HEINRICH BÖLL BAT SEINE ELTERN UM DROGEN — UND WURDE DEUTSCHLANDS GEWISSEN

HEINRICH BÖLL BAT SEINE ELTERN UM DROGEN — UND WURDE DEUTSCHLANDS GEWISSEN

Im Herbst 1940 schrieb ein 22-jähriger deutscher Soldat von einem Stützpunkt in Polen einen Brief an seine Eltern in Köln. Er bat sie am Ende fast beiläufig um Pervitin, das damals als Aufputschmittel an Millionen Wehrmachtssoldaten verteilt wurde. Der junge Mann hieß Heinrich Böll, und niemand ahnte in diesem Augenblick, dass er später den Nobelpreis für Literatur erhalten und als moralisches Gewissen der jungen Bundesrepublik gelten würde. Doch derselbe Schriftsteller, den die Nation einst feierte, wurde Jahrzehnte später von denselben Zeitungen als geistiger Vater des Terrorismus beschimpft, und die Polizei durchsuchte sein Haus zweimal.

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Geboren wurde Heinrich Böll am 21. Dezember 1917 als achtes Kind einer katholischen Kölner Familie. Sein Vater Viktor, ein Tischlermeister und Holzbildhauer, und seine Mutter Maria führten einen bescheidenen Haushalt, der nicht arm, aber auch nicht wohlhabend war. Der Glaube der Familie war kein bequemer Sonntagskatholizismus, sondern einer, der sich am Evangelium maß und an der Wirklichkeit litt.

Diese Haltung sollte Bölls Leben prägen. Als er fünf Jahre alt war, erlebte er die Inflation von 1923, als die Kinder das Geld in Handkarren zur Bäckerei fuhren, um ein einziges Brot zu kaufen, das am nächsten Tag das Doppelte kostete. Dieses Bild des wirtschaftlichen Zusammenbruchs vergaß er nie und entwickelte daraus ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Autorität, die nicht vom eigenen Gewissen gedeckt war. Seine Kindheit war durchdrungen vom Rhythmus des Kirchenjahres, von den Rosenkränzen der Mutter, den Holzmadonnen des Vaters und den Sonntagsmessen im Kölner Dom.

Dieser katholische Unterbau wurde zu einem festen Fundament seines Denkens, auch wenn er sich später kritisch von der Institution Kirche distanzierte. Über die Frage, ob die Familie während der NS-Zeit eine jüdische Bekannte versteckt hielt, gibt es keine letzte Sicherheit. Böll deutete dies zwar in späteren Interviews an, doch ein abschließender Beleg fehlt. Im Januar 1972, fast 32 Jahre nach jenem Brief aus Polen, veröffentlichte der Spiegel einen Text mit der Überschrift „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?

“. Es war ein notwendiger Text, aber einer, der Bölls Leben von Grund auf verändern sollte. In der aufgeheizten Stimmung der damaligen Bundesrepublik, die unter dem Schatten der RAF und des linken Terrors stand, wurde Böll für seine Haltung angegriffen. Man nannte ihn Sympathisanten, beschuldigte ihn, den Terroristen geistig Vorschub zu leisten.

Er wehrte sich, schrieb offene Briefe, gab Interviews und erklärte immer wieder, was er gemeint hatte. In einem dieser Gespräche sagte er: „Man nennt mich Sympathisant. “ Die Anschuldigung, ein geistiger Wegbereiter der Gewalt zu sein, wies er entschieden zurück. Doch der Hass ging so weit, dass die Polizei sein Haus zweimal durchsuchte.

Der Mann, der jahrzehntelang die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit klaren Worten kritisiert hatte, stand nun selbst unter Generalverdacht. Sein Verhältnis zur Kirche war inzwischen zerrüttet. Auf die Frage, ob er denn keine Kirchensteuer mehr zahle, lautete seine sinngemäße Antwort, die zwar nicht wörtlich überliefert, aber durch zahlreiche Interviews belegt ist: „Ich zahle keine Kirchensteuer mehr. “ Diese Abkehr von der Institution, die ihn geprägt hatte, war konsequent, auch wenn er den Glauben seiner Kindheit nie ganz ablegte.

Böll starb am 16. Juli 1985 in seinem Haus in Langenbroich. Viktor, sein Bruder, war zu diesem Zeitpunkt bereits an seiner Seite gewesen, bis zuletzt, wie er gelebt hatte: still, mit den Händen eines Handwerkers, der sein Werkzeug ordentlich weggeräumt hat. Der Schriftsteller hinterließ ein gewaltiges Erbe: Manuskripte, Briefe, Notizbücher, Entwürfe, Kisten voller Material, das darauf wartete, gesichtet und zugänglich gemacht zu werden.

Ein Nachlass, der bis heute die Forschung beschäftigt. Sein Leben war von Widersprüchen geprägt. Der junge Soldat, der den Krieg hasste und sich vor dem Tod fürchtete, wurde zum Kritiker der Wiederbewaffnung. Der gläubige Katholik wurde zum schärfsten Kritiker der Amtskirche.

Der gefeierte Autor wurde zum Staatsfeind erklärt und dann wieder zum Nationaldichter erhoben. Am Ende blieb das Bild eines Mannes, der seiner eigenen Nation die Wahrheit ins Gesicht sagte, und der dafür fast zerbrochen wäre. Die letzte Ruhe fand Heinrich Böll auf dem Friedhof von Merten.

Sein Werk aber, unvollendet und vielschichtig, wartet bis heute darauf, neu gelesen und verstanden zu werden.