34 T-34 jagten ihn drei Tage — der Tiger-Kommandant versteckte sich in einem trockenen Flussbett

34 T-34 jagten ihn drei Tage — der Tiger-Kommandant versteckte sich in einem trockenen Flussbett

Am Morgen des 11. August 1943 reinigte Oberleutnant Otto Carius das Zielfernrohr seines Tigers mit einem Stück Wildleder. Der Panzer stand in einer ausgetrockneten Biegung des Flusses Mscha, südöstlich von Nevel, in einer natürlichen Mulde mit rissigen Lehmwänden und weißem Sandboden.

Die Luft roch nach trockenem Schilf und Maschinenöl, die Temperatur lag bei 11 Grad. Über der Mulde stand Nebel in etwa drei Metern Höhe, der sich nur an den Rändern auflöste, wo die ersten Sonnenstrahlen ihn erreichten.

Carius war 29 Jahre alt und hatte vor dem Krieg Pharmazie in Freiburg studiert. Er galt in der schweren Panzerabteilung 502 als wortkarger Mann, trank keinen Alkohol und sprach nicht über den Krieg. In einem kleinen Notizbuch führte er Treffer, Entfernungen und Munitionsverbrauch wie ein Laborprotokoll.

Der Tiger trug die Turmnummer 217, die Besatzung bestand aus fünf Mann. Fahrer war Unteroffizier Heinrich Zwetti, ein ehemaliger Schlepperfahrer aus Kärnten. Richtschütze war Feldwebel Albert Köstler, 26 Jahre alt, vor dem Krieg Uhrmacher in Pforzheim. Ladeschütze war Gefreiter Werner Scherbinski aus Oberschlesien, Funker Gefreiter Helmut Reineke, 19 Jahre alt, seit drei Wochen an der Front.

Carius hörte das Geräusch zuerst durch die Sohlen seiner Stiefel. Es war kein einzelner Motor, sondern ein tiefes, vielstimmiges Vibrieren, das durch den Boden lief, bevor es das Ohr erreichte.

Durch das Scherenfernrohr sah er in 2200 Metern Entfernung am Horizont über einem flachen Roggenfeld die ersten Silhouetten: T-34. Sie fuhren in Keilformation. Er zählte sechs, dann zwölf, dann 18, dann mehr. Beim zweiten Zählen kam er auf 34 Sektionen zu je acht Wagen plus zwei Führungspanzer.

Der Tiger 217 stand allein. Die übrigen vier Wagen der Kompanie waren in der Nacht nach einem Funkbefehl zur Sicherung einer Brücke bei Krasnopolje abgezogen worden. Carius sollte an der Mscha bleiben und einen möglichen Vorstoß beobachten, nicht kämpfen. Das Funkgerät gab seit drei Stunden nur statisches Rauschen aus.

Die Mulde war etwa 40 Meter breit und bog sich in einem flachen Bogen nach Süden. Der Tiger stand so, dass nur Turm und Oberkante der Wanne über die Lehmkante ragten. Von Nordosten aus gesehen verschwand er vollständig im Schilf der alten Flussböschung.

Carius hatte die Position am Abend zuvor gewählt, weil sie zwei Schussfelder gleichzeitig deckte: eines nach Nordosten über das Roggenfeld, eines nach Südosten entlang einer alten Bauernstraße.

Im Turm saß Köstler bereits am Richtschützenplatz, Scherbinski hatte die erste Panzergranate 39 aus dem Munitionsbunker geholt. Im Tiger lagen 92 Schuss, davon 62 Panzergranaten und 30 Sprenggranaten. Carius drückte den Sprechknopf und sagte leise: 34 T-34, 2200 Meter, Nordost, Keil. Er sagte nicht, dass sie angreifen würden, und nicht, dass sie sich absetzen würden. Er nannte nur die Zahlen.

Auf dem Papier war die Lage eindeutig. Ein einzelner Tiger gegen 34 T-34 war nach allen taktischen Lehrbüchern ein Auftrag zum Rückzug. Die Vorschrift verlangte, sich abzusetzen und Verstärkung anzufordern. Doch der Funk schwieg, die Brücke bei Krasnopolje war 15 Kilometer entfernt, und es gab keine Verstärkung.

Carius hatte drei Möglichkeiten. Die erste war der Rückzug nach Südwesten hinter den Hügel bei Punkt 174,3. Der Tiger konnte rückwärts 12 Stundenkilometer fahren, die T-34 vorwärts 25. Innerhalb von vier Minuten wären sie auf 1000 Meter heran, innerhalb von sieben Minuten auf Schussweite. Der Tiger würde mit dem Heck zur Frontlinie sterben.

