch eines verbrannten T-70, der 200 Meter weiter östlich noch vom Vortag rauchte.

Aus der Ferne, jenseits des Hügelrückens nach Subowka, kam ein dumpfes, regelmäßiges Mahlen. Kettenglieder auf gefrorenem Boden, mehrere Motoren, kein deutsches Geräusch. Kamler hörte auf zu wischen, hob den Kopf und zählte.

Zwei Winter an dieser Front hatten ihm beigebracht, dass ein einzelner T-34 in der Morgenkälte einen erkennbaren Einzelton erzeugte, ein Verband von mehr als zehn dagegen ein flächiges, vibrierendes Brummen, das den Brustkorb erreichte. Was er hörte, war flächig.

Er ging hinaus, stieg auf den niedrigen Erdwall hinter dem Schuppen und hob ein altes Dienstfernglas an die Augen, das er einem gefallenen Artillerieoffizier abgenommen hatte. Aus dem grauen Streifen, wo der Hohlweg aus dem Birkenwald herausführte, rollten die ersten Silhouetten.

Er zählte weiter, ruhig, als notiere er Pulsschläge. 31 T-34/76 in lockerer Marschkolonne, Geschwindigkeit etwa 18 Stundenkilometer, Abstand zwischen den Wagen 40 bis 60 Meter. Auf den Türmen saß Infanterie, geschätzt sechs bis acht Mann pro Panzer, also rund 220 Schützen.

Erich Kamler war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt, gebürtig aus Hildesheim. Vor dem Krieg hatte er vier Semester Medizin in Göttingen studiert, dann wegen Geldmangels unterbrochen. Bis 1939 arbeitete er als Rettungssanitäter beim Roten Kreuz in Hannover.

Im Kompaniebuch des zweiten Bataillons des Grenadier-Regiments 686 stand er als Sanitätshauptfeldwebel, formell unbewaffnet bis auf die Pistole 08 am Koppel mit drei Magazinen zu acht Schuss. Seine Aufgabe war, Verwundete zu bergen, nicht zu schießen. Die letzten zwölf Stunden hatten alles umgestellt.

In der Nacht zum 14. Januar war ein sowjetischer Stoßkeil durch die dünne Linie der neunten Panzerdivision gebrochen. Der Kompaniegefechtsstand war zerschlagen, der Funk schwieg seit 3:20 Uhr. Der Leutnant war tot, der Spieß war tot, die zwei MG-Trupps an der Straßenbiegung waren tot.

Kamler hatte die ganze Nacht Verwundete in den Schuppen geschleppt, neun Mann, von denen sieben noch lebten. Einer hatte einen aufgerissenen Bauch, zwei Brustdurchschüsse, vier Splitterverletzungen an Beinen und Armen.

120 Meter südlich des Schuppens am Feldrand stand das Geschütz, eine 7,5-cm-Pak 40, Baujahr 1943. Die Mündungsgeschwindigkeit der Panzergranate 40 lag bei etwa 990 Metern pro Sekunde, die der Panzergranate 39 bei etwa 790 Metern pro Sekunde. Die theoretische Durchschlagskraft der Panzergranate 40 betrug bei 500 Metern und 30 Grad Aufschlagwinkel rund 154 Millimeter homogene Walzpanzerung, mehr als ausreichend gegen die 45 Millimeter Front und 40 Millimeter Turm eines T-34/76.

Die Schussfolge bei eingespieltem Sechs-Mann-Trupp lag bei 12 bis 15 Schuss pro Minute. Im halb eingegrabenen Erdverschlag neben dem Schild lagerten 23 Panzergranaten 40, sechs Panzergranaten 39 und neun Sprenggranaten 34, insgesamt 38 Schuss.

Der Sechs-Mann-Trupp lag um das Geschütz herum, alle tot. Getroffen in der Nacht durch eine Salve eines abgesetzten 76,2-mm-Geschützes oder den Streuschuss eines T-34. Der Geschützführer, ein Unteroffizier namens Brendel, ein Tischler aus Magdeburg, 29 Jahre alt, lag auf dem Rücken neben dem rechten Rad, die Augen offen, der Helm halb über das Gesicht gerutscht.

Das Geschütz selbst war unbeschädigt, der Verschluss leichtgängig, das Rohr nicht überhitzt. Es war seit dem Vorabend nicht mehr gefeuert worden.

