Sie lachten über seinen „Besenstiel-Entfernungsmesser” — bis er auf 600 Meter traf

Sie lachten über seinen „Besenstiel-Entfernungsmesser" — bis er auf 600 Meter traf

Die Dämmerung kam schnell über die russischen Felder. Obergefreiter Werner Kloss lag flach hinter einer zerbrochenen Steinmauer, 40 Meter nordwestlich eines ausgebrannten Gehöfts, und spürte die Kälte durch drei Lagen Uniformstoff dringen.

Sein Atem bildete kleine Wolken. Die Luft roch nach nassem Stroh und Schießpulver. Links von ihm kauerte Feldwebel Hartmann und fixierte die Baumreihe am Horizont durch sein Fernglas.

„Met“, sagte Hartmann leise, „vielleicht 650.“ Kloss nickte. Er berührte das Holzstück, das parallel zum Lauf seines Karabiner 98 K montiert war.

Ein zurechtgeschnitzter Besenstiel, 30 Zentimeter lang, mit eingeritzten Markierungen alle zwei Zentimeter. Die anderen nannten es „Kloss’ Wünschelrute“. Manche lachten, die meisten ignorierten es.

„Du willst damit wirklich auf einen Meyer schießen?“, fragte Leutnant Brem hinter ihm. Seine Stimme war nicht spöttisch, aber skeptisch. „Auf diese Entfernung?“

Kloss drehte den Kopf nicht. „Wenn er sich zeigt.“

„Ja. Und wenn du verfehlst, dann weiß er, dass wir hier sind.“ Brem schwieg. Die Logik war klar.

Der sowjetische Offizier, laut Aufklärung ein Major der 20. Schützendivision, hatte sich in dem kleinen Weiler Pronizi verschanzt. Er koordinierte die Artillerie. Drei deutsche Angriffswellen waren in den letzten 48 Stunden zusammengebrochen.

Zu präzise, zu schnell. Der Major musste weg, aber niemand kam nah genug heran. Maschinengewehrnester deckten jeden Zugang. Die einzige Chance war ein Fernschuss aus einer Position, die die Rotarmisten nicht sofort lokalisieren konnten.

„Er wird gegen 19 Uhr rauskommen“, murmelte Hartmann und blickte auf seine Armbanduhr. „Unsere Leute haben ihn die letzten drei Abende beobachtet. Immer zur gleichen Zeit, immer derselbe Weg zur Funkstation.“

Kloss legte die Wange gegen den Schaft. Das Holz war kalt. Das Zielfernrohr, ein CE ZF39, zeigte ihm die Häuserreihe. Drei niedrige Gebäude, dahinter ein Schuppen, rechts ein umgestürzter Traktor.

Die Entfernung war extrem, selbst für einen guten Schützen. Und Kloss war gut, aber das wussten nur wenige.

„Dein Besenstil wird dir nicht helfen“, sagte Gefreiter Stoll, der drei Meter weiter rechts lag. „Das ist Wahrsagerei, kein Schießen.“

Kloss antwortete nicht. Er wusste, wie es aussah. Ein selbstgebastelter Entfernungsmesser aus Holz, Schnur und eingeritzten Winkeln. Er hatte ihn in einer Scheune bei Smolensk gebaut, nach einem Lehrbuch über Triangulation, das er in einem verlassenen Schulhaus gefunden hatte.

Die Mathematik war simpel, die Ausführung weniger. Er richtete das Holzstück auf den Schuppen aus. Die hintere Markierung deckte sich mit der linken Kante des Dachs, die vordere mit der rechten, 18 Zentimeter Abstand auf dem Stiel.

Das entsprach nach seiner Tabelle etwa 620 Meter. Er korrigierte mental. Wind von Nordost, schwach, Temperatur fallend, das Projektil würde sinken.

„Bewegung“, zischte Hartmann. Kloss erstarrte. Durch das Zielfernrohr sah er eine Gestalt, die aus dem mittleren Haus trat. Uniformmantel, Schirmmütze, keine Eile.

Der Mann blieb stehen, zündete sich eine Zigarette an. Das Streichholz flackerte. „Das ist er“, flüsterte Hartmann. „Definitiv der Major.“

Kloss regulierte seinen Atem: ein, aus, ein, aus. Der Puls verlangsamte sich, die Welt verengte sich auf den Kreis des Zielfernrohrs. Der Offizier bewegte sich nach links, langsam. Er sprach mit jemandem, der in der Tür stand.

