An diesem Dienstag, dem 15. März 2024, genau acht Monate nach dem Begräbnis meiner geliebten Frau Margarete, stand meine Tochter Brunhilde in meinem Wohnzimmer in Grünwald und lächelte. Dieses Lächeln, das ich damals noch für Trost hielt, entpuppte sich später als das eines Raubtiers. Sie trug ein teures Seidenhemd, das ich nie zuvor gesehen hatte, und in der Hand hielt sie eine beige Ledermappe aus feinstem Kalbsleder.

Ohne eine Begrüßung, ohne ein Zeichen von Trauer oder Mitgefühl, begann sie zu sprechen. „Papa, wir müssen über Mamas Erbe sprechen. “
Ihre Stimme klang seltsam förmlich, beinahe einstudiert, als hätte sie diesen Satz vor dem Spiegel geübt. Sie setzte sich auf das cremefarbene Ledersofa, auf dem Margarete so viele Abende mit ihren Liebesromanen verbracht hatte, und klappte die Mappe auf.
Ich sah die vertrauten Dokumente, die wir gemeinsam aufbewahrt hatten. „Ich habe alle Papiere mit meinem Anwalt durchgesehen“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Es stellt sich heraus, dass Mama alles klar geregelt hat. Das Ferienhaus am Tegernsee, die Aktien der Präzisionsmaschinenbau GmbH und die 4,2 Millionen Euro auf den Sparkonten.
Alles steht auf meinen Namen. “
Die Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Die Welt schien für einen Moment stillzustehen. Margarete und ich hatten unsere Testamente unzählige Male besprochen, meist sonntagabends bei einer Tasse Tee aus den blauen Meißner Porzellantassen.
Sie war immer unmissverständlich gewesen: Ich sollte alles erben, und nach meinem Tod würde Brunhilde das Erbe erhalten. Es war eine logische Entscheidung, wir hatten es so gewollt. „Brunhilde, das kann nicht richtig sein“, sagte ich und spürte, wie ein kalter Schauer über meinen Rücken lief. „Deine Mutter und ich hatten vereinbart, dass ich ihre Güter erben würde.
Wir haben das unzählige Male besprochen. “
Da geschah etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Brunhildes Gesicht veränderte sich. Die warmherzige Maske der besorgten Tochter verschwand, und darunter kam ein Ausdruck zum Vorschein, der mich erschauern ließ.
Ihre Augen, die ich mein ganzes Leben lang für sanft und liebevoll gehalten hatte, wurden kalt und berechnend. „Papa, lass dich nicht von deinem hohen Alter verwirren“, sagte sie mit einer Herablassung, die ich nie zuvor aus ihrem Mund gehört hatte. „Hier sind die offiziellen Dokumente, unterschrieben von Mama und beglaubigt vom Notar Müller. Alles ist in bester Ordnung.
“
Sie reichte mir die Papiere. Meine Hände zitterten, als ich sie entgegennahm. Die Unterschrift sah aus wie die meiner Frau, aber etwas stimmte nicht. Ich kannte Margaretes Handschrift wie meine eigene Handfläche, nach 47 Jahren Ehe.
Sie hatte eine charakteristische Art, ihre Buchstaben zu formen, die kleine Schleife am Ende ihres Nachnamens, die leichte Rechtsneigung. Diese Unterschrift ähnelte der ihren, aber es war nicht dieselbe. Es war, als würde man ein bekanntes Musikstück hören, das in der falschen Tonart gespielt wird. „Ich brauche Zeit, um das zu durchdenken“, murmelte ich und stützte mich schwer auf die Armlehne des Sessels.
„Es gibt nichts zu durchdenken, Papa“, erwiderte Brunhilde scharf. „Ich habe bereits alle rechtlichen Schritte eingeleitet. Das Geld wird schon auf mein Konto überwiesen, das Ferienhaus auch. Betrachte das als Vorschuss auf dein Erbe.
Früher oder später wäre es sowieso für mich gewesen. “
Ihr Ton war so arrogant, so voller Verachtung, dass ich sie kaum wiedererkannte. Ich holte tief Luft und sagte mit fester Stimme:
„Brunhilde, wenn das echt ist, respektiere ich den Willen deiner Mutter. Aber wenn ich herausfinde, dass etwas nicht stimmt, werden die Konsequenzen schwerwiegend sein.