Die zweite Möglichkeit war der frontale Schusskampf aus der Mulde. Die 8,8-cm-KwK 36 L/6 durchschlug die 45 mm starke, unter 60 Grad geneigte Frontpanzerung des T-34 auf 1500 Meter ohne Probleme. Die 76,2-mm-Kanone des T-34 durchschlug die 100 mm Stirnpanzerung des Tigers theoretisch erst auf 500 Meter und auch dann nur mit Glück. Aber 34 Wagen feuerten 33 Schuss pro Minute, ein Tiger sechs bis acht. Die Mathematik war wieder eindeutig.

Die dritte Möglichkeit war regelwidrig. Sie widersprach dem Handbuch der schweren Panzerabteilungen, das ausdrücklich verlangte, dass Tiger nicht statisch in unbekanntem Gelände kämpften. Carius wählte sie und sagte ins Bordtelefon: Motor aus.

Zwetti schaltete den Maybach HL230 P45 ab, die 700 Pferdestärken verstummten. Der Tiger sank in der Mulde wie ein totes Tier, nur das Tropfen von Kondenswasser auf das Getriebegehäuse blieb zu hören.

Carius wartete, weil er etwas wusste, das nicht im Handbuch stand. Drei Wochen zuvor, am 21. Juli 1943, hatte er auf einem Feld bei Demidow einen abgeschossenen T-34 inspiziert. Der Panzer war von einer Pak 40 in die linke Wanne getroffen worden. Carius war auf den Turm geklettert und hatte den Turmring berührt.

Dabei hatte er etwas bemerkt, das ihm seither nicht aus dem Kopf ging: Die Schweißnaht zwischen Wanne und Turmunterkante war auf der frontalen Seite nur 18 mm dick. An den Seiten war sie stärker, 24 und 26 mm. Aber genau in der Mitte vorne gab es einen schmalen Streifen von etwa 12 cm Breite, an dem die Konstruktion strukturell schwach war.

Carius hatte das in sein Notizbuch eingetragen und Köstler gezeigt. Köstler hatte den Befund mit einer Schieblehre nachgeprüft und genickt. Eine Panzergranate 39, die im richtigen Winkel auf diesen Streifen traf, riss den Turm aus der Wanne. Der Innendruck der Detonation zerstörte die Schweißnaht von innen. Carius hatte den Effekt einmal bei einem T-34 gesehen, den er selbst getroffen hatte, ohne zu wissen, warum der Turm acht Meter weit weggeflogen war.

Die Mulde lag jetzt im richtigen Winkel. Die T-34 würden frontal kommen, und Köstler musste auf den Ansatz unter dem Turm zielen, nicht auf die Stirnpanzerung.

Um 6:14 Uhr waren die führenden Wagen auf 1400 Meter heran. Sie hatten den Tiger nicht entdeckt, der Nebel war noch nicht vollständig abgezogen. Der Turm 217 war mit nassen Schilfbüscheln getarnt, die Reineke und Scherbinski in der Nacht angebracht hatten. Der Maybach war kalt, es gab keine Auspuffschwaden.

Köstler legte das Fadenkreuz auf den linken Spitzenwagen, Entfernung 1380 Meter, und drehte das Höhenrad um vier Klicks. Er sagte: bereit. Carius sagte: warten. Bei 1100, bei 950 sagte Carius: Feuer.

Der erste Schuss verließ das Rohr um 6:17 Uhr. Die Panzergranate 39 traf den linken Spitzenwagen genau unter der Turmkante. Der Turm hob sich um etwa 70 Zentimeter, kippte nach rechts und fiel neben die Wanne. Eine Stichflamme schoss aus dem geöffneten Rumpf.

Scherbinski hatte das nächste Geschoss bereits im Verschluss. Der zweite Schuss um 6:19 Uhr traf den rechten Spitzenwagen ähnlich. Der Turm blieb an der Wanne, aber der Wagen brannte sofort.

Köstler arbeitete jetzt schneller. Er schwenkte den Turm leicht nach rechts, korrigierte um sechs Klicks Seitenrichtung und schoss den dritten Wagen aus 830 Metern Entfernung. Der Treffer in den oberen Wannenbereich stoppte den T-34, der Fahrer kletterte heraus.

Die sowjetische Formation reagierte verzögert. Die Wagen hinter den Spitzen wussten nicht, woher das Feuer kam. Sie verteilten sich, einige fuhren nach links, einige nach rechts, einige hielten an. Die Mulde lag im toten Winkel der meisten Türme.

