Eva hatte gelernt, den Morgen nicht mehr an der Uhr zu erkennen, sondern an den Geräuschen. Zuerst quietschte der Wäschewagen am Ende des Flurs, dann fiel die Tür des Schwesternzimmers ins Schloss, gefolgt von weichen Schritten auf dem Linoleum, bis das harte Klappern von Absätzen einsetzte, wenn die Oberschwester ihre Schicht antrat. Durch das gekippte Fenster zog die kühle, feuchte Luft eines westfälischen Septembers herein, vermischt mit dem Geruch von nassem Eichenlaub und Desinfektionsmittel. Es war der dritte Tag auf der Entbindungsstation.

Ihre Zimmernachbarin Katy raschelte mit einer Papiertüte. Sie strickte bereits die dritte Woche an demselben rosa Babymützchen, riss es immer wieder auf und begann von vorn, weil ihr der Arzt beim Ultraschall erst gesagt hatte, es würde ein Mädchen, dann waren Zweifel aufgekommen. In neutrales Gelb umzustricken, war ihr zu mühsam gewesen. „Hast du die ganze Nacht nicht geschlafen?
“, fragte Katy, ohne vom Strickzeug aufzusehen. „Doch, aber er hat getreten wie ein Bundesligaspieler. Bis zwei Uhr nachts, dann wurde es still. Ich habe mich richtig erschrocken und mit dem Finger gegen meinen Bauch gedrückt, bis er sich wieder meldete.
“
„Meiner hat auch nicht geschlafen“, sagte Eva und drehte sich vorsichtig auf die Seite, den Bauch mit der Handfläche abstützend. „Gegen vier Uhr hat er sich so gewälzt, dass ich mir ein Kissen in den Rücken klemmen musste. Aber gegen Morgen wurde er ruhig, als wäre er müde. “
„Dann geht es bald los“, meinte Katy.
„Vor der Geburt werden sie immer ganz ruhig. Das weiß ich noch von meiner ersten Tochter. Was war noch mal dein errechneter Termin? “
„Die Ärztin sagt, es kann jeden Tag passieren.
“
Die Visite begann um neun Uhr. Doktor Ursula Brand, die Chefärztin, eine Frau Mitte fünfzig mit tiefer, fast rauer Stimme und sehr sanften Händen, ging zügig durchs Zimmer, tastete Evas Bauch ab, hörte die Herztöne ab und warf einen Blick in die Patientenakte. Dann ließ sie die Hände sinken und sah Eva prüfend über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Frau Weber, Ihr Blutdruck gefällt mir nicht“, sagte sie, ohne den Blick von den Papieren zu heben.
„Er springt zwar nicht, aber er ist auch nicht optimal. Gehen Sie ein bisschen auf dem Flur auf und ab. Sie sollten nicht den ganzen Tag nur liegen. Und wenn es zu ziehen anfängt, spielen Sie nicht die Heldin.
Sagen Sie sofort Bescheid. “
„Werde ich machen. “
„Das sagen sie alle“, erwiderte Dr. Brand.
„Und dann liegen sie da und warten, dass es von alleine weggeht. Sie haben eine Vorgeschichte in Ihrer Akte. Sie dürfen nicht warten. “
Damit hatte es angefangen, worüber Eva drei Jahre lang versucht hatte, nicht nachzudenken.
In ihrer Akte standen nur zwei Zeilen in trockenem Ärztedeutsch, aber in Wirklichkeit war es ein ganzes Leben, das damals in der Mitte zerbrochen war. Im Nachttisch lag eine kleine Tasche mit der Erstausstattung, die sie jeden Tag durchging, obwohl sie sie auswendig kannte. Vier Flanellspucktücher, zwei dünne Bodies, ein Mützchen, winzige Söckchen, die wie Spielzeug aussahen. Keine Kartons, kein Kinderwagen, kein Babybett zu Hause.
Eva hatte nicht erlaubt, irgendetwas im Voraus zu kaufen. Sie verbot sich selbst, über den Tag der Entlassung hinauszudenken. Vor drei Jahren hatte sie sich gefreut. Damals war alles anders gewesen.
