Sisis Töchter – Marie-Valérie und Gisela: Die Lieblingstochter und die Vergessene

Sisis Töchter – Marie-Valérie und Gisela: Die Lieblingstochter und die Vergessene

Zwei Schwestern, zwei völlig verschiedene Kindheiten: Während Erzherzogin Marie Valerie als Liebling ihrer Mutter Kaiserin Elisabeth aufwuchs, musste ihre ältere Schwester Gisela früh lernen, ohne die Zuneigung der Mutter auszukommen. Aus den beiden Töchtern von Franz Joseph und Sisi wurden später enge Vertraute – doch ihre Lebenswege hätten unterschiedlicher nicht sein können. Gisela kam am 12. Juli 1856 als zweites Kind des Kaiserpaares in Laxenburg zur Welt.

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Elisabeth war damals erst 18 Jahre alt. Am Wiener Hof wartete man jedoch vor allem auf einen Thronfolger. Die Geburt einer weiteren Tochter wurde höflich zur Kenntnis genommen, doch die Enttäuschung war spürbar. Kaiser Franz Joseph liebte seine Töchter.

Für die junge, unsichere Elisabeth begann jedoch eine schwierige Zeit: Sie stand unter dem Druck des Hoflebens und geriet zunehmend in Konflikt mit ihrer Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie. Sophie war überzeugt, dass ihre Schwiegertochter zu jung und unerfahren sei, um die künftigen Thronerben selbst zu erziehen. Sie nahm die beiden kleinen Mädchen – Sophie und Gisela – kurz nach der Geburt in ihre Obhut. Franz Joseph griff nicht ein.

Gisela wuchs daher weitgehend ohne die Nähe ihrer Mutter auf. Sie lernte früh, dass Zuneigung keine Selbstverständlichkeit ist. Die Großmutter übernahm die Erziehung: Unterricht in Sprachen, Musik, Reiten – alles, was von einer Erzherzogin erwartet wurde. Zeitgenossen beschrieben Gisela als ruhig, fleißig und zuverlässig.

Sie ähnelte eher ihrem pflichtbewussten Vater als ihrer unkonventionellen Mutter. Ihre engste Bezugsperson in der Kindheit war ihr Bruder Rudolf, der zwei Jahre jünger war. Die beiden wuchsen gemeinsam auf und entwickelten eine tiefe Geschwisterbindung. Ganz anders war die Situation von Marie Valerie, die 1868 im ungarischen Gödöllő zur Welt kam.

Elisabeth nannte sie stolz ihre „ungarische Prinzessin“. Das Mädchen wuchs in einem warmen, unbeschwerten Umfeld auf. Die Mutter unternahm lange Spaziergänge mit ihr, betete mit ihr unter den Kastanienbäumen des Parks und verteilte gemeinsam mit der Tochter Süßigkeiten an die Kinder der Region. Die kleine Erzherzogin erfuhr die ganze Zuneigung, die Elisabeth ihren älteren Kindern nicht hatte geben können.

Doch was zunächst wie ein Glück wirkte, wurde für Marie Valerie mit der Zeit zur Belastung. Sie rebellierte gegen die ständige Obhut ihrer Mutter und suchte zunehmend die Nähe ihres Vaters. Oft saß sie still in seinem Arbeitszimmer, während er Akten studierte. Als er sie einmal fragte, ob sie sich nicht langweile, schüttelte sie den Kopf.

Der Kaiser lächelte und flüsterte: „Sonderbares Vergnügen“, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte. Mit 15 Jahren wurde Gisela Opfer der Heiratspolitik ihrer Mutter. Elisabeth vermittelte ihre Tochter an Prinz Leopold von Bayern, um die Liebesrivalität ihres Bruders zu beenden. 1872 wurde die Verlobung bekannt gegeben – Gisela war gerade zehn Jahre alt.

Sie verließ Wien, ihren Bruder Rudolf und ihre Kindheit, zog nach München und wurde kurz darauf Mutter ihres ersten Kindes. Franz Joseph besuchte Tochter und Enkelkinder freudig. Elisabeth dagegen war schockiert: Mit 36 Jahren war sie Großmutter geworden. Die Jahre vergingen.

Rudolf, inzwischen erwachsen, litt zunehmend unter den Zwängen seiner Rolle als Thronfolger. Seine Ehe mit Stephanie von Belgien war unglücklich. Gisela, die die Nöte ihres Bruders kannte, versuchte vergeblich, den Vater zu bewegen, sich für Rudolf einzusetzen. Am 30.

Jänner 1889 erschütterte die Nachricht ganz Österreich: Rudolf hatte in Mayerling zuerst seine Geliebte Mary Vetsera erschossen und dann sich selbst getötet. Für die Monarchie war es eine Staatskrise, für Gisela ein Verlust, den sie nie ganz überwand. Während Gisela um ihren Bruder trauerte, bereitete sich Marie Valerie auf ihren eigenen Lebensweg vor. Die junge Frau aus Gödöllő galt als schön und elegant, liebte Blumen im Haar und das Fotografieren.

