DER NOBELPREISTRÄGER, DER 50 JAHRE LOG — THOMAS MANNS DOPPELLEBEN

DER NOBELPREISTRÄGER, DER 50 JAHRE LOG — THOMAS MANNS DOPPELLEBEN

1975 öffnete Golo Mann in einem Züricher Bankschließfach einen Ordner. Sein Vater hatte es so verfügt: Zwanzig Jahre nach seinem Tod sollten diese Papiere der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Golo, inzwischen ein angesehener Historiker, kannte Teile der Aufzeichnungen bereits. Doch als er nun alles las, von Anfang bis Ende, stockte ihm der Atem.

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In enger Handschrift hatte sein Vater ein halbes Jahrhundert lang festgehalten, was er tagsüber verbarg: Blicke auf junge Männer in der Straßenbahn, Träume von Kellnern und Badenden, Gedanken über den Körper des eigenen Sohnes Klaus, als dieser sechzehn war. „Ein starker Eindruck von dem sich entwickelnden, herrlichen Körper meines Sohnes“, stand dort. Der Nobelpreisträger, das Aushängeschild deutscher Kultur, der seit fünfzig Jahren verheiratete Familienvater von sechs Kindern, hatte sein wahres Ich nur in diesen nächtlichen Aufzeichnungen gelebt. Die Veröffentlichung begann in den siebziger Jahren und zog sich bis in die neunziger Jahre hin.

Zehn Bände, tausende Seiten. Mit jedem Band wuchs der Schock. Einige nannten ihn ein Genie, das unter seiner Zeit gelitten habe, andere einen Heuchler. Was niemand verstand: Warum hatte er die Publikation selbst angeordnet?

Ein Mann, der Jahrzehnte damit verbracht hatte, eine Fassade zu errichten, ordnete ihre Zerstörung nach seinem Tod an. War es Beichte, Rache an einer Welt, die ihn zum Lügen gezwungen hatte – oder der letzte literarische Kunstgriff, das eigene Leben zum Roman zu machen? Geboren wurde Paul Thomas Mann am 6. Juni 1875 in Lübeck, als zweiter Sohn einer Kaufmannsfamilie.

Sein Vater, Thomas Johann Heinrich Mann, war Senator der Freien und Hansestadt und Inhaber einer Getreidefirma. Ein Mann von Ansehen, Wohlstand und unbedingter Respektabilität. Seine Mutter Julia da Silva Bruhns stammte aus Brasilien und brachte Musik und Leidenschaft in die nüchterne Hansestadt. Von beiden erbte Thomas: vom Vater Disziplin und den Willen zur Form, von der Mutter Feinfühligkeit und die Kunstneigung.

Er war kein glückliches Kind, kränklich, zurückgezogen, ein Außenseiter. Mit vierzehn verliebte er sich nicht in ein Mädchen, sondern in einen Mitschüler namens Armin Martens. Jahre später verewigte er diese Liebe in der Erzählung „Tonio Kröger“. In der Schule versagte er aus Desinteresse und saß einmal sitzen.

Im Oktober 1891 starb sein Vater mit 51 Jahren. In seinem Testament verfügte er die Auflösung der Firma und untersagte Thomas ausdrücklich, Schriftsteller zu werden – er hielt ihn für untalentiert. Die Familie verlor Haus, Geschäft und gesellschaftlichen Stand. Die Geschichte der Familie Mann kannte noch dunklere Wahrheiten.

Selbstmord wurde zum Familienmuster. Thomas‘ Schwester Karla nahm sich 1910 mit Zyankali das Leben, Schwester Julia folgte 1927. Später sollten zwei seiner eigenen Kinder denselben Weg gehen. 1894 kam Thomas nach München, der Kunstmetropole des Kaiserreichs.

Nach kurzen Anläufen als Versicherungsangestellter und Redakteur erschien 1901 sein erster Roman „Buddenbrooks“, die Geschichte des Auf- und Abstiegs eines Lübecker Kaufmannshauses. Der gescheiterte Schüler war zum anerkannten Schriftsteller geworden – doch das öffentliche Bild war nur die halbe Wahrheit. In München verliebte er sich in den Maler und Geiger Paul Ehrenberg. „Ich liebe Dich, Gott, was schreibe ich da?

