38 sowjetische Panzer suchten ihn drei Tage lang — der Tiger-Kommandant versteckte sich im Sumpf

38 sowjetische Panzer suchten ihn drei Tage lang — der Tiger-Kommandant versteckte sich im Sumpf

Am 22. Juli 1944, um 5:47 Uhr, reinigte Hauptmann Otto Carius mit einem Stück Wolltuch das Zielfernrohr seines Tiger 1 mit der Turmnummer 217. Er befand sich dreieinhalb Kilometer nordöstlich des Dorfes Malinava, im sumpfigen Niederungsgebiet zwischen Düna und Nebel.

Der Nebel stand kniehoch über dem Moor. Er war dichter als Milch und roch nach Torf und kaltem Eisen. Carius war 29 Jahre alt, vor dem Krieg Apothekerlehrling aus Zwei Brücken.

Er war ein hagerer, schmaler Mann mit ruhigen Händen. Vor jedem Gefecht reinigte er die Optik selbst, weil er den Ladeschützen dafür nicht stören wollte. An diesem Morgen reinigte er das Glas bereits zum dritten Mal.

Auf dem Papier war seine Stellung uneinnehmbar. In der Wirklichkeit sah es anders aus. 38 sowjetische Panzer rollten in einer lang gestreckten Marschkolonne aus Richtung Krassneue auf die Straße nach Düna.

Es handelte sich überwiegend um T34-85, dazwischen acht T34-76 und zwei IS-2 als Spitze. Der erste Sichtkontakt erfolgte auf 1800 Meter. Die Geschwindigkeit betrug rund 20 Stundenkilometer.

Die Marschformation war geschlossen, ohne Aufklärung in der Tiefe. Carius zählte die Panzer zweimal. Beim zweiten Mal stimmte die Zahl. Sein Zug bestand aus zwei Tigern, mehr nicht.

Tiger 217 wurde von Carius selbst befehligt. Der zweite Tiger stand unter Oberfeldwebel Albert Kerscher, vor dem Krieg Forstgehilfe aus dem Bayerischen Wald. Kerscher war ein wortkarger Mann, der seine Sätze beendete, indem er den Mund schloss.

Im Tiger 217 dienten Ladeschütze Unteroffizier Werner Zwetti, 19 Jahre alt und drei Wochen an der Front, sowie Richtschütze Feldwebel Köstler, ein nüchterner Schwabe von 21 Jahren. Fahrer war Obergefreiter Schweikert, Funker Gefreiter Rieger.

Fünf Männer saßen in einem Stahlkasten von 57 Tonnen. Die Daten des Tiger 1 Ausführung E kannte Carius wie das Etikett einer Tinktur. Die Hauptbewaffnung war die 8,8-cm-KwK 36 L/56.

Die Mündungsgeschwindigkeit der Panzergranate 39 betrug etwa 773 Meter pro Sekunde. Der Durchschlag auf 1000 Meter bei 30 Grad Aufschlagwinkel lag bei 100 Millimetern Stahl. Auf 100 Meter stiegen die Werte auf bis zu 120 Millimeter.

Die Wannenpanzerung vorn betrug 100 Millimeter, die Turmfront 100 Millimeter, die Seitenwände 80 Millimeter und das Heck 80 Millimeter. Der Munitionsvorrat im Wagen 217 betrug an diesem Morgen 62 Schuss, davon 32 Panzergranaten.

Die Höchstgeschwindigkeit auf weichem Untergrund lag bei rund 20 Kilometern pro Stunde. Theoretisch war sie im Moor von Malinava deutlich geringer. Dort, wo Carius stand, zwischen zwei Erlenbüschen, war der Boden hart genug, um die Wanne zu tragen.

Er war jedoch nicht hart genug, um eine Drehung des gesamten Wagens ohne Spurversatz zuzulassen. Auf der Gegenseite standen T34-85 des Modells 1944 mit 85-mm-Kanone S-53. Die Mündungsgeschwindigkeit der BR-365 betrug rund 792 Meter pro Sekunde.