1886 lernte sie auf einem Ball Erzherzog Franz Salvator von Österreich-Toskana kennen und gewann sein Herz. Zu Weihnachten 1888 wurde die Verlobung bekannt gegeben. Für Elisabeth war das ein tiefer Einschnitt: Sie fürchtete, ihre jüngste Tochter zu verlieren, an der sie ein Leben lang aus Angst festgehalten hatte. Am 31.

Juli 1890 wurde in Bad Ischl Hochzeit gefeiert. Gisela lebte zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zehn Jahren in München. Aus dem Wiener Mädchen war eine Ehefrau, Mutter und Hausherrin geworden. Vier Kinder erfüllten den Leopold-Palais mit Leben: Elisabeth Marie, August, Georg und Konrad.

Zeitgenossen beschrieben Giselas Ehe mit Leopold als glücklich und harmonisch. Die Ehe war ursprünglich arrangiert worden, entwickelte sich aber zu einer tiefen Vertrauensbeziehung. Franz Joseph war ein gern gesehener Gast bei seiner Tochter – er wirkte dort weniger als Herrscher, sondern mehr als liebevoller Großvater. Elisabeth dagegen blieb selten.

Selbst bei der Taufe von Giselas erstem Kind zog sie es vor, in einem Hotel zu wohnen, statt ihre Tochter zu besuchen. Am 10. September 1898 wurde Elisabeth in Genf von dem Anarchisten Luigi Lucheni ermordet. Für beide Töchter war es ein Verlust, wenn auch mit unterschiedlichen Gefühlen verbunden.

Marie Valerie verlor die Mutter, die ihr Leben auf einzigartige Weise geprägt hatte – eine Frau, die sie geliebt und beschützt, aber auch oft eingeengt hatte. Gisela trauerte um eine Mutter, die ihr zeitlebens fremd geblieben war. Mit Elisabeths Tod starb wohl auch die letzte Hoffnung auf die vertraute Mutter-Tochter-Beziehung, die Gisela in ihrer Kindheit nie kennengelernt hatte. Aus dem Erbe erhielt Gisela die finanziellen Mittel ihrer Mutter sowie das Achilleion auf Korfu, Elisabeths private Villa mit Blick auf das Ionische Meer.

Später verkaufte Gisela das Anwesen an Kaiser Wilhelm I. Marie Valerie blieb nach Elisabeths Tod Ehefrau, Mutter und Wohltäterin. Mit Franz Salvator bekam sie zehn Kinder. Schloss Wallsee wurde zum Zentrum ihres Lebens.

Doch hinter der Fassade des Familienglücks zeigten sich mit der Zeit Risse. Franz Salvator führte, wie viele Männer seiner Zeit, außereheliche Beziehungen. Eine davon brachte einen Sohn hervor, den er später anerkannte. Für die tief religiöse Marie Valerie war eine Scheidung undenkbar.

Sie ertrug die Untreue ihres Mannes still und fand Trost in ihren Kindern und im Dienst an anderen. Sie engagierte sich beim Roten Kreuz, unterstützte Militärspitäler und wurde von der Bevölkerung liebevoll „Engel von Wallsee“ genannt. 1918 starb ihr Sohn Franz Karl an der Spanischen Grippe – ein schwerer Schlag für Marie Valerie. Im selben Jahr wurde bei ihr Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert, der nicht mehr geheilt werden konnte.

Sie starb am 6. September inmitten ihrer Familie, kurz vor ihrem 56. Geburtstag. Gisela übernahm während des Ersten Weltkriegs Verantwortung: Während ihr Mann an der Ostfront diente, machte sie ihr Münchner Palais zu einem Lazarett und pflegte selbst verwundete Soldaten.

Nach dem Tod ihres Vaters 1916 verlor sie ihre letzte enge Verbindung zu Wien. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie blieb sie in München und passte sich dem neuen Zeitalter an. 1923 feierte das Paar Goldene Hochzeit. Leopold starb 1930, Gisela folgte ihm am 27.

Juli 1932 im Alter von 76 Jahren. Ihre Nachkommen waren zahlreich: Tochter August Maria wurde Mutter von sechs Kindern, Georg wurde Priester und der jüngste Sohn Konrad gründete eine Familie. Zwei Töchter, zwei Kindheiten, zwei Lebenswege. Die eine lernte früh, ohne die Nähe ihrer Mutter zu leben, die andere musste sich von dieser Nähe befreien.

Am Ende aber fanden beide auf ihre eigene Weise, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatten: einen Ort, an dem sie geliebt wurden und sie selbst sein konnten.