Antonia Krause stand am Fenster und sah dem Regen zu. Die Tropfen liefen an der Scheibe herab und verschwammen zu unregelmäßigen Bahnen, die wie Tränen aussahen. Ihre eigenen Tränen waren in den letzten sechs Monaten längst versiegt. Sie hatte alles geweint, was sie konnte.

„Bist du schon wieder dabei? “ Die Stimme von Markus klang scharf und mit unverhohlener Verachtung aus dem Flur. Antonia zuckte zusammen und bedeckte reflexartig den Teller mit ihrem Haferbrei. Es war nur Haferbrei, ohne Butter, ohne Zucker, aber selbst das war ihrem Mann zu viel.
„Es ist das Frühstück“, antwortete sie leise, ohne sich umzudrehen. „Frühstück“, höhnte Markus, als er die Küche betrat. „Sieh dich doch mal an. Du bist zu einer Kuh geworden.
Ich finde es widerlich, dich anzufassen. “
Die Worte trafen ins Schwarze. Antonia wusste, dass er recht hatte. Seit Max vor acht Jahren geboren worden war, war das Gewicht nie wieder auf das alte Maß zurückgegangen.
Sie hatte es versucht, Diäten ausprobiert, war ins Fitnessstudio gegangen, aber der Stress und die ständige Anspannung in der Familie machten alles nur schlimmer. Jeden Abend schwor sie sich, am nächsten Montag ein neues Leben zu beginnen, aber jeder Montag brachte neue Enttäuschungen. „Ich versuche es doch“, flüsterte sie und spürte, wie sich ihr Magen schmerzhaft zusammenzog. „Du versuchst es“, wiederholte Markus, während er sich Kaffee eingoß.
„Vor zwanzig Jahren, als wir uns kennenlernten, warst du eine Schönheit. Alle Männer drehten sich nach dir um. Jetzt schäme ich mich, mit dir in die Öffentlichkeit zu gehen. “
Er sagte das nicht zum ersten Mal.
Im letzten Jahr waren diese Worte so vertraut geworden wie der Morgenkaffee. Antonia schwieg und starrte auf ihren Teller. Früher hätte sie widersprochen, sich verteidigt, aber jetzt fehlte ihr die Kraft. Markus trank seinen Kaffee aus und sah auf die Uhr.
„Ich muss los. Ich komme heute Abend später. “
„Wieder eine Besprechung? “, fragte Antonia, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
„Ja“, warf er kurz hin und ging. Ohne sich zu verabschieden, fiel die Tür ins Schloss, und Antonia blieb allein in der leeren Wohnung zurück. Max war vor einer Woche zu ihrer Cousine Lena aufs Land gefahren, zu den Sommerferien, und das Haus schien besonders still. Sie aß den Haferbrei langsam auf, obwohl ihr der Appetit vergangen war.
Dann stand sie auf und betrachtete ihr Spiegelbild im Flur. Ein rundes Gesicht, ein Doppelkinn, breite Hüften unter einem unförmigen Bademantel. Wann hatte sie aufgehört, sich selbst wiederzuerkennen? Wann hatte sie aufgehört, das Mädchen zu sein, das einst die Tanzflächen belebte und bewundernde Blicke erntete?
Das Handy ihres Mannes vibrierte auf dem Tisch. Er hatte es vergessen. Antonia warf einen beiläufigen Blick auf den Bildschirm und sah eine Nachricht von Laura. „Schatz, ich warte heute Abend auf dich bei mir.
Ich vermisse dich so. “
Ihr Herz sackte zusammen. Ihre Hände zitterten. Antonia entsperrte das Telefon.
Das Passwort kannte sie. Markus hielt es nie für nötig, es zu ändern. Die Korrespondenz war lang, offen und voller Zärtlichkeit und Leidenschaft, die in ihrem gemeinsamen Leben seit Jahren fehlten. Laura, sechsundzwanzig Jahre alt, seine Sekretärin im Büro, schlank, auffällig, mit langen Beinen auf den Fotos.
Alles, was Antonia nicht mehr war. Antonia sank auf einen Stuhl, das Telefon noch in der Hand. In ihr war weder Wut noch der Wunsch zu schreien. Da war nur Leere, eine kalte, alles verzehrende Leere.
