Die Wehrmacht erreicht im Sommer 1942 den höchsten Punkt Europas, doch der strategische Triumph der Panzergruppe Kleist im Kaukasus entpuppt sich als eine Fata Morgana aus Eis, Staub und verbranntem Öl, während die 1. Panzerarmee am Terek-Fluss im Angesicht ihrer eigenen Versorgungsengpässe erstarrt und die Entscheidungsschlacht des Krieges sich tausende Kilometer entfernt an der Wolga zusammenbraut.
Die Eroberung von Maikop am 9. August 1942 durch Einheiten der Heeresgruppe A markierte den scheinbaren Höhepunkt einer Offensive, die mit kühler Präzision geplant worden war, aber an der brutalen Realität der kaukasischen Geographie und der eigenen Logistik zu zerbrechen drohte. Während die Panzerkeile unter dem Kommando von Generaloberst Ewald von Kleist durch die glutheiße Kuban-Steppe vorstießen, um die lebenswichtigen Erdölfelder der Sowjetunion zu sichern, entpuppte sich das eroberte Industriegebiet als eine einzige Ruine.
Sowjetische Pioniere hatten die Förderanlagen, Pumpstationen und Raffinerien derart gründlich zerstört, dass eine Wiederinbetriebnahme Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch genommen hätte. Der Rauch brennender Pipelines hing über den Anlagen, als die deutschen Truppen einmarschierten, und machte schlagartig deutlich, dass der strategische Preis dieser Eroberung in keinem Verhältnis zum militärischen Aufwand stand.
Der Vormarsch der Panzergruppe Kleist, die als mechanisierte Spitze der Heeresgruppe A unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Wilhelm List operierte, hatte am 28. Juni 1942 mit dem Beginn des Unternehmens Blau begonnen. Hitlers Weisung Nr.
41 vom April desselben Jahres hatte die strategischen Prioritäten der Wehrmacht für den Sommerfeldzug im Osten radikal neu definiert und den Fokus von der Einnahme Moskaus auf die Sicherung der kaukasischen Ölquellen verlagert. Die Logik dahinter war ebenso einfach wie zwingend: Wer die Ölfelder von Baku, Grosny und Maikop kontrollierte, der kontrollierte den Treibstoff der Roten Armee und damit den Krieg selbst. Die deutsche Kriegswirtschaft, abhängig von den begrenzten rumänischen Feldern von Ploiești und den teuren Syntheseverfahren der Ruhrgebietswerke, benötigte dringend neue Quellen, um einen langen Abnutzungskrieg durchzustehen.
Diese wirtschaftliche Notwendigkeit wurde zur Doktrin erhoben, während die Frage, wie das gewonnene Öl aus einer Region exportiert werden sollte, die man selbst noch nicht vollständig beherrschte, in den Planungsstäben geflissentlich übergangen wurde.
Die ersten Wochen des Feldzugs schienen die kühnen Erwartungen zu bestätigen. Nach dem Fall von Rostow am 23. Juli 1942, das die Wehrmacht bereits im November 1941 kurzzeitig besetzt hatte, bevor es die Rote Armee zurückeroberte, öffnete sich die Steppe südlich des Don in ihrer ganzen erbarmungslosen Weite.
Es war ein Terrain, das mit den Schlachtfeldern Mitteleuropas nichts gemein hatte: keine Wälder, keine befestigten Stadtränder, keine dichten Straßennetze für die Versorgungskolonnen. Stattdessen dehnte sich eine ausgedörrte Ebene, die bei Regen in zähen Schlamm zerfiel und bei Trockenheit Staubwolken aufwirbelte, die die Sicht auf dreißig Meter reduzierten und die Motoren der Fahrzeuge in Mitleidenschaft zogen. Temperaturen über vierzig Grad Celsius im Schatten, Wasser war knapp, und die Pferde der Infanteriedivisionen, ein anachronistisches Relikt in einem mechanisierten Krieg, verendeten entlang der Marschwege.
Die Männer tranken aus denselben trüben Bächen wie die Tiere, und die Panzerdivisionen hatten mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: dem täglichen Treibstoffbedarf von fünfzig bis achtzig Tonnen pro Division, den die verfügbaren Transportkapazitäten in diesem Gelände strukturell nicht decken konnten.