Sie hatte den ersten Body schon in der achten Woche gekauft, ihn unter ihren Pullovern versteckt, immer wieder hervorgeholt und betrachtet. Sie und Lukas lebten in seinem Haus am Stadtrand, einem alten Backsteinhaus mit hoher Treppe, einem Apfelbaum am Zaun und einem tropfenden Wasserhahn in der Küche. Lukas hatte gerade einen neuen Job angefangen, kam spät nach Hause und regte sich über alles Mögliche auf. An jenem Abend kam er erst nach zehn Uhr und fing schon im Flur an zu meckern, weil Eva seine schlammigen Lederschuhe auf eine alte Zeitung gestellt hatte, damit sie die Dielen nicht schmutzig machten.
Er fasste das als Vorwurf auf. Ein Wort ergab das andere, und es eskalierte. Er schrie, dass in diesem Haus alles falsch laufe, dass sie ihn ansehe wie eine Vermieterin ihren Untermieter, dass er es satt habe. Eva stand am Herd und konnte nicht antworten, weil ihr vom Geschrei der Kopf dröhnte.
Dann ging er ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher auf volle Lautstärke, und sie blieb in der Küche zurück, saß auf dem Küchenstuhl und stützte die Hände auf die Knie, lange unfähig, ruhig zu atmen. Ihre Mutter Sabine kam etwa vierzig Minuten später. Sie trat ein, ohne anzuklopfen, stellte ihre Tasche ab und sah sich in der Küche um, dann sagte sie nur: „Trink das. Nichts Chemisches.
Dein Herz rast. “
Sabine war eine Frau, die man nicht so leicht einschüchtern konnte. Sie hatte dreißig Jahre hinter der Wursttheke gestanden, und so begannen alle ihre Ansagen, nach denen pöbelnde Kunden ganz still den Laden verließen. Mit so einer Mutter legte sich niemand an.
Aber nach jenem Frühling war Sabine still geworden, fing an, allem zuzustimmen, kam zu Besuch und setzte sich auf die äußerste Stuhlkante, als wäre sie in einem fremden Haus. An dem Abend, als Eva aus dem Krankenhaus zurückkam, war das Haus leer. Lukas hatte seine Sachen geholt, die Küche war aufgeräumt, und auf dem Tisch lag ein Zettel mit dem Hinweis, er hätte das Haus verkauft und das Geld auf ihr gemeinsames Konto überwiesen, er würde sich um nichts mehr kümmern. Eva stand in der Küche, hielt den Zettel in der Hand und las ihn dreimal, bevor sie verstand, was er bedeutete.
Sie setzte sich an den Tisch und blieb dort sitzen, bis es draußen dunkel wurde. Die Untersuchung des Hauses ergab später, dass er zurückgekommen war, nachdem sie ins Krankenhaus gefahren war, um alles für den Verkauf herzurichten, als wäre das Kind nie gewesen, als wäre ein gemeinsames Leben nur eine lästige Pflicht gewesen, von der man sich schnell befreien musste. Die Nachbarin brachte einen Auflauf vorbei und blieb aus Höflichkeit einen Augenblick an der Tür stehen. Sie erzählte Eva später, dass Sabine den Gemeinderat am Telefon so zusammengestaucht hatte, dass am anderen Ende zehn Minuten lang absolute Stille geherrscht habe.
Sabine hatte die Behörden angerufen, hatte Unterlagen angefordert, hatte allen gedroht, die es nicht eilig hatten, die Papiere zu bearbeiten. Sie sagte kein einziges böses Wort über Lukas, aber sie sorgte dafür, dass Eva nach dem Verkauf des Hauses genug Geld hatte, um sich eine kleine Wohnung zu nehmen, und sie stand dabei, als Eva die Schlüssel abgab, obwohl es ein kalter, grauer Tag war und der Regen an den Fenstern herunterlief. Eva zog sich in die Stille zurück. Sie arbeitete weiter in der Buchhaltung, saß zwischen Stapeln von Rechnungen und Belegen, antwortete auf E-Mails, als wäre nichts geschehen.