Kamler ließ das Glas sinken. Er sah hinunter zum Geschütz, dann hinüber zum Schuppen, in dem die sieben Verwundeten lagen, dann zurück zur Hohlwegmündung. Auf dem Papier war seine Lage keine Lage, sondern eine Endsumme: 31 T-34, 220 Schützen, drei Kilometer eigene Linie hinter ihm zerschlagen, kein Funk, kein Befehl, kein zweiter Mann am Geschütz.

Die Wirklichkeit sah anders aus, weil die Kolonne nicht in Schützenlinie kam, sondern in Marschordnung durch einen einzigen Hohlweg von acht Metern Breite. Er sagte nichts. Er kniete sich neben Brendel, schloss ihm die Augen, nahm ihm die Geschützführertasche mit der Schussliste ab und ging zum Geschütz hinüber.

Um 5:50 Uhr stand Kamler hinter dem Schild der Pak und rechnete. Er hatte in seinem Leben kein Geschütz dieser Klasse bedient, aber im Frühjahr 1943 bei Charkow drei Tage lang einer Pak-Bedienung beim Stellungsbau geholfen. Er hatte zugesehen, wie geladen, gerichtet und abgefeuert wurde, und weil er ein methodischer Mensch war, hatte er sich jeden Handgriff gemerkt.

Er kannte den Höhenrichtgriff links, den Seitenrichtgriff rechts, das Zielfernrohr ZF 3x, den senkrechten Fallkeilverschluss und den Abzugshebel unter dem Sitz. Er kannte das Gewicht einer Panzergranate 40, 6,8 Kilogramm in der Hand, ein Druck nach unten, der den Unterarm spannte. Er kannte die Theorie. Er hatte nie allein gefeuert.

Er formulierte drei Varianten, ohne die Lippen zu bewegen. Die erste war Rückzug: 400 Meter durch verschneites Stoppelfeld zur nächsten Senke, von dort weiter Richtung Subowka, die Verwundeten zurücklassen. Sieben Mann, von denen wenigstens vier den Vormittag überleben würden, wenn jemand bei ihnen blieb.

Die zweite Variante war, in den Schuppen zurückzugehen, die Pistole 08 mit ihren 24 Schuss bereitzuhalten, sich neben die Verwundeten zu legen und auf das Ende zu warten, das in zwölf bis 15 Minuten käme, wenn die Kolonne den Hohlweg verließ und das Dorf abkämmte. Beides waren die Varianten des Lehrbuchs. Beides hieß sterben oder vorsterben.

Die dritte Variante war, das Geschütz allein zu bedienen, allein zu laden, allein zu richten, allein abzufeuern, in einem Tempo, das ein einzelner Mann körperlich nicht halten konnte. Auf dem Papier war Variante drei kein Vorhaben, sondern eine Behauptung.

Kamler wählte die dritte. Er entschied das nicht aus Tapferkeit, sondern aus Geometrie. Der Hohlweg, aus dem die Kolonne herauskommen musste, hatte am Ausgang eine scharfe Linkskurve, hinter der das Gelände zu einem flachen Trichter aufstieg. Jeder T-34, der den Trichter erreichte, war für drei bis vier Sekunden nicht in der Lage, scharf abzudrehen, weil rechts ein zugefrorener Bachlauf und links der Hang zu steil war.

Drei bis vier Sekunden, in denen er sich in Seitenansicht zeigte, auf einer Entfernung, die Kamler mit dem Fadenkreuz und der bekannten Länge des T-34 von 6,68 Metern auf zunächst 600 Meter, später 520, später 450 Meter abschätzen konnte. Bei diesen Entfernungen würde die Panzergranate 40 die Seitenpanzerung von 45 Millimetern wie Blech öffnen, vorausgesetzt, er traf.

Er schleppte die erste Panzergranate aus dem Erdverschlag heran, 6,8 Kilogramm, schob die Patrone in das offene Patronenlager und hörte das saubere metallische Schnappen des Fallkeilverschlusses, der durch sein eigenes Gewicht hinter dem Geschoss hochsprang. Er trat hinter das Zielfernrohr, drehte den Höhenrichtgriff, bis das Fadenkreuz auf der Mitte des Hohlwegausgangs lag, und drehte den Seitenrichtgriff so weit nach rechts, dass er den Punkt traf, an dem der erste T-34 nach der Kurve in Seitenansicht erscheinen würde. Er atmete zweimal flach aus.