Der Durchschlag auf 1000 Meter lag unter günstigem Winkel bei 100 bis 105 Millimetern. Auf 500 Meter erreichte er bis zu 120 Millimeter. Die Frontpanzerung betrug 45 Millimeter unter 60 Grad, also rund 90 effektive Millimeter.

Die Seitenpanzerung betrug 45 Millimeter senkrecht. Die Höchstgeschwindigkeit auf der Straße lag bei 55 Kilometern pro Stunde. Die IS-2 trug eine 122-mm-Kanone D-25T, die einen Tiger auf 1000 Meter durchschlagen konnte.

Sie gab jedoch nur etwa zwei Schuss pro Minute ab. Auf dem Papier hatte Carius gegen 38 Panzer keine Chance. Carius drückte das Mikrofon der Bordverständigung. "Kerscher, stehst du?"

Drei Sekunden Stille, dann kam die Antwort: "Stehe." Mehr Worte fielen nicht. Carius hatte drei Möglichkeiten. Erstens der Rückzug nach Malinava, Anschluss an die Hauptkampflinie und Meldung an das Bataillon.

Das war das Lehrbuch. Zweitens ein Funkruf an die Stukaverbindung in Düna und das Halten der Stellung bis zum Eintreffen der Luftunterstützung. Auch das war Lehrbuch.

Drittens der Vorstoß. Zwei Tiger gegen sowjetische Panzer frontal aus dem Nebel heraus in die Marschkolonne hinein, bevor die Russen die Türme drehen konnten. Kein Lehrbuch der Welt schrieb das vor.

Carius wählte den dritten Weg. Die Marschkolonne hatte einen Schwachpunkt. Die zwei IS-2 an der Spitze fuhren mit geschlossenen Luken. Die T34 dahinter in zweiter und dritter Reihe fuhren mit offenen Turmluken.

Die Kommandanten saßen halb herausgelehnt im Nebel ohne Sicht. Im Nebel war Geschwindigkeit der Reaktion alles. Wer zuerst sah, traf zuerst. Wer zuerst traf, lebte.

Carius schloss für genau drei Sekunden die Augen. Dann öffnete er sie wieder. Um 5:53 Uhr setzten sich beide Tiger in Bewegung. Carius befahl Schweikert, im zweiten Gang kaum sechs Kilometer pro Stunde an der Erlenreihe entlang nach Nordosten zu rollen.

Sie fuhren parallel zur sowjetischen Marschstraße, gedeckt durch den Nebel und durch eine flache Bodenwelle, die kaum einen Meter über das Moor hinausragte. Kerscher folgte in 50 Metern Abstand.

Der Plan war einfach und brutal. Aus dem Nebel kommen, die Spitze der Kolonne aufhalten, dann nach hinten arbeiten, bevor die Türme drehen konnten. Die Marschkolonne war 600 Meter lang.

Die Zykluszeit eines T34-85 zum Zielwechsel um 90 Grad betrug rund 12 Sekunden bei eingespieltem Richtschützen. Im Nebel und ohne klare Sicht dauerte es länger. Carius rechnete mit acht bis neun Sekunden Vorsprung pro Schuss.

Um 6:02 Uhr standen beide Tiger auf 150 Meter an die Straße heran. Die erste IS-2 schob sich aus dem Dunst, breit und niedrig, mit dem charakteristischen langen Rohr, das bereits leicht nach rechts wies, weg von Carius.

Köstler hatte das Fadenkreuz bereits auf der Wannenflanke. Die Entfernung betrug 130 Meter. Die Frontpanzerung der IS-2 betrug 120 Millimeter unter 60 Grad, fast 220 effektive Millimeter am Limit der KwK 36.

Die Seitenpanzerung dagegen lag bei 90 Millimetern, nahezu senkrecht. Auf 130 Meter bedeutete das einen sicheren Durchschlag. Carius sagte nur: "Feuer."

Der erste Schuss traf die rechte Kettenpartie und ging durch die Wanne unterhalb des Turmrings. Die IS-2 stand sofort, ohne Rauch, ohne Feuer, nur ein Ruck und Stille. Zwetti hatte die nächste Panzergranate bereits im Verschluss.