Sie legte das Telefon zurück an seinen Platz und ging ins Schlafzimmer. Aus dem Schrank holte sie ein altes Fotoalbum. Hier ihre Hochzeit. Sie in einem weißen Kleid, schlank, glücklich.
Hier Max’ Geburt. Hier ihr letzter gemeinsamer Urlaub vor drei Jahren. Wann hatte sich alles verändert? Wann war sie für ihren eigenen Mann unsichtbar geworden?
Abends kam Markus spät zurück, fast Mitternacht. Antonia schlief nicht, lag im Dunkeln und starrte an die Decke. Sie hörte, wie er sich leise im Flur auszog, wie er versuchte, keinen Lärm zu machen, wie er ins Bad ging. Der Geruch eines fremden Parfüms lag in der Luft.
„Du bist wach? “, fragte er überrascht, als er ins Schlafzimmer kam. „Ich kann nicht schlafen“, antwortete Antonia mit ruhiger Stimme. Markus legte sich auf seine Betthälfte und drehte sich zur Wand.
Zwischen ihnen lagen fast ein Meter Abstand, aber es schien eine ganze Schlucht zu sein. „Markus“, sprach sie leise an. „Was? Ich bin müde, Tony.
Du hast heute Morgen dein Handy vergessen. “
Es herrschte Stille. Antonia spürte, wie sich sein Körper anspannte und seine Stimme wachsam wurde. „Es kam eine Nachricht.
Ich habe sie gesehen. Laura. Wie lange schon? “
Marcus richtete sich abrupt im Bett auf und schaltete das Nachtlicht ein.
Sein Gesicht war blass, aber nicht schuldbewusst, eher irritiert. „Du liest meine Nachrichten. “
„Sie war auf dem Bildschirm. Wie lange schon, Markus?
“
„Ein halbes Jahr, vielleicht länger. Was macht das für einen Unterschied? “
„Was für einen Unterschied? “, fragte Antonia und spürte, wie in ihr etwas zu kochen begann, das sie längst für tot gehalten hatte.
„Du betrügst mich seit einem halben Jahr, und du fragst, was für einen Unterschied das macht? “
„Was hast du denn erwartet? “, Markus wandte sich zu ihr, und in seinen Augen lag kalte Wut. „Sieh dich an, sieh an, was aus dir geworden ist.
Du hast aufgehört, auf dich zu achten. Hast aufgehört, eine Frau zu sein. Du bist nur noch ein Möbelstück, ein bequemes, gewohntes Möbelstück. “
Jedes Wort traf wie ein Schlag ins Gesicht.
„Ich habe dein Kind geboren“, sagte Antonia, aber ihre Stimme zitterte. „Ich habe ihn erzogen, den Haushalt geführt, gearbeitet –“
„Und du hast alles in dich hineingefressen“, unterbrach Markus. „Keine Ausreden. Laura ist zehn Jahre jünger als du, aber sie findet Zeit für das Fitnessstudio, für sich selbst.
Sie will gefallen. Und du? Wann hast du das letzte Mal etwas anderes getragen als diese weiten Schlabberklamotten? “
Antonia schwieg.
Die Worte blieben ihr im Hals stecken. „Ich gehe“, sagte Markus plötzlich. „Ich kann so nicht mehr leben. Sie erwartet ein Kind, mein Kind, und ich will bei ihr sein.
“
Die Welt brach zusammen, einfach so, in einem Augenblick. „Was? “, hauchte Antonia. „Du hast mich gehört.
Die Wohnung gehört dir. Ich ziehe zu Laura. Das ist es. “ Er stieg aus dem Bett, ging zum Schrank und begann, seine Anzüge auf das Bett zu legen.
Er sprach weiter, während er packte, als würde er einen Termin oder eine Reise organisieren. „Ich werde Max ja nicht aus meinem Leben schmeißen, aber ich kann nicht mehr hierbleiben. Das verstehst du doch, oder? Du willst doch auch, dass ich glücklich bin.
“
Antonia saß bewegungslos im Bett und beobachtete, wie ihr Ehemann, der Vater ihres Sohnes, in wenigen Minuten ein Leben auflöste, das sie zwanzig Jahre lang gemeinsam aufgebaut hatten. Er sagte nichts von Gefühlen, nichts von Schmerz, nichts von Entschuldigungen. Er nannte nur Bedingungen und den gemeinsamen Nachnamen, den Laura bald tragen würde. „Entschuldigung“, sagte er einmal, beiläufig, als er seine Krawatten zusammenschob.
