Im September 1974 saß Romi Schneider in einem Fernsehstudio und wusste, dass sie das erste Mal in ihrem Leben gewinnen würde. Die 36-jährige Schauspielerin war zu Gast in einer Talkshow, um über ihr neues Buch zu sprechen, aber die Produktion hatte eine Überraschung eingebaut. Gegenüber von ihr, im anderen Sessel, nahm ein Mann Platz, den das Publikum für einen ehemaligen Bankräuber hielt. Burkat Driest, so die Ankündigung, hatte Jahre im Gefängnis verbracht und darüber geschrieben.

Die Regie hatte auf den Kontrast gesetzt. Hier die gefeierte Schauspielerin, dort der gebrochene Mann. Die Sendung war live. Millionen schauten zu.
Driest erzählte von Zellen, die so eng waren, dass man die Wände berührte, wenn man die Arme ausstreckte. Von Nächten, in denen die Stille lauter war als jeder Schrei. Er sprach über das Gefühl, eingesperrt zu sein, nicht nur hinter Gittern, sondern in sich selbst. Romi hörte zu, ihre Augen wurden feucht.
Dann, vor laufender Kamera, sagte sie drei Worte, die niemand erwartet hatte: “Ich liebe dich. ”
Nicht romantisch. Nicht theatralisch. Sondern so, wie ein Mensch, der selbst hinter unsichtbaren Mauern lebt, eine verwandte Seele erkennt.
Die Zeitungen schrieben am nächsten Morgen, sie habe den Verstand verloren. Sie irrten sich. Um zu verstehen, was an diesem Abend geschah, muss man weit zurückgehen. 36 Jahre, in eine Stadt, die damals selbst ihr Gesicht verlor.
Wien, 1938. Ein halbes Jahr war vergangen, seit die deutschen Truppen über die Grenze gekommen waren. Seit Hakenkreuzfahnen an den Straßen hingen. Seit Menschen auf Knien Gehsteige schrubben, unter dem Gelächter derer, die gestern noch Nachbarn waren.
In diese Stadt wurde am 23. September ein Mädchen geboren. Rosemarie Magdalena Albach. Ihre Mutter, Magda Schneider, war 29 Jahre alt, blond, ehrgeizig, ein Star der Ufa, jener Filmfabrik, die unter Kontrolle des Propagandaministeriums Unterhaltung produzierte.
Es gibt Fotografien aus jener Zeit. Magda bei Empfängen neben Funktionären des Regimes. Sie lächelt. Sie war keine Parteigenossin, das ist dokumentiert, aber sie gedieh in einem System, das Millionen vernichtete.
Der Vater, Wolf Albach-Retti, war Schauspieler, Nachkomme einer der ältesten Theaterdynastien des Habsburgerreichs. Seine Großmutter, Rosa Albach-Retti, war eine Legende des Wiener Burgtheaters gewesen. Wolf erbte den Namen und das Talent, aber nicht die Stärke. Schön, charmant und schwach.
Nicht der Typ Mann, der bleibt. Der Krieg zog an der kleinen Rosemarie vorbei wie ein ferner Donner. Die Familie lebte in Schönau am Königssee, in den Bayerischen Alpen. Sicher, geschützt, privilegiert.
Filmstudios in Berlin, Aufnahmen in München, Premieren in Wien. Sie kannte die Drehtage der Mutter, bevor sie die eigenen Schultage kannte. Dann kam der Krieg zu einem Ende, und mit ihm die Privilegien. Magda, die in den Ufa-Filmen noch das Glück gespielt hatte, stand nun mit leeren Händen da.
Kein Geld, kein Mann, keine Perspektive. Nur ein Kind, das sie liebte, aber nicht wollte. Romi wurde zur Bremse für ihre Karriere, zum Hindernis. Ein blasses Mädchen, das zu viel sah und zu wenig sprach.
1949 kam der Wendepunkt. Magda erhielt ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Die Ufa war zerschlagen, aber die Produktionsfirmen der jungen Bundesrepublik suchten neue Gesichter. Sie brauchten eine junge Schauspielerin für einen Heimatfilm, der in den Alpen spielen sollte.
Magda bekam die Rolle der Mutter, die ihre Tochter verloren hatte. Und das Studio fragte, ob ihre Tochter nicht mitspielen wolle. Romi war elf, als sie vor der Kamera stand. Das Mädchen, das im Schatten der schönen Mutter aufgewachsen war, blühte auf.
Sie spielte nicht, sie lebte. Und der Regisseur des Films, der die Aufnahmen sah, wusste es sofort: Dieses Kind gehört vor die Linse. Romi Schneider wurde zum Star. Die Filme kamen in dichter Folge, einer nach dem anderen.
Er hieß “Der Rosengarten”, “Das Mädchen mit den Glasaugen”, “Ferien vom Ich”. In Interviews sagte sie später immer wieder, dass sie sich daran erinnerte, wie die Mutter ihr die Frisuren richtete, wie sie auf dem Set saß und wartete. Und wie Magda sie nach dem letzten Klappenschlag nie lobte, sondern nur absetzte: “Gut gemacht, jetzt geh in den Wagen und lern deine Texte für morgen. ”
Die Leute auf der Straße erkannten sie.
