Es war 7:32 Uhr morgens am 24. Januar 1948, als eine 36-jährige Österreicherin im Gefängnis Montelupich in Krakau zum Galgen geführt wurde. Sie hatte einst am Tor von Birkenau gestanden und mit einem Blick oder einer Kopfbewegung entschieden, welche Frau den nächsten Tag nicht mehr erleben würde. Woche für Woche hatte sie Listen unterschrieben, Listen mit Namen, die in den Gaskammern endeten.

An jenem Morgen waren vor ihr bereits vier Männer gehängt worden. Sie war die Fünfte. Ihren eigenen Angaben zufolge lauteten ihre letzten Worte nicht auf Deutsch, sondern auf Polnisch. Ihr Name war Maria Mandel.
Die Gefangenen von Birkenau gaben ihr Spitznamen, darunter „Mandlka“, eine leichte Verballhornung ihres Familiennamens. Das Seltsamste an ihrer Geschichte war jedoch, wo sie ihren Anfang nahm. Maria Mandel wurde am 10. Januar 1912 in Münzkirchen geboren, einer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde in Oberösterreich.
Ihr Vater Franz Mandel war Schuhmacher und besaß ein eigenes Geschäft. Die Familie war katholisch, nach den Maßstäben des Dorfes wohlhabend und stand der Christlichsozialen Partei nahe. Sie waren keine Nationalsozialisten, im Gegenteil, sie waren der NS-Bewegung gegenüber ablehnend eingestellt, so die Erinnerungen von Leuten, die sie kannten. Maria war das jüngste von vier Kindern.
Mit zwölf Jahren wurde sie von der Schule genommen, um auf dem Hof der Familie mitzuhelfen. Später besuchte sie ein katholisches Internat in Neuhaus am Inn, das sie 1930 abschloss. Ein ehemaliger Mitschüler erinnerte sich an sie als fröhlich und freundlich. Es gab in diesen frühen Jahren keinerlei Anzeichen, die auf Birkenau hindeuteten.
Sie arbeitete etwa 13 Monate als Haushälterin und Köchin in der Schweiz, kehrte dann heimwehkrank in ihr Elternhaus zurück und arbeitete anschließend als Zimmermädchen in Innsbruck. 1936 kehrte sie nach Münzkirchen zurück, weil es ihren Eltern gesundheitlich schlechter ging. Sie fand eine Anstellung bei der örtlichen Post und verlobte sich mit einem Soldaten. Dann, im März 1938, gliederte Deutschland Österreich an.
Innerhalb weniger Monate brach ihr normales Leben zusammen. Ihr Verlobter löste die Verlobung, aus Angst, so hieß es, der schlechte Ruf ihrer anti-nationalsozialistisch eingestellten Familie könnte seiner Karriere schaden. Auch ihre Stelle bei der Post verlor sie aus demselben Grund. Plötzlich stand das Dorfmädchen, das aus einer Familie stammte, die Hitler abgelehnt hatte, ohne Arbeit da, unverheiratet und ohne Aussichten.
Im September 1938 zog sie zu ihrem Onkel nach München, der bei der Polizei arbeitete. Sie hatte gehofft, er könne ihr eine Anstellung bei der Polizei vermitteln, aber es gab keine freien Stellen. Stattdessen schlug er ihr eine Stelle als „Aufseherin“ vor, eine leitende Aufsichtsposition im Frauenkonzentrationslager Lichtenburg in der Stadt Prettin. Der Lohn war besser als in der Krankenpflege, das gab sie später als Grund an.
Nach ihrer Verhaftung behauptete sie, sie habe bei Dienstantritt nichts über die Konzentrationslager gewusst. Sie trat ihren Dienst in Lichtenburg am 15. Oktober 1938 an. Ihre Cousine Maria Gruber wurde mit ihr ausgebildet.
Gruber hielt es nicht lange aus und kündigte frühzeitig, angewidert von der Gewalt, die sie erlebte. Zwei Frauen derselben Familie standen an demselben Ort vor derselben Entscheidung. Die eine ging, die andere blieb. Maria Mandel blieb nicht nur, sie tat noch viel mehr.
