Fast drei Monate war es her, seit meine geliebte Frau Ingrid ihren qualvollen Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Drei Monate, in denen ich jeden Tag damit verbracht hatte, ihr Bild in meinem Kopf zu bewahren, ihre Stimme, ihr Lachen. Drei Monate, in denen ich dachte, der Schmerz sei das Schlimmste, was mir je widerfahren war. Dann rief Dr.

Matthias Brenner an, unser Familienanwalt seit über zwanzig Jahren, und ich wusste binnen Sekunden, dass ich mich geirrt hatte. Der Schmerz war erst der Anfang. „Friedrich“, sagte er, und seine Stimme zitterte auf eine Art, die ich noch nie an ihm gehört hatte. „Ich habe etwas Entsetzliches über Ihre Tochter Sabrina herausgefunden.
Sie müssen sofort in meine Kanzlei kommen. Bringen Sie niemanden mit. Es geht um Leben und Tod. “
Ich saß noch eine ganze Weile mit dem Hörer in der Hand da, starrte auf die Wand gegenüber.
Brenner war ein ruhiger Mann, ein Fels in der Brandung, ein Jurist, der in den härtesten Verhandlungen dieser Stadt nie die Fassung verlor. Dass er so klang, als hätte er einen Geist gesehen, machte mir mehr Angst als jedes Urteil, das ich je gefürchtet hatte. Ich bin Friedrich Kimmich, 68 Jahre alt, pensionierter Maschinenbauingenieur. Ich lebe in einer kleinen Stadt bei München, in dem Haus, das ich mit meinen eigenen Händen mit aufgebaut habe, in dem ich mit Ingrid und später mit unserer Tochter Sabrina 42 Jahre lang gelebt habe.
Ingrid war meine große Liebe gewesen, vom ersten Moment an, als wäre sie mir vom Schicksal geschenkt worden. Sie war eine wunderbare Mutter, eine hingebungsvolle Ehefrau und meine beste Freundin. Selbst während der Chemotherapie, während der endlosen Nächte im Krankenhaus, behielt sie ihren Mut. Sie lächelte immer wieder, wenn ich sie besuchte.
Sie machte Pläne für die Zeit danach. Sie wollte unbedingt leben. Sabrina, unsere Tochter, ist 35 und arbeitet als Krankenschwester im Münchner Klinikum. Sie stellte sich selbst als fürsorgliche, liebevolle Tochter dar, die ihren Beruf aus Berufung gewählt hatte, angetrieben von Mitgefühl für Kranke und Sterbende.
Ich hatte nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln. Sie war als Kind manchmal schwierig gewesen, fordernd, immer auf ihren Vorteil bedacht. Aber sie war mein Kind. Ich liebte sie.
Ich vertraute ihr. Eine Stunde später saß ich in Brenners Kanzlei, einem alten, würdevollen Büro mit dunklen Holzregalen, gefüllt mit Rechtsbüchern und Aktenordnern, die mich sonst immer beruhigt hatten. Heute wirkten sie bedrohlich, als würden sie mich anstarren. Brenner schloss die Tür sorgfältig, zog sogar die schweren Vorhänge zu, als wolle er sich vor unsichtbaren Ohren schützen.
Dann setzte er sich mir gegenüber und legte einen kleinen, ledergebundenen Notizblock auf den Tisch. Seine Hände zitterten leicht. „Friedrich“, sagte er, und seine Stimme war belegt. „Eine Pflegerin hat das vor zwei Tagen unter Ingrids Matratze im Krankenhaus gefunden.
Sie hat es mir gebracht, weil sie wusste, dass ich euer Anwalt bin. Friedrich, Sie müssen sich auf das Schlimmste gefasst machen. “
Mit zitternden Fingern zog ich das Notizbuch zu mir heran. Es war klein, unauffällig, aber sobald ich es aufschlug, erkannte ich sofort Ingrids Handschrift.
Diese eleganten, leicht nach rechts geneigten Buchstaben, die ich mein ganzes Erwachsenenleben hindurch auf Einkaufszetteln, Geburtstagskarten und Liebesbriefen gesehen hatte. Die ersten Seiten enthielten Einträge über ihre Krankheit, ihre Behandlung, ihre Schmerzen. Über ihre Hoffnung. Über ihren unerschütterlichen Willen zu überleben.