Aber das Wort ist heraus und es ist wahr“, schrieb der 26-Jährige in einer Zeit, in der Homosexualität nach Paragraph 175 mit Gefängnis bestraft wurde. Ehrenberg antwortete freundlich, aber nicht in gleicher Weise. Die Qual dauerte fünf Jahre. Aus dieser Krise entstand eine Entscheidung: Wenn er nicht leben konnte, wie er wollte, würde er schreiben, was er fühlte.

Doch Literatur allein genügte ihm nicht. Er wollte Ansehen, Sicherheit, eine gesellschaftliche Stellung. Er wollte beweisen, dass sein Vater sich geirrt hatte. Dafür brauchte er eine Familie, eine Ehefrau.

1904 begann er, um die 21-jährige Mathematikstudentin Katharina Pringsheim zu werben. Seine Briefe klangen nicht leidenschaftlich, sondern kalkuliert – wie ein Geschäftsvorschlag. Am 11. Februar 1905 heirateten sie.

Thomas bekam eine respektable Ehe und Zugang zu Geld und Gesellschaft. Katja bekam einen berühmten Mann, der sie respektierte, aber nie begehrte. In vierzehn Jahren kamen sechs Kinder zur Welt: Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Die Neigungen verschwanden nicht, sie wanderten nur in Notizbücher, die er jeden Abend führte.

Was Katja wusste, hat sie nie preisgegeben – nicht in fünfzig Jahren Ehe, nicht in fünfundzwanzig Jahren Witwenschaft. Ihr Schweigen war ihre letzte Botschaft. Im August 1914 ergriff Thomas Mann Partei für den Krieg – nicht als Soldat, sondern als Intellektueller. Während sein Bruder Heinrich den Krieg als Barbarei verurteilte, schrieb Thomas die „Betrachtungen eines Unpolitischen“, ein Manifest des deutschen Konservatismus.

Die Brüder brachen für Jahre auseinander. Später distanzierte sich Thomas und wurde Verteidiger der Weimarer Republik, doch die Frage blieb: War er ein Überzeugungstäter oder ein Opportunist? Im Mai 1911 begegnete er in Venedig dem elfjährigen polnischen Jungen Władysław Moes, genannt Władzio. Thomas Mann konnte den Blick nicht von ihm lassen und notierte sein Aussehen, seine Bewegungen, sein Lachen.

Diesen Urlaub verarbeitete er 1912 zu der Novelle „Der Tod in Venedig“ – die Geschichte eines alternden Schriftstellers, der sich in einen polnischen Jungen verliebt und an dieser Leidenschaft zugrunde geht. Es war kaum verhüllte Autobiografie. Die Kritiker feierten das Werk als Meisterwerk über die Vergänglichkeit der Schönheit. Niemand sprach darüber, dass ein erwachsener Mann seine erotische Besessenheit von einem Kind beschrieb.

Der echte Władysław erfuhr erst Jahrzehnte später, dass er das Vorbild für Tadzio war. „Ich wusste nicht, dass ich beobachtet wurde“, sagte er. Auch 1927, mit 52 Jahren, verliebte sich Thomas Mann erneut – in den siebzehnjährigen Schüler Klaus Häuser. Wieder geschah nichts Körperliches.

Er beobachtete, er schrieb, nichts weiter. Die Sehnsucht war dieselbe wie mit fünfzehn, mit dreißig, mit fünfzig. Sie war nie verschwunden, sie war nur immer tiefer ins Notizbuch gewandert. Und dann waren da die Kinder.

Erika, die älteste, trug als Kind Jungenkleidung, liebte Frauen und Männer und gründete ein politisches Kabarett, das die Nationalsozialisten angriff, lange bevor ihr Vater den Mut dazu fand. 1935 heiratete sie den homosexuellen Dichter W. H. Auden, um einen britischen Pass zu bekommen – eine Vernunftehe, die ihr das Leben rettete.

Sie starb 1969, der Alkohol hatte ihren Körper zerstört. Klaus, ein Jahr jünger, war offen homosexuell in einer Zeit, in der das Gefängnis bedeutete, nahm Drogen und stand stets im Schatten seines übermächtigen Vaters. 1936 erschien sein Roman „Mephisto“, eine Abrechnung mit dem Opportunismus. Er versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen.

Am 21. Mai 1949 starb er in Cannes an einer Überdosis Schlaftabletten. Thomas Mann ging nicht zur Beerdigung. In seinen Notizen steht nur knapp: „Nachricht von Klaus‘ Tod.

