Die 22-jährige Cynthia Vigil Charamilio rannte blutend und verletzt über eine staubige Straße im US-Bundesstaat New Mexico. Sie war nackt bis auf ein Metallschloss um ihren Hals und floh um ihr Leben. In ihrem Kopf herrschte Chaos, ausgelöst von Medikamenten, mit denen man sie zwangsweise vollgepumpt hatte. Sie wusste weder, wo sie sich befand, noch wie lange ihre Entführung zurücklag.

Am Ende der Straße entdeckte sie einen Wohnwagen. In ihrer Verzweiflung rannte sie hinein. Der Besitzer stand plötzlich einer völlig aufgelösten, nackten Frau gegenüber, die zusammenbrach, bevor sie ihre Geschichte erzählen konnte. Der Mann rief sofort die Polizei.
Cynthia wurde in Sicherheit gebracht – und ihr Angreifer verhaftet: David Parker Ray. Den Beamten war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass sie einen Mann festgenommen hatten, dessen Name bald als Synonym für einen der schockierendsten Kriminalfälle in der Geschichte der Vereinigten Staaten stehen sollte. Der Fund seiner Wohnanlage, bekannt als „The Toybox“, und eines weißen Lastanhängers namens „Satans Höhle“ offenbarte ein Ausmaß an Grausamkeit, das die Kleinstadt Elephant Butte für immer verändern sollte. David Parker Ray wuchs in einem zerrütteten familiären Umfeld auf.
Sein Vater war alkoholabhängig und verließ die Familie, seine Mutter überließ David und seine Schwester den Großeltern. Der Großvater erzog die Kinder mit strenger, konservativer Härte und körperlicher Bestrafung. In der Schule war Ray schüchtern und wurde ausgegrenzt. Schon früh entwickelte er jedoch eine Obsession für totale Kontrolle und Dominanz, die er in Zeitschriften, Zeichnungen und ausgedehnten Fantasien auslebte.
Als Erwachsener heiratete er mehrfach. Seine dritte Frau Glender war erst 18, als er sie mit 27 kennenlernte. Kurz nach der Geburt seiner Tochter Glender Jean Ray, genannt Jessie, verließ er die Familie. In den 1980er-Jahren zog er nach Elephant Butte, einer abgelegenen Kleinstadt am gleichnamigen See.
Nach außen wirkte er als freundlicher Einzelgänger, der Tiere pflegte und gerne segelte. Doch unter dieser Fassade verbarg sich eine dunkle Realität: In seinem Haus und später in einem aufwendig ausgebauten Lastanhänger richtete er Folterkammern ein. Ray entwickelte ein System, um verletzliche Frauen, oft am Rande der Gesellschaft, ausfindig zu machen. Er hielt sie tagelang gefangen, unterzog sie grausamen Behandlungen und ließ sie mit Medikamenten, die Erinnerungen auslöschen sollten, wieder frei.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl seiner Opfer bei über 60 liegen könnte. Bereits 1984 hatte Rays Tochter Jessie versucht, ihren Vater zu stoppen. Als 19-Jährige erlebte sie eine Szene, in der eine Frau nackt aus dem Haus ihres Vaters floh. Sie wandte sich an das FBI und erstattete Anzeige.
Ray wurde vorgeladen und sprach offen über seine Neigungen und gewaltsamen Fantasien. Doch ohne konkrete Opfer, Beweise oder Namen wurde das Verfahren eingestellt. Ray wurde freigelassen – und setzte seine Taten über 13 weitere Jahre fort. Ein Wendepunkt in den Ermittlungen kam Jahre später, als eine Frau namens Kelly Van Cleave ein unscharfes Video aus Rays Besitz erkannte.
Das Bild zeigte ein Tattoo an ihrem eigenen Oberarm. Kelly hatte seit Jahren eine dreitägige Gedächtnislücke. Sie erinnerte sich, dass sie 1996 in einer Bar in Truth or Consequences mit Jessie Ray gesprochen hatte. Nach einem Drink fühlte sie sich seltsam.