Dann blätterte ich weiter, und mein Blut begann zu gefrieren. Die Handschrift wurde zittriger, die Worte drängten sich dichter zusammen, als hätte sie vor Angst kaum noch schreiben können. Ich las, und jeder Satz war wie ein Messer, das sich in mein Herz bohrte. „15.
Dezember. Sabrina war heute wieder da. Sie redet dauernd davon, dass ich leiden würde, dass es besser wäre, aufzugeben. Aber ich will leben.
Ich will kämpfen. Der neue Arzt sagt, es gibt noch Hoffnung. Warum versteht sie das nicht? “
Ich schaute auf.
„Ich verstehe nicht“, flüsterte ich. „Sabrina hat mir gesagt, Ingrid hätte aufgegeben. Dass sie nicht mehr wollte. “
Brenner schüttelte langsam den Kopf.
„Lesen Sie weiter, Friedrich. “
„18. Dezember. Sabrina hat heute mit den Ärzten geredet.
Sie hat ihnen erzählt, ich hätte um Sterbehilfe gebeten. Das ist eine Lüge. Ich habe so etwas nie gesagt. Ich kann kaum noch sprechen, aber ich will leben.
Sie wollen mich zu einem Geständnis drängen, aber ich habe nichts gestanden. “
Meine Hände zitterten so stark, dass ich das Notizbuch fast fallen ließ. „20. Dezember.
Ich habe Angst vor meiner eigenen Tochter. Sie bringt ständig Papiere mit, die ich unterschreiben soll. Sie sagt, es wären Einwilligungen für weitere Behandlungen, aber ich weiß es besser. Sie will über mein Erbe verfügen.
Als ich mich weigere, wird sie wütend. Heute hat sie mir ins Gesicht gesagt: ‚Mama, du bist eine Belastung für alle. ‘ Wie kann sie nur so grausam sein? “
Ich schlug die Seite um, meine Augen waren wie benebelt.
„22. Dezember. Ich habe heute mit angehört, wie Sabrina mit Dr. Weber gesprochen hat.
Sie hat meine Stimme imitiert. Sie hat ihm gesagt, ich hätte ihr gesagt, ich kann nicht mehr, ich will gehen. Aber das sind nicht meine Worte. Sie macht mich mundtot und spricht für mich, wenn ich es nicht mehr verhindern kann.
Niemand hört meine echte Stimme. “
Der letzte Eintrag war vom 23. Dezember, einem Tag vor Ingrids Tod. „23.
Dezember. Ich bin so schwach. Sabrina hat heute Nacht versucht, meine Hand zu führen, um eine Unterschrift zu fälschen. Ich habe mich gewehrt, so gut ich konnte.
Sie ist ausgerastet. ‚Du ruinierst alles‘, hat sie geschrieben, weil ich ihr nicht antworten konnte. ‚Das Erbe, die Versicherung, alles. Du musst endlich sterben.
‘ Mein eigenes Kind will meinen Tod. Wenn jemand das findet, bitte helft mir. Ich will leben. “
Ich klappte das Notizbuch zu.
In meinem Kopf rauschte es, als stünde ich an einem Abgrund. Meine Kehle schnürte sich zu, meine Augen brannten. Tränen wollten herausbrechen, aber ich weigerte mich, sie zuzulassen. Nicht hier.
Nicht vor ihm. „Sie hat sie ermordet“, brachte ich schließlich hervor, meine Stimme ein heiseres Krächzen. „Sabrina hat meine Frau umgebracht. Sie hat den Ärzten eingeredet, Ingrid wollte sterben.
Sie hat sie zu Tode foltern lassen. “
Brenner seufzte tief und schob mir eine dicke Mappe über den Tisch. „Das ist nicht alles, Friedrich. Ich habe weitere Nachforschungen angestellt, weil ich selbst nicht glauben konnte, was ich da in dem Notizbuch gelesen hatte.
Sabrina hat Ingrids Tod nicht nur durch diese Lügen verursacht. Sie hat einen Plan viel akribischer umgesetzt, als wir uns hätten vorstellen können. “
Er öffnete die Mappe. Darin lagen gestapelte Dokumente, E-Mails, Briefe, Notizen.
„Sie hat sich als Ingrid ausgegeben. Sie hat E-Mails in ihrem Namen geschrieben, um den Kontakt zu Ärzten zu übernehmen. Sie hat alle Gespräche koordiniert, alle Termine abgestimmt. Sie hat den Ärzten gesagt, ihre Mutter hätte einen Brief hinterlassen, in dem sie sich von der Sterbehilfe verabschiedet, einen Abschiedsbrief, den es nie gegeben hat.