Ihr war, als würde er sich bei einer fremden Frau entschuldigen, die er zufällig kennenlernen würde. Als er seine Tasche zog und den Reißverschluss schloss, blieb Antonia noch immer regungslos sitzen. Ihre Hände lagen im Schoß, die Finger ineinander verschlungen. Sie spürte keine Tränen mehr.
Nur dieses eine Gefühl, das sich wie ein glühendes Eisen in ihr Inneres fraß: Wut. Keine heulende Wut, keine hysterische Wut, sondern eine stille, eiskalte Entschlossenheit. „Die Scheidung bekommst du morgen“, sagte sie, und ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor. „Mein Anwalt wird sich bei deinem melden.
“
Markus hielt kurz inne und drehte sich zu ihr um. „Willst du das wirklich? Du willst den Jungen als Waisenkind aufwachsen lassen? “
„Du hast dich entschieden“, erwiderte Antonia ruhig.
„Nicht ich. Und du wirst jetzt auch hier rausgehen. Heute Nacht noch. “
„Und das Essen?
“, fragte er sarkastisch. „Du weißt, was die Leute sagen werden. Dass du es nicht geschafft hast, mich zu halten. Eine Frau, die nicht einmal ihren Mann halten kann.
Was bist du ohne mich? “
„Ich bin die Mutter deines Kindes“, sagte Antonia und stand auf. Ihre Beine trugen sie, obwohl sie dachte, sie würden nachgeben. „Und das ist das Einzige, was du auf ewig mit mir teilen wirst.
Aber das hier, uns, das gibt es nicht mehr. Geh jetzt, Markus. Nimm deine Sachen und geh. “
Er lachte kurz auf, schüttelte den Kopf, als würde er über ein unvernünftiges Kind lachen, aber er nahm die Tasche.
„Du hattest Glück, dass ich all die Jahre bei dir war. Du wirst mich nicht überleben. Du hast ja nicht einmal einen Job, der dich halten würde. “
„Du träumst“, entgegnete sie und ihre Stimme war fest.
„Und ich werde dich nicht zurückrufen. “ Als er im Flur stand und nach der Türklinke griff, rief sie ihm nach: „Dein Sohn wird es wissen, Markus. Er wird eines Tages wissen, was für ein Mann du bist. Und er wird sich schämen, deinen Namen zu tragen.
“
Die Tür fiel ins Schloss. Die Tür, hinter der sie zwanzig Jahre lang gelebt hatte. Und mit einem Mal war alles still. Totenstill.
Antonia blieb mitten im Wohnzimmer stehen und drehte sich im Kreis. Die Wohnung kam ihr auf einmal groß und fremd vor, voller Erinnerungen wie Möbelstücke, an denen man festhing, obwohl sie längst ausgebleicht waren. Sie sah das Sofa, auf dem sie geschlafen hatten, den Esstisch, an dem sie ihre erste Hochzeitstagsfeier begangen hatten. Hier hatte sie Max das Laufen beigebracht.
Dort drüben die Tür, hinter der sie jeden Morgen geweint hatte, wenn Markus nicht mehr da war. Doch diesmal spürte sie keinen Schmerz. Sie spürte nur unendliche Müdigkeit und einen Anflug von seltsamem Frieden. Am nächsten Morgen stand sie um sechs Uhr auf.
Sie wusch ihr Gesicht mit kaltem Wasser, band ihre Haare streng nach hinten und machte sich selbst eine starke Tasse Kaffee. Sie setzte sich an den Rechner und startete ein Bewerbungsprogramm, mit dem sie vor Jahren gearbeitet hatte, als Sekretärin in einem Vertriebsbüro, bevor Markus darauf bestanden hatte, dass sie aufhört, um sich um das Kind zu kümmern. „Du hast ja nicht einmal einen Job, der dich halten würde“, erklang Markus’ Stimme in ihrem Kopf. Sie ignorierte sie.
Der erste Anruf ging an ein Unternehmen, das Buchhaltung suchte. Sie erklärte ihre Situation, arbeitete hoch konzentriert, legte auf, atmete durch und rief das nächste an. Nach der achten Absage ließ sie sich nicht beirren. Nach der zwölften hatte sie ein Vorstellungsgespräch am nächsten Tag in einer Steuerberatungskanzlei.