Um 5:56 Uhr schob sich die Bugpartie des Führungspanzers aus dem Hohlweg, drehte mit knirschenden Ketten und geriet für den erwarteten Moment in volle Seitenstellung, 620 Meter, etwas links unterhalb des Fadenkreuzes. Kamler zog den Abzugshebel.

Der Knall der Pak 40 schlug ihm in die Ohren wie ein flacher Schlag mit der offenen Hand auf beide Trommelfelle gleichzeitig. Das Geschütz schlug zwei Meter zurück, der Mündungsknall warf eine kreisrunde Schneewelle vor dem Lauf hoch. Eine Sekunde Stille, dann ein heller, harter Schlag drüben am Hohlwegausgang. Funkenflug auf der Backbordseite des T-34, ein kurzes Aufzucken, eine Sekunde Verzögerung, dann die Munition.

Der Turm hob sich glatt vom Wannenrand ab, drehte sich in der Luft um die eigene Achse und fiel 30 Meter weiter ins Stoppelfeld. Schwarzer Rauch quoll aus der Wanne. Erster Treffer, erster Abschuss.

Die Kolonne hinter dem brennenden Wagen stockte für vier, fünf Sekunden, weil der Hohlweg hinter dem Wrack blockiert war. Kamler riss den Verschluss auf. Die heiße Hülse sprang klirrend in den Schnee und dampfte.

Er schleppte die zweite Panzergranate 40 heran. Er richtete neu, weil der zweite T-34 nun versuchte, links am Wrack vorbeizudrücken und dabei wieder die Seitenansicht zeigte. 500 Meter, Schuss, Treffer hinter dem Turm, Brand. Zweiter Abschuss.

Dritte Granate, dritter Wagen. Der dritte versuchte zurückzusetzen und kam dabei in den Trichter zurück, Heck zuerst, 46 Millimeter Heckpanzerung, 480 Meter, Treffer in den Motorraum, Brand. Dritter Abschuss.

Der vierte Wagen wollte den Hohlweg verlassen, indem er die linke Böschung hochkletterte, kippte dabei für zwei Sekunden in die Schräglage und zeigte den Wannenboden. Kamler nahm die Panzergranate 39, weil ihm die Panzergranate-40-Vorräte bereits zur Sorge wurden. 420 Meter, Treffer in die Wanne, vierter Abschuss.

Bis 6:14 Uhr hatte er sechs T-34 ausgeschaltet, in 13 Minuten mit acht Schuss. Er hatte zweimal danebengetroffen. Sein Atem ging stoßweise. Der rechte Arm, mit dem er den 27 Kilogramm schweren Verschluss bedient und die Granaten eingeschoben hatte, zitterte. Der Schweiß lief ihm trotz der Kälte unter dem Kragen den Rücken hinunter.

Auf der Geschützführertasche neben seinem rechten Stiefel notierte er mit dem Bleistiftstummel: sechs Abschüsse, 30 Schuss verbleiben, 25 Panzer verbleiben, Geschütz heiß.

Um 6:17 Uhr begann die zweite Phase, und Kamler verstand sofort, dass der sowjetische Bataillonskommandeur kein Anfänger war. Die Kolonne stoppte. Die hinteren T-34, vermutlich noch 16 oder 17, drückten nicht weiter in den Hohlweg, sondern setzten zurück und fächerten in den lichten Birkenwald rechts und links der Straße aus, suchten Stellungen zwischen den Stämmen, in denen der dünne Bewuchs die Sicht brach.

Vier Wagen rollten in einem weiten Bogen nach Süden, offenbar um über das gefrorene Bachbett herum die Flanke der Pak zu erreichen. Gleichzeitig sprang die aufgesessene Infanterie ab. Kamler zählte mit dem Fernglas neun, dann 14, dann mehr als 20 Schützen, die sich in zwei Gruppen aufteilten und in geduckter Bewegung das Stoppelfeld zu queren begannen. Die eine Gruppe rechts in Richtung des verbrannten T-70, die andere links in Richtung der Senke vor dem Schuppen.

Die Distanz zur ersten Gruppe betrug noch 380 Meter. Sie näherten sich in Sprüngen von zehn bis 15 Metern, das übliche Schema: drei oben, drei unten, abwechselnd Feuer und Bewegung.