Jessie bot ihr an, bei ihr und ihrem Vater zu übernachten. Stattdessen wurde Kelly im Haus von David Parker Ray gefesselt und tagelang misshandelt. Ray ließ sie schließlich verwirrt und gedemütigt frei, ihre Ehe zerbrach. Im Jahr 1999 ereignete sich die entscheidende Tat.
David Parker Ray und seine Partnerin Cindy Handy fuhren nach Albuquerque und boten der 22-jährigen Cynthia Vigil Charamilio 30 Dollar für eine Dienstleistung. Kaum hatte sie den Wohnwagen betreten, zog Ray einen gefälschten Polizeiausweis hervor. Cynthia wurde überwältigt, gefesselt und in die Folterkammer gebracht. Als die Polizei Ermittlungen gegen sie aufnahm, geschah das Unerwartete: Cynthia gelang die Flucht.
Cindy Handy, Rays Komplizin, hatte eine Schwäche gezeigt. Während sie in der Küche Sandwiches vorbereitete, lagen die Schlüssel zu Cynthias Fesseln in deren Reichweite. Cynthia befreite sich, wählte den Notruf und wurde von Cindy überrascht. Es kam zu einem heftigen Kampf, bei dem Cynthia Cindy mit einem metallischen Gegenstand niederschlug.
Sie floh aus dem Haus und versteckte sich in einem nahegelegenen Wohnwagen, wo ein schockierter Anwohner sie fand und die Polizei alarmierte. Die Beamten, die kurz darauf die Adresse Base Road 513 durchsuchten, fanden zerbrochenes Glas, Blutspuren und Ketten. In dem weißen Lastanhänger auf dem Grundstück entdeckten sie einen modifizierten gynäkologischen Stuhl, Fesselvorrichtungen, Metallklammern, Spritzen und eine Videokamera. An den Wänden hingen Zeichnungen, die Frauen in erniedrigenden Posen zeigten.
Ein Einführungsband mit Rays Stimme erklärte den Opfern, was mit ihnen geschehen würde. FBI-Agenten, die das Material sichteten, waren so erschüttert, dass einer von ihnen sich vor dem Anhänger übergab. Die Ermittlungen belasteten die Beamtin Paddy Rust so sehr, dass sie Tage nach ihrer Arbeit an den Skizzen des Anhängers in ihrem Haus in El Paso Selbstmord beging. Sie hinterließ keinen Abschiedsbrief.
Die Hauptverdächtigen wurden verhaftet: David Parker Ray, Cindy Handy, seine Tochter Jessie und ein ehemaliger Komplize namens Roy Yancy. Letzterer gestand, an der Tötung von Marie Parker beteiligt gewesen zu sein, die 1997 verschwand. Er behauptete, er sei von Jessie und David Ray gezwungen worden. Die Leiche von Marie Parker wurde nie gefunden.
Cindy Handy belastete David Ray in einem umfassenden Geständnis schwer. Jessie Ray hingegen verriet ihren Vater nie und bestritt jede Beteiligung. Um seine Tochter vor einer langen Haftstrafe zu bewahren, bot Ray einen Deal an: Er würde die Schuld auf sich nehmen, wenn Jessie freigelassen würde. Im September 2001 wurde sie entlassen.
Roy Yancy kam 2011 auf Bewährung frei. David Parker Ray, von dem die Polizei annimmt, dass er für mindestens 30 Todesfälle verantwortlich war, wurde nie wegen Mordes verurteilt. Es wurde nie eine einzige Leiche gefunden, die zweifelsfrei mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte. Am 13.
Mai 2002 starb er in seiner Gefängniszelle an einem Herzinfarkt. Er wurde 63 Jahre alt. Cindy Handy wurde 2019 aus dem Gefängnis entlassen. Viele der Opfer von David Parker Ray blieben unbekannt, ihre Körper unauffindbar.
Die Frage, wie viele Frauen er tatsächlich quälte und tötete, bleibt bis heute unbeantwortet.