PAUL CELAN: DER DICHTER, DER SEINE FRAU MIT DEM MESSER ANGRIFF — WAS TRIEB IHN IN DEN WAHNSINN?

PAUL CELAN: DER DICHTER, DER SEINE FRAU MIT DEM MESSER ANGRIFF — WAS TRIEB IHN IN DEN WAHNSINN?

Er übersetzte die Dichter seiner Feinde. Er liebte eine Frau, deren Vater in der NSDAP gewesen war. Er griff seine eigene Frau mit einem Messer an und verletzte sich dabei selbst. Am Ende wählte er die Seine.

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Paul Celan schrieb in der Sprache seiner Mörder die erschütterndsten Gedichte des 20. Jahrhunderts – und zerbrach an genau dieser Sprache. Geboren wurde er am 23. November 1920 in Czernowitz, einer Stadt, die man einst das kleine Wien des Ostens nannte.

Die Stadt lag am Pruth in den sanften Hügeln der Bukowina, geprägt von habsburgischem Erbe. In den Kaffeehäusern saßen Intellektuelle, in den Theatern spielte man Schiller und Goethe, auf den Straßen hörte man vier Sprachen: Deutsch, Rumänisch, Ukrainisch und Jiddisch. Juden machten fast die Hälfte der Bevölkerung aus, viele von ihnen sprachen Deutsch aus Überzeugung – als Sprache der Kultur, der Philosophie und der Dichtung. Sein Vater Leo Antschel war ein strenger Zionist, der darauf bestand, dass sein Sohn Hebräisch lernte.

Seine Mutter Friederike, von allen Fritzi genannt, war besessen von deutscher Literatur und las dem Jungen schon früh Rilke, Goethe und Schiller vor. Zwischen den Eltern tobte ein stiller Kampf um die Seele des Kindes. Die Mutter sagte: Deutsch ist die Sprache der Dichter. Der Vater antwortete: Deutsch ist die Sprache der Feinde.

Paul wuchs in dieser zerrissenen Welt auf, als stilles, vorzeitig weises Kind mit einer außergewöhnlichen Begabung für Sprachen. Als Jugendlicher interessierte er sich für Politik, ergriff im Spanischen Bürgerkrieg Partei für die Republikaner, las Marx und Trotsky – und begann selbst Gedichte zu schreiben. Die Welt um ihn herum verdunkelte sich, doch Czernowitz schien weit weg von Hitler und dem Krieg. Nach dem Abitur 1939 reiste Paul zum Medizinstudium nach Tours in Frankreich.

Als die deutschen Truppen Paris überrollten, musste er zurückkehren. Im Sommer 1940 kam er nach Czernowitz zurück, aber die Stadt, die er verlassen hatte, existierte nicht mehr. Die Sowjets hatten die Bukowina besetzt. Im Juni 1941 erreichten deutsche und rumänische Truppen die Stadt – für die jüdischen Bewohner begann die Hölle: Gelber Stern, Ghetto, Hunger, Krankheit, Angst.

Im Juni 1942 kamen die Deportationen. Paul war nicht zu Hause, als die Häscher an die Tür klopften – wo genau er war, darüber schweigen die Quellen. Seine Eltern Leo und Friederike Antschel wurden abgeholt, in Viehwaggons gepfercht und nach Transnistrien transportiert. Der Vater starb im selben Herbst an Typhus.

Die Mutter musste Zwangsarbeit leisten, Steine schleppen. Im Winter, als sie zu schwach zum Arbeiten war, erschoss man sie mit einem Genickschuss. Paul wurde selbst deportiert, allerdings in ein rumänisches Arbeitslager, nicht in ein Vernichtungslager. Von 1942 bis 1944 schuftete er beim Straßenbau, schleppte Steine wie seine Mutter, fror, hungerte und überlebte.

Nachts schrieb er auf Papierfetzen Gedichte – in diesen Jahren entstanden die ersten Zeilen dessen, was später die Todesfuge werden sollte, mit dem Satz, der sich ins Gedächtnis der deutschen Sprache brennen sollte: der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Im Frühjahr 1944 wurde das Lager aufgelöst. Paul kehrte nach Czernowitz zurück, doch die Stadt war ein Geisterort. 1945 ging er nach Bukarest, wo er als Übersetzer und Redakteur arbeitete.