Kolleginnen mieden sie, nicht weil sie unfreundlich war, sondern weil sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Eva fand es leichter, einfach zu arbeiten, den Kopf zu senken, wenn Gespräche über Kinder aufkamen, und sich nicht anzumerken, dass sie bei jedem Baby, das durch die Stadt geschoben wurde, einen Augen Moment lang innehielt. Dann lernte sie Jochen kennen. Er kam in die Firma, um eine Lieferung abzuholen, und blieb im Aufzug einen Moment zu lange stehen, als er sie ansah.
Er war freundlich, ruhig, nicht aufdringlich. Er fragte sie nach einem Kaffee, und sie sagte erst ab, dann wieder zu, weil sie keine Lust hatte, immer allein zu sein. Jochen wusste von ihrer Geschichte nichts, oder wenn er etwas wusste, dann hatte er nie danach gefragt. Er war geduldig, kam abends vorbei, kochte Spaghetti, brachte ihr kleine Blumen mit, die sie ablehnte, weil sie nicht wusste, wie man Geschenke annimmt, ohne sich zu verpflichten.
Sie heirateten standesamtlich, ohne große Feier, ohne Gäste, weil Eva keine Feier wollte. Sie sagte, sie wolle nicht, dass jemand hinter ihrem Rücken über sie rede, aber die Wahrheit war, dass sie sich selbst nicht erlaubte, sich zu freuen, aus Angst davor, dass die Freude das nächste Unglück anziehen könnte. Jochen verstand das, oder er tat zumindest so, und er blieb. Als sie nach zwei Jahren schwanger wurde, weinte Eva, aber es war ein stilles Weinen, mit dem Rücken zum Fenster, und als sie sich umdrehte, versuchte sie zu lächeln.
Jochen trat auf sie zu und hielt sie fest, ohne etwas zu sagen, und einen Moment lang glaubte sie, dieser Augenblick würde nichts kaputt machen können. Doch dann kam der Tag der ersten Vorsorgeuntersuchung, und der Arzt wurde still, als er den Bildschirm betrachtete. Er zeigte auf einen Schatten, sagte etwas von der Nackenfaltenmessung, von einem erhöhten Risiko, von weiteren Tests. Eva saß auf der Untersuchungsliege, das kalte Gel noch auf dem Bauch, und hörte die Worte, aber sie drangen nicht richtig ein.
Sie wartete auf den Moment, in dem sie sagen würde, dass sich alles schon klären werde, aber niemand konnte ihr das sagen. Drei Wochen später kam das Ergebnis, und der Arzt erklärte ihr sehr behutsam, dass die Wahrscheinlichkeit einer schweren Chromosomenstörung hoch sei, dass man in solchen Fällen über einen Abbruch nachdenken müsse, dass man ihr Zeit lassen würde, so viel sie brauche. Eva hörte sich selbst fragen: „Und wenn nicht? “
Der Arzt schob die Brille auf der Nase hoch.
„Wenn die Fruchtwasseruntersuchung die Diagnose bestätigt, müssen Sie eine Entscheidung treffen. Ich kann Sie dabei nicht begleiten, das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Aber Sie sollten sich vorbereiten. “
Jochen nahm ihre Hand.
Er sagte nichts, aber seine Hand war warm und ruhig. Eva spürte, wie sich in ihrem Inneren etwas verschloss, ganz langsam, wie eine Tür, die man nicht zuknallen, sondern leise ins Schloss fallen lässt. Sie entschied sich für die Fruchtwasseruntersuchung, nicht weil sie es wollte, sondern weil sie es wissen wollte, um endlich Gewissheit zu haben. Die Proben wurden genommen, und man sagte ihr, dass sie innerhalb von zwei Wochen mit dem Ergebnis rechnen könne, vielleicht auch früher.
Die zwei Wochen vergingen nicht. Eva ging zur Arbeit, aß, versuchte zu schlafen, aber jede freie Minute verbrachte sie damit, auf ihr Handy zu starren, als würde die Antwort dadurch schneller kommen. Sie zählte die Tage, dann die Stunden. Jochen versuchte, mit ihr zu sprechen, aber sie wehrte ab.