Überlebende des Konzentrationslagers Lichtenburg berichteten in ihren Aussagen, wie sie Gefangene schlug und auspeitschen ließ und sie zu anstrengenden Leibesübungen zwang, die die Wärter als „Sport“ bezeichneten. In einer Schilderung schlug sie eine Frau wiederholt mit einem metallenen Schlüsselbund, bis diese das Bewusstsein verlor, schleifte sie dann durch das Lager und sperrte sie in eine Einzelzelle. Am 15. Mai 1939 wurde sie mit anderen Aufseherinnen in ein neu errichtetes Frauenlager nördlich von Berlin verlegt, das Ravensbrück hieß.
Ravensbrück wurde zur Ausbildungsstätte für Aufseherinnen im gesamten System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, und Mandel spielte in dieser Ausbildung eine führende Rolle. Im Sommer 1939 befand sich unter den Rekrutinnen, die unter ihrer Anleitung ausgebildet wurden, eine junge Wienerin namens Hermine Braunsteiner, die Mandel später als äußerst streng beschrieb und sich daran erinnerte, wie sie Gefangene schlug. Anfang 1940 wurde Mandel zusammen mit einer weiteren Aufseherin namens Dorothea Binz in die Strafzellenabteilung versetzt. Dort wurden Prügelstrafen in Gruppen von 25 Schlägen vollzogen.
Mandel sagte später bei Verhören aus, dass die weiblichen Gefangenen in dieser Abteilung täglich Kaffee und Brot bekämen. Überlebende berichteten jedoch, dass ihnen das Essen vorenthalten wurde. Im April 1942, nachdem die Oberaufseherin Johanna Langefeld nach Auschwitz versetzt worden war, übernahm Mandel deren Posten als Oberaufseherin in Ravensbrück. Nach sechs Monaten kehrte Langefeld zurück, und zum zweiten Mal trat Mandel ihre Nachfolge an.
Im Oktober 1942 kam Maria Mandel in Auschwitz II – Birkenau an und wurde zur Leiterin des Frauenlagers ernannt. Es war die höchste Position, die eine Frau im Lagerpersonal bekleiden konnte. Praktisch unterstand sie nur dem Lagerkommandanten Rudolf Höß, der sie sehr schätzte. Sie wohnte in den Personalquartieren innerhalb des Lagerkomplexes.
Ihr Nachbar war Karl Clauberg, der Frauenarzt, der an den Häftlingen Sterilisationsversuche durchführte. Woran sich die Gefangenen in Birkenau unter Mandel am deutlichsten erinnerten, war die Willkür des Todes. Die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, die das Lager überlebte, erinnerte sich später daran, dass Mandel am Tor stand, während die Gefangenen antraten. Jede Frau, die ihrem Blick begegnete, wurde aus der Reihe gezogen und getötet.
Andere Überlebende berichten von einer Prozedur für Frauen, die von der Außenarbeit zurückkehrten. Ein Stock wurde in etwa 50 Zentimeter Höhe gehalten. Jede Frau musste darüber springen. Wer den Sprung schaffte, wurde beim Appell mitgezählt.
Wer scheiterte, wurde in die Gaskammer geschickt. Eine Gefangene, die als Schreiberin in der politischen Abteilung des Lagers arbeitete, sagte später aus, Mandel habe die Gefangenen als „Mistkäfer“ bezeichnet. Fast zwei Jahre lang unterschrieb sie wöchentlich die Todeslisten und nahm an den Selektionen zusammen mit den SS-Ärzten teil. Wenn neue Transporte eintrafen, wurden die Frauen auf versteckte Wertsachen durchsucht.
Ein Teil dessen, was sie nahm, landete während ihrer Heimaturlaube in einer Schublade im Haus ihrer Familie in Münzkirchen. Es gibt jedoch einen Aspekt ihrer Geschichte, der Historiker besonders beunruhigt. Maria Mandel liebte Kinder. … Aber das Lager erzählt eine andere Geschichte.
… Dann trug sie es selbst in die Gaskammer. … „Jüdin“ … Denkt an Brandel. Im Oktober 1944, als sich die Rote Armee Auschwitz näherte, begann die SS, das Lager zu räumen und die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Maria Mandel wurde mit anderen Aufseherinnen in das Konzentrationslager Ravensbrück zurückgeschickt.
Dort übernahm sie erneut ihre Funktion als Oberaufseherin. Im März 1945, als sich die Alliierten näherten, wurde sie nach Dachau verlegt. Ihre Spur verliert sich in den letzten Kriegswochen. Sie tauchte unter, verschwand in der Menge der Flüchtlinge und Vertriebenen, die durch das zerstörte Deutschland zogen.