Die Eisenbahnlinien endeten in Rostow, und alles, was die Front jenseits des Don benötigte – Treibstoff, Munition, Ersatzteile, Medikamente – musste per LKW durch Staub und Hitze über Strecken transportiert werden, die mit jedem Kilometer Vormarsch länger wurden. Das 3. Panzerkorps unter General Eberhard von Mackensen stand an manchen Tagen vollständig still, nicht weil der Feind es aufhielt, sondern weil die Treibstofflaster nicht eintrafen.
Diese erzwungenen Pausen nutzte die Rote Armee, um sich einzugraben, Reserven zu organisieren und ihre Verteidigungslinien in der Tiefe zu staffeln. General Rodion Malinowski, Befehlshaber der Südfront, führte einen elastischen Rückzug durch, der die deutschen Kräfte band, ohne sie entscheidend zu schlagen. Die Rote Armee hatte aus den Katastrophen des Vorjahres gelernt, auch wenn sie nicht gelernt hatte, Maikop zu halten.
Der Fall der Stadt am 9. August erfolgte durch einen unkonventionellen Vorstoß von Angehörigen der Brandenburger, der Spezialeinheit für verdeckte Operationen, die in sowjetischen Uniformen und auf erbeuteten Fahrzeugen vor den Hauptkräften in die Stadt eindrangen, Brücken sicherten und Telefonleitungen kappten.
Doch der strategische Erfolg blieb aus, denn die Ölquellen waren vernichtet. Was die Wehrmacht in Maikop übernahm, war eine industrielle Wüste. Die sowjetischen Ingenieure hatten ihre Arbeit gründlich verrichtet: Bohrtürme gefällt, Pumpen gesprengt, Pipelines aufgerissen, Raffinerieanlagen demontiert.
Die 800 Kilometer von Charkow bis zu diesem Punkt hatten Kleists Einheiten in ein Ödland geführt, in dem das gesuchte Öl nicht mehr existierte. Nördlich von Maikop lagen zwar noch größere Felder, deren Reaktivierung ebenfalls Zeit benötigen würde, und bei Grosny, achtzig Kilometer östlich des Terek, befanden sich Raffinerien, die noch in Betrieb waren. Doch das erklärte Hauptziel, das in der Weisung Nr.
45 explizit genannt wurde, lag in weiter Ferne, und jenseits der Berge am Kaspischen Meer wartete Baku, das bei weitem bedeutendste Ölgebiet der Sowjetunion, dessen Entfernung auf der Karte überschaubar wirkte, in der Realität aber einer anderen Welt angehörte.
Während die Panzerdivisionen am Terek auf ihren Treibstoff warteten, begann ein anderer Krieg, der in den Annalen der Militärgeschichte seinesgleichen sucht. Die Gebirgsjäger der 1. und 4.
Gebirgsdivision unter dem Kommando des 49. Gebirgskorps von General Rudolf Konrad kämpften sich in ein Terrain vor, das für mechanisierte Kräfte unüberwindbar war. Auf dem Rücken, zu Fuß, mit Maultieren und Handschlitten, bewegten sie sich durch die Pässe des westlichen Kaukasus, einem Gebirgszug, der sich über mehr als tausend Kilometer von der Schwarzmeerküste bis zum Kaspischen Meer erstreckt, mit Gipfeln über fünftausend Meter und Pässen, die im Winter unpassierbar wurden.
Die tägliche Marschleistung der Gebirgsjäger betrug an vielen Tagen fünf Kilometer, manchmal weniger. Die sowjetischen Einheiten auf der anderen Seite der Pässe, die Transkaukasus-Front unter General Iwan Tjulenew, hatten erfahrene Gebirgstruppen aus dem Kaukasus selbst in die Pässe geschickt, Männer aus Georgien, Armenien und Kabardien, die das Gelände aus Friedenszeiten kannten und die Wetterphänomene in sechstausend Metern Höhe verstanden. Die Schlacht um die Pässe wurde zu einem eigenen kleinen Krieg, unsichtbar für die Öffentlichkeit, begraben unter den großen Schlagzeilen von Stalingrad, aber einzigartig in seiner technischen Intensität.
Granaten über Gletscherkämmen, Maschinengewehrnester in Felsspalten, nächtliche Infiltrationsversuche auf Pfaden, die kein Lasttier bewältigen konnte.
Am 25. August 1942 überquerten deutsche Einheiten den Terek an mehreren Stellen. Es war der am weitesten entfernte Punkt des deutschen Vormarsches in Richtung Kaspisches Meer.
Grosny lag achtzig Kilometer entfernt, Baku war theoretisch in Reichweite. Die Panzerdivisionen des 3. und 57.