Sie hat so getan, als würde Ingrids letzter Wunsch nach Erlösung an sie weitergegeben, bis die Ärzte endlich nachgegeben haben. “
Ich schüttelte den Kopf in ungläubigem Entsetzen. „Warum, Matthias? Warum?
“
„Wegen des Geldes, Friedrich. Ingrid hatte eine Lebensversicherung über 400. 000 Euro polizeilich nicht abgeschlossen, nein, das ist falsch. Es waren exakt 400.
000 Euro, die auf Ihren Namen und den von Sabrina ausbezahlt werden sollten. Zusätzlich war das Haus Ihrer Familie weitere 300. 000 Euro wert. Allein, wenn sie es schnell verkauft hätten, wäre das ein Vermögen gewesen.
Und dann war da noch die Sache mit dem Erbe. “
Ich stützte meinen Kopf in die Hände. Alles, was ich über sie geglaubt hatte, zerbröckelte wie Asche. „Es kommt noch schlimmer“, sagte Brenner leise und holte eine CD-Hülle hervor.
„Ich habe Beweise aus Sabrinas Wohnung, die ich über einen privaten Ermittler beschafft habe. Es gibt eine Sprachnachricht, die sie an einen ihrer Komplizen geschickt hat. An einen Mann namens Doreber. “
Brenner legte eine kleine Abspielgerät auf den Tisch und drückte auf Wiedergabe.
Eine kalte, emotionslose Stimme, die mir verblüffend bekannt vorkam, füllte den Raum. Es war Sabrinas Stimme. „Sieh es doch ein, Friedrich ist ein Trottel. Er glaubt wirklich, ihre Krankheit hätte sie schwach gemacht und wir hätten bloß Mitleid gehabt.
Aber wir haben einen Plan, Doreber. Einen Plan, der sicherstellt, dass Sabrina nicht nur für den Mord an Ingrid bezahlt, sondern auch alles, was sie mir angetan hat. Ich meine, was sie angetan hat. Wir werden sie bis zum letzten Pfennig bluten lassen.
Und wenn wir sie erst mal in der Falle haben…“
Die Aufnahme brach ab. Ich starrte Brenner an, verwirrt. „Das ist Sabrina“, sagte ich. „Aber wovon redet sie?
Was sie mir angetan hat? “
Brenner schluckte. „Das ist das Bestürzendste an dieser ganzen Sache, Friedrich. Sabrina hat nicht allein gehandelt.
Sie hatte einen Komplizen. Doreber. Er war ihr Partner in diesem Plan. Sie haben zusammen ein Vermögen aus Ihrem Erbe und Ihrer Versicherung machen wollen, und sie haben sich gegenseitig hineingeredet, dass Sie, dass du, sofort nach Ingrids Tod ebenfalls verschwinden würdest.
“
Mir wurde eiskalt. „Was? Nein. Sabrina würde mich niemals…“
„Friedrich, sie hat deine Frau auf dem Gewissen“, sagte Brenner mit Nachdruck.
„Sie hat sie über Wochen gequält, weil die Ärzte ihre Schmerzmittel reduziert hatten, weil sie glaubten, es wäre Ingrids Wunsch. Sabrina hat die falschen Papiere unterschrieben, um die medizinische Versorgung ihrer Mutter zu manipulieren. Sie hat sogar versucht, Ingrids letzte Hinweise zu fälschen, als sie merkte, dass Ingrid Widerhall fand. Und als die Pflegerin das Tagebuch fand, hast du am selben Tag diesen Anruf von mir bekommen.
Aber sie haben auch einen Mord an mir vorbereitet. “
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. „Aber warum? Was bin ich ihr schuldig?
“
„Eine Viertelmillion Euro aus deiner Versicherung, die seit Jahren für dich und Ingrid angelegt war. Deine Rente, dein Erbe. Alles. Sie und Doreber haben sich auf den Tag gefreut, an dem du stirbst.
Sabrina hat sogar schon ein Flugticket nach Südamerika gekauft, wie der Ermittler in Erfahrung bringen konnte. Sie hatten vor, Sie beide, Ingrid und dich, eines natürlichen oder zumindest plötzlichen Todes sterben zu lassen und sich dann mit dem gesamten Vermögen abzusetzen. “
Ich schüttelte den Kopf, unfähig, die Worte zu fassen. Meine Tochter.