Sie kehrte in ihre Heimatregion zurück, lebte einige Zeit unerkannt in der Gegend um Münzkirchen. Es war eine Frau, die wie sie aussah, die in einem Gasthaus in der Nähe ihres Heimatdorfes gesehen wurde. Aber niemand verhaftete sie. Sie hatte ihre Papiere auf einen anderen Namen ausstellen lassen.
Die Jagd nach ihr dauerte an, aber das Kriegsende bedeutete für viele Täterinnen und Täter zunächst das Untertauchen. Maria Mandel, die so viele Todeslisten unterschrieben hatte, die so viele Frauen und Kinder in den Tod geschickt hatte, war eine von vielen, die sich absetzten. Sie wurde schließlich entdeckt. Über die Umstände ihrer Verhaftung gibt es unterschiedliche Angaben.
Manche Quellen berichten, sie sei von einer ehemaligen Gefangenen erkannt worden. Andere sagen, sie sei den Alliierten aufgrund ihrer SS-Akte in die Hände gefallen. Fest steht, dass sie 1946 von der amerikanischen Besatzungsmacht verhaftet und an Polen ausgeliefert wurde. In Krakau wurde ihr der Prozess gemacht.
Unter den Anklagepunkten waren die Selektion von Gefangenen zur Vergasung, die Teilnahme an Exekutionen, die Misshandlung von Gefangenen und die Verantwortung für den Tod tausender Menschen. Vor Gericht zeigte sie keine Reue. Sie sprach von Befehlen, von Pflichtbewusstsein, von ihrer eigenen Angst vor den Vorgesetzten. Sie versuchte, ihre Verantwortung zu leugnen und sich als kleines Rädchen im Getriebe darzustellen, das nur getan habe, was man ihr befohlen habe.
Sie sei keine Sadistin gewesen, beteuerte sie. Aber die Zeugenaussagen der Überlebenden zeichneten ein anderes Bild. Sie hatten die Frau gesehen, die am Tor stand und mit einer Kopfbewegung über Leben und Tod entschied. Sie hatten die Frau gesehen, die Gefangene schlug, die Kinder in die Gaskammer schickte, die ihre Opfer als „Mistkäfer“ bezeichnete.
Sie hatten die Frau gesehen, die ihre Aufgabe mit einer gewissen Freude ausübte. Das Gericht verurteilte sie zum Tode. Am 24. Januar 1948 wurde das Urteil vollstreckt.
Sie wurde gehängt. Ihre letzten Worte waren, so ihre eigene Darstellung, nicht auf Deutsch, sondern auf Polnisch. Sie sagte zu ihrem Henker, dem Polen Stefan Kaczmarek: „Ich habe meine Pflicht getan, ich habe sie nicht getan, aber ich bin unschuldig. “ Ein anderer Bericht sagt, sie habe gerufen: „Ich habe keine Schuld.
Ich habe nur Befehle befolgt. “ Es ist eine der vielen Grausamkeiten ihrer Geschichte, dass selbst ihr letzter Satz umstritten ist, dass die Frau, die so viele Münder mit dem Tod bedroht hatte, deren Name für die Willkür von Birkenau stand, bis zum Schluss ihre eigene Schuld nicht anerkennen konnte oder wollte. Maria Mandel, die junge Frau aus Münzkirchen, die einst eine Stelle als Aufseherin annahm, weil der Lohn besser war als in der Krankenpflege, wurde zu einer der bekanntesten Täterinnen des Nationalsozialismus. Sie war die Leiterin des Frauenlagers in Birkenau, die über Leben und Tod Tausender entschied, die mit einer Handbewegung zur Gaskammer schickte und deren Name zum Inbegriff des Bösen wurde, das in den Konzentrationslagern wütete.
Die Geschichte von Maria Mandel ist die Geschichte eines gewöhnlichen Lebens, das sich in eine unvorstellbare Bahn bewegte. Sie begann als fröhliches Mädchen, das in einem katholischen Elternhaus aufwuchs, und endete als eine der berüchtigtsten Verbrecherinnen des Holocaust. Die Frage, die Historiker und Nachwelt bis heute umtreibt, ist, wie aus einem gewöhnlichen Menschen eine Mörderin werden konnte. Die Antworten sind komplex und beunruhigend.