“
Sie lachte. Ein kaltes, berechnendes Lachen, das wie ein Dolch durch mein Herz schnitt. Es klang überhaupt nicht wie das herzliche Lachen, mit dem sie als Kind auf meine Witze reagiert hatte. „Konsequenzen von einem Greis, der nicht einmal weiß, wo er die Autoschlüssel hingelegt hat?
Papa, akzeptiere die Realität. Mama wusste, dass ich besser mit ihrem Geld umgehen würde. “
„Deine Mutter liebte mich, Brunhilde“, entgegnete ich mit belegter Stimme. „Sie hätte niemals so wichtige Entscheidungen ohne mich getroffen.
In 47 Jahren Ehe haben wir alles gemeinsam besprochen. “
„Liebte sie dich? “, fragte sie und beugte sich vor. Ihre Stimme nahm einen spöttischen Ton an.
„Wenn du sie wirklich geliebt hättest, würdest du ihre letzten Wünsche respektieren, anstatt ihre Entscheidung infrage zu stellen. “
Damit stand sie auf, strich sich ihr teures Seidenhemd glatt und ging zur Tür. In der Tür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. „Übrigens, Papa, ich habe heute einen neuen Porsche gekauft.
Ich hoffe, er gefällt dir, wenn du mich das nächste Mal siehst. “
Dann war sie verschwunden. Wenige Augenblicke später hörte ich das laute Motorengeräusch ihres Wagens, als sie aus der Einfahrt fuhr. Ich blieb wie versteinert zurück.
In jener Nacht saß ich lange in meinem Arbeitszimmer, dem Raum, den ich so viele Jahre mit Margarete geteilt hatte. Ihre Fotografien blickten mich von jedem Regal an, von jeder Wand. Unser Hochzeitsfoto von 1977, Aufnahmen von unseren Wanderungen in den bayerischen Alpen, Bilder aus Brunhildes Kindheit und Jugend. Ich konnte fast Margaretes Stimme hören, wie sie mit ihrem leichten bayerischen Akzent sagte: „Friedrich, etwas stimmt nicht.
“
Und sie hatte recht. Etwas stimmte nicht. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Entschluss auf. Ich setzte mich an Margaretes Sekretär, öffnete die oberste Schublade und holte einen vergilbten Briefumschlag heraus, den sie mir kurz vor ihrem Tod gegeben hatte.
„Friedrich, öffne diesen Umschlag nur, wenn du das Gefühl hast, dass etwas mit Brunhilde nicht stimmt“, hatte sie gesagt. „Vertraue deinem Bauchgefühl. “
Ich öffnete den Umschlag mit zitternden Fingern. Darin befanden sich ein handschriftlicher Brief von Margarete und ein notariell beglaubigtes Dokument.
Der Brief war datiert, nur wenige Wochen vor ihrem Tod. „Mein geliebter Friedrich“, begann der Brief. „Wenn du diesen Brief liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr bei dir. Ich muss dir etwas sagen, das ich dir schon viel zu lange verheimlicht habe.
Brunhilde ist nicht das liebevolle Kind, das wir uns erhofft haben. In den letzten Jahren habe ich Dinge bemerkt, die mich tief beunruhigt haben. Sie hat sich verändert, Friedrich. Sie ist habgierig und berechnend geworden.
Ich habe Angst, dass sie versuchen könnte, unser Erbe an sich zu reißen, sobald ich fort bin. Deshalb habe ich dieses Dokument aufgesetzt, das du zusammen mit dem notariellen Protokoll bei unserem Anwalt verwahren lassen sollst. Es beweist, dass unser tatsächliches Testament anders aussieht als das, was sie dir vielleicht zeigen wird. Ich liebe dich, Friedrich.
Vergiss das nie. “
Meine Hände zitterten, als ich den Brief las. Dann nahm ich das beigelegte Dokument zur Hand. Es war eine notariell beglaubigte Zweitausfertigung unseres echten Testaments, in dem ich als alleiniger Erbe von Margaretes Vermögen eingesetzt war.
Das Dokument, das Brunhilde mir gezeigt hatte, war offensichtlich eine Fälschung. Ich blieb den ganzen Vormittag über in meinem Arbeitszimmer, las Margaretes Brief immer wieder und betrachtete das echte Testament. Das Foto von Margarete auf dem Schreibtisch schien mir zuzulächeln, als wollte sie sagen: „Ich wusste, dass du es herausfinden würdest, mein Schatz. “
In den folgenden Tagen vertiefte ich mich in eine akribische Untersuchung.