Die Zykluszeit des Tiger 1 unter geübter Mannschaft betrug sechs bis acht Sekunden. Köstler drehte das Räderhandrad nach rechts. Die zweite IS-2 versuchte gerade, ihren Turm zu schwenken.

Carius sah, wie das Rohr sich um etwa 10 Grad bewegt hatte. Der zweite Schuss schlug in die Turmflanke, dort wo die Panzerung auf etwa 90 Millimeter abfiel. Detonation im Inneren. Schwarze Wolke aus der Luke.

16 Sekunden, zwei Treffer, zwei Schwerstpanzer ausgeschaltet. Es waren noch 36. Kerschers Tiger 213 nahm zur gleichen Zeit den dritten Wagen, einen T34-85 in zweiter Reihe, von schräg links.

Ein Schuss in die Turmwurzel. Der Wagen blieb stehen, der Kommandant fiel halb aus der Luke und blieb dort hängen. In der Marschkolonne entstand das, was Carius später in seinem Bericht die Sekunde der Verwirrung nannte.

Drei Wagen brannten oder standen. Die übrigen wussten nicht, woher das Feuer kam. Der Nebel verschluckte die Mündungsblitze nach drei Sekunden und ließ den Schall um die Erlenreihe wandern.

Bis 6:14 Uhr hatte Carius vier weitere T34 ausgeschaltet, Kerscher drei. Zehn von 38 Panzern waren ausgeschaltet. Tiger 217 hatte noch 22 Panzergranaten. Die Rohrtemperatur stieg messbar.

Das 8,8-cm-Rohr vertrug Dauerfeuer in dieser Frequenz nicht unbegrenzt. Nach etwa 20 Schuss in schneller Folge musste der Richtschütze mit Streuung rechnen. Köstler meldete trocken: "Rohr warm."

Carius nickte ohne zu antworten. Dann kam der erste Bruch. Um 6:17 Uhr versuchte Schweikert, den Tiger fünf Meter nach vorn zu setzen, um eine bessere Schusslinie auf die hintere Hälfte der Kolonne zu bekommen.

Die linke Kette fasste nicht. Der Boden, der Sekunden zuvor die 57 Tonnen getragen hatte, gab nach. Die linke Wanne sank um knapp 30 Zentimeter ein. Der Wagen stand schräg.

Der Turmantrieb konnte den Schwenk nach rechts nicht mehr in voller Geschwindigkeit ausführen, weil das Lager unter Last zog. Tiger 217 saß im Sumpf. Carius hatte drei Möglichkeiten.

Erstens Schweikert versuchen lassen, mit voller Drehzahl rückwärts herauszufahren, was die Kette mit hoher Wahrscheinlichkeit absprengen würde. Das Lehrbuch der Bergung sagte: nicht tun.

Zweitens ein Funkruf an Kerscher, Bergung mit Schleppseil, was mindestens Minuten dauerte und Tiger 213 als feuernden Faktor neutralisierte. Das war das Lehrbuch. Drittens stehen bleiben und den festsitzenden Tiger als feste Geschützstellung benutzen.

Im weichen Boden, halb versunken, schräg mit eingeschränktem Turmschwenk, aber mit freiem Schussfeld auf die Mitte und das hintere Drittel der Kolonne, im Moor versteckt und kaum sichtbar im Nebel. Carius wählte den dritten Weg.

Er befahl Schweikert, den Motor auf Standgas zu drosseln. Der Tiger schwieg, nur das Knacken des abkühlenden Auspuffs blieb. Köstler richtete von Hand mit dem Räderhandrad vier Umdrehungen für ein Grad.

Zwetti legte die nächste Panzergranate an. Carius hob die Optik. Die Kolonne hatte begonnen, sich aufzufächern. Sechs T34 fuhren von der Straße nach links Richtung Erlenreihe.

Sieben weitere fuhren nach rechts in das offene Feld. Der Rest blieb stehen. Die Sowjets hatten verstanden, dass irgendwo links der Straße Feuer aus dem Nebel kam, aber nicht wo genau und nicht wie viele.