Am Abend rief sie Lena an. „Kannst du mit Max noch eine Weile auf dem Land bleiben? Es wäre gut für ihn, etwas anderes zu sehen, solange ich hier das Nötigste regele. ”
„Alles klar, Antonia.
Nimm dir Zeit. Der Große ist gut aufgehoben hier. ”
„Danke, du weißt nicht, wie sehr ich das brauche. ”
„Was ist passiert?
Du klingst merkwürdig. Anders. Aber ich hör Gewissheit in der Stimme meiner Base noch nie gehört habe. “
„Ich erzähle dir später alles“, versprach Antonia und legte auf.
Am nächsten Tag trug sie ihren dunkelblauen Blazer, dieselben Schuhe, die sie vor Jahren gekauft hatte und die sie auf dem Kleiderschrank bis ganz oben in einer Schuhschachtel befestigt hatte. Sie nahm ihre alte Handtasche, die sie nie mehr benutzt hatte, und einen Bus in die Stadt, weil das alte Ehe-Auto auf Markus zugelassen war. Sie hatte ein wenig geübt vor dem Spiegel. Und sie war zufrieden, was sie sah, nicht das alte Mädchen von damals, aber eine Frau, die bereit war, umzuziehen.
Das Geschäft nahm an. „Sie verfügen über erstaunlich gute Kenntnisse und der Umgang mit den gängigen Programmen überzeugt uns“, sagte der Geschäftsführer, ein älterer Mann mit ergrauten Schläfen. „Wann können Sie anfangen? “
„Morgen“, antwortete Antonia ohne Zögern.
Sie begann noch am selben Wochenende. Sie meldete sich um, beantragte eine eigene Steuernummer und Erste Arbeitslosenpläne später als Übergang brauchte sie nicht mehr. In den ersten Wochen war sie wie müde. Sie arbeitete von acht bis fünf, kam nach Hause, aß etwas Gesundes, das sie für sich selbst kochte, nicht für einen Mann mit hochgezogenen Augenbrauen, und machte danach leichte Übungen im Wohnzimmer, ohne dass jemand spöttische Bemerkungen machte.
Bis Samstag hatte sie die erste Version des Projekts fertig. Der Chef, ein freundlicher Mann mit weißem Bart, lobte sie: „Sie haben ein gutes Gespür für Struktur und Disziplin. ”
Doch am Abend, wenn der Lärm der Stadt draußen leiser wurde, kehrte die Leere zurück. Nicht wegen Markus, sondern wegen Max.
Sie rief jeden Abend an, sprach mit ihm von Alltagsdingen, welche Werkstatt sie heute gemacht hatten, dass die Erdbeeren endlich reif waren. Sie erhöhte ihre Stimme nicht und ließ sich nichts anmerken. In ihren Armen hielt sie das Telefon fest, als würde sie ihn halten können. Einmal fragte der Sohn, unsicher: „Mama, wann kommst du mich holen?
“
„Bald, mein Kleiner. Ganz bald. Ich muss nur noch diese neue Arbeit einrichten, dann kannst du kommen, und wir schauen uns an, wo wir leben. ”
„Und Papa?
Wo ist Papa? “
Antonia schloss einen Moment die Augen. „Papa lebt jetzt woanders, Schatz. Aber das ist nicht deine Schuld, und er liebt dich trotzdem.
Du beide, Max. “
Leise fügte sie hinzu: „Er wird sich bald melden, ganz bestimmt. “
Aber Markus rief nicht an. Er schrieb nicht.
Nicht einmal eine SMS, zum Fragen nach Max. Sein Sohn schien vergessen zu haben, wie eine Erinnerung, die er aussortiert hatte und nicht mehr brauchte. Drei Wochen später stand Antonia in der Kanzlei, als eine Nachricht auf ihrem privaten Handy eintraf. Sie hatte ihre Nummer kürzlich geändert, es gab also nur wenige Kontakte.
Es war eine Nachricht von Laura, der werdenden Mutter. „Ich weiß, dass du mich nicht kennen willst, aber ich habe ein schlechtes Gewissen. Es tut mir leid, was passiert ist, und auch wenn es nichts ändert, wollte ich es gesagt haben. Falls du dich deshalb so fühlst.