Mein einziges Kind. Sie hatte mich gehasst. Sie hatte meine Frau auf dem Gewissen. Und nun versuchte sie, auch mich zu töten.
„Ich brauche Beweise“, sagte ich, meine Kehle trocken. „Ich brauche etwas, das diese Monster in den Knast bringt. “
Brenner nickte grimmig. „Dafür ist gesorgt, Friedrich.
Aber Sie müssen jetzt stark sein. Wir haben eine Falle aufgebaut, und ich brauche Ihre Hilfe, um sie zuschnappen zu lassen. Ich habe bereits mit Ermittlern gesprochen, die ich kenne. Die Polizei durchsucht gerade mit einem Durchsuchungsbeschluss Sabrinas und Dorebers Wohnungen.
Sie wird bald verhaftet. Es sei denn…“
„Es sei denn was? “
„Es sei denn, wir wollen, dass sie auf frischer Tat ertappt wird. Das wäre der sicherste Weg, um sie zweifelsfrei zu überführen.
“
Drei Tage später saß ich in der Küche meines Hauses, als die Tür aufschwang und Sabrina hereinstürmte. Sie hatte rote Augen, aufgewühlt, wütend, völlig außer sich. Sie trug einen langen Mantel und hielt einen Umschlag in der Hand. „Papa“, stieß sie hervor.
„Was hast du getan? Die Polizei war bei mir. Sie haben meine Papiere beschlagnahmt, meinen Laptop. Was weißt du davon?
“
Ich blieb ruhig sitzen, mein Herz schlug mir bis zum Hals. „Setz dich, Sabrina“, sagte ich, meine Stimme erstaunlich fest. „Setz dich? Papa, ich bin diejenige, die das hier klären will.
Du hast mich reingelegt, oder? Du hast mich reinlegen lassen von diesem verrückten Anwalt von dir. Du denkst, du kannst einfach so davonkommen? “
„Sabrina, ich habe dir gar nichts angetan“, sagte ich.
„Aber ich habe dich durchschaut. Ich habe das Tagebuch deiner Mutter gelesen. Das, das sie in ihren letzten Tagen geschrieben hat. Über die falschen Arztbesuche, die Unterschriften, die Lügen.
Über deinen Plan, sie umbringen zu lassen. “
Sabrinas Gesicht wurde aschfahl. Für einen kurzen Moment verlor sie die Fassung. Ihr Kiefer mahlte, ihre Augen weiteten sich hilflos.
Dann fing sie sich wieder, eine kalte, abweisende Maske legte sich über ihre Züge. „Das war nicht so, Papa. Du hast keine Ahnung, was Mama mir angetan hat. Sie wollte mich enterben.
Sie hat mir gesagt, ich wäre nicht ihre Tochter, dass ich von einem anderen Mann wäre. Sie hat mich jahrelang seelisch gequält. Und du, du warst ein willenloser Sklave an ihrer Seite. Ihr beide, ihr habt mich nie geliebt, nicht so, wie man ein Kind lieben sollte.
“
Ich schüttelte langsam den Kopf. „Das ist keine Rechtfertigung, Sabrina. Du hast deine Mutter gequält. Du hast sie betrogen.
Du hast sie ermorden lassen, weil du an ihr Geld wolltest. Und ich… ich hätte dich niemals so geliebt, wie du es dir eingebildet hast, wenn ich gewusst hätte, wozu du fähig bist. “
Sabrina lachte bitter auf. „Du hast mir das Leben zur Hölle gemacht, Papa, du weißt es nur nicht.
Ich war nie gut genug, es war immer nur Mama. Ich konnte tun, was ich wollte, es war nie genug. Und dann diese alte Hexe, die mir in ihren letzten Tagen noch sagte, ich wäre das größte Versagen ihres Lebens. Ich wäre nur eine gierige kleine Kröte.
Sie hat mich für verrückt erklärt, als ich ihr die Wahrheit über euch, über ihre Kontrolle, unter die Nase gerieben habe. “
Ich stand auf. „Genug“, sagte ich fest. „Es ist vorbei, Sabrina.
Die Polizei hat die Beweise, die nötig sind, um dich für den Mord an deiner Mutter anzuklagen. Und auch dafür, wie du mich und unser Erbe manipulieren wolltest. Du wirst ins Gefängnis gehen. Du wirst nicht mehr ausbrechen.
