Guillotine-Hinrichtung eines Nazis, der 150 Kameraden mit Flak massakrierte – Willi Herold

Guillotine-Hinrichtung eines Nazis, der 150 Kameraden mit Flak massakrierte – Willi Herold

Oldenburg, 14. November 1946 – Der Henker legte den Hebel um, das Fallbeil sauste nieder, und das Leben des Willy Paul Herold endete auf dem Schafott des Gefängnisses von Wolfenbüttel. Der erst 21-jährige Mörder, der in den letzten chaotischen Tagen des Zweiten Weltkriegs als falscher Hauptmann ein Terrorregime entfesselt hatte, bezahlte heute um 6:00 Uhr morgens seine Schuld.

Die Guillotine, ein Relikt der Justiz des Kaiserreichs, das die Nationalsozialisten für ihre eigenen blutigen Urteile missbraucht hatten, vollstreckte das Urteil eines britischen Militärgerichts. Herold, ein Schornsteinfeger aus Lunzenau, der sich in eine Offiziersuniform geworfen hatte, um zu morden, zeigte bis zum Schluss keine Regung. Mit ihm starb einer der skrupellosesten Kriegsverbrecher, die das zusammenbrechende Dritte Reich in seinen letzten Atemzügen hervorgebracht hatte.

Die Hinrichtung markiert das Ende einer beispiellosen Karriere der Gewalt, die im April 1945, nur wenige Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation, ihren blutigen Höhepunkt erreichte. Während die Alliierten von Westen und Osten vorrückten und die deutsche Wehrmacht in Auflösung begriffen war, nutzte der junge Herold das Machtvakuum. Er fand ein verlassenes Fahrzeug mit einer Hauptmannsuniform der Luftwaffe und Orden, die er nie verdient hatte.

Mit dieser Maskerade, einem selbstbewussten Auftreten und der Behauptung, persönliche Vollmachten Adolf Hitlers zu besitzen, gelang es ihm, eine Gruppe versprengter Soldaten um sich zu scharen. Diese Truppe, bewaffnet mit erbeuteten Waffen und einer auf einem Feldküchenwagen montierten 2-cm-Flak, zog plündernd und mordend durch Nordwestdeutschland, bis sie auf das Kriegsgefangenenlager Aschendorfer Moor stieß.

Dort, im Emsland, nahe der niederländischen Grenze, fand Herold seine Bühne. Das Lager, ursprünglich für etwa 1000 Häftlinge konzipiert, war mit über 2500 Männern hoffnungslos überfüllt. Die Insassen waren Deserteure der Wehrmacht, sogenannte Wehrkraftzersetzer und andere Gefangene, die der NS-Justiz in die Hände gefallen waren.

In diesem Chaos übernahm der 19-Jährige das Kommando. Er erklärte den verdutzten Wachmannschaften, er sei mit Sondervollmachten aus der Reichskanzlei ausgestattet. Um seine Autorität sofort zu untermauern, ließ er noch beim ersten Appell willkürlich Gefangene aus der Menge ziehen und ohne jedes Verfahren auf der Stelle erschießen.

Die Nachricht von diesem brutalen Machtantritt verbreitete sich wie ein Lauffeuer und lähmte jede mögliche Opposition.

Die Mordserie gipfelte am 12. April 1945 in einem Massaker, das selbst abgebrühte SS-Wachen erschaudern ließ. Auf Herolds Befehl wurden 97 Gefangene aus ihren Baracken getrieben.

Sie mussten in der Nähe des Lagers ein riesiges Massengrab ausheben, bevor sie in Gruppen an die Kante geführt und mit Gewehrsalven, Handgranaten und der montierten Flak niedergemäht wurden. Die Leichen wurden in die Grube geworfen, während Herold und seine Kumpane am Abend ein zynisches Trinkgelage feierten. In den folgenden Tagen setzten sich die Exekutionen fort.

Acht geflohene Häftlinge, die wieder eingefangen wurden, erschoss man in einem Gasthaus. Andere wurden selektiert, teilweise nur, weil sie aus Herolds Heimatregion stammten, und ohne jeden Grund exekutiert. Zwischen dem 11.

und 19. April 1945 fielen den Mördern vom Aschendorfer Moor schätzungsweise 150 bis 172 Menschen zum Opfer.

Die britischen Ermittler, die nach Kriegsende die Gräueltaten untersuchten, standen vor einem Scherbenhaufen aus Zeugenaussagen und Leichen. Im Februar 1946 wurden die sterblichen Überreste von 195 Opfern exhumiert, die in flachen Gruben rund um das ehemalige Lagergelände verscharrt worden waren. Die Obduktionen bestätigten die bestialischen Umstände der Tötungen.