Kamler hatte gegen Infanterie genau neun Sprenggranaten 34. Gegen die flankierenden Panzer hatte er noch 15 Panzergranaten 40 und fünf Panzergranaten 39. Seine Pistole 08 mit ihren 24 Schuss war auf 40 Meter eine Drohung, auf 100 Meter ein Geräusch.

Er entschied sich, die Sprenggranaten zu sparen, solange die Infanterie über 200 Meter entfernt war, und stattdessen die zwei nächsten Panzergranaten 40 auf die Flankenpanzer im Birkenwald zu legen, weil ein durchbrechender T-34 die Lage in zwei Minuten beendet hätte. Er richtete auf den linken der vier Flankenwagen, 550 Meter.

Der Wagen stand für einen Augenblick zwischen zwei Stämmen, halb in Schräglage. Der Turm drehte gerade auf ihn zu. Kamler feuerte. Treffer im Turm, Aufschlagblitz. Der Wagen blieb stehen, Rauch, kein Brand. Vermutlich war die Besatzung tot oder verletzt. Fünfter Abschuss.

Der nächste Wagen reagierte sofort, drehte den Turm und feuerte zurück. Die 76,2-mm-Granate ging zwölf Meter rechts vom Geschütz in den Boden, schleuderte gefrorene Erdklumpen und Schneematsch über den Schild und schlug einen Splitter gegen die linke Schildkante, der 20 Zentimeter neben Kamlers Kopf vorbeisang. Er duckte sich nicht, er lud nach.

Um 6:24 Uhr, beim elften Schuss, geschah, was geschehen musste. Der Verschluss war in der Hektik der Einzelbedienung nicht zwischendurch geölt worden, in der eisigen Luft von Kondenswasser benetzt und sofort wieder von Mündungsfeuer erhitzt, und er klemmte.

Kamler hatte die Panzergranate 40 eingeschoben, der Fallkeil war hochgesprungen, aber als er nach dem Schuss den Hebel zog, blieb der Verschluss in halb geöffneter Stellung stehen, die heiße Hülse halb herausgezogen, festgesaugt im Patronenlager.

Im selben Moment schlug eine 76,2-mm-Granate des zweiten Flankenpanzers direkt in den Schild der Pak. Oben rechts durchschlug das fünf Millimeter starke Blech nicht, aber der Aufschlag riss eine handflächengroße Beule heraus und sandte einen Splitterstern aus glühendem Stahl quer über die rechte Geschützseite.

Ein Splitter, etwa drei Zentimeter lang, schlug Kamler durch den linken Handschuh, durch die Mittelhand zwischen Daumen und Zeigefinger, riss zwei der fünf Mittelhandknochen durch und blieb in der Handfläche stecken. Die Hand wurde sofort taub, dann sprang das Blut in einem flachen Bogen aus dem Handrücken.

Er sagte nichts. Er sah die Hand an, drei Sekunden, schloss die Augen, öffnete sie wieder. Er war Sanitäter. Er kannte die nächsten 90 Sekunden, bevor der Schock die Feinmotorik nahm.

Er schnürte mit den Zähnen und der gesunden Rechten den Kompressionsverband, den er immer im rechten Brusttaschenfutter trug, fest um das Handgelenk. Die Schlinge zog so eng, dass die Pulsung im Daumen aufhörte. Er klemmte das Verbandsende mit den Zähnen fest.

Dann griff er nach der Kornzange, die er um 5:42 Uhr gewaschen und sich vor 20 Minuten in die rechte Manteltasche gesteckt hatte, und zog den Stahlsplitter mit einer einzigen drehenden Bewegung aus der Handfläche heraus. Er warf ihn in den Schnee. Er hörte ihn nicht aufschlagen.

Der klemmende Verschluss war das größere Problem. Mit einer Hand war er nicht zu öffnen. Kamler nahm den Hammer aus der Werkzeugkiste neben dem Geschütz und schlug zweimal flach gegen den Verschlusshebel. Beim dritten Schlag sprang die Hülse heraus, dampfend, und blieb im Schnee zischend liegen.