Korps standen erschöpft am Nordufer des Terek, die Treibstofflage war angespannt, aber die Front war in Bewegung. Jenseits des Terek warteten sowjetische Verteidigungslinien, und im Norden an der Wolga begann zur gleichen Zeit ein Krieg, der alle Karten neu mischen sollte. Am 21.
August 1942 erschienen Männer in feldgrauen Uniformen auf dem Gipfel des Elbrus. 5. 642 Meter, der höchste Punkt Europas, ein Doppelgipfel eines erloschenen Vulkans im westlichen Teil des Großen Kaukasus, seit Jahrtausenden ein Symbol für das Ende der bekannten Welt, die Grenze zwischen Europa und Asien.
In der griechischen Mythologie war es der Felsen, an den Zeus den Titanen Prometheus schmieden ließ, als Strafe dafür, dass er den Menschen das Feuer gebracht hatte. Im Sommer 1942 war es der höchste Punkt, den Soldaten der Wehrmacht je erreicht hatten, und sie hissten dort die Reichskriegsflagge.
Es waren Männer des 99. Gebirgsjägerregiments der 1. Gebirgsdivision unter der Führung von Hauptmann Heinz Grot, einem ausgebildeten Alpinisten und Mitglied des Deutschen Alpenvereins, der mit Gletschertechnik und Steigeisen vertraut war.
Seine Männer hatten sich von Norden durch Pässe und über Gletscherhänge genähert, in einer Umgebung, die von der modernen mechanisierten Kriegsführung so weit entfernt war wie ein Schlachtfeld nur sein kann. Keine Panzer, keine Lastwagen, keine Funkgeräte auf Rädern, nur Männer, Kletterseile, Steigeisen und die Bergluft, die in dreitausend Metern so dünn wurde, dass jede Bewegung doppelt so viel Energie kostete wie im Tal. Das Seilschaftsteam erreichte den Gipfel bei Tagesanbruch, hisste die Flagge im Gipfelschnee, stand kurz in der Kälte, machte Fotos und stieg wieder ab.
Was dann aus Berlin kam, war kein Triumph, sondern ein Wutausbruch. Adolf Hitler erfuhr von der Elbrus-Besteigung und war regelrecht erzürnt. Er bezeichnete das gesamte Unternehmen als Unsinn, als sportliche Spielerei, als Ablenkung, als Befriedigung individueller Eitelkeit auf Kosten des Krieges.
Hitlers Reaktion war symptomatisch für eine tiefere Spannung, die den gesamten Feldzug durchzog. Er hatte nie wirklich verstanden, was der Kaukasus bedeutete, nicht die Geländeschwierigkeiten, nicht die logistischen Grenzen, nicht den Unterschied zwischen dem Vorstoß über die eurasische Steppe und dem Eindringen in ein Hochgebirge, das für mechanisierte Truppen genauso unüberwindbar war wie für die Soldaten Napoleons. Für ihn war der Kaukasus eine Linie auf der Landkarte, keine Realität.
Der Elbrus war ein Punkt auf dieser Linie, der nun erreicht worden war. Also musste es weitergehen. Wohin es weitergehen sollte, konnte er nicht beantworten.
Ende August hatten die Gebirgsjäger der 1. Gebirgsdivision mehrere wichtige Pässe gesichert. Der Kluchor-Pass war in deutscher Hand, der Maruch-Pass besetzt.
Andere Übergänge, der Bassa- und der Utschkulan-Pass, waren erkundet und teilweise kontrolliert. Das 49. Gebirgskorps hatte in sechs Wochen eine Leistung vollbracht, die in den Annalen der modernen Militärgeschichte einzigartig war: Kampf in dreitausend bis viertausend Metern Höhe in einem Gelände, für das weder der Feind noch die eigenen Einheiten über ausreichende Erfahrung verfügten.
Der Durchbruch nach Transkaukasien gelang nicht. Er gelang nicht, weil die Gebirgsdivisionen allein keine Armee ersetzen konnten. Die Pässe waren besetzt, nicht überwunden.
Jenseits davon lag ein Land, das Verstärkung aus Tiflis, aus Baku, aus dem tiefen Hinterland Transkaukasiens erhielt, wo Eisenbahnlinien funktionierten und die Sowjets Zeit hatten, ihre Reserven zu mobilisieren. Das SS-Bataillon Zita des Gebirgsjägerregiments 1 versuchte im September einen Vorstoß über den Santscharo-Pass. Es stieß auf organisierten Widerstand einer sowjetischen Gebirgsbrigade aus Berufssoldaten.