Sie sagte, sie müsse erst wissen, womit sie es zu tun habe, bevor sie darüber reden könne. Aber in Wirklichkeit wusste sie nicht, wie man über einen möglichen Verlust spricht, ohne vorher die Angst auszusprechen. Dann kam der Anruf, und die Ärztin sagte, die Ergebnisse lägen vor, und ob sie und ihr Mann am nächsten Tag vorbeikommen könnten, die Sprechstundenhilfe würde einen Termin eintragen. Eva legte auf und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, denn wenn die Ergebnisse gut gewesen wären, hätte man ihr das am Telefon gesagt.
Sie rief Jochen an, aber der ging nicht ran, weil er in einer Besprechung war. Sie setzte sich auf das Bett, hielt das Handy in den Händen und dachte an das kleine Wesen in ihrem Bauch, das sich genauso bewegte wie vorher, aber plötzlich wirkte alles wie ein Abschied. Am nächsten Morgen im Behandlungszimmer war es still. Dr.
Sommer, die Ärztin, schob die Befunde zusammen und sah Eva lange an. „Ich hätte Ihnen das Ergebnis lieber in Ruhe erklärt“, begann sie, „aber ich möchte nicht, dass Sie sich allein auf die Laborwerte verlassen. Sie sind jung, Sie haben noch Zeit. Aber die Fruchtwasseruntersuchung hat eine Veränderung gezeigt, die mit der Prognose aus der ersten Untersuchung übereinstimmt.
Ich habe mit dem Pränatalmediziner gesprochen, und wir sind uns einig, dass die Diagnose eindeutig ist. “
Eva fragte nicht nach Einzelheiten. Sie sah an der Ärztin vorbei aus dem Fenster, wo die Bäume ihre Blätter in Herbstfarben warfen, und dachte daran, dass sie sich diesen Herbst als goldenen, als leuchtenden vorgestellt hatte, und jetzt saß sie hier und sollte entscheiden, ob sie ihr Kind dabehalten wollte. Sie hörte Jochen neben sich atmen, hörte, wie er eine Frage stellte, die sie nicht verstand, und wie die Ärztin leise, aber deutlich antwortete.
Dann standen sie auf, Jochen nahm sie am Arm, führte sie hinaus, und sie gingen durch den Flur an Schwangeren vorbei, die auf Stühlen saßen und leise miteinander redeten, und Eva kam sich vor wie ein Geist, der durch eine andere Welt ging. Zu Hause weinte sie zum ersten Mal. Es war ein trockenes, lautes Weinen, das aus ihrem Bauch herauskam, als wäre es nicht ihr eigener Körper, der dieses Geräusch machte. Jochen hielt sie, bis sie ruhig wurde, und dann fragte er: „Was willst du?
“
Eva hob den Kopf. „Ich will nicht, dass du mich so fragst. Ich will, dass du mir sagst, was wir tun sollen. “
„Ich weiß es nicht“, gestand er.
„Ich weiß nur, dass ich dich nicht verlieren will. “
Sie entschieden sich für den Abbruch, nicht weil sie es wollten, sondern weil sie den Gedanken nicht ertrugen, ein Kind in ihrem Bauch herumzutragen, das vielleicht nie selbstständig atmen würde. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass mit einer solchen Diagnose das Kind nach der Geburt die schwersten Fälle nicht überleben würde, und dass man in diesem Zustand über palliative Versorgung sprechen müsse, wenn es überhaupt dazu kommt. Sie unterschrieben die Papiere und ließen es ein paar Tage später machen.
Es war ein ruhiger Eingriff, und sie wachte in einem kalten Aufwachraum auf, mit dem Gefühl, dass da etwas fehlte, aber sie wusste nicht mehr genau, was es gewesen war. Sie redeten nicht darüber. Es war zu groß, zu laut, zu sehr mit Schmerz verbunden, als dass man es in Worte hätte fassen können. Sie brauchte Wochen, um sich körperlich zu erholen, und als sie zurückkam, war da diese Leere um sie herum, und sie wusste, dass Jochen sie spürte, dass er versuchte, sie zu füllen, aber nichts passte hinein.