Sie liegen in der Verführungskraft der Macht, der Dynamik einer brutalen Ideologie, dem Druck der Gruppe, der Abstumpfung durch die tägliche Konfrontation mit dem Tod und der schrittweisen Auflösung moralischer Grenzen. Mandel selbst gab an, sie habe sich anfangs an der Gewalt gestört, sich aber im Laufe der Zeit daran gewöhnt. Sie habe nur ihre Pflicht erfüllt und Befehle befolgt, sagte sie später. Sie verstand nicht, warum man sie für etwas bestrafen sollte, das sie nicht anders habe tun können.
Die Überlebenden von Birkenau erinnerten sich anders an sie. Für sie war sie keine pflichtbewusste Beamtin, sondern eine Frau, die ihre Macht genoss, die Gefangene quälte, die Kinder in den Tod schickte und die keine Spur von Reue zeigte. Die Erinnerungen an sie sind voller Grauen. Es gab die Geschichte von dem Kind, das sie selbst in die Gaskammer trug.
Es gab die Geschichte von den Frauen, die sie mit ihrem Blick aussonderte. Es gab die Geschichte von den Frauen, die über den Stock springen mussten, um zu beweisen, dass sie noch arbeiten konnten. Es gab die Geschichte von der Frau, die sie mit dem Schlüsselbund schlug. Die Liste der Grausamkeiten ist lang.
Und sie alle führen zurück zu einer Frau, die einmal ein normales Leben führte, bevor der Nationalsozialismus ihre dunkelsten Instinkte weckte. Maria Mandel wurde am 10. Januar 1912 in eine Zeit und an einen Ort hineingeboren, in dem die Saat des Hasses bereits aufgegangen war. Sie war kein Monster, geboren mit einer angeborenen Bösartigkeit.
Sie war ein Mensch, der sich dem System anpasste, das ihn umgab, der die angebotene Macht annahm und ausnutzte und der die Konsequenzen nicht tragen konnte oder wollte. Ihre Geschichte ist eine Mahnung an die Zerbrechlichkeit der Zivilisation und an die Gefahr des blinden Gehorsams. Sie erinnert uns daran, dass das Böse nicht immer von Ungeheuern kommt, sondern oft von ganz gewöhnlichen Menschen, die sich dafür entscheiden, wegzuschauen, zu gehorchen oder zu glauben, dass sie keine Wahl hätten. Sie erinnert uns daran, dass es immer eine Wahl gibt, dass wir uns immer entscheiden können, Nein zu sagen, dass wir die Verantwortung für unser Handeln tragen müssen, egal wie sehr wir versuchen, sie auf andere abzuwälzen.
Der Name Maria Mandel steht für all das. Sie wurde gehängt, aber die Fragen, die sie aufwirft, sind bis heute unbeantwortet. Sie werden weiterhin nachhallen, solange es Menschen gibt, die bereit sind, ihre Menschlichkeit für Macht, Gehorsam oder Gleichgültigkeit aufzugeben. Und so endet die Geschichte einer Frau, die in Münzkirchen begann und in Krakau endete, an einem Galgen, mit einem letzten Satz, der vielleicht nie vollständig geklärt sein wird.
Sie sagte, sie habe ihre Pflicht getan. Und das ist vielleicht das Schrecklichste von allem: dass sie es wirklich glaubte. Dass sie sich selbst als pflichtbewusst sah, als jemanden, der nur Befehle befolgte. Dass sie nicht verstehen konnte oder wollte, dass Pflicht nicht die Entschuldigung für das Verbrechen sein kann, dass Gehorsam nicht die Rechtfertigung für den Mord ist.
Maria Mandel, die Aufseherin von Birkenau, die Leiterin des Frauenlagers, die Mörderin. Sie starb am 24. Januar 1948. Und mit ihr starb ein Stück der Illusion, dass das Böse immer von außen kommt, dass es immer die anderen sind, dass es nie wir selbst sein könnten.
Ihre Geschichte bleibt als ein dunkles Kapitel der Geschichte, als eine Warnung an alle, die vergessen wollen. Sie bleibt als Erinnerung daran, dass wir wachsam sein müssen, dass wir niemals aufhören dürfen, unsere eigenen Entscheidungen zu hinterfragen, und dass die Hölle manchmal keinen so weiten Weg hat. Manchmal ist sie nur eine Entscheidung entfernt, nur eine falsche Wahl, nur ein Moment der Schwäche oder der Bequemlichkeit.
Und genau davor warnt uns das Leben von Maria Mandel, einer Frau, die aus der gewöhnlichsten aller Welten kam und in der außergewöhnlichsten aller Hölle endete, die Menschen je geschaffen haben.