ER SAß AM SCHREIBTISCH — NEBENAN NAHM SEINE FRAU DAS GIFT: HEINRICH MANN

ER SAß AM SCHREIBTISCH — NEBENAN NAHM SEINE FRAU DAS GIFT: HEINRICH MANN

Am 16. Dezember 1944 saß Heinrich Mann in seinem Haus in Santa Monica und hörte, wie seine Frau Nelly im Badezimmer den Spiegelschrank öffnete. Er kannte dieses Geräusch. Dahinter standen die Fläschchen mit Schlaftabletten.

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Nelly war seit Jahren betrunken, seit ihrer gemeinsamen Flucht über die Pyrenäen, als sie ihn noch gestützt hatte. Nun war sie die Gefangene des kalifornischen Sonnenscheins, und er saß da, fast mittellos, als der einst scharfsinnigste Kopf der Weimarer Republik. Sein Leben begann am 27. März 1871 in Lübeck.

Sein vollständiger Name lautete Louise Heinrich Mann – ein portugiesischer Vorname, ein Erbe seiner Mutter Julia da Silva Bruhns, die aus Brasilien stammte. Sein Vater, Senator Thomas Johann Heinrich Mann, leitete ein Getreidehandelshaus und erwartete von seinem Erstgeborenen Einfügung und Übernahme des Erbes. Doch Heinrich wollte schreiben. Die Enttäuschung des Vaters blieb unausgesprochen.

Als der Senator 1891 starb, fand sich im Testament keine Würdigung der literarischen Ambitionen seiner Söhne. Heinrich reiste durch Italien und entdeckte die Literatur als Waffe. Im Jahr 1900 erschien seine Satire „Im Schlaraffenland”, 1905 folgte „Professor Unrat”, die Geschichte eines Gymnasiallehrers, der an seiner Leidenschaft für eine Kabarettsängerin zugrunde geht. Das Buch, das die Macht der Begierde und die Zerstörung der Respektabilität zeigt, erregte Skandal.

Die Verfilmung „Der blaue Engel” machte 1930 Marlene Dietrich zum Weltstar – gegen den ausdrücklichen Wunsch Heinrich Manns, der eine andere Darstellerin für die Rolle vorgesehen hatte. Deutschland sah den Film als Unterhaltung, nicht als die Warnung, die er gemeint hatte. Noch wichtiger wurde sein Roman „Der Untertan”. Bereits 1906 begonnen, entlarvte er den Typus des kriecherischen Obrigkeitsgläubigen, die Lust an der Unterwerfung, die Brutalität nach unten und die Servilität nach oben.

Die Zeitschrift, die den Vorabdruck begonnen hatte, stoppte die Veröffentlichung 1914 wegen der Zensur. Erst 1918, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, erschien das Buch – zu spät, um den Untertanengeist aufzuhalten, der zwanzig Jahre später in Nürnberg zu Hunderttausenden stehen würde. Das Schicksal seiner Familie blieb von Tragödien überschattet. Seine erste Frau, die tschechische Schauspielerin Maria „Mimi” Kanova, verließ er 1930.

Nach der Besetzung der Tschechoslowakei wurde sie als Jüdin nach Theresienstadt deportiert und starb nach der Befreiung an den Folgen. Seine Schwestern Karla und Julia nahmen sich 1910 und 1927 das Leben. Sein Verhältnis zu seinem Bruder Thomas Mann war lange von Rivalität und Bruch geprägt. Thomas hatte 1918, während Heinrich den Untertan und die Demokratie verteidigte, „Betrachtungen eines Unpolitischen” geschrieben – ein Werk, das den älteren Bruder als „Zivilisationsliteraten” angriff.

Sieben Jahre lang herrschte Funkstille. Die Versöhnung folgte 1922, als Heinrich an das Krankenbett des erkrankten Thomas trat. Eine Heilung war das nicht, die Narbe blieb. Heinrichs zweite Ehe mit Nelly Kröger, einer ehemaligen Kellnerin aus Hamburg, isolierte ihn zusätzlich.