Die Produzenten riefen an. Aber zu Hause, in der kleinen Wohnung am Rand von München, blieb sie das Kind, das nicht störte. Romi verliebte sich am Set, dort, wo die Emotionen großgeschrieben wurden. Sie verliebte sich, wie man sich in dem Alter verliebt, in dem man noch nicht unterscheiden kann zwischen Liebe und dem Gefühl, gesehen zu werden.
Es war eine wilde, stürmische Zeit, voller Pressekonferenzen und Premieren, aber sie lernte auch die Schattenseiten kennen. Die Presse, die sie zuerst vergötterte und dann verschlang. Die Jahre vergingen. Die Rollen wurden erwachsener, die Filme düsterer.
Die Journalisten begannen zu fragen, ob sie dem Ruhm gewachsen sei, und ob da etwas in ihrem Leben sei, das sie nicht erzähle. Sie lachte, winkte ab, drehte den Kopf zur Seite. Ein berühmter Regisseur nannte sie einmal die schauspielernde Verzweiflung des deutschen Films. Sie lachte, als sie es las.
Ihre Mutter nicht. Dann, im Herbst 1974, kam die Einladung zu der Talkshow. Die Redaktion hatte eine Idee: Romi Schneider, die von der Bühne träumte, aber nie aufhörte zu fliehen, sollte einem Mann gegenübersitzen, der den absoluten Absturz verkörperte. Die Ironie war geplant, die Gäste waren es nicht.
Im Studio wurde es still, als Driest zu sprechen begann. Er trug einen dunklen Anzug, der zu weit war, und sprach mit einer Ruhe, die unheimlich wirkte. Er erzählte von der Einsamkeit, die nicht aufhört, wenn die Zellentür zufällt. Er erzählte von dem Moment, als er begriff, dass die eigentliche Haft erst begann, nachdem er entlassen worden war.
Dass die Welt draußen die schwierigere Erfindung sei. Romi saß da, ihre Zigarette war längst ausgebrannt. Sie stellte keine Fragen, sie unterbrach nicht. Sie hörte einfach zu.
Und dann kam der Moment, den die Kameras festhielten. Sie beugte sich vor, ihre Stimme zitterte nur ganz leicht, und sie sagte: “Ich weiß, wovon du sprichst. ”
Dann die drei Worte. Die Zuschauer zu Hause hielten den Atem an.
Im Studio war es so still, dass man das Surren der Kameras hörte. Der Moderator, der seine Sendung gewohnt war, verlor kurz die Fassung. Driest sah sie an, zum ersten Mal direkt, und nickte kaum sichtbar. Er wusste, dass er sie nicht kannte.
Aber er wusste, dass sie nicht log. Erst viel später, in den letzten Interviews, die sie Anfang der Achtzigerjahre gab, sprach Romi Sätze aus, die im Nachhinein klingen wie ein Abschied. Sie redete über das Älterwerden, über die Angst, dass ein Gesicht, das Millionen kannte, in der Erinnerung verschwimmen könnte. Und sie sprach über einen Traum, den sie seit Jahren hatte: Sie stand auf einer Bühne, und alle lachten, aber sie wusste nicht, warum.
Sie wollte sprechen, aber ihre Stimme gehörte einer anderen. Sie wachte auf, und das Gefühl blieb. Am 29. Mai 1982 wurde die 43-jährige Romi Schneider leblos in ihrer Wohnung in Paris gefunden.
Die Todesursache lautete auf Herzversagen, begünstigt durch Schlafmittel und Alkohol. Die Welt sprach von einem Unglück. Einige wenige sprachen von einem letzten, radikalen Ausstieg aus einer Rolle, die ihr nie gepasst hatte. Ihr Sohn David war achtzehn Jahre alt, als er seine Mutter verlor.
Er hörte sich die Geschichten an, die man über sie erzählte, und erkannte sie nicht wieder. Er hörte die Kassette von dem Interview, das keiner ausstrahlen wollte, weil es zu wahr war. Er las die Briefe, die sie ihm hinterlassen hatte, und verstand, dass seine Mutter immer versucht hatte, eine zu sein, und gleichzeitig eine andere. Heute, Jahrzehnte später, gibt es Erinnerungsprojekte.
Seltene Interviews, Filmdokumentationen, ein vorsichtiges Tasten nach der Frau hinter dem Star. In Davids Lachen und in den Erinnerungen derer, die sie kannten, lebt sie fort. In 40 Filmen und tausend Interviews und zehntausend Fotografien. Und vielleicht ist das Wissen um die Wahrheit, so wie sie wirklich war, die einzige Form von Respekt, die wir dieser Frau noch entgegenbringen können.
Ein halbes Jahr vor ihrem Tod sagte sie in einem Interview, das fast niemand beachtete, einen Satz, der wie ein Schlüssel zu ihrem ganzen Leben klingt: “Man kann einem Menschen nicht näherkommen, als wenn man ihm die Wahrheit sagt. Ich habe mein ganzes Leben lang die Wahrheit gesagt, aber nur in den Rollen, die mir niemand abnahm. “