Er arbeitete viel, sie arbeitete auch, und nachts lagen sie im Bett, jeder auf seiner Seite, und berührten sich nicht, weil sie Angst hatte, dass jede Berührung den Schmerz wieder aufreißen würde, der noch immer tief in ihr saß. Ein Jahr später kam sie unerwartet wieder schwanger zur Welt, und dieses Mal beschloss sie, es nicht zu verschweigen. Sie ging zur Vorsorge, ließ alle Untersuchungen machen, betete nicht, aber sie saß stundenlang in der Badewanne, das Wasser längst kalt, die Hand auf dem Bauch, als wollte sie sichergehen, dass das Kind da war. Jochen war zurückhaltend, hatte Angst, sagte aber nichts, weil er wusste, dass Worte in Momenten wie diesen nichts helfen.
Er begleitete sie zu den Terminen, saß neben ihr, wenn der Arzt auf den Bildschirm schaute, und hielt ihre Hand fest, ohne sie anzusehen. Sie wurden eingewiesen, weil der Blutdruck stieg, und jetzt lag Eva also hier, drei Tage vor dem errechneten Termin, und wartete darauf, dass etwas passierte. Am dritten Tag brachte die Schwester kurz nach dem Frühstück einen Stapel frischer Handtücher ins Zimmer und blieb in der Tür stehen. „Frau Weber, Sie haben heute Nachricht bekommen.
“
Eva setzte sich auf und griff nach dem Umschlag, den die Schwester ihr reichte. Katy sah neugierig von ihrem Strickzeug auf. „Ist es von zu Hause? “
Eva schüttelte den Kopf, als sie das Briefpapier sah.
Es war ein amtlicher Brief, gestempelt mit dem Siegel der Zentralstelle, einer Behörde, mit der sie nie Kontakt gehabt hatte. Sie öffnete ihn mit zitternden Fingern und überflog die Zeilen, sowie die Worte in den Tiefen ihres Bauchs zu einer Kugel wurden. Als sie aufsah, war ihr Gesicht weiß geworden. „Ist etwas passiert?
“, fragte Katy. „Die Unterlagen, die damals verloren gegangen sind“, sagte Eva langsam. „Beim Wechsel der Zuständigkeit. Sie haben sie wiedergefunden.
“
„Welche Unterlagen? “
„Von meiner ersten Schwangerschaft“, antwortete Eva und spürte, wie die Worte in ihrem Kopf klickten wie Bausteine. „Es war ein Junge. Er wurde nicht tot geboren.
“
Jochen war drei Jahre lang als Narben im System gewesen. Eine ehemalige Kollegin, die inzwischen in der Klinik arbeitete, hatte die Akte seiner Tochter kurz nach der Entbindung in einem Aktenordner gefunden und an die zuständige Stelle gemeldet, weil die Narben nicht stimmten. Die Ermittlungen hätten Monate gedauert, aber jetzt war der Brief da, datiert auf den Tag, an dem Eva in die Klinik eingeliefert wurde, mit einem Umzugskarton-Container, der sich als pleite herausstellte, zu dessen Inhalt man aber alle Details vorliegen habe, wenn sie sich melden wolle. Sie rief sofort an, und eine überforderte Sachbearbeiterin, die sich als Frau Döring vorstellte, erklärte ihr schüchtern, die Vaterschaftsanerkennung sei nie erfolgt, weil die Mutter nach der Niederkunft angegeben habe, das Kind zur Adoption freizugeben, und das Kind sei dann in einer Pflegefamilie bzw.
einer Adoptionsvermittlungsstelle untergebracht worden. Es gebe ein Kontaktpflichtgebot, das die leiblichen Eltern einhalten müssten, aber ohne unterschriebene Anerkennung würde der rechtliche Vater keine Ansprüche haben. Eva ließ sich den Namen der Vermittlungsstelle geben, der sie die Unterlagen überweisen konnte, und legte auf, ohne der Mitarbeiterin zu sagen, dass sie selbst diese Mutter war. Sie konnte es nicht glauben, dennoch rief sie Jochen an, der sofort aus einer Sitzung hummelte und eine Stunde später im Krankenhaus war.
