Bernardo Provenzano, der spätere Anführer der Cosa Nostra, wuchs in einem armen Dorf nahe Corleone auf. Sein Vater starb Ende der 1950er Jahre, als Bernardo bereits in die kriminellen Kreise um den Mafia-Boss Luciano Legio verwickelt war. In dieser Umgebung aus nächtlichen Überfällen, Viehdiebstahl und Schmuggel lernte er früh, was Disziplin und absolute Kontrolle bedeuteten. Zusammen mit anderen jungen Männern wie Salvatore Riina und den Brüdern Bontade übernahm er die gefährlichsten Aufgaben als Fahrer und Vollstrecker.

Der Konflikt zwischen Legio und Dr. Michele Navara, einer angesehenen Autoritätsperson in Corleone, eskalierte zu einer Reihe gewaltsamer Auseinandersetzungen. Ende des Sommers 1963 wurde Francescus Dre ermordet. Anders als zuvor beschlossen seine Hinterbliebenen, Anzeige bei der Polizei zu erstatten.
Diese Anzeige erhöhte den Druck auf Legios Gruppe und zwang Provenzano, in die Illegalität zu gehen. Für ihn begann damit ein Leben im Verborgenen, das jahrzehntelang andauern sollte. Er versteckte sich in abgelegenen Dörfern, bewegte sich nur nachts und nutzte ein Netz aus vertrauenswürdigen Personen und verschlüsselten Botschaften. Während Riina eine blutige Terrorkampagne führte, übernahm Provenzano zunehmend die Rolle des strategischen Denkers.
Er erkannte, dass die Cosa Nostra sich zurückziehen müsse, um den Zorn des Staates zu vermeiden. Diese Taktik brachte ihm den Spitznamen „Der Buchhalter” ein, weil er der Mafia wieder Struktur und ein System absoluter Disziplin verlieh. Aus dem Schatten heraus erteilte er Anweisungen, genehmigte oder verweigerte Geschäfte und hielt so ein System aus Schweigen und Gehorsam aufrecht. Die Verbindung zu den Morden der 1950er Jahre blieb dabei stets präsent.
So wurde Provenzano auch mit dem Verschwinden des Gewerkschaftsführers verbunden, ein Ereignis, das später große mediale Aufmerksamkeit erhielt und das doppelte Gesicht der Mafia zeigte. Für ihn war die Cosa Nostra nicht nur eine kriminelle Organisation, sondern ein komplexes System aus politischen und wirtschaftlichen Verbindungen. Der damalige nationale Antimafia-Staatsanwalt schrieb, Provenzano habe versucht, eine Revolution im politischen System Siziliens einzuleiten. Sein Leben im Untergrund dauerte über 40 Jahre.
Die genauen Umstände seiner Jahre auf der Flucht und die Frage, wie er die Organisation so lange kontrollieren konnte, wurden erst nach seiner Festnahme im Jahr 2006 langsam bekannt. Die jahrzehntelange Straflosigkeit und die Brutalität seiner Gruppe prägten das Bild einer Mafia, die ihre Macht durch Angst und Gewalt aufrechterhielt. Die Ermittlungen gegen ihn offenbarten ein Netz aus Komplizen, das bis in die höchsten Kreise reichte. Sein Erbe bleibt geprägt von einem doppelten Spiel aus offener Gewalt und unsichtbarer Kontrolle.
Die Behörden standen jahrelang vor der Frage, wie er es schaffte, derart konsequent im Verborgenen zu agieren. Als er schließlich gefasst wurde, war es das Ende einer Ära, aber nicht das Ende der Strukturen, die er mit aufgebaut hatte. Die Methoden, die er perfektionierte, wurden von späteren Generationen der Organisation übernommen. Was in den folgenden Jahren über seine Geheimkommunikation und seine Kontakte ans Licht kam, veränderte das Verständnis der Ermittler von der modernen Mafia.
Seine Fähigkeit, jahrzehntelang unerkannt zu bleiben, galt als Beleg für die tiefe Verflechtung von krimineller Macht und staatlicher Ohnmacht.