„Schieß“, murmelte Brem. Kloss wartete. Der Wind hatte sich gelegt. Das war wichtig. Bei 600 Metern konnte eine Böe das Projektil um einen halben Meter ablenken.

Er beobachtete die Äste der Birke neben dem Schuppen. Sie bewegten sich kaum. Der Major ging weiter. Fünf Schritte. Zehn. Er würde in 20 Sekunden hinter dem Schuppen verschwinden.

Kloss justierte. Er hob den Lauf um vier Finger breit über das Ziel. Die Patrone würde eine ballistische Kurve beschreiben. Bei dieser Distanz musste er fast einen Meter höher zielen, um die Schwerkraft zu kompensieren.

„15 Sekunden“, sagte Hartmann. Der Offizier blieb stehen. Er drehte sich um, blickte zurück zum Haus, sagte etwas, lachte.

Kloss atmete aus. Halb, nicht ganz. Der Rest der Luft blieb in der Lunge, der Zeigefinger lag am Abzug. Kein Druck, noch nicht.

Der Körper des Majors war im Profil. Schulter, Brust, Kopf, alles sichtbar. Der Herzschlag wurde langsamer, die Geräusche der Umgebung verblassten. Nur noch das Fadenkreuz, nur noch der Offizier, nur noch die Entfernung.

Drei. Zwei. Kloss drückte ab. Der Rückstoß traf seine Schulter wie ein Hammerschlag. Das Gewehr sprang nach oben. Durch das Zielfernrohr sah er nur noch Himmel.

Er senkte die Waffe, versuchte das Ziel wiederzufinden. „Getroffen?“, fragte Stoll scharf. Kloss sagte nichts. Er suchte den Schuppen, das Haus, den Traktor.

Hartmann stieß einen leisen Pfiff aus. „Heilige Scheiße.“ Der Major lag auf dem Boden, regungslos. Zwei sowjetische Soldaten stürzten aus dem Haus, knieten neben ihm nieder. Einer schrie, der andere winkte hektisch.

„Du hast ihn erwischt“, flüsterte Brem. Seine Stimme klang ungläubig. „Auf 600 Meter, verdammter Besenstil.“

Kloss zog den Verschluss zurück. Die leere Patronenhülse flog heraus, landete im Gras. Er schob eine neue Patrone nach. Seine Hände zitterten nicht, aber sein Magen zog sich zusammen.

„Wir müssen weg“, sagte Hartmann jetzt. Die ersten Schüsse peitschten über die Mauer. Splitternde Steine. Kloss rollte sich zur Seite, kroch drei Meter rückwärts. Die anderen folgten.

Hinter ihnen explodierten Mörsergranaten, aber zu weit südlich. Die Sowjets wussten nicht genau, woher der Schuss gekommen war. Noch nicht.

Kloss erreichte den Graben. Er ließ sich hineinrutschen, spürte kaltes Wasser um seine Stiefel. Hartmann und Brem kamen direkt hinter ihm. Stoll rutschte, fluchte leise.

„Das war Wahnsinn“, keuchte Stoll. „Kompletter Wahnsinn.“

Kloss lehnte sich gegen die Grabenwand. Sein Atem ging schneller jetzt. Das Adrenalin pumpte durch seine Adern. Er blickte auf den Besenstil. Die Markierungen waren noch da.

„Klar, präzise, funktioniert wohl doch“, sagte Hartmann trocken. Kloss nickte. Er wusste, dass sich etwas geändert hatte. Die Blicke der anderen waren anders, nicht mehr spöttisch, nicht mehr gleichgültig.

Aber er fühlte keine Freude, nur eine bleischwere Müdigkeit und die Gewissheit, dass sie ihn jetzt wieder schicken würden. Immer wieder.

Drei Tage später lag Kloss wieder im Dreck, diesmal nördlich von Jelnia in einem Weizenfeld, das zur Hälfte abgebrannt war. Die verkohlten Stoppeln knackten unter seinem Gewicht. Der Himmel war bleigrau. Es roch nach Rauch und feuchter Erde.

„650 Meter“, sagte Hauptmann Foss hinter ihm. „Mindestens.“

Kloss justierte den Besenstil. Die hintere Markierung berührte den Rand des zerstörten Wasserturms, die vordere den Dachfirst der Kaserne, 19 Zentimeter. Er rechnete: 640.