Er setzte sich auf die Bettkante, las den Brief zweimal und sagte dann: „Wir müssen klären, was damals passiert ist. Und wir müssen herausfinden, ob es dein Sohn ist. “
„Und wenn er das ist? “
„Dann ist es dein Sohn, und du entscheidest, was du tust.
“
Eva spürte, wie etwas in ihr zerbrach und gleichzeitig wieder zusammenlief, als sie nach seiner Hand griff und die Tränen ihr über das Gesicht liefen. Sie wartete darauf, dass der Schmerz zurückkam, aber da war nur eine ruhige, harte Entschlossenheit, das zu tun, was seit drei Jahren hätte passieren müssen. Sie bat um einen Termin bei der Vermittlungsstelle für den nächsten Tag, und als sie auflegte, wusste sie, dass sie dieses Mal keine Angst haben würde, die Wahrheit zu erfahren, egal wie schmerzhaft sie war. Am nächsten Tag fuhr Jochen sie zu einem grauen Bürogebäude am Stadtrand.
Drinnen saß eine freundliche, aber sachliche Frau um die fünfzig, die sich als Frau Winter vorstellte. Sie drückte Eva einen Ordner in die Hand, dessen Seiten gelb und mit Büroklammern zusammen geheftet waren. „Der Junge wurde damals mit vierzehn Wochen an ein Pflegepaar vermittelt, das kurz darauf einen Antrag auf Kleinanzeige stellte. Die Unterlagen sind lückenlos, wir haben die Einwilligungsbögen, die von Ihrer Mutter unterschrieben wurden, sowie die Niederschrift über die Übergabe an das Jugendamt.
“
„Meiner Mutter? “
Frau Winter blätterte kurz und hob eine Kopie eines Ausweises hoch. „Sabine Weber. Sie hat die Einwilligungserklärung unterschrieben, die Sie als Mutter zur Adoption freigegeben hat.
Ist Ihnen das nicht bekannt gewesen? “
Eva las die Unterschrift auf der Fotokopie, die sie sofort wiedererkannte, den geschwungenen Anfangsbuchstaben, das gekippte „S“, das sie seit dreißig Jahren aus Briefen und Urlaubskarten kannte. Sie schüttelte langsam den Kopf, und als sie aufsah, war ihr Blick ganz leer. „Nein“, sagte sie, „das war mir nicht bekannt.
“
Sie hörte sich selbst ihren eigenen Namen aufschreiben, als wäre es ein Ausweis, den sie nicht kannte, und dann setzte sich ein anderer Mann an den Tisch, ein Sozialarbeiter, der ihr die Telefonnummer des Pflegevaters gab, eines Mannes, der vor drei Jahren einen großen Jungen adoptiert hatte, der jetzt fast ein Kleinkind war, das vielleicht seinen Namen auf der Geburtsurkunde nicht kannte. Sie wählte die Nummer, als sie zurück im Krankenhaus war, mit zitternden Fingern das Telefon hielt und darauf wartete, dass jemand abhob. Eine Frauenstimme sagte „Hallo? “ und Eva fragte nach dem Jungen, aber sie brachte keinen Ton heraus, und nach einer Weile legte sie auf, ohne etwas zu sagen.
Sie lag die ganze Nacht wach und starrte an die Decke. Sie dachte an ihre Mutter, die immer so kühl war, die aber genauso gut wusste, wie man Kinder zurückweist, weil sie selbst eines zurückgewiesen hatte. Am nächsten Morgen, als es hell wurde, holte sie ihre Handtasche aus dem Schrank und zog die kleine, abgegriffene Visitenkarte der Adoptionsvermittlungsstelle hervor, die Frau Winter ihr mitgegeben hatte, zusammen mit dem Hinweis, dass das Pflegepaar einer Kontaktaufnahme zugestimmt hätte, falls die leibliche Mutter es wünschte. Eva hielt die Karte in den Händen, drehte sie hin und her und steckte sie wieder ein, als Jochen hereinkam und sie fragte, ob sie mitkommen wolle.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte sie. „Dann fahren wir eben hin“, antwortete er, „und schauen nur, ob er auf dem Spielplatz spielt. Wir müssen nicht mit ihm reden, wenn du nicht willst. “
Sie fuhren zu einem kleinen Haus am Stadtrand, das einen unordentlichen, aber freundlichen Garten hatte, mit einem Sandkasten und einem Plastikrutschen sowie einem kleinen roten Dreirad, das auf der Terrasse stand.