Er nahm die nächste Granate, eine Panzergranate 39, klemmte sie zwischen den Knien gegen den Mantel und schob sie mit der rechten Hand ins Patronenlager. Der Verschluss schnappte. Er richtete neu, 540 Meter, auf den zweiten Flankenpanzer, Treffer in die Wanne unter dem Turm, Brand. Sechster Abschuss.

Inzwischen war die linke Infanteriegruppe auf 190 Meter herangekommen. Kamler griff zur ersten Sprenggranate 34 und drehte den Aufschlagzünder auf aufschlagempfindlich. Er richtete den Lauf flach über das Stoppelfeld, Höheneinstellung null, Korn knapp über die Köpfe der duckenden Schützen. Schuss.

Die Granate detonierte in 40 Metern Höhe hinter ihnen. Splitterregen nach unten. Vier Mann blieben liegen, drei rissen die Arme hoch und fielen. Der Rest warf sich flach.

Er hatte noch acht Sprenggranaten, 13 Panzergranaten 40, vier Panzergranaten 39, eine bedienbare Hand, ein klemmgefährdetes Geschütz und ein Sichtfeld, in dem sich 19 T-34 noch unbeschädigt zwischen den Birken bewegten.

Um 6:38 Uhr begann die dritte Phase. Kamler verstand, dass die sowjetische Infanterie das Spiel umstellte. Die linke Gruppe hatte sich nach dem Sprenggranatentreffer in die Senke vor dem Schuppen geworfen. Fünf Mann tot, der Rest unsichtbar im toten Winkel hinter dem Schneewall, Distanz 140 Meter.

Die rechte Gruppe nutzte den Rauch der brennenden T-34 als Sichtschutz und kroch parallel zum Bachbett heran, Distanz noch 200 Meter. Drei Schützen bewegten sich weit ausholend nach Süden, offensichtlich um über das Bachbett herum die Pak von hinten zu erreichen.

Auf 100 Meter würde ein Schütze mit der Mosin-Nagant, Mündungsgeschwindigkeit 865 Meter pro Sekunde, Kaliber 7,62 x 54 R, durch den fünf Millimeter starken Schild der Pak 40 hindurchschießen, als wäre er nicht da. Auf 50 Meter würde es jeder mit der PPSh-41 tun.

Wieder drei Varianten. Die erste: liegen bleiben am Geschütz, weiter Panzer abschießen und in den nächsten vier Minuten von einem Infanteristen erschossen werden. Die zweite: das Geschütz aufgeben, in den Schuppen zu den Verwundeten zurückgehen und dort mit der Pistole 08 sterben.

Die dritte: das Geschütz aus seiner halb eingegrabenen Stellung um etwa 15 Grad nach links schwenken, sodass der Schild auch die linke Flanke gegen die Senke deckte, und mit den Sprenggranaten erst die Infanterie auflösen, bevor die Panzer durchbrachen, wohl wissend, dass jede Sekunde, die für die Infanterie verwendet wurde, einem T-34 gehörte, der näher kam.

Kamler wählte die dritte. Er schwenkte das Geschütz mit der gesunden rechten Hand am Seitenrichtgriff. Die linke Hand pumpte trotz Verband Blut in den Schnee. Das Geschütz drehte schwer, weil er nur ein Drittel der Kraft hatte. Dann saß die Lafette neu.

Zweite Sprenggranate, 140 Meter, flach in die Senke vor dem Schuppen. Aufschlag in der Schneewehe, Detonation in der Senke selbst. Drei Schreie, dann Stille.

Dritte Sprenggranate, 200 Meter, in den Rauch hinein auf die rechte Gruppe. Aufschlag im Stoppelfeld. Vier Männer schlugen vornüber.

Vierte Sprenggranate, 230 Meter, auf die Südumgehung am Bach. Drei Schützen. Einer fiel sofort, zwei warfen sich in den Bachgraben und blieben dort.

Sieben Sprenggranaten verschossen, zwei verbleibend. Neun Panzergranaten 40 und vier Panzergranaten 39 verbleibend.

Um 6:44 Uhr kam, was kommen musste. Ein einzelner T-34, vermutlich der Kommandantenwagen der zweiten Welle, hatte das Bachbett überquert, war hinter dem Birkenwald nach Süden ausgeschert und kam jetzt aus der Flanke direkt auf das Geschütz zu, in voller Frontalfahrt, 15 Stundenkilometer, Distanz 230 Meter und schrumpfend.

