Am 4. November 1988 standen Hunderte Polizisten vor dem Burgtheater in Wien. Absperrgitter, Mannschaftswagen und ein kreisender Hubschrauber verwandelten den Theaterabend in eine Sicherheitsoperation. Drinnen warteten tausend Zuschauer auf die Premiere eines Stücks, das das Land bereits Wochen vor der Aufführung gespalten hatte: „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard.

Die auflagenstärkste Zeitung des Landes hatte seit Wochen gegen den Autor gehetzt, Parlamentsabgeordnete forderten ein Aufführungsverbot. Demonstranten skandierten Parolen vor dem Theater. Der Autor selbst war nicht anwesend – er lag krank in seiner Wohnung, 13 Kilometer entfernt. Seine Lunge ließ ihm seit 40 Jahren keine Wahl.
Thomas Bernhard war 57 Jahre alt, als sein letzter und größter Theaterskandal begann. Drei Monate später war er tot. Sein Leben bestand aus einer Kette von Skandalen, geprägt von einer Kindheit, die von Ausstoßung und Scham bestimmt war. Geboren wurde er am 9.
Februar 1931 in den Niederlanden, in einem Kloster in Heerlen. Seine unverheiratete Mutter Hertha Bernhard hatte sich dorthin zurückgezogen, um das Kind heimlich zur Welt zu bringen. Der Vater, der Tischler Alois Zuckerstädter, wollte die Frau nicht heiraten und das Kind nicht anerkennen. Erst 1939 musste er per Gerichtsurteil als Vater festgestellt werden.
Der Junge kam zu den Großeltern. Sein Großvater Johannes Freumbichler, ein gescheiterter Schriftsteller und Autodidakt, wurde zur prägenden Figur seines Lebens. Er las dem Enkel Schopenhauer, Montaigne und Pascal vor und zeigte ihm, dass die Welt eine Erklärung braucht – und dass die meisten Erklärungen Lügen sind. Die Mutter blieb eine Randfigur; sie heiratete später Emil Fabian und gründete eine eigene Familie.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurde der Bub 1943 in ein nationalsozialistisches Internat in Salzburg geschickt. Er erlebte die Bombenangriffe auf die Stadt im Keller des Gebäudes. Diese Erfahrung beschrieb er Jahrzehnte später in seinen autobiografischen Büchern mit schonungsloser Genauigkeit. 1947 begann er eine Lehre in einem Lebensmittelgeschäft in einem armen Salzburger Viertel.
Der Großvater hatte kein Geld für eine höhere Ausbildung, doch der Jugendliche nannte diese Zeit später die beste Entscheidung seines Lebens. Im Januar 1949 brach er zusammen. Die Diagnose: Lungentuberkulose. Der Siebzehnjährige wurde in das Sanatorium Grafenhof eingeliefert, wo er Monate zwischen hustenden und sterbenden Patienten verbrachte.
Im Februar 1949 starb sein Großvater – der wichtigste Mensch seines Lebens. Ein Jahr später starb seine Mutter an Gebärmutterkrebs. Innerhalb von 14 Monaten hatte er beide Elternteile verloren. Im Sanatorium begann er systematisch zu lesen und entdeckte die Literatur.
Er las die kleine Krankenhausbibliothek leer. Thomas Bernhard wurde nie gesund; die Tuberkulose wich einer chronischen Sarkoidose, die seine Lunge und sein Herz über Jahrzehnte zerstörte. Nach der Entlassung schrieb er sich am Salzburger Mozarteum für Gesang und Schauspiel ein. Ein Mensch, der kaum atmen konnte, wollte singen.
Er lernte das Theater von innen kennen, was sein späteres Schreiben prägte. Mitte der 1950er Jahre begann er zu schreiben – zunächst Gedichte, dann Prosa und Gerichtsreportagen für eine lokale Zeitung. In dieser Zeit begegnete er Hedwig Stavianiek, einer Frau, die 37 Jahre älter war als er. Sie unterstützte ihn finanziell, las seine Manuskripte und blieb 30 Jahre an seiner Seite.