Im Funk: "Kerscher, wir sitzen." Drei Sekunden. "Verstanden?" Die nächsten drei Tage würden sie diesen Sumpf nicht mehr verlassen. Um 6:30 Uhr hatten sich die sechs T34, die nach links abgebogen waren, im Schilf verloren.

Carius sah ihre Auspuffrauchsäulen über dem Nebel. Drei dünne, gerade Fahnen, die sich mit der Geschwindigkeit der Wagen bewegten. Er las die Geschwindigkeit aus dem Versatz der Rauchspur, rund acht Kilometer pro Stunde.

In zwei Minuten würden sie die Erlenreihe von hinten erreichen und Tiger 217 von der Flanke ansehen, dort wo die Seitenpanzerung 80 Millimeter maß und die 85-mm-Granate auf 400 Meter sicher durchschlug. Kerscher hatte aus seiner Position 200 Meter rechts daneben freie Sicht in das Schilf.

Carius sprach drei Worte ins Mikrofon: "Sechs links. Deine." Kerscher antwortete nicht. Eine Minute später feuerte Tiger 213 viermal in Abständen von acht Sekunden. Vier Rauchsäulen blieben stehen.

Die übrigen zwei drehten ab, fuhren querfeldein zurück zur Straße, und einer von ihnen verlor beim Wenden die rechte Kette an einer freigespülten Wurzel. Kerscher setzte den fünften Schuss in die Wannenseite. Stillstand.

Der sechste T34 erreichte die Straße und wurde dort von Carius selbst auf 380 Meter getroffen. Schräger Aufschlag, Durchschlag durch die obere Wannenkante hinter dem Fahrer. 16 von 38 Panzern waren ausgeschaltet. Es war 6:44 Uhr.

Dann kam die zweite Komplikation. Zwetti meldete: "Verschluss klemmt." Carius drehte sich um. Der Ladeschütze hatte die nächste Panzergranate halb eingesetzt. Der Keilverschluss hatte bei der Aufnahme verzögert reagiert.

Das Auswurfsystem hatte die leere Hülse nicht vollständig herausgeschleudert. Eine Hülse stand quer im Verschlussraum. Die Zykluszeit der manuellen Klärung betrug in Friedenszeiten zwei Minuten. Im Gefecht mit kaltem Schweiß im Nacken deutlich mehr.

Carius rechnete mit drei Minuten. In drei Minuten würde sich die Lage draußen verändern. "Mach mehr", sagte er nicht. Zwetti arbeitete mit dem Schraubenzieher und dem Holzhammer. Köstler blieb am Visier.

Das Rohr blieb auf die Straße ausgerichtet, ohne abzufeuern. Carius beobachtete die hintere Hälfte der Kolonne. Dort hatten sieben T34 begonnen, sich nach rechts zu fächern, weiter weg von Tiger 217 in Richtung des freien Feldes.

Sie suchten nicht mehr ihn, sie suchten Kerscher. Und sie hatten Funkverkehr untereinander, denn ihre Bewegungen waren nicht mehr ungeordnet, sondern im Halbkreis. Um 6:48 Uhr rief Kerscher: "Werde umfasst. Drei rechts, vier vor."

Carius hörte in seiner Stimme nichts, weder Anspannung noch Eile, nur die Information. Zwetti sagte: "Frei!" Die Hülse fiel auf den Bodenrost. Die nächste Granate ging in den Verschluss. Vom Klemmen bis zur Schussbereitschaft vergingen zwei Minuten und zwölf Sekunden.

Carius hatte erneut drei Möglichkeiten. Erstens aus dem Sumpf herausziehen, wenn überhaupt möglich, und Kerscher zu Hilfe eilen, mit beschädigter Kette, langsamer Drehung und unzuverlässiger Manövrierfähigkeit.

Das war das Lehrbuch des Kameradschaftsbegriffs. Zweitens bleiben, wo er saß, und Kerscher allein kämpfen lassen. Das war das Lehrbuch der Selbsterhaltung. Drittens bleiben und die Kolonne von der Seite weiter ausschalten.