Ich begann, Konten und Unterlagen zu prüfen, so wie ich es in meinem Berufsleben als Ingenieur gelernt hatte. Margarete hatte mir immer wieder gesagt, dass sie meine Liebe zum Detail bewunderte, und jetzt zahlte sich diese Eigenschaft aus. Ich stellte fest, dass Brunhilde nicht nur unser Testament gefälscht hatte, sondern auch noch andere betrügerische Handlungen begangen hatte. Sie hatte in den letzten Jahren heimlich Kredite aufgenommen und Konten eingerichtet, von denen wir nichts wussten.
Am Freitag, dem 18. März, stand ich schließlich vor dem Schreibtisch unseres Anwalts, Dr. Franz Xaver Steiner. Er war ein Mann in meinem Alter, mit grauem Haar und einer ruhigen, bedächtigen Art.
Er hatte uns seit über dreißig Jahren beruflich begleitet und sowohl unser Testament als auch das von Margarete aufgesetzt. „Friedrich, ich muss dir etwas zeigen“, sagte er und schob mir ein Blatt Papier über den schweren Eichentisch zu. „Ich habe eine Anfrage von einer Anwaltskanzlei aus München erhalten. Angeblich vertritt dich deine Tochter in einer Angelegenheit des Erbes deiner Frau.
“
Ich nahm das Schreiben entgegen und überflog es. Meine Hände begannen erneut zu zittern. „Das ist eine Fälschung“, sagte ich und legte das Papier entschlossen beiseite. „Ich habe dieser Kanzlei niemals Vollmacht erteilt.
Und dieses angebliche Testament von Margarete, das Brunhilde mir gezeigt hat, ist ebenfalls nicht echt. Hier, vergleichen Sie es mit dem echten Dokument, das Margarete mir hinterlassen hat. “
Ich reichte ihm die notarielle Zweitausfertigung, die ich aus dem Umschlag geholt hatte. Dr.
Steiner nahm sie mit gerunzelter Stirn entgegen und verglich sie sorgfältig mit den Dokumenten, die Brunhilde eingereicht hatte. „Das ist eine Fälschung“, sagte er schließlich mit ernster Miene. „Die Unterschrift ähnelt der von Margarete, aber sie ist nicht identisch. Und die notarielle Beglaubigung stammt von einem anderen Notar als Herrn Müller.
Ich kenne das echte Testament, Friedrich, weil ich es selbst aufgesetzt habe. Es ist eindeutig, dass Brunhilde versucht, dich zu betrügen. “
Er schob mir ein weiteres Blatt Papier zu. „Und das ist noch nicht alles.
Ich habe von der Bank eine Mitteilung erhalten, dass jemand versucht hat, die Konten von Margarete zu leeren. Nur durch eine einstweilige Verfügung, die ich auf Margaretes Wunsch hin erwirkt hatte, konnte der Zugriff verhindert werden. “
Ich spürte, wie mir heiß und kalt wurde. „Sie hat also nicht nur unser Testament gefälscht, sondern auch noch versucht, das Geld abzuheben?
“
Dr. Steiner nickte langsam. „Es ist schlimmer als das, Friedrich. Ich habe eine Kopie der Kontoauszüge erhalten.
Brunhilde hat in den letzten drei Jahren heimlich hohe Beträge von Margaretes Konto abgehoben, insgesamt fast 800. 000 Euro. Sie hat sich ein Luxusleben finanziert, das sie sich mit ihrem bescheidenen Ingenieursgehalt niemals hätte leisten können. “
Ich lehnte mich schwer zurück und schloss die Augen.
Meine eigene Tochter, die ich großgezogen hatte, die ich über alles geliebt hatte, war zu einer Betrügerin geworden. Die kleine Brunnhilde, die ich in den Ferien auf dem Bauernhof ihrer Großeltern immer auf meinen Schultern getragen hatte, hatte sich in ein Monster verwandelt. „Was soll ich tun, Franz? “, fragte ich mit brüchiger Stimme.
Dr. Steiner sah mich mitfühlend an. „Friedrich, ich will ehrlich mit dir sein. Wenn du zulässt, dass Brunhilde ungeschoren davonkommt, wird sie nicht aufhören.
Sie wird versuchen, dich um alles zu bringen, was dir noch geblieben ist. Und ich habe Grund zu der Annahme, dass sie noch weiter gehen könnte. “
„Was meinst du damit? “
„Die Bank hat mir gemeldet, dass ein Versuch unternommen wurde, eine Vollmacht auf ihren Namen zu übertragen, die Margarete ausgestellt haben soll.