Eva blieb sitzen, als der Wagen hielt, und starrte durch die Windschutzscheibe auf das Haus, hinaus bis der Mann herauskam, einen kleinen, blonden Jungen an der Hand, der lachte, als er über den Rasen lief. Eva umklammerte die Lehne des Sitzes, bis ihre Fingerknöchel weiß wurden, und stieß die Luft aus, als wäre sie getaucht. „Soll ich wieder fahren? “, fragte Jochen leise.
„Nein“, sagte Eva, und ihre Stimme klang fremd, „bring mich nur ein Stück näher. “
Sie stieg aus und blieb am Zaun stehen, die Hände um die kalten Holzsprossen gelegt, und beobachtete, wie der Junge von seinem Vater auf den Arm gehoben und herumgewirbelt wurde. Er lachte, ein helles, unbeschwertes Lachen, das den Morgen erfüllte, und mit einem Mal wusste Eva, dass sie nicht zurückgehen würde, um zu fordern oder zu klagen. Sie würde nicht das zerstören, was ein anderer sich aufgebaut hatte, nur weil ihre eigene Mutter ihr das Kind damals weggenommen hatte.
Sie würde nur sicherstellen, dass dieser kleine Junge einmal wissen würde, dass er geliebt worden war und dass es keine böse Absicht gab, nur eine Entscheidung, die in einer anderen Zeit getroffen worden war. Sie wandte sich um, als der Mann winkte, weil er sie gesehen hatte, und trat ein paar Schritte vor, bis sie nahe genug war, um den Geruch von Gras und Herbstluft zu riechen. „Entschuldigung“, rief sie, und ihre Stimme zitterte, „ich habe nur eine Frage. “
Der Mann kam mit dem Jungen auf dem Arm näher, den Kopf leicht geneigt, während er sie musterte.
„Ja? “
Eva schüttelte den Kopf, weil ihr die Worte fehlten, und griff dabei instinktiv an ihren eigenen Bauch, unter dem sich das Kind regte, als würde es sich erinnern. „Ist er glücklich? “, fragte sie endlich.
Der Mann warf einen Blick auf seinen Sohn, dann wieder auf Eva, als ob er die Tränen sehen konnte, die sie zurückhielt. „Ja“, sagte er leise, „das ist er. “
„Gut“, antwortete Eva und lächelte, ein dünnes, zitterndes Lächeln, aber ein echtes, „das ist alles, was ich wissen wollte. “
Sie drehte sich um und ging zurück zum Auto, die Hand auf dem Bauch, spürte, wie das Kind trat, und ließ die Tränen endlich zu, als sie das Fenster öffnete und die kalte Morgenluft um ihre Schultern strich.
Jochen fragte nicht, was sie gesagt hätte, sondern fasste nur nach ihrer Hand, und sie fuhr zurück ins Tal der Klinik, wo die Wehen einsetzen würden, ein paar Stunden später, als die Ärztin sagte, es sei so weit, und kurz nach Mitternacht hielt sie einen kleinen, gesunden Jungen im Arm, der laut schrie und die kleinen Fingerchen um ihren Daumen schloss, als gehörte er hierher. Sie weinte, während sie ihn betrachtete, vom anstrengenden, aber leichten Schlaf, und flüsterte ihm später zu, wenn die Ruhe eingekehrt war, als Jochen sich neben sie setzte und sie beide ansahen: „Dieser hier hat einen Namen von Anfang an – und er weiß, wohin er gehört. “