„Foss hatte recht. Das Ziel ist ein Politoffizier“, fuhr Foss fort. „Kommissar, hält heute Nachmittag eine Ansprache vor der Kompanie. 15 Uhr auf dem Appellplatz.“

Kloss nickte. Neben ihm lag Gefreiter Menzel, ein junger Schütze aus Thüringen. Menzel atmete zu schnell, seine Finger trommelten nervös auf dem Kolben seines Gewehrs.

„Warum ich?“, fragte Menzel leise. „Warum muss ich mitkommen?“

„Weil du lernen sollst“, antwortete Foss. „Kloss zeigt dir, wie man auf Distanz arbeitet. Beobachte, schweig, lern.“

Menzel schluckte. Kloss sah es aus dem Augenwinkel. Der Junge war neunzehn, vielleicht zwanzig, zu jung für das, was hier geschah. Aber niemand war alt genug dafür.

Foss kroch rückwärts. „Ich bin 200 Meter hinter euch. Sobald der Schuss fällt, zieht ihr euch sofort zurück. Keine Heldenspielchen. Verstanden?“

„Verstanden“, sagte Kloss. Foss verschwand zwischen den verbrannten Halmen. Die Stille kehrte zurück, nur der Wind und das entfernte Grollen der Artillerie.

Kloss blickte auf seine Uhr. 14:18 Uhr, 42 Minuten bis zur Ansprache. Er legte die Wange gegen den Schaft. Das Zielfernrohr zeigte ihm den Appellplatz. Ein rechteckiger Hof zwischen zwei langen Baracken. Leer noch.

„Wie oft hast du das gemacht?“, flüsterte Menzel. „Was?“

„So weit geschossen?“

Kloss schwieg einen Moment. Oft genug. Wie oft verfehlt? Zu oft. Menzel atmete scharf ein. Kloss verstand. Der Junge suchte Sicherheit, eine Garantie, aber die gab es nicht. Jeder Schuss war ein Würfelwurf gegen Wind, Schwerkraft, Licht und Glück.

„Schau auf den Turm“, sagte Kloss leise. „Die Fahne oben.“

Menzel hob sein Fernglas. Die sowjetische Fahne, rot mit Hammer und Sichel, hing schlaff am Mast. „Kein Wind“, murmelte Menzel.

„Jetzt nicht, aber in einer Stunde.“

Menzel senkte das Glas. „Woher willst du das wissen?“

„Wolken“, sagte Kloss und deutete nach Westen. „Siehst du, die ziehen schneller als vor zehn Minuten. Das bedeutet Luftbewegung. Vielleicht nicht am Boden, aber auf halber Flugbahn.“

Menzel starrte ihn an. „Du errätst das.“

„Ich beobachte.“

Die Minuten krochen voran. Kloss blinzelte selten, seine Augen tränten leicht. Er wischte sie mit dem Handrücken ab. Das Zielfernrohr beschlug nicht. Er hatte es vorher mit einem Tuch abgerieben.

14:34 Uhr. Bewegung. Sowjetische Soldaten traten aus der linken Baracke. Zehn, zwanzig, dreißig. Sie formierten sich in Reih und Glied. Keine Eile, routiniert.

„Sie kommen“, flüsterte Menzel. Kloss sagte nichts. Er beobachtete die Formationen. Drei Reihen, vielleicht hundert Mann, alle in Uniformen, manche ohne Helme.

Ein Feldwebel oder was auch immer das sowjetische Äquivalent war, schritt die Reihen ab, korrigierte die Aufstellung. Dann trat eine Gestalt aus der rechten Baracke. Größer, breiter, Uniformmantel mit Schulterklappen, Schirmmütze mit rotem Stern.

Der Politoffizier. Er ging langsam, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Das ist er“, sagte Menzel atemlos. Kloss atmete tief ein, aus. Der Kommissar blieb vor den Soldaten stehen. Er begann zu sprechen. Kloss hörte nichts auf diese Entfernung, nur das Rauschen des Windes in den verbrannten Halmen.

Er justierte das Zielfernrohr. Der Kommissar stand im Profil. Nein, jetzt frontal. Er gestikulierte, die Arme weit ausgebreitet, eine perfekte Zielscheibe.

„Schießt du jetzt?“, fragte Menzel.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil er sich bewegt.“

Der Kommissar machte zwei Schritte nach links, dann nach rechts, zurück zur Mitte. Seine Rede war dynamisch, theatralisch. Kloss wartete. Ein bewegliches Ziel auf diese Distanz zu treffen, war fast unmöglich. Er brauchte einen Moment der Stille, einen Atemzug der Ruhe.