Die intellektuellen Kreise des Exils verachteten die ungebildete Frau. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Heinrich Mann im August 1933 ausgebürgert, sein Vermögen konfisziert, seine Bücher verbrannt. Er floh nach Frankreich, wo er „Die Jugend des Königs Henri Quatre” schrieb, sein Meisterwerk über einen Herrscher, der Toleranz gewährte und dennoch ermordet wurde. Die Parallele zur zerstörten Weimarer Republik war unübersehbar.

Als die deutschen Truppen Frankreich erreichten, blieb nur die Flucht. Im Alter von 69 Jahren, mit schmerzenden Beinen und begleitet von Nelly, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, kletterte er sechs Stunden zu Fuß über die Pyrenäen. Der Weg führte über Geröll und Hitze, und Nelly stützte ihn. Es war der letzte Moment echter Verbundenheit zwischen ihnen.

Von Spanien ging es nach Lissabon, dann mit dem Schiff nach New York und weiter nach Kalifornien. In Los Angeles lebten die Immigranten in einer eigenen Welt. Die Filmstudios zahlten Heinrich zeitweise für Arbeit, die nicht existierte – getarnte Wohltätigkeit. Als der Vertrag auslief, überwies Thomas regelmäßig Geld.

Jeder Scheck war eine Erinnerung daran, wer oben und wer unten stand. Heinrich schrieb täglich, aber in Amerika wurde keines seiner Bücher gedruckt. Bei den Empfängen des Bruders in Pacific Palisades blieb er schweigsam, während Nelly betrunken Szenen verursachte. In seinen Notizbüchern zeichnete er üppige weibliche Körper – Sehnsucht nach einem Leben, das nicht mehr stattfand.

1944 versuchten Heinrich und Nelly gemeinsam, aus dem Leben zu scheiden und wurden gerettet. In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1944 öffnete Nelly erneut den Schrank.

Diesmal rettete niemand sie. Heinrich blieb zurück. Im Mai 1949 nahm sich sein Neffe Klaus Mann, der Sohn von Thomas, in Cannes das Leben. Er war 42 Jahre alt.

Es war der vierte vollendete Selbstmord im engeren Umkreis der Familie innerhalb von vierzig Jahren. Nach dem Krieg gab es für Heinrich kein Zuhause mehr. Die Familie zerstreute sich: Thomas wählte die Schweiz, Brecht Ostberlin. Heinrich blieb in Santa Monica.

1949, wenige Monate nach Klaus‘ Tod, bot ihm die neugegründete DDR das Amt des Präsidenten ihrer Akademie der Künste an. Der greise Autor, dessen Bücher in Deutschland niemand mehr druckte, sagte zu. Er packte die Koffer, ordnete seine Manuskripte und bestellte Schiffskarten. Doch wenige Wochen vor der geplanten Abreise verschlechterte sich sein Zustand rapide.

Am 11. März 1950 starb Heinrich Mann in seinem Haus in Santa Monica an einem Schlaganfall. Neben der Tür standen die gepackten Koffer, auf dem Schreibtisch lag eine unvollendete Seite. Er wurde 78 Jahre alt.

Erst 1961, elf Jahre nach seinem Tod, wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt. Die DDR machte ihn zur antifaschistischen Ikone, benannte Straßen und Schulen nach ihm und druckte seine Bücher in hohen Auflagen. Die Bundesrepublik vergaß ihn weitgehend. Thomas Mann starb 1955 in Zürich im vollen Glanz seines Ruhms; die Welt trauerte.

Heinrichs Tod fünf Jahre zuvor war kaum bemerkt worden. Er blieb der Erstgeborene des Lübecker Senators, der Prophet, der das Unheil vorhersah und dafür mit Einsamkeit und Vergessen bezahlte – während sein Bruder das Licht bekam und er im Schatten stand. Das Klicken des Spiegelschranks, das er jede Nacht hörte, wurde zur Metapher für sein Leben: zurückbleiben, weitergehen, die Wahrheit sehen und dafür zahlen.