Kamler riss das Geschütz herum, weiter nach links. Der Lauf schwang über die eigenen toten Geschützführer hinweg. Der T-34 war jetzt in geringer Schussbahn. Wanne flach, Front 45 Millimeter, unter etwa 60 Grad gegen die Panzergranate 40 auf 150 Meter immer noch durchschlagbar, aber das Fadenkreuz lag nicht ruhig, weil seine Linke das Höhenrad nicht halten konnte.

Der T-34 feuerte zuerst. Die Granate ging über den Geschützschild hinweg und schlug 20 Meter hinter dem Geschütz in den gefrorenen Boden. Splitter prasselten gegen Kamlers Mantelrücken.

90 Meter. Er ließ ihn näher kommen. 60 Meter. 40. 19 Meter. Auf 19 Metern zog er den Abzug. Die Panzergranate schlug in die Wannenfront unterhalb des Bugmaschinengewehrs, durchschlug, detonierte im Inneren.

Der T-34 hob sich um eine halbe Wagenlänge an. Rauch quoll aus jeder Luke. Der Wagen rollte noch acht Meter aus und blieb stehen, brennend. Achter Abschuss. Die letzte Panzergranate im Lager.

In diesem Moment fiel Kamler. Ob es der Blutverlust war, ob der Druck der Granate, die in 19 Metern Entfernung detoniert war, ihn umgeschlagen hatte, konnte er später nicht sagen. Er fiel nach rechts neben den Geschützführer Brendel und blieb liegen, das Gesicht im Schnee, die rechte Hand noch am Sitzgestell der Pak.

Er bekam nicht mehr mit, dass um die Spitze der eigenen Panzergrenadiere des Grenadier-Regiments 666, alarmiert vom Hilferuf eines Funkers aus Subowka, mit drei Sturmgeschützen von Süden in die Flanke der sowjetischen Restkolonne stieß und in 40 Minuten Gefecht weitere elf T-34 ausschaltete.

Er bekam nicht mit, dass man ihn um 7:30 Uhr mit kaum messbarem Puls neben dem Geschütz fand, neben acht ausgebrannten T-34 in einem Halbkreis und 24 toten sowjetischen Schützen im Stoppelfeld davor.

Im Lazarett von Pomosnaja schrieb Hauptmann Reuter drei Tage später, der vorgeschickt worden war, die Lage zu klären, in seinem Gefechtsbericht: Sanitätshauptfeldwebel Kamler hat in der Zeit von 6:14 bis 6:44 Uhr am 14. Januar 1944 allein und ohne Bedienung die Pak 40 der schweren Kompanie geführt, acht Feindpanzer T-34 abgeschossen und mindestens 29 feindliche Schützen außer Gefecht gesetzt. Sein Verhalten sicherte den Rückzug der eigenen Linie um vier Stunden und verhinderte den Durchbruch eines verstärkten Panzerbataillons in den Rücken des Divisionsstabes.

Am 7. März 1944 erhielt Kamler das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Die linke Hand wurde gerettet, blieb steif. Er führte sie nach dem Krieg nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Erich Kamler überlebte den Krieg in einem Lazarettzug bei Halle, kam 1947 aus amerikanischer Gefangenschaft zurück, beendete 1951 das Medizinstudium, das er 1932 abgebrochen hatte, und arbeitete bis 1979 als Landarzt in einem Dorf bei Hildesheim.

Er sprach nie über Snamenka. Auf die zwei Anfragen von Veteranenzeitsschriften antwortete er nicht. Er starb 1986 an einem Herzinfarkt in seiner Praxis, zwischen zwei Sprechstunden.

In seinem Schreibtisch fand seine Tochter eine kleine Holzkiste mit der Kornzange, die er am Morgen des 14. Januar 1944 gewaschen hatte.

Es war nicht das Geschütz, das 31 T-34 gestoppt hat. Eine Pak 40 ohne Bedienung ist Stahl auf zwei Rädern. Es war auch nicht Tapferkeit, denn Kamler hatte keine Zeit, tapfer zu sein. Es war Arithmetik. Ein Mann, ein Hohlweg von acht Metern Breite, eine Linkskurve, drei bis vier Sekunden Seitenansicht pro Panzer, 6,8 Kilogramm in der rechten Hand. Der Rest war eine zerrissene linke Hand und das Schweigen eines Landarztes, das 40 Jahre dauerte.