Köstler nutzte die Verwirrung. In acht Minuten waren neun T-34 zerstört oder bewegungsunfähig. Um 6:38 Uhr feuerte Köstler den 14. Schuss. Im Tiger lagen noch 78 Geschosse. Vier Panzer brannten in 300 Metern Umkreis.

Die russische Formation hatte sich endgültig aufgelöst und kreiste im Roggenfeld. Doch die Geometrie änderte sich. Drei T-34 hatten den Schilfgürtel an der südlichen Flanke entdeckt und schwenkten nach Süden. Sie suchten den Schützen und kamen auf 600 Meter heran, dann auf 500.

Carius sah durch das Periskop, wie der rechte der drei seinen Turm langsam in Richtung der Mulde drehte. Köstler erkannte die Bewegung um 6:39 Uhr und drehte den Turm um 22 Grad nach Süden. Das hydraulische Schwenkwerk des Tigers brauchte 21 Sekunden für eine volle Umdrehung, für 22 Grad nicht ganz zwei Sekunden.

Der 15. Schuss traf den rechten der drei T-34 in die Wannenseite. Der Wagen explodierte sofort, die Munition detonierte in einer einzigen Druckwelle. Der mittlere wendete, der linke hielt an und feuerte. Das 76,2-mm-Geschoss schlug zehn Meter vor der Mulde in den Lehm und warf eine Fontäne aus Erde und Sand auf den Turm 217.

Scherbinski hatte bereits nachgeladen. Köstler korrigierte um neun Klicks. Der 16. Schuss traf in den Turmring des linken T-34. Der Turm verkantete und blieb stehen. Der mittlere, der gewendet hatte, fuhr im Zickzack zurück. Köstler nahm ihn auf 420 Meter ins Visier. Der 17. Schuss traf die Heckpanzerung, der Motor stand sofort in Flammen.

Um 6:51 Uhr brannten zwölf T-34 in einem Halbkreis um die Mulde. Die übrigen 22 waren auseinandergerissen. Einige zogen sich nach Nordosten zurück, einige hielten in toten Winkeln hinter Geländefalten. Es wurde still.

Carius zählte 73 verbleibende Geschosse, davon 43 Panzergranaten. Köstler trank Wasser aus einer Feldflasche, sein Hemd war durchgeschwitzt. Im Turm betrug die Temperatur jetzt 34 Grad. Scherbinski hatte sich die Knöchel der rechten Hand am Verschlussblock aufgerissen, ohne es zu bemerken.

Über dem Roggenfeld stand schwarzer Rauch in zwei Säulen, eine im Osten, eine im Norden. Die Sowjets hatten ihre Bewegung gestoppt. Sie würden umgruppieren, Aufklärung schicken und zurückkommen.

Der zweite Tag begann um 4:17 Uhr am 12. August mit dem Geräusch eines Anlassers in der Ferne. Carius hatte die Nacht in der Mulde verbracht, der Tiger war nicht bewegt worden. Reineke hatte erneut versucht, die Abteilung zu erreichen, und diesmal eine Antwort bekommen, verstümmelt und kaum verständlich: Halten Sie die Position. Verstärkung in 48 Stunden.

Um 11 Uhr stand die Sonne fast senkrecht, die Lufttemperatur erreichte 28 Grad, im Turm wurden es 41. Köstler trank aus seiner zweiten Feldflasche, Scherbinski hatte das Hemd ausgezogen. Reineke beobachtete den Sektor Nordost und meldete Bewegung: zwölf T-34, neue Wagen, dunkleres Tarnmuster, in 1900 Metern Entfernung.

Sie kamen vorsichtiger und blieben in Schwärmen, jeder Wagen mit 50 Metern Abstand. Sie hatten gelernt. Der erste Schuss an diesem Tag verließ das Rohr um 11:14 Uhr, Treffer auf 1600 Meter. Ein T-34 stand. Der zweite Schuss um 11:16 Uhr traf, der Wagen brannte. Der dritte um 11:19 Uhr war ein Fehlschuss, das Geschoss prallte am geneigten Wangenpanzer ab. Köstler korrigierte, der vierte Schuss traf.

Bis 13 Uhr hatte Köstler 21 weitere Schüsse gefeuert. Sechs zusätzliche T-34 brannten, die übrigen zogen sich zurück.