Dort erfand er sich neu: Aus Paul Antschel wurde zunächst Ancel, dann durch Umschichtung der Buchstaben ein Anagramm: Celan. Ein Name, der rumänisch klang, seine Wurzeln verbarg und sie für jeden, der genau hinsah, zugleich offenbarte. In Bukarest übersetzte er Kafka ins Rumänische, verkehrte mit Surrealisten und veröffentlichte die Todesfuge erstmals in rumänischer Übersetzung – kaum jemand nahm Notiz. Es gab eine Liebesbeziehung mit Ruth Lackner, einer Jugendfreundin aus Czernowitz.

Sie sprachen davon, gemeinsam nach Palästina auszuwandern, doch Ruth ging allein nach Israel. Sie sollten sich nie wiedersehen. 1947 wurde Rumänien endgültig kommunistisch. Celan floh über die Grenze – mit Schleppern, an Kontrollposten vorbei, einmal lag er im Gebüsch, als Grenzposten vorbeigingen.

Im Dezember 1947 erreichte er Wien. Die Stadt lag in Trümmern, ehemalige Nazis saßen neben Überlebenden in den Kaffeehäusern, niemand sprach über die Vergangenheit. Für einen jüdischen Flüchtling aus dem Osten war Wien ein feindlicher Ort. Im Frühjahr 1948 lernte er Ingeborg Bachmann kennen.

Sie war 21, Philosophiestudentin, angehende Dichterin aus Klagenfurt – die Tochter eines Lehrers, der Mitglied der NSDAP gewesen war. Zwei Menschen, die dieselbe Sprache sprachen und doch aus verschiedenen Universen kamen. Die Beziehung war leidenschaftlich, verzweifelt und zum Scheitern verurteilt. Einmal sprach er über ihren Vater, sie unterbrach ihn: „Dein Vater“ – „Bin nicht ich.

“ Mehr konnte nicht gesagt werden. Im Sommer 1948 verließ Celan Wien und ging nach Paris. Ingeborg blieb zurück. Ihre Liebe zu Max Frisch scheiterte ebenfalls, sie starb 1973 an den Folgen eines Feuers in ihrer römischen Wohnung, unter Medikamenteneinfluss.

Die Korrespondenz zwischen Celan und Bachmann, voller Liebe und Vorwürfe, voller Sehnsucht und Bitterkeit, dauerte jahrzehntelang an. Paris empfing Celan mit Gleichgültigkeit. Ein staatenloser jüdischer Dichter aus dem Osten interessierte niemanden. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten, übersetzte, gab Deutschunterricht – und schrieb.

1948 erschien die Todesfuge erstmals auf Deutsch. Die Reaktion war begrenzt, aber sie war da. Schwarze Milch der Frühe, wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts. Manche bewunderten das Gedicht, andere waren verstört und fragten, ob man Entsetzen so ästhetisieren dürfe.

Bei einer Einladung zur Gruppe 47, dem wichtigsten Forum der deutschen Nachkriegsliteratur, las Celan vor deutschen Schriftstellern – mit seiner monotonen, fast singenden Stimme. Das Publikum reagierte reserviert, der Ton war ihnen fremd, der Inhalt zu nah. Am Ende gab es höflichen Applaus, dann Schweigen. Ingeborg Bachmann gewann den Preis, Celan ging leer aus.

Später sagte er: „Nach der Lesung erinnerten sich nur sechs an meinen Namen. “

Im selben Jahr lernte er Gisèle de Lestrange kennen, eine französische Aristokratin und Grafikerin aus katholisch-konservativem Haus. Ihre Familie war entsetzt über den mittellosen jüdischen Flüchtling, aber Gisèle war eigensinnig. Im Dezember 1952 heirateten sie.

1953 kam ein Sohn zur Welt, François, der wenige Tage nach der Geburt starb. 1955 wurde der zweite Sohn Eric geboren, der überlebte. Gisèle hielt die Familie zusammen, während ihr Mann in innere Abgründe starrte, ertrug seine Stimmungsschwankungen und seine Paranoia. Der Angriff kam von außen – mit Worten.

Claire Goll, Witwe des deutsch-französischen Surrealisten Yvan Goll, den Celan übersetzt und bewundert hatte, begann das Gerücht zu verbreiten, Celan habe ihren Mann plagiiert. Die Todesfuge sei keine Originalarbeit, sondern eine Kopie. Die Anschuldigungen waren absurd, jeder, der beide Dichter kannte, wusste das. Doch Claire Goll war hartnäckig: Sie schrieb Briefe an Kritiker, Verleger und Zeitungen.

1960 platzte die Bombe – Celan las seinen Namen neben dem Wort Plagiat in einer deutschen Zeitung. Die deutschen Medien griffen die Geschichte auf. Für Celan war das mehr als eine literarische Auseinandersetzung: Er sah eine Verschwörung, Antisemitismus, eine Fortsetzung dessen, was seine Eltern getötet hatte, nur mit anderen Mitteln. Die meisten Forscher halten die Vorwürfe heute für unbegründet – das Motiv sei Eifersucht gewesen.