“ Dann wandte er sich anderen Dingen zu – dem Wetter, der Arbeit, dem Mittagessen. Katja fuhr allein zur Beerdigung. Thomas Manns Tagebücher enthalten Passagen über seinen heranwachsenden Sohn, die schwer zu lesen sind: Bewunderung für dessen sich entwickelnden Körper, Blicke auf den Sechzehnjährigen. Gedanken, die ein Vater nicht haben sollte.

Ob Klaus diese Passagen kannte, ist unklar. Erika sagte einmal: „Vater liebte uns so, wie er seine Figuren liebte, aus der Distanz. “

Im Januar 1933 war Hitler an der Macht, und Thomas Mann befand sich auf einer Vortragsreise in der Schweiz. Er kehrte nicht zurück.

Während seine Kinder sofort flohen, zögerte er. In seinem Münchner Haus lagen seine Tagebücher – alles über Paul Ehrenberg, Klaus Häuser, den eigenen Sohn. Wenn die Nazis sie fänden, wäre er erledigt. Golo, sein dritter Sohn, versuchte die Papiere zu retten.

Er übergab sie dem Familienchauffeur, der sie jedoch – aus Furcht, Gier oder Überzeugung – der Gestapo auslieferte. Thomas Mann geriet in Panik. „Sie werden es im Völkischen Beobachter abdrucken und mich vernichten“, schrieb er. Doch nach Wochen geschah Erstaunliches: Ein Anwalt handelte die Rückgabe aus.

Die Umstände sind bis heute nicht vollständig geklärt. Die Papiere kamen zurück. Drei Jahre lang schwieg Thomas Mann über Hitler, während seine Kinder kämpften und sein Bruder Heinrich von Anfang an klare Position bezog. 1936 brach er endlich sein Schweigen mit einem offenen Brief.

Deutschland entzog ihm die Staatsbürgerschaft, die Universität Bonn aberkannte ihm den Ehrendoktor, sein Vermögen wurde beschlagnahmt. Die Frage blieb: Warum so spät? 1938 kam Thomas Mann in die USA. Princeton bot ihm eine Gastprofessur, 1941 zog er nach Kalifornien, wo eine ganze Kolonie von Emigranten lebte.

Aus seinem Haus in Pacific Palisades wurde eine moralische Instanz: Seine Radioansprachen „Deutsche Hörer! “, über die BBC gesendet, erreichten Millionen und machten ihn zum Gewissen einer Nation. Doch auch Amerika war nicht nur Zuflucht. Das FBI führte über Thomas Mann eine Akte mit über hundert Seiten.

Agenten beschatteten ihn, notierten seine Kontakte, überwachten seine Korrespondenz. In einem Memo stand: „Thomas Mann ist ein ‚verfrühter Antifaschist‘. “ In den Augen von J. Edgar Hoover war das verdächtig.

In Kalifornien lebte Thomas Mann ein seltsames Doppelleben: nach außen der würdevolle Exilant, der Repräsentant deutscher Kultur – nach innen der alte Mann mit denselben Sehnsüchten wie seit seiner Jugend. Die Aufzeichnungen dieser Jahre sind voller Beobachtungen junger Männer am Strand von Santa Monica, von Kellnern, von Soldaten. Er beobachtete, er notierte, er träumte. 1947 erschien sein dunkelstes Werk, „Doktor Faustus“ – die Geschichte des Komponisten Adrian Leverkühn, der einen Pakt mit dem Teufel schließt und dafür die Fähigkeit zu lieben aufgibt.

Eine Allegorie auf Deutschland, aber auch ein Selbstporträt. Der Roman führte zu einem Konflikt mit Arnold Schönberg, dessen Zwölftontechnik Thomas Mann verwendet hatte, ohne den Komponisten zu nennen. 1949 ereignete sich Klaus‘ Tod. Vier Jahre zuvor, 1945, hatte Thomas Mann einen Teil seiner frühen Tagebücher in einem Fass im Garten seines kalifornischen Hauses verbrannt.

Die Notizen aus den Jahren mit Paul Ehrenberg, die Passagen über seinen Sohn als Jugendlichen. Was genau darin stand, wissen wir nicht – die Asche erzählt keine Geschichten. Aber die Tatsache, dass er es für notwendig hielt, zeigt: Auch nach dem Ende der Diktatur, in der Sicherheit Amerikas, hatte er noch Angst vor der Wahrheit. Nach dem Krieg warben beide deutsche Staaten um den Nobelpreisträger.