Bei Schuss 47, gezählt vom Beginn des Gefechts am Vortag, geschah es. Der Verschlussblock schlug nach dem Rückstoß zurück, aber der hydraulische Rückstoßdämpfer der 8,8-cm-KwK 36 schluckte den Rückstoß nicht vollständig. Es gab ein hartes metallisches Schlagen, der Verschluss blieb in ungünstiger Stellung stehen. Aus der Dichtung am Rückstoßzylinder lief eine dünne ölige Flüssigkeit. Köstler sagte ein einziges Wort: Dämpfer.

Scherbinski versuchte, den nächsten Schuss zu laden, doch der Verschluss blockierte. Carius klemmte sich in den Winkel zwischen Scherbinski und dem Geschützrohr und sah sich die Mechanik an. Der Rückstoßdämpfer war überhitzt, das Hydrauliköl verkocht. Bei normalem Gefechtsverbrauch sollte ein solcher Dämpfer 300 Schuss aushalten. Nach 47 Schuss in 28 Stunden bei 41 Grad Innentemperatur hatte er aufgegeben.

In diesem Moment, um 13:34 Uhr, schlug ein 76,2-mm-Geschoss in die obere Lehmkante der Mulde, drei Meter vor dem Tiger. Ein Splitter des Lehms, gemischt mit einem Stahlsplitter des Geschossmantels, schoss durch die halboffene Kommandantenluke und traf Köstler in den Hals, links unter dem Kiefer.

Köstler griff sich an die Wunde und sah Carius an. Er sagte nichts. Das Blut lief über seinen Kragen auf das Höhenrichtrad. Reineke kletterte aus dem Funkerplatz nach hinten und drückte eine Mullbinde auf die Wunde. Die Halsschlagader war nicht getroffen, aber die Wunde war tief und Köstler verlor schnell Blut.

Carius zog ihn aus dem Richtschützensitz und nahm selbst Platz. Er konnte richten, er hatte es geübt. Er war nicht so schnell wie Köstler, aber er war präzise.

Eine zweite Bedrohung näherte sich. Reineke meldete Fußtruppen im Schilfgürtel südlich, etwa 150 Mann, 150 Meter. Sie krochen und suchten den Tiger durch die Lehmwände hindurch.

Carius hatte drei Möglichkeiten. Erste: den Motor anlassen und die Mulde verlassen, aber der Verschluss blockierte, der Tiger konnte nicht feuern. Zweite: die Männer mit der MG 34 im Bug bekämpfen, aber die MG 34 hatte nur ein Schussfeld von etwa 15 Grad nach vorne, und der Fußtrupp kam von der Flanke. Die dritte Möglichkeit war wieder regelwidrig.

Carius befahl Scherbinski, den Verschluss von Hand zu öffnen, mit einem Hebel, mit Gewalt, mit den blutigen Knöcheln. Scherbinski stemmte sich gegen den Verschlussblock und arbeitete ihn frei. Es dauerte vier Minuten. Vier Minuten, in denen der Fußtrupp auf 120 Meter herangekommen war.

Um 13:51 Uhr war der Verschluss frei. Scherbinski schob eine Sprenggranate ein. Carius richtete auf den Schilfgürtel, 100 Meter leicht nach links. Der Schuss zerriss den vorderen Teil des Trupps. Die Sprenggranate detonierte in einem Streukreis von etwa zwölf Metern. Der Rest der Männer zog sich zurück und ließ sieben Tote im Schilf zurück.

Reineke verband Köstler weiter. Carius schoss noch zwei Sprenggranaten in den Schilfgürtel, um die Geometrie zu klären. Dann war es still.

Der Rückstoßdämpfer war hin, aber der Verschluss arbeitete, wenn man ihn von Hand öffnete. Es dauerte 40 Sekunden pro Schuss statt vier. Es war keine Panzerkanone mehr, es war ein langsames, präzises Geschütz. Im Tiger lagen noch 54 Geschosse, davon 31 Panzergranaten.

Die Nacht zum 13. August brachte Regen. Die Lufttemperatur fiel auf 12 Grad, im Turm wurde es kalt. Köstler lag in einer Decke auf dem Munitionsbodenblech und atmete flach, sein Puls war 120. Reineke gab ihm Wasser in kleinen Schlucken.

Carius beobachtete den Horizont durch das Periskop. In der Nacht sah er das Aufblitzen von Mündungsfeuern in der Ferne. Die Sowjets schossen Leuchtgranaten ab, um die Mulde zu erkunden. Carius bewegte sich nicht.

