Am 25. Oktober 1957 verlor die amerikanische Mafia eine ihrer schillerndsten und zugleich gefürchtetsten Figuren: Albert Anastasia, bekannt als „The Lord High Executioner“ – der oberste Vollstrecker der organisierten Kriminalität. Er wurde im Friseursalon des Park Sheraton Hotels in Manhattan erschossen. Sein Tod markierte das Ende einer Ära, in der Anastasia als Chef von Murder, Incorporated, dem berüchtigten Mordkommando der Mafia, tausende Tote zu verantworten hatte.

Geboren wurde Anastasia 1902 als Umberto Anastasio in dem kalabrischen Fischerdorf Tropea in Süditalien. Er wuchs in armen Verhältnissen auf, sein Vater starb, als er zehn Jahre alt war. Mit fünfzehn Jahren heuerte er auf einem Schiff an und gelangte so nach New York, wo er sich als Hafenarbeiter in Brooklyn verdingte. In dieser rauen Umgebung stieg er bald in die Reihen der organisierten Kriminalität auf.
Sein erster dokumentierter Mord geschah 1920, als er bei einem Streit um geschmuggelte Waren einen Arbeitskollegen erstach. Er wurde zum Tode verurteilt, entging der Hinrichtung jedoch durch eine Wende, die für die Mafia typisch werden sollte: Einflussreiche Verbündete, darunter der aufstrebende Gangster Lucky Luciano, sorgten dafür, dass die wichtigsten Zeugen des Mordes verschwanden. Anastasia wurde freigelassen und wusste fortan: In der Unterwelt ist der Tod von Zeugen das wirksamste Mittel gegen die Justiz. In den 1920er-Jahren machte Anastasia Karriere in Lucianos kriminellem Netzwerk.
Er arbeitete mit Größen wie Meyer Lansky, Frank Costello und Benjamin „Bugsy“ Siegel zusammen. In den Jahren zwischen 1920 und 1923 soll er an über 30 Morden beteiligt gewesen sein, verurteilt wurde er nie. 1923 wurde er bei einem Attentat schwer verletzt und verbrachte wegen Waffenbesitzes zwei Jahre im Gefängnis. Der entscheidende Wendepunkt kam mit dem sogenannten Castellammarese-Krieg Ende der 1920er-Jahre, einem blutigen Machtkampf zwischen zwei alten Mafia-Bossen – Joe „The Boss“ Masseria und Salvatore Maranzano.
Lucky Luciano, der die Gewalt und die steigende öffentliche Aufmerksamkeit beendet sehen wollte, plante die Ermordung beider Anführer. Masseria wurde am 15. April 1931 in einem Fischrestaurant auf Coney Island erschossen. Anastasia gehörte zu dem Killerkommando, das ihn mit mehr als zwanzig Schüssen niederstreckte.
Maranzano fiel wenige Monate später ebenfalls. Mit dem Tod der beiden Bosse baute Luciano die Mafia neu auf. Er schuf eine lenkende Kommission, die Streitigkeiten zwischen den Familien regeln sollte. Für ihre Auftragsmorde benötigte die Organisation jedoch einen exekutiven Arm – und so entstand Murder, Incorporated.
Diese berüchtigte Mordbrigade operierte von einem Süßwarenladen in Brooklyn aus und soll in ihren aktivsten Jahren rund tausend Morde verübt haben. Anastasia kontrollierte die Hafenarbeiter-Gewerkschaften in New York und war neben dem Zahlmeister Louis „Lepke“ Buchalter eine der zentralen Figuren dieser Organisation. Die Mordbrigade rekrutierte eine Reihe skrupelloser Killer, von denen viele später auf dem elektrischen Stuhl endeten. Dazu gehörten Männer wie Harry „Happy“ Maione, Martin „Buggsy“ Goldstein, Frank „The Dasher“ Abbandando und Charles „The Bug“ Workman.
Letzterer wurde 1935 berühmt, als er den Gangster Dutch Schultz erschoss. Schultz hatte geplant, den Staatsanwalt Thomas Dewey ermorden zu lassen, der der Mafia gefährlich wurde. Die Kommission lehnte diesen Plan ab, weil er zu viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt hätte. Schultz setzte sich darüber hinweg und wandte sich an Anastasia, der die Kommission umgehend informierte.
Daraufhin wurde der Mordauftrag gegen Schultz selbst erteilt. Anastasia selbst zeigte immer wieder, wie bereit er war, Zeugen zu beseitigen. Als 1932 ein Anklagepunkt wegen Mordes mit einem Eispickel aus Mangel an Beweisen fallengelassen wurde, war dies kein Zufall. 1933 erschoss er einen Wäschereibesitzer, der Schutzgeldzahlungen verweigerte, direkt vor Zeugen, die später angeblich unter Gedächtnisverlust litten oder unauffindbar waren.
1939 ließ er einen Hafenarbeiter erwürgen, der die Gewerkschaft von Erpressung befreien wollte. Anastasia führte offenbar ein Doppelleben. 1937 heiratete er die neunzehnjährige Elsa Barnesi, mit der er vier Kinder hatte. Nach außen hin gab er sich als erfolgreicher Geschäftsmann aus, der einen Kleiderhersteller besaß und als Matratzenverkäufer auftrat.
Seine Frau beschrieb ihn später als frommen Kirchgänger, der keinen Alkohol anrührte und jeden Abend um neun Uhr zu Hause war. Dass dieser Mann einer der meistgesuchten Verbrecher Amerikas war, passte nicht in dieses Bild – doch genau diese Tarnung hielt jahrelang. Auch als Murder, Incorporated in den 1940er-Jahren auseinanderfiel, überlebte Anastasia. Der entscheidende Verrat kam von Abe Reles, einem Mitglied der Mordbrigade, der 1940 zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft wurde.