Viele der Opfer wiesen Schusswunden im Genick auf, andere waren durch Granatsplitter zerfetzt worden. Die Anklagebehörde warf Herold vor, allein für den Tod von 111 Menschen direkt verantwortlich zu sein. Sein Verteidiger versuchte vergeblich, ihn als geistig verwirrten Jugendlichen darzustellen, der in den Wirren des Kriegsendes die Orientierung verloren habe.

Doch die Beweislast war erdrückend, die Zeugenaussagen der Überlebenden eindeutig.

Der Prozess, der im August 1946 vor einem britischen Militärgericht in Oldenburg eröffnet wurde, offenbarte die ganze Monstrosität des Angeklagten. Herold, der in seiner kurzen Herrschaft sogar fünf niederländische Zivilisten erschießen ließ, die er der Spionage verdächtigte, und einen Bauern wegen einer weißen Fahne erhängen ließ, zeigte während der Verhandlung eine erschreckende Gleichgültigkeit. Auf die Frage nach seinen Motiven antwortete er lapidar, er könne selbst nicht genau sagen, warum er die Menschen erschossen habe.

Diese Kaltblütigkeit beeindruckte die Richter negativ. Sie verurteilten ihn am 29. August 1946 zum Tode.

Sechs seiner Mittäter, darunter seine engsten Gefolgsleute Heinz Hofmeister und Reinhard Freitag, erhielten ebenfalls Todesurteile oder lange Haftstrafen.

Die Hinrichtung heute Morgen vollzog sich ohne Zwischenfälle. Herold, der in den letzten Tagen angeblich zum katholischen Glauben zurückgefunden hatte, lehnte eine letzte Mahlzeit ab. Der Scharfrichter, ein erfahrener Mann aus der Region Braunschweig, benötigte nur wenige Sekunden.

Der Leichnam wurde nach der Vollstreckung auf dem Friedhof des Gefängnisses beigesetzt, die Grabstelle wird aus Sicherheitsgründen geheim gehalten, um eine spätere Gedenkstätte für Neonazis zu verhindern. Mit dem Tod Herolds schließt sich ein Kapitel der Nachkriegsjustiz, das die Alliierten mit Nachdruck betrieben, um die Verbrechen der NS-Zeit zu ahnden. Die britischen Besatzungsbehörden hatten die Todesstrafe für Kriegsverbrecher und Mörder bewusst beibehalten, um ein Exempel zu statuieren.

Die Geschichte von Willy Herold bleibt ein düsteres Mahnmal für die Abgründe menschlicher Natur in Zeiten des Zusammenbruchs. Er war kein überzeugter Nationalsozialist im engeren Sinne, sondern ein Opportunist, der die Anarchie der letzten Kriegstage nutzte, um seine sadistischen Fantasien auszuleben. Seine Karriere als Massenmörder dauerte nur wenige Wochen, doch die Zahl seiner Opfer ist erschreckend hoch.

Die Bewohner der umliegenden Dörfer, die unter seiner Herrschaft gelitten hatten, atmeten auf, als die Nachricht von seiner Verhaftung im Mai 1945 bekannt wurde. Heute, mit seiner Hinrichtung, ist die juristische Aufarbeitung abgeschlossen. Die Erinnerung an die Toten von Aschendorfer Moor jedoch bleibt.

Die Ermittlungen der britischen Militärpolizei hatten Herold schließlich auf die Spur gebracht, nachdem er im Mai 1945 wegen des Diebstahls eines Brotlaibs in Wilhelmshaven festgenommen worden war. Zunächst schien er nur ein gewöhnlicher Deserteur zu sein, der sich als Schornsteinfeger durchschlug. Doch die systematische Befragung von Überlebenden des Lagers Aschendorfer Moor führte die Fahnder direkt zu ihm.

Die Exhumierung der Massengräber lieferte dann die unwiderlegbaren Beweise. Die Anklage umfasste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auch wenn der formale Tatbestand der Tötung von Zivilisten und entwaffneten Gefangenen im Vordergrund stand. Das Urteil war einstimmig, eine Berufung wurde von den britischen Behörden abgelehnt.

In den Wirren der Nachkriegszeit, als Millionen von Deutschen ums Überleben kämpften und die Entnazifizierung nur schleppend vorankam, wurde der Fall Herold zu einem Symbol für die Exzesse der Endphaseverbrechen. Historiker werden später feststellen, dass Herold kein Einzelfall war, sondern ein extremes Beispiel für die sogenannten “Werwolf”-Aktivitäten und die willkürliche Gewalt von versprengten Wehrmachtseinheiten, die sich der Kapitulation widersetzten. Seine Gruppe, die sich zeitweise “Kampfgruppe Herold” nannte, terrorisierte eine ganze Region.