Am 13. August um 9 Uhr griffen sie wieder an, diesmal mit 14 T-34, aufgeteilt in drei Gruppen aus Nordost, Ost und Südost. Carius arbeitete den Verschluss selbst, weil Scherbinski sich die Hand am Hydraulikleck verbrannt hatte. Er feuerte langsam, einen Schuss alle 40 Sekunden, und traf bei jedem zweiten Schuss. Sieben T-34 brannten bis zum Mittag, die übrigen zogen sich nach Osten zurück. Carius hatte 14 weitere Geschosse verbraucht.

Am Nachmittag des 13. August war es still, die Wolken zogen ab. Köstler war wach, konnte aber nicht sprechen. Reineke versuchte den Funk und bekam wieder eine verstümmelte Antwort: Tigerkompanie auf dem Weg, Eintreffen 14. August frühmorgens. Noch eine Nacht.

Um 3:17 Uhr am 14. August hörte Carius in völliger Dunkelheit das Geräusch eines einzelnen T-34, der sich der Mulde von Süden näherte. Der Wagen fuhr ohne Licht, langsam im ersten Gang. Die Russen suchten den Tiger jetzt im Nahkampf.

Carius weckte Scherbinski und Reineke mit einer Handbewegung. Er rief sie nicht, er sprach kein Wort. Der T-34 kam auf 100 Meter heran, dann auf 90. Carius hatte das letzte Panzergranat-39-Geschoss bereits im Verschluss, es war das 31. und letzte.

Köstler hatte sich aus der Decke aufgerichtet. Mit einer Hand griff er nach dem Höhenrichtrad, mit der anderen drückte er die Mullbinde gegen den Hals. Er konnte nicht sprechen, aber er konnte richten. Er korrigierte um zwei Klicks Höhe.

Carius betätigte den Abzug. Der Schuss um 3:19 Uhr traf den T-34 unter dem Turmring, genau dort, wo die 18-mm-Schweißnaht war. Der Turm hob sich, kippte nach vorne und fiel auf die Wanne zurück. Der Wagen brannte sofort.

Um 6:30 Uhr am 14. August rollte die Tigerkompanie von Hauptmann von Schiller mit vier Wagen in die Mscha-Senke ein. Carius stand auf dem Turm 217 in schwarzer Jacke, ohne Mütze, ohne Worte.

Vor der Mulde lagen in einem Halbkreis von etwa 800 Metern Radius 27 zerstörte oder ausgebrannte T-34. Sieben weitere standen bewegungsunfähig, zwei waren auf eigener Achse abgefahren. 34 Wagen waren gekommen, zwei waren zurückgekehrt.

Im offiziellen Vorlagebogen, den Hauptmann von Schiller am 19. August unterzeichnete, hieß es nüchtern: Oberleutnant Carius hat mit Tiger 217 und einer Besatzung von vier Mann in der Zeit vom 11. bis 14. August 1943 in der Flussbiegung der Mscha südöstlich Nevel 32 Panzer T-34 abgeschossen oder vernichtet. Die Position wurde aus eigener Initiative gehalten, entgegen taktischen Standards, unter Ausnutzung der natürlichen Geländedeckung. Die Wirkung auf den feindlichen Vorstoß war operativ entscheidend. Antrag auf das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes wird gestellt.

Köstler überlebte. Er wurde am 14. August in das Feldlazarett in Nevel gebracht, die Halswunde heilte. Er kehrte im Oktober 1943 in die Abteilung zurück, wurde aber im Mai 1944 bei Narva schwer verwundet und in die Heimat entlassen. Er starb 1987 als Uhrmachermeister in Pforzheim.

Scherbinski fiel im Februar 1944 in Estland. Reineke geriet im April 1945 in amerikanische Gefangenschaft und kehrte 1946 nach Bremen zurück. Zwetti überlebte den Krieg und arbeitete bis 1981 als Traktorfahrer in Kärnten.

Carius erhielt am 4. Mai 1944 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub. Er wurde dreimal verwundet, schoss bis Kriegsende Panzer ab, kehrte 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft heim, studierte Pharmazie zu Ende und eröffnete in Herschweiler-Pettersheim eine Apotheke, die er bis zu seinem Tod im Januar 2015 führte. Über die Tür hängte er ein kleines Schild mit dem Namen Tigerapotheke.

Über die drei Tage an der Mscha sprach er fast nie. Wenn er gefragt wurde, antwortete er kurz: Das war keine Strategie, das war Arithmetik, eine Schweißnaht von 18 mm und ein bisschen Geduld.

Auf dem Papier war der Tiger ein Panzer. In der Mulde an der Mscha war er ein Werkzeug. Nicht das Geschütz entschied.