Jeden Wagen, der diesen Sektor querte, ohne Rücksicht auf Munitionsverbrauch, um die sowjetische Aufmerksamkeit zu zwingen, sich zu teilen. Carius wählte den dritten Weg. Zwischen 6:50 Uhr und 7:11 Uhr feuerte Tiger 217 in unregelmäßigen Abständen 14 Schuss.

Es gab Treffer und drei Fehlschüsse, davon zwei wegen Streuung am heißen Rohr. Köstler korrigierte nach Mündungsblitz und Kettenrauch der vorigen Treffer. Der Munitionsstand betrug noch acht Panzergranaten, dazu 21 Sprenggranaten.

Die Rohrtemperatur lag jenseits dessen, was die Tabelle vorsah. Carius befahl, zwischen jedem Schuss mindestens 15 bis 20 Sekunden zu warten, auch wenn das Ziel sich bewegte. Streuung war wichtiger als Geschwindigkeit, sobald der Lauf zu heiß wurde.

Kerscher hielt seine Seite. Drei T34 brannten vor seiner Stellung, einer 80 Meter, einer 140 Meter, einer 220 Meter entfernt. Er hatte sich jedoch verschossen, was die T34-85 anging, und musste mit Sprenggranaten arbeiten.

Diese waren gegen Panzerziele unzuverlässig, außer bei Treffern in die Turmluke oder in die Lüftungsroste über dem Motor. Um 7:19 Uhr schlug die erste sowjetische 85-mm-Granate auf Carius' Tiger ein.

Aufschlag rechte Wannenfront, Streifschuss, Abprall in die Erlen. Keine Durchschlagswirkung, aber Zwetti, der gerade die nächste Granate aus dem Halter über dem Kettenkasten zog, wurde von einem abgesprengten Stahlsplitter aus der Innenwand des Turmes am rechten Oberarm getroffen.

Der Splitter ging durch den Drillichstoff und blieb im Muskel stecken. Zwetti sagte nur: "Bin getroffen." Er lud weiter mit der linken Hand allein, 30 Sekunden langsamer als zuvor. Carius drehte den Kopf für genau eine Sekunde.

Dann sah er wieder durch das Visier. Es war 7:21 Uhr am ersten Tag. Zwischen 7:21 Uhr und 8:58 Uhr hatte Tiger 217 noch vier Panzergranaten und Tiger 213 keine mehr. In der Marschstraße standen oder brannten sowjetische Panzer.

16 waren noch im Gefecht, davon vier außer Sicht hinter dem Höhenrücken bei Krassneue. Die Sowjets hatten den Druck zurückgenommen, nicht aus Schwäche, sondern aus Methode. Sie warteten auf den Nebel, der sich hob.

Um 9 Uhr würde die Sicht bei 300 Metern liegen, und dann würde der festsitzende Tiger 217 sichtbar sein wie eine Münze auf einem Tisch. Carius befahl einen Funkruf an das Bataillon. Rieger meldete Störung im Empfang, aber freie Sendung.

Carius gab die Lage in vier Sätzen durch: Koordinaten, eigene Verluste keine, Gegnerverluste 22, eigene Lage festgefahren. Das Bataillon sagte eine Bergegruppe zu, frühestens am dritten Tag. Drei Tage.

Die Arithmetik war einfach. Vier Panzergranaten, 21 Sprenggranaten, ein verwundeter Ladeschütze, ein heißes Rohr, ein Tiger, der nicht aus dem Moor herauskonnte, und ringsum 16 T34, die nur warten mussten.

Carius hatte drei Möglichkeiten. Erstens Selbstsprengung des Wagens und Rückzug der Besatzung zu Fuß durch den Sumpf, Aufgabe des Tigers. Das war das Lehrbuch. Zweitens Halten der Stellung, bis die Munition verbraucht und der Wagen genommen oder zerstört war.

Auch das war Lehrbuch. Drittens schweigen. Den Tiger in den nächsten 72 Stunden nicht abfeuern, ihn vollständig im Schilf und im Nebel verschwinden lassen, sich totstellen, bis die Bergegruppe käme. Carius wählte den dritten Weg.