Die Wolken schoben sich vor die Sonne, das Licht wurde matter. Kloss fluchte innerlich. Schlechtere Sicht bedeutete schlechtere Präzision. Er blinzelte. Das Fadenkreuz verschwamm leicht.

„Was ist?“, zischte Menzel.

„Licht. Und warten.“

Der Kommissar sprach weiter. Fünf Minuten. Zehn. Die Soldaten standen regungslos. Einer schwankte leicht, ein anderer hustete. Der Kommissar bemerkte es nicht oder ignorierte es.

Dann plötzlich hob der Kommissar die Hand, eine Geste. Die Soldaten antworteten im Chor. Kloss hörte den dumpfen Klang ihrer Stimmen über die Distanz hinweg. Ein Ruf, ein Versprechen, eine Drohung.

Der Kommissar senkte die Hand. Er stand still, nur für drei Sekunden, vielleicht vier. Kloss atmete aus. Halb. Der Zeigefinger berührte den Abzug. Der Herzschlag verlangsamte sich.

Das Fadenkreuz lag auf der Brust des Kommissars. Höher, einen halben Meter höher. Korrektur für Distanz, Korrektur für Schwerkraft. Menzel hielt den Atem an. Kloss spürte es. Die Anspannung neben ihm war fast körperlich.

Der Wind frischte auf. Die Fahne am Turm bewegte sich leicht von links nach rechts. Kloss korrigierte mental. Zehn Zentimeter nach links zielen. Nein, fünfzehn.

Der Kommissar drehte den Kopf. Er schaute nach rechts zu einem Offizier, der auf ihn zukam.

„Jetzt“, flüsterte Menzel verzweifelt, „bevor er weggeht.“

Kloss ignorierte ihn. Der Kommissar nahm das Kinn hoch, stolz, autoritär. Er sprach mit dem Offizier, nickte, lachte. Dann stand er wieder still.

Kloss drückte ab. Der Schuss zerriss die Stille. Das Gewehr schlug zurück. Kloss verlor das Ziel aus dem Blick. Er senkte die Waffe, fand die Position wieder.

Der Kommissar stand noch zwei Sekunden. Dann sackte er in sich zusammen. Die Beine knickten ein. Er fiel nach vorne wie ein Sack. Die sowjetischen Soldaten sprangen auseinander. Schreie, Chaos. Jemand zerrte den Kommissar am Arm. Ein anderer rannte zur Baracke.

„Getroffen“, keuchte Menzel. „Du hast ihn getroffen.“

Kloss zog den Verschluss zurück. Die Patronenhülse sprang heraus. Er lud nach. Automatisch, ohne nachzudenken.

„Wir müssen weg“, sagte er ruhig. „Aber jetzt.“

Kloss robbte rückwärts. Die verbrannten Stoppeln kratzten über seine Uniform. Menzel folgte. Zu laut, zu hektisch. Kloss griff nach hinten, packte Menzels Kragen. „Langsamer, leiser.“

Menzel nickte, sein Gesicht war bleich. Kloss ließ los. Sie krochen weiter. 50 Meter, 100. Hinter ihnen knallten Schüsse, aber blindlings. Die Sowjets feuerten in alle Richtungen. Sie wussten nicht, wo der Schütze gewesen war. Noch nicht.

Kloss erreichte die Senke. Er rollte hinein, landete auf der Seite. Menzel kam direkt hinter ihm. Foss wartete bereits. Er rauchte eine Zigarette, entspannt, als wäre nichts geschehen.

„Treffer?“, fragte Foss.

„Treffer“, bestätigte Kloss.

Foss nickte. Er warf die Zigarette weg. „Gut, dann zurück zur Linie.“

Sie gingen schweigend. Menzel stolperte zweimal. Kloss fing ihn auf. Der Junge zitterte.

„Geht vorbei“, sagte Kloss leise.

„Was?“

„Das Zittern geht vorbei.“

Menzel sah ihn an. „Bei dir auch?“

Kloss antwortete nicht. Er wusste, dass es log, wenn er ja sagte. Das Zittern kam später, nachts, wenn die Stille zu laut wurde.

Dezember brachte Schnee und Stille. Die Front hatte sich verlangsamt, nicht gestoppt, nur verlangsamt. Kloss saß in einer Erdhütte drei Kilometer östlich und starrte auf den Besenstil in seinen Händen. Die Markierungen waren kaum noch lesbar, das Holz war rissig, gesplittert an den Enden.