Die Tatsache, dass ein einfacher Gefreiter ohne jede militärische Führungsqualifikation derartig viele Menschen hinter sich bringen konnte, zeigt den totalen Zerfall der militärischen Strukturen und der Moral in den letzten Kriegstagen.

Die Vollstreckung des Urteils durch die Guillotine ist bemerkenswert, da die britischen Besatzungsbehörden in der Regel die Hinrichtung durch den Strang bevorzugten. Die Wahl der Guillotine, die in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert das Standardhinrichtungsinstrument war und von den Nazis in großem Umfang für politische Gegner verwendet wurde, war eine bewusste Entscheidung.

Sie symbolisierte die Rückkehr zu einer rechtsstaatlichen, wenn auch harten Justiz, die die Verbrechen der Vergangenheit sühnen sollte. Der Gefängnisarzt von Wolfenbüttel stellte den Tod um 6:15 Uhr offiziell fest. Die offizielle Mitteilung an die Presse erfolgte eine Stunde später, begleitet von einer trockenen Zusammenfassung der Verbrechen des Hingerichteten.

Die Hinterbliebenen der Opfer, sofern sie überlebten, erfuhren erst nach und nach von den Ereignissen im Aschendorfer Moor. Viele der Deserteure und Wehrkraftzersetzer waren von ihren eigenen Familien verstoßen worden, die unter dem Druck der NS-Propaganda standen. Es dauerte Jahrzehnte, bis die deutsche Justiz und Gesellschaft diese Menschen als Opfer anerkannten.

Die Toten von Aschendorfer Moor wurden zunächst auf einem Soldatenfriedhof beigesetzt, der im Volksmund schnell den Namen “Herold-Friedhof” erhielt – eine bittere Ironie, die den Schrecken konservierte. Erst in den 1980er Jahren begann eine systematische Aufarbeitung der Lagergeschichte, die zur Errichtung einer Gedenkstätte führte.

Willy Herold, geboren am 11. September 1925 in Lunzenau, war ein Kind der Weimarer Republik und des Aufstiegs der NSDAP. Er war in der Hitlerjugend, wurde aber wegen Drückebergerei ausgeschlossen.

Seine Lehre als Schornsteinfeger schloss er 1943 ab, bevor er zur Wehrmacht eingezogen wurde. Seine militärische Karriere führte ihn nach Italien, wo er an den Kämpfen um Monte Cassino teilnahm. Die dort behaupteten Auszeichnungen, die er später trug, waren nachweislich erfunden.

Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität, gepaart mit einem ausgeprägten Geltungsdrang, bildete den Nährboden für seine spätere Täterschaft. Er war kein geborener Mörder, aber er wurde zu einem, weil die Umstände es ihm erlaubten und niemand ihm Einhalt gebot.

Die britischen Richter, die das Urteil fällten, betonten in ihrer Urteilsbegründung die besondere Schwere der Schuld. Herold habe nicht nur Befehle erteilt, sondern viele seiner Opfer eigenhändig erschossen. Er habe die Hinrichtungen inszeniert, um Macht zu demonstrieren und seine Gefolgschaft zu festigen.

Die Zeugen beschrieben ihn als einen Mann, der beim Anblick von Blut geradezu auflebte. Diese sadistische Komponente unterschied ihn von vielen anderen Tätern, die sich später auf Befehlsnotstand beriefen. Herold berief sich nie auf Befehle, er gab sie.

Er war der Herr über Leben und Tod in einem kleinen Reich des Schreckens, das er sich in den Trümmern des Dritten Reiches errichtet hatte.

Die heutige Hinrichtung sendet ein Signal an alle, die glauben, in Zeiten des Umbruchs über dem Gesetz zu stehen. Die Alliierten haben mit der Verfolgung von Kriegsverbrechern wie Herold gezeigt, dass sie gewillt sind, Gerechtigkeit durchzusetzen, auch wenn die Verbrechen in einem Chaos begangen wurden, in dem die üblichen Regeln außer Kraft gesetzt schienen. Die Guillotine von Wolfenbüttel, die schon viele Opfer des NS-Regimes gesehen hat, wurde heute zum Instrument der Vergeltung.

Es ist eine historische Gerechtigkeit, dass ein Täter durch dieselbe Maschine starb, die das Regime, dem er diente, so häufig für seine eigenen Morde benutzt hatte. Das Kapitel ist beendet, die Akte geschlossen, doch die Erinnerung an die 150 Kameraden, die er massakrierte, bleibt wach.