Drei Tage lag Tiger 217 im Sumpf ohne einen weiteren Schuss. Schweikert hielt den Motor abgeschaltet. Zwetti, mit Verband am Arm, schlief schichtweise. Rieger horchte den Funk ab. Köstler blieb am Visier, ohne abzufeuern.

Carius zählte zweimal täglich die sowjetischen Wagen, die an der Straße vorbeifuhren. Am ersten Tag suchten sie. Am zweiten Tag gewöhnten sie sich an die brennenden Wracks ringsum und fuhren ohne Aufklärung vorbei.

Am dritten Tag, am Morgen des 25. Juli, kamen die Bergungsfahrzeuge der Heeresgruppe Nord, zwei Sd.Kfz. mit doppelter Verseilung, gedeckt von zwei weiteren Tigern aus Kerschers Kompanie. Die Bergung dauerte vier Stunden.

Tiger 217 wurde aus dem Moor gezogen, ohne dass die Kette absprang. Schweikert fuhr aus eigener Kraft die letzten 200 Meter zur Straße zurück. Beim Verlassen des Sumpfes feuerte Carius die letzten vier Panzergranaten in die Richtung, aus der die sowjetische Kolonne drei Tage zuvor gekommen war.

Drei Treffer auf einen liegen gebliebenen, aber noch nicht ausgebrannten T34. Der vierte Schuss ging ins Leere. Der 21. Sprengschuss zerstörte das eigene Geschützrohr nicht. Köstler meldete trocken: "Rohr hält." Mehr sagte er nicht.

Im Bericht des Kompanieschefs hieß es später in der trockenen Sprache des Wehrmachtsformulars: Hauptmann Carius hat mit zwei Tigern in der Zeit vom 22. bis 25. Juli 1944 bei Malinava eine Marschkolonne von 38 sowjetischen Panzern zum Stehen gebracht und 22 davon durch eigenes Feuer außer Gefecht gesetzt.

Eigene Verluste: ein Verwundeter. Eigener Materialverlust: keiner. Carius erhielt für diesen und weitere Einsätze das Eichenlaub zum Ritterkreuz, verliehen am 27. Juli 1944. Kerscher erhielt das Ritterkreuz kurz darauf.

Zwettis Splitter wurde im Feldlazarett von Düna entfernt. Er kehrte nach drei Wochen zur Einheit zurück. Otto Carius überlebte den Krieg. Er wurde im März 1945 schwer verwundet, geriet in amerikanische Gefangenschaft und kehrte 1946 nach Zwei Brücken zurück.

Er wurde, was er vor dem Krieg hatte werden wollen: Apotheker. Ab 1956 führte er die Tigerapotheke in Herschweiler-Pettersheim, ein einstöckiges Haus an der Hauptstraße. Er sprach selten über Malinava.

Wenn Kunden ihn fragten, antwortete er meist mit einem Satz und wechselte das Thema. Er starb am 24. Januar 2015 im Alter von 94 Jahren. Albert Kerscher kehrte in den Bayerischen Wald zurück und wurde wieder Forstgehilfe, später Förster.

Auch er sprach nicht über den Sumpf. Auf dem Papier war Malinava unmöglich. Auf dem Papier hätte die Marschkolonne in dreißig Minuten an der Erlenreihe vorbei sein müssen. In der Wirklichkeit dauerte es drei Tage, und sie kam nicht vorbei.

Es war keine Strategie, es war Arithmetik. Sechs Sekunden Zykluszeit, 130 Meter, 80 Millimeter Seitenpanzerung, vier Panzergranaten, drei Tage Schweigen. Der Tiger ohne Carius war 55 Tonnen Stahl und Kupfer. Mit ihm war er etwas anderes.

Nicht das Geschütz hatte entschieden und nicht der Nebel. Entschieden hatte ein Apothekerlehrling aus Zwei Brücken, der vor dem ersten Schuss zum dritten Mal das Zielfernrohr putzte, weil ihm die Hände sonst zu ruhig gewesen wären.