Die Unterschrift darauf ist jedoch eindeutig gefälscht. Sie hat versucht, dein Konto zu übernehmen. Und dann wäre da noch etwas: Sie hat einen Privatdetektiv beauftragt, dich zu beschatten. “
„Einen Privatdetektiv?
“
„Ja. Sie will wissen, was du tust, mit wem du dich triffst. Sie will sichergehen, dass du keine Anstalten machst, ihre Pläne zu durchkreuzen. “
Ich schwieg lange.
Die Informationen trafen mich hart, aber sie bestärkten mich auch in meinem Entschluss. Margarete hatte mir auf dem Sterbebett einen Brief hinterlassen, in dem sie mir ihre Sorgen um unsere Tochter anvertraut hatte. Sie hatte geahnt, dass Brunhilde zu so etwas fähig wäre. Und ich durfte sie nicht enttäuschen.
„Franz“, sagte ich schließlich, „ich möchte, dass du eine einstweilige Verfügung gegen meine Tochter erwirkst. Ich möchte, dass alle Konten und Vermögenswerte, die Margarete mir hinterlassen hat, eingefroren werden, bis alle rechtlichen Fragen geklärt sind. Und ich möchte Anzeige wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs erstatten. “
Dr.
Steiner nickte. „Das dachte ich mir. Ich habe bereits den Antrag vorbereitet. Aber ich muss dich warnen, Friedrich: Das wird einen schweren Konflikt mit deiner Tochter bedeuten.
Es wird die Familie endgültig zerbrechen. “
„Die Familie ist schon zerbrochen“, antwortete ich leise. „Sie hat sie selbst zerbrochen, in dem Moment, als sie versucht hat, mich zu bestehlen. “
In den folgenden Wochen überschlugen sich die Ereignisse.
Die einstweilige Verfügung wurde erlassen, und alle Konten wurden eingefroren. Brunhilde reagierte zunächst mit Fassungslosigkeit, dann mit Wut. Sie versuchte, mich zu erreichen, aber ich wies ihre Anrufe ab. Ich ließ sie durch meinen Anwalt wissen, dass sie sich nicht mehr an mich wenden solle, bis alle rechtlichen Angelegenheiten geklärt seien.
Dann kam der Brief vom Amtsgericht München. Brunhilde hatte Klage gegen mich eingereicht, um das angebliche Testament ihrer Mutter durchzusetzen. Der Termin zur mündlichen Verhandlung wurde auf den 14. Mai 2024 festgesetzt.
Der Tag der Verhandlung war einer der schwersten meines Lebens. Ich stand vor dem Eingang des Gerichtsgebäudes, als Brunhilde in ihrem neuen Porsche vorfuhr. Sie stieg aus, in einem dunklen, teuren Kostüm, und ihre Augen funkelten vor Hass, als sie mich erblickte. „Du wirst das nie gewinnen, Papa“, zischte sie, als sie an mir vorbeiging.
„Ich habe alle Karten in der Hand. Dieses alte Testament von dir wird vor Gericht keinen Bestand haben. Mama hat mir alles hinterlassen, und du wirst es nicht verhindern können. “
Ich sagte nichts.
Ich wusste, dass die Wahrheit auf meiner Seite war. Ich hatte die Originaldokumente, ich hatte Margaretes Brief, und ich hatte die Unterstützung von Dr. Steiner. Die Verhandlung dauerte den ganzen Vormittag.
Brunhildes Anwalt, ein Mann mit teurem Anzug und polierten Schuhen, legte die angeblichen Dokumente vor, die Margaretes angeblichen letzten Willen enthielten. Er hielt eine beeindruckende Rede über das Recht einer Mutter, über das eigene Vermögen zu verfügen. Er appellierte an das Gericht, den Willen der Verstorbenen zu respektieren. Dann war ich an der Reihe.
Dr. Steiner stand auf und bat das Gericht, das echte Testament von Margarete als Beweismittel zuzulassen. Er legte die notarielle Zweitausfertigung vor, die Margarete mir gegeben hatte, zusammen mit dem handschriftlichen Brief. „Das Gericht erkennt“, sagte Dr.
