Der Anruf von meinem Netzbetreiber kam überraschend. Eine SMS, die mich in den USA willkommen hieß. Herzlich willkommen in den USA, während ich in meiner Wohnung saß und mich fragte, was ich gestern Abend eigentlich mit meiner Brille gemacht hatte. Solche Nachrichten sind typisch für mein Leben.

Ein einziges Chaos. Ich saß im Stream, redete mit dem Chat, und irgendwie kam das Gespräch wieder auf mich. Auf mein chaotisches Leben. Auf meine Vergesslichkeit.
Darauf, dass ich Termine vergesse, Fragebögen verschlampe und manchmal nicht mehr weiß, ob ich meinen Kater überhaupt gefüttert habe. Der Chat lachte mit, wie immer. Und ich lachte mit, weil man es ja sonst kaum aushält. Irgendjemand fragte nach meinem Namen.
Woher der kommt, meine ich. Ich erklärte es, wie immer: Ich bin ein sehr selbstironischer Mensch, und ich bin grottig in Mathe. Deshalb dachte ich, ein mathematischer Name wäre perfekt. Also minus.
Dann brauchte ich noch eine Zahl, und da fiel mir ein, dass ich Volleyball spiele. Zehn Jahre lang habe ich gespielt. Und die elf ist meine Lieblingszahl. Also wurde es einfach minus elf.
Klingt nach einer Vokabel aus dem Matheunterricht, aber irgendwie passt es. Der Name ist doppeldeutig, und genau deshalb mag ich ihn. Man kann ihn sich merken. Der Chat kam dann auf Bücher.
Auf kranke Bücher. Auf Bücher, für die es eigentlich eine Altersfreigabe geben sollte, so wie bei Filmen. Ich fand das immer verrückt, dass es so etwas nicht gab. Ich habe selbst Bücher gelesen, wo ich dachte: Das hätte es nicht gebraucht.
Da sind ganze Triggerwarnungen drin, Seite für Seite. Ich habe mein Buch gerade nicht dabei, also kann ich nicht nachzählen, aber ich wette, da stehen mindestens dreißig Trigger drin. Dreißig. Für alles Mögliche.
Das ist schon heftig. Ich meine, ich verteidige ja nichts, aber ich frage mich schon manchmal, wie viel man schreiben muss, bis einem selbst schlecht wird. Dann ging es um Reisen. Ich erzählte dem Chat, dass ich gefragt wurde, ob ich in sieben Wochen nach Südkorea fliegen möchte.
Mit einigen Streamern. Ich habe ja gesagt. Das ist sonst nicht meine Rolle, normalerweise bin ich diejenige, die fragt, ob jemand mitkommt. Diesmal wurde ich gefragt, und ich habe mich riesig gefreut.
Danach vielleicht noch nach Japan, aber Japan stand bei mir nie ganz oben auf der Liste. Es ist mir fast zu touristisch. Es ertrinkt im Dauertourismus, und ich habe das Gefühl, ich kenne Japan schon allein durch die ganzen Leute, die dauernd davon erzählen. Da will man gar nicht mehr hin, weil man es schon tausendmal durch andere gesehen hat.
Der Chat erwähnte meinen Kater. Kito. Und ich musste grinsen, weil Kito einfach eine eigene Persönlichkeit ist. Ich habe zwei Katzen.
Man kann mich ruhig Katzenlady nennen, das ist keine Beleidigung für mich. Kito ist mein Kater, und er ist mein Baby. Er wird jetzt vier, aber als er kleiner war, wollte er einfach immer bei mir sein. Immer.
Ich habe sogar überlegt, ob ich mir so eine Trage besorge, damit ich ihn überall hinquetschen kann, nur damit er bei mir bleibt. Aber er hat einen Schaden. Einen ordentlichen sogar. Er pullert mir regelmäßig ins Bett.
Regelmäßig. Ich liebe ihn über alles, aber er ist manchmal einfach ein bisschen dämlich. Das darf man doch sagen, oder? Ich meine, man kann jeden lieben, auch wenn man in dem Moment findet, dass er herzlos ist, weil er einem ins Bett pullert.