Der Vorstoß kam zum Erliegen, und dann fiel Schnee. In über dreitausend Metern Höhe fiel er früh, in diesem Jahr bereits Ende August auf den höchsten Kämmen, und Mitte September auf den Pässen selbst. Die Pässe, die die Gebirgsjäger mit solcher Mühe gewonnen hatten, blieben je nach Höhenlage und Ort nutzbar oder wurden unpassierbar.
Das Zeitfenster für eine Offensive nach Süden schloss sich. Der Elbrus hatte seinen Gipfel, die Flagge stand auf fünftausend Metern, und unten in der Steppe vor Grosny, vor dem Terek, stand Kleists Armee und wartete auf Treibstoff.
Im Oktober stand die 1. Panzerarmee am Terek und konnte nicht mehr weiter. Nicht wegen des Feindes, sondern wegen des Benzins.
Das Versorgungsproblem war kein Zufall und keine Überraschung. Es war das vorhersehbare Ergebnis eines Plans, der die Entfernungen nicht ernst genommen hatte. Die Entfernung von Charkow zur Terek-Front betrug über neunhundert Kilometer Luftlinie, auf den Straßen der russischen Steppe deutlich mehr.
Der nächste betriebsfähige Eisenbahnanschluss endete in Mineralnyje Wody, einem Kurort am Fuß des Kaukasus, achtzig Kilometer nordwestlich des Hauptkampfgebiets. Alles, was von dort an die Front gebracht werden musste, wurde per LKW durch Staub und Sommerhitze über Strecken transportiert, die jeden Tag länger wurden. Ein Panzerkorps in der Offensive verbrauchte täglich fünfzig bis achtzig Tonnen Treibstoff.
Die Heeresgruppe A hatte mehrere Panzerkorps. Die verfügbaren Fahrzeugkapazitäten deckten den Bedarf nicht. Diese Erkenntnis war in den Planungsunterlagen des Oberkommandos des Heeres seit dem Frühjahr dokumentiert.
Sie war bekannt, sie war berechnet worden, und doch wurde sie ignoriert in der stillschweigenden Annahme, dass der Feldzug schnell genug voranschreiten würde, um Versorgungsengpässe durch schnelle Gebietsgewinne zu überwinden.
Die 13. Panzerdivision stand im September auf einem Plateau südlich des Terek und war bewegungsunfähig. Nicht aus mechanischen Gründen.
Es fehlte an Treibstoff. General Herr meldete seinen Vorgesetzten, dass ein Angriff ohne sofortige Nachlieferung unmöglich sei. Der Angriff wurde auf den nächsten Morgen verschoben.
Dann wieder, dann wieder. Als der Treibstoff eintraf, hatten die Sowjets die Pause genutzt, um ihre Verteidigung zu verstärken. Dies war exemplarisch.
Es wiederholte sich mit Variationen an der gesamten Front. Zur gleichen Zeit veränderte sich im Norden etwas Grundlegendes. Die Heeresgruppe B kämpfte seit Wochen um Stalingrad.
Der Auftrag, die Wolga zu blockieren und die Stadt einzunehmen, hatte sich in einen urbanen Nahkampf verwandelt, der die anfängliche Beweglichkeit des Sommerfeldzugs vollständig ausgelöscht hatte. Die 6. Armee von Paulus wurde Division für Division im Häuserkampf verbraucht, in einem Schlachthausrhythmus, den Hitler als Prestigefrage behandelte.
Stalingrad zu halten wurde zum Selbstzweck. Für Kleist bedeutete dies, dass Verstärkungen, die ursprünglich für den Kaukasus bestimmt waren, im Norden blieben. Die Divisionen, die die Heeresgruppe A für den Durchbruch nach Grosny benötigt hätte, wurden nach Norden umgeleitet.
Der Angriff auf das eigentliche Ziel, das Öl, wurde durch das Nebenziel, die Stadt an der Wolga, blockiert, ohne dass je eine operative Entscheidung getroffen worden wäre, die diesen Tausch ausdrücklich autorisierte.
Der Angriff auf Grosny begann im September 1942 und endete ohne Erfolg. Das 3. Panzerkorps unter Mackensen und zugeordnete Infanterieeinheiten stießen auf sowjetische Stellungen, die während der Wochen des deutschen Stillstands sorgfältig vorbereitet worden waren.