Steiner mit fester Stimme, „dass die von der Klägerin vorgelegten Dokumente gefälscht sind. Die Unterschrift auf dem angeblichen Testament stimmt nicht mit der auf den notariell beglaubigten Dokumenten überein. Außerdem haben wir einen Zeugen, der bestätigen kann, dass die Klägerin versucht hat, das Konto ihrer Mutter zu leeren, bevor diese gestorben ist. “
Er rief den Zeugen auf: den ehemaligen Bankdirektor von Margaretes Bank.
Der Mann bestätigte, dass Brunhilde in den Wochen vor Margaretes Tod wiederholt versucht hatte, hohe Beträge abzuheben, und dass er Verdacht geschöpft und die Konten gesperrt hatte. Erst nach Margaretes Tod, die nichts davon gewusst hatte, wurden die Konten wieder freigegeben. Als die Verhandlung schließlich beendet war und die Richterin ihr Urteil verkündete, herrschte einen Moment lang absolute Stille im Saal. „Das Gericht erklärt das von der Klägerin vorgelegte Testament für ungültig“, sagte die Richterin.
„Das echte Testament, das von der Erblasserin in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann erstellt wurde, erkennt das Gericht an. Demnach erbt der Ehemann, Friedrich Wilhelm Bergmann, das gesamte Vermögen. Die Klage wird abgewiesen, und die Klägerin trägt die Kosten des Verfahrens. “
Brunhildes Gesicht wurde aschfahl.
Sie sprang von ihrem Stuhl auf, ihr Stuhl fiel mit einem lauten Knall um. „Das ist unmöglich! “, schrie sie. „Das ist gefälscht!
Sie haben alle unter einer Decke gesteckt! “
Die Richterin ließ den Saal von Sicherheitsbeamten räumen. Als Brunhilde an mir vorbeigeführt wurde, schleuderte sie mir einen Blick voller Hass zu. „Das wirst du mir büßen, Papa“, zischte sie.
„Ich schwöre, ich werde dich ruinieren. “
Dann wurde sie abgeführt. Ich blieb einen Moment sitzen, mit zitternden Händen. Es war vorbei.
Die Wahrheit hatte gesiegt. Doch ich wusste, dass dies noch nicht das Ende war. Brunhilde hatte sich geschworen, mich zu ruinieren, und ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie ihr Wort halten würde. Trotzdem fühlte ich eine tiefe Erleichterung.
Margarete hatte an mich geglaubt, und ich hatte sie nicht enttäuscht. In den folgenden Wochen versuchte Brunhilde tatsächlich, mich auf jede erdenkliche Weise zu schikanieren. Sie verklagte mich auf Unterhalt, weil ich ihr angeblich die Ausbildung bezahlt hatte. Sie behauptete, ich hätte sie körperlich misshandelt, als sie ein Kind war, und verlangte Schadensersatz.
Sie hetzte sogar einen Privatdetektiv auf mich, der mich beschatten sollte, um belastendes Material zu finden. Doch ich blieb standhaft. Ich wehrte jede Anschuldigung ab, mit der Hilfe von Dr. Steiner und einem befreundeten Anwalt für Familienrecht.
Meine Gesundheit litt unter dem ganzen Stress, aber ich hielt durch. Dann, eines Abends im Spätsommer, klingelte mein Telefon. Es war die Nachbarin von Brunhilde, eine ältere Dame, die mich noch von früher kannte. „Herr Bergmann, ich wollte Sie nur warnen“, sagte sie mit leiser Stimme.
„Ihre Tochter ist gestern in Handschellen abgeführt worden. Die Polizei hat sie wegen Betrugs verhaftet. Es stellt sich heraus, dass sie in den letzten Monaten versucht hat, mehrere Banken mit gefälschten Dokumenten zu betrügen. Sie hat wohl eine Menge Schulden angehäuft, um ihren teuren Lebensstil zu finanzieren.
“
Ich schwieg einen Moment. Mein Herz, das so oft gebrochen worden war, fühlte sich seltsam ruhig an. „Danke für den Anruf“, sagte ich schließlich. „Ich wusste davon nichts.
“
„Sie haben es wohl geahnt“, erwiderte die Nachbarin. „Sie haben schon immer eine gute Nase für solche Dinge gehabt, Herr Bergmann. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. “
„Es geht mir sehr gut“, sagte ich und spürte, wie sich etwas in meiner Brust lockerte.