Man muss halt einfach die Bettwäsche alle zwei Tage waschen. Ich hoffe nur, dass die Schlafzimmertür zu bleibt. Wirklich. Ich hoffe es so sehr.
Und der Geruch. Katzenpipi ist wirklich das Schlimmste. Man braucht so einen Enzymbrecher, der die Enzyme im Urin aufbricht. Meine Güte.
Aber das ist halt mein Leben. Ich habe mich daran gewöhnt. Und meine Katzen sind mir trotzdem heilig. Ich habe sie nicht vom Züchter oder so.
Das ist nicht meins. Die sind einfach irgendwie so dazugekommen, und jetzt sind sie da. Und ich liebe sie. Der Chat lachte, und ich lachte mit.
Dann kam das Gespräch auf etwas, das mich immer noch beschäftigt, wenn ich so darüber nachdenke. Es geht um Intelligenz. Um das, was Leute denken, wenn sie merken, wie chaotisch ich bin. Ich habe früher immer gedacht, dass ich mich schämen muss.
Dass ich super vergesslich bin, dass ich unzuverlässig bin. Ich hatte Angst, dass Leute denken könnten, ich bin dämlich. Dass ich dumm bin. Diese Angst hat mich lange begleitet, wirklich lange.
Aber irgendwann bin ich älter geworden. Nicht mehr zwölf oder dreizehn. Und ich habe gelernt, das zu differenzieren. Denn das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.
Chaos und Vergesslichkeit sind nicht gleichbedeutend mit Dummheit. Aber viele Leute setzen das gleich. Sie sehen jemanden, der unordentlich ist, der Termine vergisst, der manchmal nicht klar kommt, und dann denken sie sich: Die ist nicht die Hellste. Ich habe das oft erlebt.
Wenn Leute merken, wie chaotisch ich bin, wollen manche nicht mehr viel mit mir zu tun haben. Ausgerechnet manche Leute meinen dann, sie müssten mich auf meine Intelligenz reduzieren. Und dann gibt es welche, denen ist es egal. Die sehen das nicht mal als Problem.
Ich habe gelernt, mich nicht mehr so sehr zu schämen. Ich weiß heute, dass meine Vergesslichkeit nicht meine Intelligenz bestimmt. Ich bin nicht dumm, nur weil ich mein Zeugnis nicht mehr finde. Ich bin nicht dumm, nur weil ich Fragebögen verschlampe.
Ich bin vielleicht unordentlich, aber das ist etwas anderes. Ich habe neulich eine SMS bekommen, von meinem Anbieter. Herzlich willkommen in den USA. Keine Ahnung, warum.
Vielleicht bin ich gerade durch irgendein Netz gerutscht. Vielleicht ist mein Handy kurz in einem anderen Land gewesen. Es ist auf jeden Fall typisch für mich, dass ich solche Nachrichten bekomme, während ich in meiner Wohnung sitze. Ich habe auch eine Mailbox, die ich nie abhöre, und eine App, die ich nie öffne.
Mein Leben ist ein einziges Durcheinander. Aber ich habe mich damit arrangiert. Der Chat brachte mich dann auf eine Erinnerung. Kim, eine Freundin, war shoppen.
Sie wollte sich etwas holen. Ich war gespannt, was sie kauft. Manchmal hat sie einen guten Geschmack, manchmal nicht. Aber ich mag sie trotzdem.
Sie ist eine von denen, die einfach akzeptieren, wie man ist. Ich habe mich gefragt, warum ich immer so viel über mich rede. Aber der Chat fragt nun mal. Und ich antworte.
Ich bin ehrlich, auch wenn es manchmal peinlich ist. Ich meine, ich habe früher auch immer so getan, als wäre alles in Ordnung. Als hätte ich alles im Griff. Aber das hatte ich nie.