„Sie wollen dich sehen“, sagte Gefreiter Menzel von der Tür her. Schnee hing in seinem Haar.

Kloss blickte auf. „Wer?“

„Major Kessler. Im Stabszelt.“

Kloss legte den Besenstil beiseite. Er stand auf, zog den Mantel über. Draußen war die Luft schneidend kalt. Der Schnee knarrte unter seinen Stiefeln. Soldaten standen um Feuer herum. Manche blickten ihm nach. Niemand sprach.

Das Stabszelt war warm. Eine Petroleumlampe warf gelbes Licht auf die zusammengeklappten Karten. Major Kessler saß hinter einem Klapptisch. Neben ihm stand Hauptmann Foss. Beide rauchten.

„Obergefreiter Kloss“, sagte Kessler ohne Begrüßung. „Setz dich.“

Kloss setzte sich auf den Hocker. Das Holz knarrte. Kessler blies Rauch aus. „Sieben bestätigte Treffer, alle über 500 Meter, drei über 600, einer über 700.“ Er machte eine Pause. „Das ist bemerkenswert.“

Kloss sagte nichts.

„Es gibt Gerüchte“, fuhr Kessler fort. „Über deinen Entfernungsmesser. Die Männer nennen ihn den Besenstil. Sie lachen, aber sie respektieren dich.“

„Manche lachen“, korrigierte Foss. „Andere haben Angst.“

Kloss blickte ihn an.

„Angst vor dem, was du kannst“, sagte Foss. „Vor dem, was es bedeutet. Ein Mann, der aus solcher Distanz töten kann, das ist keine normale Kriegsführung mehr.“

Kessler lehnte sich zurück. „Die Division will dich nach Berlin schicken, zur Scharfschützenschule. Du sollst andere ausbilden.“

Kloss spürte etwas in seiner Brust zusammenziehen. „Ich will nicht unterrichten.“

„Das ist kein Wunschkonzert“, sagte Kessler scharf. „Du hast eine Fähigkeit. Die Wehrmacht braucht diese Fähigkeit vervielfacht.“

„Ich habe einen Besenstil“, antwortete Kloss ruhig. „Kein System, keine Methode, nur Schätzungen.“

„Dann bringst du ihnen Schätzungen bei.“

Kloss schüttelte den Kopf. „Es funktioniert nicht so. Jeder Schuss ist anders. Jede Distanz, jeder Wind. Ich kann das nicht in eine Formel pressen.“

Foss trat näher. „Versuch es trotzdem.“

Kloss blickte auf seine Hände. Die Finger waren vernarbt, rissig. „Und wenn ich ablehne?“

„Dann bleibst du hier“, sagte Kessler, „und wir schicken dich weiter raus, 800 Meter, 900, bis du verfehlst oder bis sie dich finden.“

Die Worte hingen in der Luft. Kloss wusste, dass es die Wahrheit war. Sie würden ihn ausnutzen, bis nichts mehr übrig war.

„Wie lange habe ich?“, fragte er leise.

„Eine Woche“, sagte Kessler. „Dann fährt ein Konvoi nach Westen. Du wirst darauf sein.“

Kloss stand auf, nickte, verließ das Zelt ohne ein weiteres Wort. Draußen hatte der Schneefall aufgehört. Der Himmel war klar. Sterne funkelten. Kloss ging zum Rand des Lagers, wo die Bäume begannen. Er lehnte sich gegen eine Birke. Die Rinde war kalt.

„Du gehst also.“

Kloss drehte sich um. Feldwebel Hartmann stand drei Meter entfernt. Die Zigarette in seiner Hand glühte rot.

„Du hast gelauscht.“

„Die Zeltwände sind dünn.“

Kloss schwieg. Hartmann kam näher. „Du hast das Richtige getan“, sagte Hartmann. „Hier draußen, das endet nur auf eine Weise.“

„Und in Berlin?“

„In Berlin lebst du länger.“

Kloss lachte bitter. „Um andere zu lehren, wie man tötet.“

Hartmann zuckte die Schultern. „Besser als selbst zu sterben.“

„Ist es das?“

Hartmann antwortete nicht. Er rauchte schweigend. Nach einer Weile sprach er wieder: „Die Männer werden dich vermissen, manche jedenfalls.“

„Und die anderen?“

„Die anderen werden erleichtert sein.“

Kloss verstand. Er hatte Respekt gewonnen, aber auch Distanz. Die Art, wie andere ihn ansahen, nicht wie einen Kameraden, wie ein Werkzeug, eine Waffe.