Thomas Mann lehnte eine Rückkehr ab – „Deutschland war vergiftet“, vielleicht für immer. Stattdessen besuchte er 1949 beide Staaten zu den Goethe-Feiern, was die westdeutsche Presse empörte. 1950 entschied er sich, Amerika zu verlassen. Der McCarthyismus hatte das Land vergiftet, Freunde wurden vor Komitees gezerrt, Karrieren zerstört.

Die Schweiz bot sich an: neutral, ruhig, deutschsprachig. Thomas und Katja Mann zogen nach Kilchberg bei Zürich, in ein weißes Haus mit Blick auf den See – ein Ort zum Sterben. Kurz vor dem Umzug begegnete Thomas Mann dem Kellner Franz Westermeier in einem Kurort. Die Einträge aus jenen Monaten lesen sich wie die eines verliebten Teenagers: „Franzel, seine Schultern, ich kann an nichts anderes denken.

“ Der alte Mann musterte einen Kellner, als wäre es seine erste Liebe. Westermeier ahnte nichts, er sah einen würdigen alten Herrn. Als Journalisten ihn in den siebziger Jahren aufspürten, wusste er längst nicht mehr, wem er damals Kaffee serviert hatte. August 1955 feierte die Welt den 80.

Geburtstag Thomas Manns. In seinen privaten Notizen stand: „Müde, erschöpft, die Rolle wird schwer. “ Wenige Tage vor seinem Tod stolperte er beim Gassigehen über die Hundeleine und brach sich den Arm – ein banaler Unfall. Am 12.

August 1955, sechs Wochen nach seinem Geburtstag, versagte eine Arterie im Bein – eine Thrombose. Es ging schnell. Thomas Mann starb in seinem Bett, im Beisein seiner Frau. Seine letzten Aufzeichnungen handeln nicht von der Familie, nicht vom Werk, nicht vom Sterben.

Sie handeln von einem jungen Mann, den er irgendwo gesehen hatte. Die Schultern, die Haltung. Ein flüchtiger Blick. Sechzig Jahre von Armin Martens auf dem Lübecker Schulhof bis zu diesem namenlosen Jüngling in Zürich.

Die Sehnsucht war dieselbe geblieben – unerfüllt, unaussprechlich, unzerstörbar. Katja schloss ihrem Mann die Augen. Sie war 72 Jahre alt. Fünfzig Jahre hatte sie die Fassade bewacht, die Kinder erzogen, die Korrespondenz geführt, die Bewunderer empfangen.

Fünfzig Jahre an der Seite eines Mannes, der von Kellnern und Jungen träumte. Was wusste sie? Alles? Nichts?

Irgendetwas dazwischen? Die Aufzeichnungen lagen im Tresor, das Testament war klar: Veröffentlichung zwanzig Jahre nach seinem Tod. Katja sagte nie etwas darüber. Einmal, so wird berichtet, fragte ein junger Journalist sie, ob ihr Mann glücklich gewesen sei.

Katja soll gelächelt haben – ein kurzes, unergründliches Lächeln. Dann wechselte sie das Thema. Was dieses Lächeln bedeutete, wissen wir nicht. Katja Mann starb 1980 mit 97 Jahren.

Ihre persönlichen Briefe blieben teilweise unter Verschluss, ihre Tochter Elisabeth bewachte den Nachlass wie ein Zerberus. Dann kamen die Tagebücher. Die Edition begann in den siebziger Jahren, zehn Bände, tausende Seiten, ein halbes Jahrhundert inneres Leben. Die Reaktion war ein Erdbeben.

Die homoerotischen Passagen schlugen ein wie Bomben. Die Konservativen reagierten mit Empörung: Heuchler, Lügner. Die Liberalen mit Mitleid: ein Opfer seiner Zeit, gezwungen zur Verstellung. Die queere Gemeinschaft beanspruchte ihn als einen der ihren.

Jede Deutung enthielt einen Teil der Wahrheit. Keine enthielt die ganze, denn Thomas Mann war nicht nur Opfer, sondern auch Täter – nicht im juristischen Sinn. Es gibt keine Belege, dass er je einen Jungen berührt hat. Alle seine Leidenschaften blieben auf der Ebene des Blicks, des Traums, des geschriebenen Wortes.

Aber im menschlichen Sinn hatte er Schuld auf sich geladen: Er hatte seine Familie benutzt, seine Frau belogen, seine Kinder emotional ausgehungert, sie mit dem kalten Auge des Beobachters betrachtet. Und bei Klaus war es möglicherweise noch schlimmer. Die Kinder zahlten den Preis. Erika, die Kämpferin, wurde Alkoholikerin und starb 1969 mit 63 Jahren.