Doch der Schaden war angerichtet. Celan brach Freundschaften ab, sah überall Feinde, schrieb Anschuldigungsschreiben, führte Listen über angebliche Verfolger. Die Paranoia wuchs wie ein Tumor. In diesen Jahren fand Celan Halt in einer Freundschaft mit Nelly Sachs, der deutsch-jüdischen Dichterin im Exil in Stockholm, mit der er sich 1960 in Zürich zum ersten und einzigen Mal traf – zwei Überlebende, die wussten, was es bedeutete, die Toten mit sich zu tragen.

Sachs litt selbst unter Angstzuständen und erhielt 1966 den Nobelpreis für Literatur. Hinter der Fassade des Erfolgs lauerte etwas anderes. Die Schatten aus den Lagerjahren wurden länger. Schlaflosigkeit, Angstzustände, das Gefühl, beobachtet zu werden.

Die Ärzte sprachen von Depression, Verfolgungswahn, psychotischen Episoden. Ab Anfang der sechziger Jahre begannen die Krankenhausaufenthalte – zuerst kurz, dann länger. Die Psychiatrie jener Zeit wusste wenig von Sanftheit: Medikamente, Elektroschocks, Isolationszimmer. Celan hasste die Kliniken, fühlte sich eingesperrt wie im Lager, kehrte aber immer wieder zurück.

In den Phasen dazwischen schrieb er weiter – die Gedichte wurden fragmentarischer, die Sprache brach unter der Last dessen, was sie sagen musste. 1967 erschien „Atemwende“, 1968 „Fadensonnen“. Dann kam die Gewalt. Zunächst nur Worte, scharfe Worte.

Doch eines Nachts stand Celan in der Küche, etwas Metallisches blitzte in seiner Hand. Gisèle trat zurück und rief: „Paul, ich bin es. “ Er schien sie nicht zu hören, seine Augen waren leer. Was genau in dieser Nacht geschah, ist nicht vollständig überliefert.

Gisèle entkam unverletzt, aber das Vertrauen begann zu zerbrechen. Zwischen 1965 und 1967 gab es mindestens zwei dokumentierte Angriffe. Bei einem verletzte Celan nicht seine Frau, sondern sich selbst – das Messer durchbohrte seine Lunge, er überlebte knapp. Gisèle traf eine Entscheidung: Sie nahm Eric und verließ die gemeinsame Wohnung.

Es war keine Scheidung, kein endgültiger Abschied, sondern ein Rückzug, um das Kind zu schützen. Sie liebte ihn weiterhin – das war die Tragödie. Die Korrespondenz ging weiter, Briefe voller Schmerz und Sehnsucht, Gedichte voller Schuld und Liebe. 1967 besuchte Celan Martin Heidegger in dessen Hütte im Schwarzwald in Todtnauberg.

Heidegger hatte sich 1933 zum Nationalsozialismus bekannt, Hitler gelobt, jüdische Kollegen verraten – und nach dem Krieg geschwiegen, ohne ein Wort der Reue. Celan bewunderte Heideggers Philosophie auf widersprüchliche Weise. Was bei dem Treffen gesagt wurde, weiß niemand genau. Es gibt nur das Gedicht „Todtnauberg“, in dem von einer Hoffnung auf ein kommendes, denkendes Wort die Rede ist.

Celan hatte gehofft, Heidegger würde etwas sagen – ein Wort über die Toten. Heidegger schwieg, wie er immer geschwiegen hatte. Im Herbst 1969 reiste Celan zum ersten und einzigen Mal nach Israel. Er besuchte Jerusalem, die Klagemauer, Yad Vashem, traf Verwandte und Überlebende aus Czernowitz.

Er begegnete auch Ilana Shmueli, einer Jugendfreundin aus Czernowitz, die in Jerusalem lebte; die veröffentlichten Briefe deuten auf mehr als Freundschaft hin. „Ich könnte hier bleiben“, sagte er einmal zu ihr. „Warum tust du es nicht? “, fragte sie.

Er antwortete nicht. Bei einer Lesung in Jerusalem brach er zusammen, die Worte versagten ihm. Im Dezember 1969 flog er zurück nach Paris. Sechs Monate später war er tot.

In den letzten Monaten zog er sich in seine Wohnung zurück wie in eine Höhle, arbeitete mechanisch an der École Normale Supérieure, wirkte abwesend. Die letzten Gedichte sind kurz, manchmal nur wenige Zeilen. In der Nacht vom 19. auf den 20.