Panzergräben, Minenfelder in mehreren Lagen, Artillerie in der Tiefe, deren genaue Positionen die deutschen Aufklärungseinheiten nicht kannten. Die sowjetische 9. Armee und die 37.
Armee der Nordgruppe, frische Einheiten, die aus den Kaukasusrepubliken herangeführt worden waren, hielten ihre Linien. Kilometer um Kilometer kämpfte sich Kleist vorwärts, Dorf um Dorf. Es gab Tage, an denen der Fortschritt in Metern gemessen wurde, und hinter jedem Vorstoß lag neues befestigtes Gelände, neue Panzerabwehrnester und neue Artilleriestellungen.
Grosny blieb unerreichbar. Am 9. September 1942 entließ Hitler Generalfeldmarschall Wilhelm List ohne öffentliche Erklärung vom Kommando der Heeresgruppe A und übernahm selbst das Kommando direkt vom Führerhauptquartier aus, über eine Entfernung von mehr als tausend Kilometern zur Frontlinie.
Es war ein Symptom einer Führungskrise, die in den folgenden Wochen keine operativen Konsequenzen hatte, weil Hitler kein Armeegruppenstab war und kein Armeegruppenstab ihn ersetzen konnte. In dieser Vakuumphase führte Kleist seine Armee faktisch selbst ohne durchgängige operative Anweisungen von oben.
Dann kam der 19. November 1942. An diesem Tag begann die Operation Uranus, der sowjetische Gegenangriff auf die Flanken der 6.
Armee bei Stalingrad. Zwei Armeegruppen, mehr als eine Million Soldaten, stießen durch die rumänischen und italienischen Einheiten an den Don-Flanken. In weniger als einer Woche schlossen sie den Kessel.
Die 6. Armee war eingekesselt. Kleist erfuhr davon südlich des Terek, hunderte Kilometer entfernt.
Er verstand sofort, was es bedeutete. Wenn die Armee von Paulus bei Stalingrad eingeschlossen war, war die Nordflanke der Heeresgruppe A schutzlos. Die einzige Hauptversorgungsroute, über die die Heeresgruppe A ihren Nachschub erhielt, führte durch das Gebiet nördlich des Kaukasus, das Gebiet, das nun von sowjetischen Kräften bedroht wurde.
Wenn diese Einheiten weiter vorrückten, wäre die Heeresgruppe A nicht nur ohne Treibstoff, sondern vollständig abgeschnitten. Dies war keine strategische Nuance mehr, sondern eine Frage des Überlebens. Der Rückzug war keine Entscheidung, die noch getroffen werden musste.
Es war eine Erkenntnis, die niemand auszusprechen wagte. Kleist sprach sie aus.
Der Rückzug aus dem Kaukasus war keine Katastrophe. Das ist die erste und wichtigste Beobachtung. Verglichen mit dem, was gleichzeitig bei Stalingrad geschah, der Vernichtung der 6.
Armee und der Kapitulation von über zweihunderttausend deutschen Soldaten, vollzog sich der Rückzug der Heeresgruppe A mit einer Disziplin, die im Rückblick als außergewöhnlich eingestuft werden muss. Kleist führte ihn. Im November 1942 übernahm er das Kommando über die Heeresgruppe A, nachdem Hitler die Vakuumphase beendet und einen regulären Befehlshaber benötigt hatte.
Kleist erbte eine strategisch hoffnungslose Situation: eine Armee, die tief im Kaukasus festgebunden war, mit überdehnten Versorgungslinien, einer exponierten Nordflanke und der Gewissheit, dass der Hafen von Rostow, die einzige breite Rückzugsroute nach Westen, von sowjetischen Einheiten im Norden bedroht wurde. Die Geometrie war klar. Rostow musste gehalten oder zumindest so lange offen gehalten werden, bis die Masse der Heeresgruppe A durch war.
Wenn die Sowjets Rostow vor Kleist einnahmen, wäre die Heeresgruppe eingeschlossen. Kein Entkommen, kein Nachschub, kein zweites Stalingrad. Dieses Rennen dominierte den Winter 1942/43 in Südrussland.
Erich von Manstein, der die neu gebildete Heeresgruppe Don nördlich des Kaukasus kommandierte, kämpfte an zwei Fronten gleichzeitig. Er versuchte, die sowjetischen Angreifer im Norden zurückzuhalten, die auf Rostow und die rückwärtigen Versorgungslinien der Heeresgruppe A zielten, während er gleichzeitig versuchte, die Entsetzung der eingekesselten 6. Armee bei Stalingrad zu organisieren, die im Dezember begann und scheiterte.