Reles belastete mehrere Kollegen schwer, darunter Louis Buchalter, der 1944 als erster Gangsterboss in der amerikanischen Geschichte hingerichtet wurde. Doch ausgerechnet Reles, der als wichtigster Zeuge gegen Anastasia vorgesehen war, starb im November 1941 unter mysteriösen Umständen: Er fiel aus dem Fenster eines Hotels, in dem er unter Polizeischutz stand. Alle fünf bewachenden Beamten sagten später, sie hätten geschlafen. Die Anklage gegen Anastasia wurde fallengelassen.
Während des Zweiten Weltkriegs meldete sich Anastasia zur Armee und wurde im Rang eines Sergeanten entlassen. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. In den folgenden Jahren baute er in Fort Lee, New Jersey, ein Anwesen mit 34 Zimmern auf, das von Stacheldraht und Wachhunden geschützt war. Der vermeintliche Kleiderfabrikant meldete nur ein geringes Einkommen, was das FBI misstrauisch machte.
Als 1954 erste Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung anliefen, starben oder verschwanden erneut mehrere mögliche Zeugen. Der Anklagepunkt wurde schließlich auf ein Jahr Gefängnis reduziert. Nach dem Zerfall von Murder, Incorporated war Anastasia zunächst stellvertretender Boss der Familie, die später als Gambino-Familie bekannt wurde. Unter dem damaligen Oberhaupt Vincent Mangano gab es jedoch zunehmend Spannungen.
Anastasia pflegte enge Kontakte zu Luciano und Frank Costello, was Mangano missfiel. 1951 verschwanden Vincent Mangano und sein Bruder Philip spurlos – Philip wurde später in einem Sumpf gefunden. Anastasia präsentierte sich daraufhin selbst als neues Familienoberhaupt. Bei der Kommission rechtfertigte er sein Vorgehen mit Notwehr: Die Manganos hätten ihn angeblich töten wollen.
Mit Unterstützung von Frank Costello wurde er offiziell als neuer Boss anerkannt. In den folgenden Jahren wurde Anastasia zunehmend unberechenbarer. Im Februar 1952 wurde der Bankräuber Willie Sutton festgenommen, und ein junger Angestellter namens Arnold Schuster, der selbst zur Fahndung beigetragen hatte, trat im Fernsehen auf. Kurz darauf wurde Schuster brutal ermordet – drei Schüsse, darunter zwei in die Augen.
Der spätere Kronzeuge Joe Valachi behauptete vor einem Senatsausschuss, Anastasia habe den Mord befohlen, weil ihm Schusters öffentlicher Auftritt missfiel. Die Situation spitzte sich zu, als Vito Genovese 1957 Frank Costello stürzte. Genovese, der jahrelang auf seine Chance gewartet hatte, ließ Costello bei einem Attentat verletzen. Costello überlebte knapp und trat daraufhin zurück.
Anastasia verlor damit seinen wichtigsten Verbündeten in der Kommission. Gleichzeitig machte er sich Feinde, als er in das Gebiet von Meyer Lansky eindrang und in Kuba Geschäfte plante, die anderen Mafia-Bossen gehörten. Die Umstände des Mordes an Albert Anastasia sind bis heute nicht vollständig geklärt. Am 26.
Oktober 1957 traf er sich mit dem mächtigen Gangster Santo Trafficante, um über Investitionen in ein neues Hotel in Havanna zu sprechen. Am nächsten Morgen, dem 27. Oktober 1957, betrat Anastasia den Friseursalon des Park Sheraton Hotels, um sich rasieren zu lassen. Während er entspannt im Stuhl lag und ein heißes Handtuch im Gesicht hatte, betraten zwei maskierte Männer den Salon und eröffneten das Feuer.
In seiner Verwirrung stürzte Anastasia auf sein Spiegelbild zu, statt auf die Angreifer, und wurde von mehreren Kugeln getroffen. Die letzte Kugel war tödlich. Die Identität der Schützen wurde nie eindeutig geklärt. Es gab Spekulationen, dass das Gallo-Kommando unter Joe Gallo den Auftrag ausführte, vermutlich im Auftrag von Carlo Gambino, Anastasias Stellvertreter, und Vito Genovese.
Nach dem Mord sollen die Täter in Cleveland untergetaucht sein. Drei Wochen später führte Genovese in Apalachin ein berüchtigtes Treffen von über 100 Mafia-Größen durch. Die Polizei griff ein und nahm Dutzende fest – eine öffentliche Bloßstellung, die Genovese letztlich zum Verhängnis wurde. Er wurde 1959 wegen Drogenhandels zu 15 Jahren Haft verurteilt und starb 1969 im Gefängnis.
Carlo Gambino übernahm nach Anastasias Tod die Familie und baute sie zur mächtigsten Mafia-Familie Amerikas aus. Er blieb bis zu seinem Tod 1976 an der Spitze. Anastasias Beerdigung auf dem Green-Wood Cemetery in Brooklyn war auffallend bescheiden. Nur zwölf Trauergäste erschienen, darunter sein ältester Sohn.
Die meisten einstigen Verbündeten blieben fern – ein stilles Eingeständnis, dass der Mann, der jahrzehntelang Angst und Schrecken verbreitet hatte, in der Unterwelt keine Freunde hinterließ. Bis heute ranken sich Mythen um Anastasias Verhältnis zu Frank Costello. Einige Historiker und Anwälte, die beide Männer vertraten, beschrieben sie als enge Verbündete, andere sahen in ihnen Rivalen.
Die genauen Hintergründe seiner Ermordung bleiben Gegenstand von Spekulationen – auch darüber, ob Lucky Luciano und Meyer Lansky hinter der Auftragsvergabe an Genovese gestanden haben könnten.