Und wenn ich es zugebe, dann fühlt es sich besser an. Vielleicht, weil ich dann nicht mehr so tun muss, als wäre ich jemand anderes. Ich erinnere mich, dass ich einmal ein Buch gelesen habe, da ging es um ganz schlimme Sachen. Richtig krank.
Ich habe es weggeschmissen, als ich fertig war. Und ich habe mich gefragt, warum man so etwas schreibt. Warum man so etwas veröffentlicht. Aber andererseits gibt es Leute, die genau das suchen.
Die brauchen das vielleicht. Ich weiß es nicht. Der Chat fragte auch, ob ich jemals etwas gekauft habe, das ich bereue. Ich habe kurz nachgedacht.
Dann habe ich gelacht. Meine Katzen. Spaß. Aber irgendwie war es auch ernst.
Ich meine, ich liebe sie über alles, aber sie haben mein Leben schon ziemlich auf den Kopf gestellt. Kito pullert mir ins Bett, und die andere Katze ist auch nicht besser. Aber ich könnte sie nicht mehr hergeben. Sie sind meine Familie.
Meine chaotische, stinkende Familie. Ich habe mich dann wieder an meinen Termin erinnert. Mein nächster ADS-Termin. Der ist am 8.
Juni um halb zehn morgens. Ich muss noch meine Zeugnisse finden. Und ich muss noch ein paar Fragebögen ausfüllen. Drei oder so.
Ich weiß es nicht mehr genau. So bin ich eben. Aber diesmal habe ich es nicht falsch in den Kalender eingetragen. Thea hat es für mich gemacht.
Das ist die Rettung. Ohne sie hätte ich meinen Termin schon wieder verplant. Ich habe gemerkt, dass ich wieder abschweife. Vom Thema zum Thema.
Vom Einkaufen zum Katzenpipi zu meiner Intelligenz. So bin ich eben. Der Chat scheint es zu mögen. Oder zumindest zu tolerieren.
Und das reicht mir. Während ich so rede, denke ich an mein Kater, der mich jeden Morgen weckt, nicht weil er Hunger hat, sondern weil er Aufmerksamkeit will. Ich schimpfe zwar immer, aber eigentlich mag ich es. Ich mag es, dass er zu mir will.
Dass er mich ausgesucht hat. Auch wenn er manchmal ein bisschen dumm ist. Ich muss dann auch irgendwann los. Ich muss Bettwäsche waschen.
Schon wieder. Und ich habe noch ein paar Sachen zu erledigen. Aber das Wichtigste ist, dass ich nicht vergesse, mir die Fragebögen zu schnappen. Und ich hoffe, dass meine Zeugnisse wieder auftauchen.
Der Chat ist der Meinung, dass ich meine Vergesslichkeit nicht so ernst nehmen soll. Dass ich mir nicht so viele Gedanken machen soll, was andere denken. Und vielleicht haben sie recht. Ich meine, ich weiß, dass ich nicht dumm bin.
Aber manchmal ist es schwer, das zu glauben, wenn man ständig Dinge verlegt und Termine vergisst. Aber ich bin auf einem guten Weg. Ich habe gelernt, freundlicher zu mir selbst zu sein. Und ich habe gelernt, mir Hilfe zu holen.
Nicht nur von meinen Freunden, sondern auch von Fachleuten. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Es ist ein Zeichen von Stärke.
Und ich bin stolz darauf. Ich werde dann mal weitersehen. Vielleicht bestelle ich mir was zu essen. Oder ich gehe eine Runde mit den Katzen spazieren.
Also, einen Kinderwagen habe ich nicht, aber vielleicht sollte ich mir wirklich einen anschaffen. Dann kann ich die Katzen darin herumfahren, wenn sie wieder mal nicht von meiner Seite weichen wollen. Das wäre die perfekte Lösung. Der Chat lachte wieder.
Und ich lachte mit. Es ist gut, so zu sein. Chaotisch, aber glücklich. Vergesslich, aber nicht dumm.
Und auch wenn mein Kater mir ins Bett pullert und ich nie meine Unterlagen finde, bin ich genau da, wo ich sein soll.