Klaus starb 1949 mit 42 Jahren, der Vater kam nicht zur Beerdigung. Golo, der Historiker, der einzige mit einem erfüllten Leben, versteckte seine Homosexualität ebenfalls. In seinen Memoiren nannte er seinen Vater „den Zauberer“ – das Wort, das die Kinder als Kleine benutzt hatten. Ein Zauberer ist jemand, der Illusionen erzeugt, die Wirklichkeit verbiegt, das Publikum täuscht.

Golo starb 1994. Monika, die Vergessene, lebte unglücklich und unauffällig im Schatten und starb 1992. Elisabeth, die Lieblingstochter, bewachte das Archiv mit Besessenheit. Sie hielt Katjas Briefe unter Verschluss – warum, nahm sie mit ins Grab.

Michael, der Jüngste, nahm sich am Neujahrstag 1977 das Leben, am Geburtstag seines Bruders Klaus. Aus sechs Kindern: zwei Selbstmorde, eine Alkoholikerin, drei gebrochene Leben. Was hatte dieser Vater seinen Kindern angetan? Nichts, sagen die Verteidiger – er schlug sie nicht, er missbrauchte sie nicht im konventionellen Sinn, er war nur distanziert, wie viele Väter seiner Generation.

Alles, sagen die Kritiker – er raubte ihnen die Normalität, ließ sie in einem Haus aufwachsen, in dem nichts war, wie es schien, belud sie mit einem Erbe, das sie nicht tragen konnten. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen. Thomas Mann war kein Ungeheuer. Er war ein Mensch, der in einer Zeit lebte, die ihn zur Verstellung zwang.

Die Gesellschaft des frühen zwanzigsten Jahrhunderts hatte keinen Platz für einen Mann, der Männer begehrte. Die Wahl war: sich verstecken oder untergehen. Er versteckte sich. Der Preis dafür war hoch – nicht nur für ihn, für alle, die ihm nahestanden.

Was bleibt? Ein Werk bleibt: „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“, „Doktor Faustus“. Bücher, die zur Weltliteratur gehören. Thomas Mann war ein Genie, daran besteht kein Zweifel.

Aber die Frage bleibt, ob ein Werk seinen Schöpfer entschuldigt, ob Kunst das Leid rechtfertigt, das Thomas Mann seiner Familie zugefügt hat. Eine letzte Antwort gibt es darauf nicht. Golo Mann schloss den Ordner mit den Aufzeichnungen seines Vaters. Er wusste nun alles und verstand nichts.

Wer war Thomas Mann? Die Antwort ist so einfach wie unerträglich: alles zugleich. Das Genie und der Lügner, der Vater und der Fremde, der Mutige und der Feigling, der Liebende und der Kalte. Eines war nicht wahrer als das andere.

Warum die Anweisung zur Veröffentlichung? Vielleicht war es ein Bekenntnis – der Wunsch, endlich die Wahrheit zu sagen. Vielleicht war es Stolz – der Wunsch, als ganzer Mensch gesehen zu werden. Vielleicht war es Rache an einer Welt, die ihn zum Lügen gezwungen hatte.

Oder vielleicht war es das, was Thomas Mann immer getan hatte: sich selbst zum Material, zum Text, zur Figur machen. Sein letzter Roman, über fünfzig Jahre in Echtzeit geschrieben, ohne Handlung, ohne Struktur, ohne Pointe – nur ein Mann, der jeden Abend aufschrieb, wer er wirklich ist, im Wissen, dass die Welt es eines Tages lesen würde. Thomas Mann hinterließ unsterbliche Bücher. Er hinterließ eine zerrüttete Familie.

Er hinterließ Aufzeichnungen, die mehr verraten als jeder Roman. Und er hinterließ eine Frage ohne Antwort: Was kostet es, ein Leben lang jemand anderes zu sein? Die Antwort steht nicht in den Notizbüchern.

Sie steht in den Gesichtern seiner Kinder – in Erikas Flaschen, in Klaus‘ Pillendose, in Michaels letztem Neujahrstag, in Golos lebenslangem Schweigen, in Elisabeths versiegelten Archiven – und in Katjas Lächeln, diesem kurzen, unergründlichen Lächeln, als man sie fragte, ob ihr Mann glücklich gewesen sei.