Manstein und Kleist operierten in gegenseitiger Abhängigkeit, getrennt durch hunderte Kilometer Steppe auf einem Schlachtfeld von der Größe Westeuropas. Kleist begann den Rückzug in Etappen. Die Gebirgstruppen mussten zuerst aus den Pässen heraus, von den Gipfeln, aus dem Hochgebirge, das jeden Rückzug im Winter zu einer Überlebensaufgabe machte.
Der Rückzug von Gebirgstruppen aus alpinem Gelände ist eine der schwierigsten Operationen, die eine Armee durchführen kann. Kein Rückzug auf Rädern, kein schnelles Verladen und Transportieren, sondern Marschieren zu Fuß in der Kälte, unter ständigem Feindkontakt mit Trägern und Maultieren und Männern, die seit Monaten im Hochgebirge lebten. General Lanz führte den Rückzug der 1.
Gebirgsdivision ohne Einschließung durch. Die Pässe, die mit solcher Mühe gewonnen worden waren, der Kluchor- und der Maruch-Pass, wurden aufgegeben, ohne dass die Sowjets die sich zurückziehenden Einheiten einkesseln konnten. Es war ein technisches Meisterstück der Gebirgsführung, weitgehend vergessen, weil der Kaukasusfeldzug als Ganzes im historischen Schatten Stalingrads steht.
Die Hauptkampflinie zog sich zurück. Der Terek wurde aufgegeben. Mosdok wurde aufgegeben.
Maikop, im August eingenommen, drei Monate gehalten, nie wirklich ausgebeutet, weil das Öl zerstört war, wurde im Januar 1943 aufgegeben. Die Heeresgruppe A glitt nach Nordwesten in Richtung Kuban-Region, in Richtung Rostow, in Richtung des einzigen Auswegs. Rostow fiel am 14.
Februar 1943 an die Sowjets. Zum dritten Mal wechselte die Stadt den Besitzer, diesmal endgültig. Aber Kleist war nicht mehr dort, als die Stadt fiel.
Der größte Teil der Heeresgruppe A war rechtzeitig durch Rostow gegangen. Der Engpass blieb lange genug offen, damit die Masse der Einheiten durchkam. Ein Teil wurde alternativ über das Kuban evakuiert, in den sogenannten Kuban-Brückenkopf, einen deutschen Brückenkopf am Schwarzen Meer, der bis Oktober 1943 gehalten wurde.
Von dort wurden die Truppen über die Straße von Kertsch auf die Krim evakuiert. Verluste, ja. Einschließung, nein.
Die Armee lebte.
Was bleibt? Der Kaukasusfeldzug von 1942 wird in der deutschen Militärgeschichtsschreibung meist als Nebenprodukt Stalingrads behandelt, als der andere Arm der Zange des Sommers 1942, der nicht zuschnappte. Das ist nicht falsch, aber es ist unvollständig.
Der Kaukasusfeldzug war die tiefste Ausdehnung der Wehrmacht im gesamten Zweiten Weltkrieg. Der weiteste Vorstoß nach Süden in ein Gelände, das keine andere Armee vor ihr erreicht hatte. Maikop war gefallen und das Öl war weg.
Grosny war nie erreicht worden. Baku war ein Wunschtraum geblieben. Das Ergebnis des Feldzugs, gemessen an seinen eigenen Zielen, war null.
Nach dem Krieg wurde Kleist von britischen und amerikanischen Militärhistorikern als einer der technisch fähigsten deutschen Panzergeneräle des Zweiten Weltkriegs eingestuft. Das ist ein Urteil, das gleichermaßen für seine Leistungen in Frankreich, in der Ukraine und im Kaukasus gilt. Er war weder Ideologe noch Propagandist.
Er war ein Soldat, der wusste, was möglich war, und der in diesem Feldzug gescheitert war, weil das Unmögliche als möglich verkauft worden war. Am 21. August 1942 stand auf dem Gipfel des Elbrus die Reichskriegsflagge am höchsten Punkt Europas.
Sie blieb dort nicht lange stehen. Die Gebirgsjäger, die sie gehisst hatten, wurden abgezogen. Der Berg blieb.
Das war der Kaukasusfeldzug von 1942. Den Elbrus bestiegen, das Öl nicht gefunden, die Armee lebend herausgeholt und den Krieg verloren.