Es war der 14. Mai 1944. Die Schlacht um Montecassino war entschieden – die Alliierten hatten die deutschen Linien durchbrochen. Doch für die Frauen in den Dörfern Mittelitaliens begann jetzt erst…

Es war der 14. Mai 1944. Die Schlacht um Montecassino war entschieden – die Alliierten hatten die deutschen Linien durchbrochen. Doch für die Frauen in den Dörfern Mittelitaliens begann jetzt erst...

Nachdem die Alliierten Mitte Mai 1944 die deutsche Winterlinie bei Montecassino durchbrochen hatten, war der Weg nach Rom frei. Doch der Sieg wurde von einer Welle unvorstellbarer Gewalt überschattet, die sich gegen die Zivilbevölkerung richtete und unter dem Namen „Marokkanate“ in die Geschichte einging. Tausende Soldaten des französischen Expeditionskorps, darunter viele nordafrikanische Kolonialtruppen, fielen über die Dörfer der Region her. In den folgenden Stunden und Tagen wurden Frauen, Mädchen und sogar Männer und Kinder Opfer sexueller Übergriffe, Folter und Plünderungen.

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Die Ereignisse galten lange als eines der dunkelsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs auf italienischem Boden. Die Schlacht um Montecassino war kein einzelnes Gefecht, sondern eine Reihe von vier schweren Auseinandersetzungen zwischen dem 17. Januar und dem 18. Mai 1944.

Die Alliierten waren von Süden her auf die Halbinsel vorgerückt und mussten die befestigte Winterlinie durchbrechen, um Rom zu erreichen, das noch von den Deutschen besetzt war. Die Kämpfe rund um die Benediktinerabtei auf dem Montecassino gehörten zu den härtesten des gesamten Krieges. Erst nach massiven Luftangriffen und monatelangen Gefechten gelang der Durchbruch. Rom fiel am 5.

Juni 1944, einen Tag vor der Landung in der Normandie. Maßgeblich am Durchbruch beteiligt war das französische Expeditionskorps unter General Alphonse Juin. Die Einheit bestand aus rund 130. 000 Mann, darunter fast 8.

000 nordafrikanische Kolonialsoldaten, die als „Goumiers“ bezeichnet wurden. Diese Truppen stammten überwiegend aus Marokko, aber auch aus Algerien und Tunesien und waren für ihre Härte im Gebirgskampf bekannt. Ihre Ausrüstung und ihr Auftreten unterschieden sich deutlich von regulären Einheiten: Sie trugen grüne Wolltuniken, bunte Bänder und Sandalen und führten neben ihren Gewehren traditionelle Krummdolche mit sich. General Juin war ein erfahrener Offizier, der im Ersten und Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte und zeitweise in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen war.

Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika Ende 1942 hatte er sich auf deren Seite gestellt und führte seine Truppen mit großem taktischen Geschick. Vor dem entscheidenden Angriff im Mai 1944 soll er seinen Männern zugesichert haben, dass ihnen nach dem Sieg fünfzig Stunden freie Hand über alles gewährt werde, was sie jenseits der feindlichen Linien vorfänden. Niemand werde sie für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen. Diese Ankündigung sollte sich als verhängnisvoll erweisen.

Nach dem erfolgreichen Durchbruch durch die deutschen Stellungen zogen die Goumiers durch die Bergregion südlich von Montecassino und stießen in die Täler vor. Widerstand leisteten die Deutschen kaum noch, doch die Bevölkerung erlebte das Ende der Kämpfe nicht als Befreiung. Von den französischen Einheiten, die eigentlich als Befreier gekommen waren, ging nun die größte Gefahr aus. Augenzeugen berichteten später, dass man sich vor den Deutschen verstecken musste, um dem Krieg zu entgehen, aber vor den Goumiers musste man seine Frauen und Töchter verstecken.

Die Übergriffe begannen unmittelbar nach Einbruch der Dunkelheit und dauerten über zwei Tage an. Die Soldaten drangen in Häuser ein, plünderten Wertsachen und griffen die Bewohner an. Wer Widerstand leistete, wurde geschlagen, gefoltert oder getötet. Die Gewalt traf Menschen jeden Alters.

Es gab Berichte über Mädchen, die von Dutzenden Soldaten missbraucht wurden, über alte Frauen über achtzig Jahren, die zum Ziel wurden, und über Männer, die auf grausame Weise gefoltert wurden. In einigen Dörfern wurden Priester, die eingreifen wollten, schwer misshandelt und ermordet. In einem Ort wurden zwei Schwestern gezwungen, eine Gruppe von fast zweihundert Soldaten zu bedienen. Andernorts wurden Frauen auf öffentlichen Plätzen gefesselt und missbraucht, während ihre Familien zusehen mussten.

In einem Dorf wurden Dutzende Frauen innerhalb kurzer Zeit angegriffen. Die Dunkelheit schien die Gewalt noch zu verstärken. Andere alliierte Einheiten, die in der Nähe lagerten, hörten nachts die Schreie der Opfer. Amerikanische Soldaten berichteten, dass sie die Hilferufe vernahmen, aber keine Anweisung hatten einzugreifen.

Einzelne Augenzeugen schilderten, wie Soldaten einer Frau Ohrringe mit bloßen Händen aus den Ohren rissen, während sie vor Schmerzen schrie. Andere erinnerten sich an junge Mädchen, die blutend und regungslos aufgefunden wurden. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht abschließend geklärt. Offizielle Angaben sprechen von mehr als 20.

000 gemeldeten Fällen sexueller Gewalt, Historiker schätzen die tatsächliche Zahl jedoch auf bis zu 60. 000. Allein in der Gemeinde Esperia sollen von 2. 500 Einwohnern etwa 700 Frauen betroffen gewesen sein.

Im gesamten Gebiet wurden schätzungsweise mehr als 7. 000 Zivilisten missbraucht, etwa 800 Männer wurden getötet. Viele Frauen wurden mit Geschlechtskrankheiten infiziert, tausende wurden ungewollt schwanger. Nach Kriegsende kamen zahlreiche Kinder zur Welt, viele davon wurden in Waisenhäuser gegeben.

Die Verantwortung für die Gewalt lag nicht allein bei den nordafrikanischen Soldaten. Britische Berichte dokumentierten, dass auch französische Soldaten europäischer Herkunft an den Übergriffen beteiligt waren. Die Taten geschahen häufig öffentlich und wurden von den Vorgesetzten geduldet. Obwohl das französische Militärkommando einige Täter hinrichten ließ, blieben die meisten ohne Konsequenzen.

General Juin wurde nie bestraft, und auch der Oberbefehlshaber der französischen Armee, Charles de Gaulle, griff nicht ein, obwohl er von den Vorfällen gewusst haben dürfte. Die italienische Regierung lehnte Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes ab und vermied es, diplomatische Spannungen mit Frankreich zu riskieren. Frankreich selbst hat die Ereignisse lange Zeit verschwiegen und stattdessen versucht, sie als Fehlverhalten einzelner Kolonialtruppen darzustellen. Erst Jahrzehnte später kam es zu einer Annäherung.

Im November 2004 entschuldigte sich der Präsident einer Vereinigung ehemaliger marokkanischer Kombattanten offiziell für die Geschehnisse. Eine offizielle Entschuldigung oder Anerkennung der Verantwortung durch die französische Regierung ist bis heute nicht erfolgt. Die Erinnerung an die schrecklichen Nächte nach der Schlacht von Montecassino bleibt bei den Überlebenden und ihren Nachkommen lebendig, auch wenn die Täter nie vollständig zur Rechenschaft gezogen wurden.