April 1970 verließ er seine Wohnung und ging zur Seine. Welche Brücke es war, ist nicht sicher – manche sagen die Pont Mirabeau, die Guillaume Apollinaire in seinem berühmten Gedicht besungen hatte. Celan sprang oder ließ sich fallen. Seine Leiche wurde erst am 1.

Mai von Fischern aus dem Fluss gezogen, flussabwärts. Die Identifizierung: Paul Celan, 49 Jahre alt, staatenlos, Beruf: Schriftsteller. Das Begräbnis fand auf dem Friedhof von Thiais am Rand von Paris statt. Es kamen wenige: Gisèle, Eric, Freunde, Menschen, die seine Gedichte liebten.

Kein Rabbiner sprach, keine Psalmen wurden gesungen. Die Nachrufe erschienen und priesen Celan als bedeutendsten deutschsprachigen Dichter seit Rilke. Die Frage nach der Schuld wurde aufgeworfen: Wer hatte ihn in den Tod getrieben? Claire Goll mit ihrer Kampagne?

Die deutschen Kritiker? Die Psychiater, die ihn nicht heilen konnten? Die Antwort ist: niemand und jeder. Die Antwort ist das Trauma, das nie heilte.

Ingeborg Bachmann erfuhr es in Rom und brach zusammen. Drei Jahre später starb sie selbst, nach einem Brand in ihrer römischen Wohnung. Gisèle Celan-Lestrange überlebte Paul um 21 Jahre. Sie widmete ihr Leben seinem Nachlass, ordnete seine Papiere, gab seine Briefe heraus, korrigierte Missverständnisse.

Sie heiratete nie wieder. 1991 starb sie und wurde neben Paul in Thiais beigesetzt. Eric führte ein ruhiges Leben abseits der Öffentlichkeit, verwaltete das Erbe und sagte in einem seltenen Interview: „Mein Vater war ein Genie, aber er war auch ein kranker Mann. Beides gehört zusammen.

“

Die Frage, die über allem hängt, ist die Frage nach der Sprache. Kann man in der Sprache der Mörder Gedichte schreiben? Theodor Adorno hatte geschrieben, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben – er meinte nicht, dass Dichtung verboten sei, sondern dass sie nie wieder unschuldig sein könne. Celan wusste das, er trug diese Last in jedem Vers.

In einem Brief schrieb er: „Erreichbar, nah und unverloren, blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren. “ Trotz allem. Seine Gedichte sind Zeugnisse dieses Trotzdem: Wir waren fast vernichtet, aber wir sind noch da.

Unsere Worte sind noch da. Unsere Erinnerung ist noch da. Die Ironie der Geschichte ist bitter: Die Sprache, in der Celans Familie ermordet wurde, wurde zum Medium seiner Unsterblichkeit. Die Kinder der Täter lernen seine Verse auswendig.

Die Nation, die seine Familie zerstörte, ehrt ihn mit Straßennamen und Gedenktafeln. Manche sehen darin eine späte Gerechtigkeit, andere eine Form der Aneignung – Celan als Alibi für ein gutes Gewissen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen. In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben und der Antisemitismus in neuen Formen zurückkehrt, sind seine Gedichte eine Warnung: Erinnerung an den Tod als Meister aus Deutschland, eine Narbe in der deutschen Sprache, die nie ganz verheilen wird.

In einem späten Gedicht schrieb Celan: „Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen. “ Die Verse sind rätselhaft, aber vielleicht meint er damit: Dichtung geht weiter, auch wenn die Menschen schweigen, Worte überleben, auch wenn die Dichter sterben. Seine Gedichte werden gelesen, analysiert und interpretiert, sie sind Teil des Kanons. Sie bleiben fremd, geben ihr Geheimnis nicht preis – das ist vielleicht das höchste Lob für einen Dichter.

Er schrieb für seine Mutter, die nicht mehr lesen konnte, für seinen Vater, der ihn nie verstanden hätte, für die Millionen Toten, damit sie nicht vergessen werden. Auf dem Haus in Czernowitz, in dem Paul Celan geboren wurde, hängt heute eine Gedenktafel. Sie nennt seinen Namen, die Daten von Geburt und Tod, und bezeichnet ihn als großen deutschsprachigen Dichter. Die Passanten gehen vorbei, ohne aufzublicken.

Auf dem Friedhof von Thiais liegen zwei schlichte Steine nebeneinander, die Namen Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange, keine Verse, keine Titel, nur der Name. Das Schweigen, das folgt, spricht für sich.