“
„Ich bin nicht das Produkt deiner Lügen, Papa“, zischte sie. „Und ich bin auch kein Opfer, das man mir anhängt. Ich habe die Wahrheit gesagt, und du hast sie nie sehen wollen. Aber das hier, das ist noch nicht vorbei.
Du hast mir deine Unterschrift noch nicht gegeben, wenn du verstehst, was ich meine. Dafür sorge ich. “
Sie griff in ihren Mantel und zog ein Bronzemesser hervor. In diesem Moment flog die Tür auf, und mehrere Beamte in Schutzwesten stürmten herein, Waffen im Anschlag.
„Sabrina Kimmich, legen Sie das Messer nieder“, rief einer von ihnen mit durchdringender Stimme. Sabrina zuckte zusammen und drehte sich um. Sie starrte auf die Polizisten, dann auf mich, ihre Augen voller Hass und Triumph. „Das ist noch nicht das Ende, Vater“, flüsterte sie.
Sie ließ das Messer fallen, das klirrend auf dem Boden aufschlug. Sie wurde unsanft auf den Bauch gedreht und ihr wurden Handschellen angelegt, während sie mich weiter mit diesem eisigen Blick fixierte. Ich hörte, wie ihr vorgelesen wurde, dass sie vorläufig festgenommen sei, zusammen mit dem Vorwurf des Mordes an Ingrid Kimmich in Tateinheit mit versuchtem Mord an Friedrich Kimmich. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos, leblos.
In diesem Moment wusste ich, dass das Geheimnis, das sie in sich trug, mich für immer begleiten würde. Sie wehrte sich nicht, als sie abgeführt wurde. Monatelang begleitete mich der Prozess, der folgte, in meinen Gedanken. Die Beweise waren erdrückend.
Das Tagebuch meiner Frau, ihre gefälschten Unterschriften, die Sprachnachrichten an Doreber, die sogar einen versuchten Brand meines Hauses zu vertuschen offenbarten. Sabrina und Doreber hatten in einer gemeinsamen Hauptverhandlung gestanden und sich gegenseitig als Drahtzieher beschuldigt, sich widersprechend in den Aussagen, bis das Gericht ein gewaltiges Urteil fällte. Ich stand am Grab meiner Frau, unter einer großen Kiefer, und sah stumm auf das Foto auf dem Grabstein. Ihre Augen lächelten mich an, wie sie es immer getan hatten.
Ich redete zu ihr, nicht mit Worten, sondern mit Gedanken. „Verzeih mir, mein Schatz“, flüsterte ich. „Dass ich es nicht bemerkt habe. Dass ich nicht wusste, was unsere Tochter zu einem Ungeheuer geworden ist.
Ich werde dich ewig lieben. “
Dann legte ich die weißen Lilien nieder, die sie am meisten geliebt hatte, und drehte mich um. Ich ließ mein Leben hinter mir, das ich kannte, in dem ich mich sicher gefühlt hatte, und trat auf ein neues Terrain, das von Verrat und Trauer gezeichnet war. Ich konnte jedoch nur Frieden finden, weil ich die Wahrheit kannte, weil die Gerechtigkeit gesiegt hatte.
Ich war alt und gebrochen, aber ich trug sie in mir weiter, Ingrids Bild des Überlebens, und das Wissen darum, dass ich allein von diesem Tag an nur noch für mich zu kämpfen hatte. Ich wusste, dass mein Leben, wie ich es kannte, vorbei war, aber ich lebte. Ich lebte aus Trotz gegenüber den Mördern, gegenüber Sabrina, aber auch gegenüber dem Schmerz. Ich wollte nicht geben, was Sabrina nie gemacht hatte: aufgeben.
Ich verließ den Friedhof und ging zurück zu meinem Haus, das leer und still war, dennoch für mich selbst, mit dem festen Vorsatz, weiterzugehen, nicht für mich allein, sondern in Erinnerung an die wunderbare Frau, die mich geliebt hatte, bis ihr Herz aufhörte zu schlagen. Und als ich schließlich die Wohnungstür öffnete, wusste ich, dass der Schmerz bleiben würde, aber die Nacht ihn nicht mehr verschlingen konnte. Es gab keinen Fluchtweg, nur den schmalen Pfad des Morgens, der für mich bereitlag.