„Besser als je zuvor seit Margaretes Tod. “
In den folgenden Wochen stand Brunhilde vor Gericht. Sie wurde wegen Urkundenfälschung, versuchten Betrugs und Unterschlagung zu einer mehrjährigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. Während der Verhandlung zeigte sie keinerlei Reue.
Sie beschuldigte weiterhin mich, sie um ihr Erbe betrogen zu haben, aber niemand glaubte ihr. Nach dem Urteil saß ich lange in meinem Arbeitszimmer, das Foto von Margarete in der Hand. Es war ein Bild von ihr aus jungen Jahren, lachend am Ufer des Tegernsees. „Es tut mir leid, mein Schatz“, flüsterte ich.
„Es tut mir so leid, dass unsere Tochter so geworden ist. Ich hoffe, du verzeihst mir. “
Dann legte ich das Foto zurück und stand auf. Ich hatte noch einiges zu erledigen.
Ich hatte gehört, dass Brunhilde in ihrem Haus noch einige persönliche Gegenstände von mir aufbewahrte, die sie sich in den Jahren zuvor unter den Nagel gerissen hatte. Ich beschloss, sie zurückzuholen. Als ich später an ihrem Haus vorbeifuhr, das jetzt zum Verkauf stand, fiel mein Blick auf einen Briefkasten, der noch ihren Namen trug. Ich hielt an und ging zur Tür.
Sie war nicht abgeschlossen. Ich trat ein und sah mich um. In ihrem Schlafzimmer fand ich eine Schatulle aus Zedernholz, die mir auffiel, weil sie so fein verziert war. Sie erinnerte mich an ein Geschenk, das Margarete mir vor vielen Jahren gemacht hatte.
Ich öffnete sie und fand darin Margaretes Schmuck, den ich für immer verloren geglaubt hatte. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich nahm die Schatulle an mich und verließ das Haus. Vor der Tür stand ich noch einen Moment lang, ein altes Bild von meiner Tochter in der Hand, das ich in einer Schublade gefunden hatte.
Es zeigte sie als kleines Mädchen mit Zöpfen und einem schelmischen Lächeln. Ich starrte lange darauf. Dann steckte ich das Bild in meine Innentasche, stieg in mein Auto und fuhr davon. Ich war nicht mehr derselbe Mann, der vor acht Monaten gewesen war.
Aber ich war auch nicht mehr derselbe Vater. Ich war ein Mann, der seine Tochter verloren hatte, aber er hatte seine Selbstachtung wiedergefunden. Seitdem lebe ich ruhig und zufrieden in meinem Haus in Grünwald. Ich habe mich mit der Nachbarin angefreundet, die mich gewarnt hatte, und verbringe meine Tage mit Gartenarbeit, langen Spaziergängen und dem Erinnern an die schönen Jahre mit Margarete.
Das Ferienhaus am Tegernsee habe ich verkauft, ich konnte den Anblick nicht mehr ertragen, ohne an sie zu denken. Das Geld aus dem Verkauf habe ich größtenteils einer Stiftung für krebskranke Kinder gespendet, ganz im Sinne Margaretes. Was mit Brunhilde geschah? Sie wurde nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis ausgewiesen, da ihr aufenthaltsrechtlicher Status erloschen war.
Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Manchmal, wenn ich in meinem Sessel sitze und aus dem Fenster auf die Alpen blicke, frage ich mich, ob es mir hätte gelingen können, sie von ihrem Weg abzubringen. Aber ich weiß, dass es nicht in meiner Macht gestanden hätte. Der Mensch, der sie geworden war, hatte seine eigenen Entscheidungen getroffen.
Heute, an meinem 74. Geburtstag, sitze ich allein in meinem Garten, ein Glas von Margaretes geliebtem Kirschlikör in der Hand. Das Bild von ihr steht auf dem Tisch neben mir. Ich weiß, dass sie mich nicht allein gelassen hat.
Sie hat mir den Brief geschrieben, der mir die Augen geöffnet hat, und sie hat mich beschützt, auch nach ihrem Tod. Und wenn ich jetzt auf mein Leben zurückschaue, bin ich nicht mehr wütend auf Brunhilde. Ich bin nur noch traurig über das, was hätte sein können. Aber ich habe gelernt, dass man manche Menschen nicht retten kann, auch wenn man sie noch so sehr liebt.
Ich nehme einen Schluck von dem Likör, der so süß und bitter zugleich schmeckt wie das Leben selbst. Die Berge stehen still im Abendlicht, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich wieder im Frieden mit mir selbst.