„Ich vermisse nichts mehr“, sagte Kloss leise.

„Was, das Gefühl nach dem Schuss?“

„Früher war da etwas. Spannung, Erleichterung. Jetzt nichts.“

Hartmann warf die Zigarette in den Schnee. „Das ist gut.“

„Warum?“

„Weil du sonst wahnsinnig würdest.“

Sie standen schweigend. Der Wind heulte durch die Bäume. Irgendwo in der Ferne bellte Artillerie.

„Nimm den Besenstil mit“, sagte Hartmann schließlich. „Nach Berlin. Zeig ihn denen. Vielleicht lernen sie was.“

Kloss nickte, aber er wusste, dass niemand lernen würde, was er wusste. Nicht wirklich. Man konnte Distanzen messen, Winkel berechnen, Ballistik studieren, aber man konnte nicht lernen, wie es sich anfühlte, einen Menschen auf 700 Meter zu töten und nichts dabei zu empfinden.

Die Woche verging schnell. Kloss packte seine Ausrüstung, das Gewehr, die Munition, den Besenstil. Menzel half ihm.

„Ich hätte gerne noch mehr von dir gelernt“, sagte der Junge.

„Du hast genug gelernt.“

„Das glaube ich nicht.“

Kloss blickte ihn an. „Was willst du noch wissen?“

Menzel zögerte. „Ob es leichter wird. Das Töten.“

Kloss drehte sich weg. Er starrte auf die Zeltwand. „Es wird nicht leichter. Es wird nur stiller.“

Am letzten Tag versammelte sich die Kompanie. Kessler hielt eine kurze Ansprache, dankte Kloss für seinen Dienst. Die Männer applaudierten, manche klopften ihm auf die Schulter, andere blieben zurück, schweigend.

Der Konvoi wartete. Drei Lastwagen. Kloss kletterte auf den mittleren, setzte sich auf eine Holzbank. Neben ihm saßen Verwundete, ein Mann ohne linken Arm, ein anderer mit verbundenem Gesicht.

Der Motor startete, die Räder begannen sich zu drehen. Kloss blickte zurück. Das Lager wurde kleiner. Die Männer wurden zu Punkten. Dann verschwanden sie im Weiß.

„Wohin fahren wir?“, fragte der Mann ohne Arm.

„Nach Westen“, antwortete Kloss.

„Nach welchem?“

„Nach Hause?“

Kloss schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nach Hause.“

Der Mann schwieg. Der Lastwagen rumpelte über die gefrorene Straße. Kloss schloss die Augen. Er spürte den Besenstil in seiner Tasche, die Markierungen, die Berechnungen.

Er fragte sich, ob jemand in Berlin verstehen würde, warum er ihn gebaut hatte. Nicht aus Genialität, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Verzweiflung, weil die Distanz das einzige war, was ihn vom Feind trennte.

Und wenn er die Distanz kontrollieren konnte, vielleicht konnte er auch kontrollieren, wann es endete. Aber er hatte sich geirrt. Es endete nie.

Der Lastwagen hielt in einem Dorf. Die Verwundeten wurden ausgeladen. Kloss blieb sitzen. Ein Offizier kam, prüfte Papiere, nickte.

„Obergefreiter Kloss?“

„Ja.“

„Sie steigen hier um. Ein Zug nach Minsk, dann weiter nach Berlin.“

Kloss kletterte herunter. Der Bahnhof war klein, zerstört an einer Seite. Der Zug stand bereits da. Dampf stieg aus der Lokomotive. Er stieg ein, fand ein leeres Abteil, setzte sich ans Fenster.

Draußen zogen Felder vorbei, weiß, endlos, leer. Er zog den Besenstil heraus, betrachtete die Markierungen, jede Linie eine Erinnerung, jede Berechnung ein Leben.

Er fragte sich, ob die Männer, die er getötet hatte, auch Besenstiele gehabt hatten. Eigene Methoden, eigene Verzweiflungen, wahrscheinlich.

Der Zug beschleunigte, die Landschaft verschwamm. Kloss lehnte den Kopf gegen das kalte Glas, seine Augen schlossen sich. Und zum ersten Mal seit Wochen träumte er von einem Feld ohne Schnee, von einem Himmel ohne Rauch, von einer Distanz, die niemand messen musste, weil niemand mehr schoss.