Diese schöne Frau von der Arbeit hat sich bewusst in deine Ehe gedrängt. Ich habe es gewusst, aber nicht aufgehört. Er hat gesagt, er sei schon lange nicht mehr glücklich mit dir, dass er nur noch wegen Max geblieben sei. Ich weiß nicht, was richtig und was falsch ist.
Aber ich wollte, dass du weißt: Es lag nie an dir. Du bist nicht am auseinandergehen eurer Ehe schuld, der Mann ist es, der nicht wusste, was er hat. Ich bereue, was wir getan haben. Und ich bin nicht sicher, ob er es mit mir besser machen wird, aber das war’s dann auch schon.
Ich wünsche dir viel Kraft. “
Antonia las diese Nachricht zweimal. Dann löschte sie. Sie empfand nichts, weder Wut noch Genugtuung.
Was hatte es schon für einen Wert? Nichts Ruhmreiches, als dass eine andere Frau, die jünger war, sie ging, um ihr Gewissen zu beruhigen. Antonia ging nach Hause, nahm ihre Joggingschuhe und lief drei Runden um den Park. Bei jedem Schritt.
Bei jedem Keuchen. Bei jedem Pfund, das abfiel. Als sie zurückkam, zitterte ihr Körper, aber ihr Kopf war klar. Sie stellte die Schuhschachtel auf den Tisch, die sie vor einer Woche aus dem hintersten Winkel des Schranks geholt hatte, füllte alle Fotos und Papiere hinein und setzte sich an den Rechner.
Sie schickte eine kurze, förmliche E-Mail an den Anwalt, den sie längst beauftragt hatte. „Bitte stellen Sie den Scheidungsantrag. Ich habe hier noch etwas gefunden, das in diesem Fall eine Rolle spielen wird. Ich schicke Ihnen die Unterlagen am Montag.
”
Dann richtete sie die Schachtel auf dem Tisch ein, leerte alle Ordner aus, die sie in einer Umzugskiste aufbewahrt hatte: alte Kontoauszüge, auf denen hohe Bargeldabhebungen zu sehen waren, und die stets an Markus Alleinkonto gingen. Noch konnte sie nichts Zwingendes beweisen, aber die Anwälte würden es wissen. Am Freitag holte sie Max vom Bahnhof ab. Als sie ihn neben sich auf die Rückbank im Bus nahm und seinen warmen Kopf in ihren Armen spürte, wo er bereits leise und versunken aufregende Geschichten aus der langen Zeit beim Land erzählte, der Himmel über der Stadt ein sattes Abendrot hatte, da wusste Antonia, dass ein Teil des Alten, die junge Frau, die auf einmal wütend geworden war, wirklich abgeschlossen war.
„Mama, essen wir jetzt etwas? “, fragte Max und kicherte. „Ja, mein Schatz. Ich denke, wir nehmen uns einen Nachtschirm mit und schauen uns den alten Spielplatz an.
“
Der Junge lachte auf, so unbefangen, so leicht. Er hatte es überstanden, dachte Antonia. Sie würden sich einen kleinen Ort am Stadtrand suchen, eine Wohnung mit Garten für den Spielplatz. Sie hatte genug gespart, um die erste Kaltmiete zu bezahlen und etwas für die Einrichtung zurückzulegen.
Als Max am Abend, nach der Dusche und einem Kinderbuch, das er selbst aussuchte, einschlief, stand Antonia an seinem Bett und strich ihm über die dunklen, weichen Haare. „Es ist nicht deine Schuld, mein Kleiner“, flüsterte sie leise. „Ich habe dich, und deshalb habe ich gewonnen. Er hat mich mit allem, was er angetan hat, zurückgeworfen.
Und ich bin immer noch da. Nicht weil ich es wollte. Sondern weil das Leben so weiterging. Und wir sind zusammen.
“
Sie blieb noch eine Weile stehen und sah zu, wie sich sein kleiner Rücken gleichmäßig hob und senkte. Dann schaltete sie das Nachtlicht aus, zog die Tür leise hinter sich zu. Im Flur blieb sie stehen. Die Wohnung war klein, aber ich.
Ihr gehört. Die Fenster, die in den Hof gingen, warfen gedämpftes Licht auf den Dielenboden, auf den ein alter, aber hübscher Läufer den Gang schmückte. An der Wand lehnte ein Regal, das sie aus einem Baumarkt mitgenommen hatte und das sie am Wochenende selbst aufbauen wollte. Sie hatte Werkzeugkisten besorgt, einen neuen Wasserkocher, einen Krug mit getrockneten Lavendelzweigen, die sie auf dem Markt ergattert hatte.
Sie setzte Teewasser auf. Diese neue Wohnung war kein Schlachtfeld. Sie war ein Anfang. Am ersten Tag des neuen Monats meldete sich schließlich doch ihr Anwalt.
„Frau Krause, ich komme zum Punkt. Der Antrag ist eingereicht, und die erste Seite der gegnerischen Anhörung hat erlegt. Herr Krause hat sich überraschend geweigert, sein leibliches Kind anzuerkennen, dass er kein Interesse an einem Sorgerecht hat. Sein Anwalt hat außerdem mitgeteilt, dass er die Forderungen nach Unterhalt anerkennt, aber die Höhe der Forderung ablehnt.
”
„Das kommt überraschend“, räumte Antonia ein. „Nicht wirklich. Die Nachricht von der Schwangerschaft hat ihn mehr getroffen, als er zugeben möchte. Es wird nicht besser werden.
Außerdem hat Herr Krause geltend gemacht, dass er keine Zuwendungen verheimlicht habe, weil die Differenz bei den Rückzahlungen, die er leistete, sein Lebensmittelpunkt gewesen sei. Er hat der Kanzlei Arbeitsunterlagen vorgelegt. Sollten Sie es allein für sich zu sehr belasten, überlegt sich das Gericht eine Stellungnahme und übernimmt einige der Ansprüche. ”
„Nein,“ sagte Antonia entschieden.
„Ich brauche kein Geld. Ich habe einen Job. Er soll es nur unterschreiben, dass Max und ich frei sind. Dann ist es gut.
”
„Das wäre rechtlich unklar, aber möglich. Sie haben ein Vierteljahr Zeit, um zu überlegen. ”
„Nein“, wiederholte sie. „Ich habe mir meine Antwort gute Gedanken gemacht.
Er hat sich seine Entscheidung über ein halbes Jahr lang mit Liebe und Ehe angeschaut, bevor er sie getroffen hat. Ich mache es nicht besser. In der Regel wird es sechs Monate dauern, bis das Sorgerecht, Trennungsunterhalt und das Wechselmodell geklärt sind. Mehr will ich nicht.
Am selben Abend öffnete Antonia eine Flasche Apfelsaft, die sie sich selbst gekauft hatte. Sie stieß mit Max an, der seine Frage nicht einmal zu Ende gestellt hatte. „Auf uns“, sagte sie und lächelte. „Auf unzertrennlich.
”
„Unzertrennlich”, echote Max und tauchte seinen Keks in den Tee. Als sie später das Geschirr spülte und das Radio leise lief, dachte Antonia zurück an den Morgen, als sie am Küchentisch stand und ihre Hände über die zerkratzte Platte gleiten ließ. An den Abend, als Markus ihre Geborgenheit nahm und sie in einer leeren Wohnung zurückließ. „Du bist stärker, als du denkst”, flüsterte sie dem eigenen Spiegelbild zu, das aus dem Wasserhahn glänzte.
Sie trocknete ihre Hände ab, zog den Mülltonnensack aus der Wohnungstür, und schaltete das Flurlicht aus. Am nächsten Morgen wachte sie auf, und die Sonne lag hell auf der neuen Tagesdecke. Sie stand auf, öffnete das Fenster weit, atmete die kühle Herbstluft ein und hörte von unten, wie Max auf der Straße mit einem neuen Jungen aus dem Haus lachte. Sie ging in die Küche, kochte Kaffee und begann den Tag, ohne diese alte, bequeme Müdigkeit, ohne das schmerzende Klopfen in der Brust.
Sie hatte keine Angst mehr. Als das Geschirr in der Spüle stand und die Stille wie ein warmer Mantel über der Wohnung lag, sah Antonia aus dem Fenster und lächelte. Sie sah nicht mehr die Frau, die Markus nicht mehr wollte, sondern eine Frau, die nicht mehr um Erlaubnis bat, da sein zu dürfen.