Er nannte sie „den Menschen meines Lebens“. Was zwischen ihnen geschah, blieb ein Geheimnis – beide schwiegen darüber öffentlich. Sein literarischer Durchbruch kam 1963 mit dem Roman „Frost“. Er fand seinen Verleger Siegfried Unselt beim Suhrkamp Verlag.
Roman folgte auf Roman, darunter „Verstörung“, „Das Kalkwerk“, „Korrektur“ – und später die fünf autobiografischen Bände. Sein Stil war unverkennbar: lange, atemlose Sätze, Übertreibung als Methode und ein schonungsloser Blick auf die Welt. 1968 eskalierte der erste große Skandal. Bei der Verleihung des österreichischen Staatspreises für Literatur nannte Bernhard den Staat ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern verurteilt sei.
Der Minister verließ den Saal, das Publikum war geschockt. 1984 kam der größte Skandal vor „Heldenplatz“: Sein Roman „Holzfällen“ wurde auf Antrag des Komponisten Gerhard Lampersberg von einem Wiener Gericht beschlagnahmt. Polizisten entfernten die Bücher aus den Buchhandlungen. Die Beschlagnahmung wurde später aufgehoben.
1986 wurde Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt, nachdem seine Wehrmachtsvergangenheit aufgedeckt worden war. Österreich war international isoliert und reagierte mit einer Mischung aus Empörung und Verleugnung. In dieses Klima hinein schrieb Bernhard „Heldenplatz“. Das Stück handelt von einer jüdischen Familie in Wien, 50 Jahre nach dem „Anschluss“.
Professor Josef Schuster stürzt sich aus dem Fenster seiner Wohnung am Heldenplatz – jenem Platz, auf dem 1938 die Massen Hitler zugejubelt hatten. Bernhard legte seinen Figuren Sätze in den Mund wie: „Es sind heute mehr Nazis in Wien als 38. “
Die Premiere am 4. November 1988 wurde zur politischen Affäre.
Die Kronen Zeitung startete eine Kampagne gegen das Stück, die FPÖ und Teile der ÖVP forderten ein Verbot. Burgtheater-Chef Klaus Peymann hielt stand und ließ die Proben weiterlaufen. Am Premierenabend tobte draußen eine Nation, drinnen donnerte Bernhards Sprache über die Bühne. Das Stück dauerte drei Stunden.
Es gab Buhrufe und stehende Ovationen. Thomas Bernhard war nicht anwesend – er saß in der Stille seiner Wohnung und war bereits dabei zu sterben. Drei Monate nach der Premiere starb er am 12. Februar 1989 in Gmunden am Traunsee an Herzinsuffizienz, ausgelöst durch die Sarkoidose.
Sein Halbbruder Peter Fabian war an seiner Seite. Bernhard wurde 58 Jahre alt. Beerdigt wurde er am 16. Februar 1989 in Wien auf dem Grinzinger Friedhof – in der Grabstätte von Hedwig Stavianiek, die fünf Jahre zuvor gestorben war.
Die Beerdigung war geheim, ohne öffentliche Zeremonie und ohne Vertreter des Staates. Dann wurde sein Testament eröffnet. Es war eine Kampfansage aus dem Grab: Auf dem gesamten Staatsgebiet Österreichs waren jegliche Aufführungen seiner Theaterstücke und jegliche Veröffentlichungen seiner Texte untersagt – für die gesamte Dauer des Urheberrechts bis 2059. Bernhard formulierte: „Ich verwahre mich gegen jede Annäherung dieses Staates mir und meinem Werk gegenüber in alle Ewigkeit.
“
Österreich wurde das einzige Land der Welt, in dem seine Werke nicht aufgeführt und nicht neu veröffentlicht werden durften. Zehn Jahre später hob Peter Fabian das Verbot teilweise auf. Die rechtliche Grundlage blieb umstritten, der Streit ist bis heute nicht endgültig beigelegt. Sein Haus in Ohlsdorf wurde nach seinem Tod zum Museum.
Der Staat, von dem er sich in seinem Testament losgesagt hatte, verwandelte sein renoviertes Bauerngehöft in eine Attraktion. Die Grabstätte auf dem Grinzinger Friedhof wurde mehrfach beschädigt. Unbekannte warfen den Stein um und rissen Blumen heraus. Die Täter wurden nie gefasst.
Auf seine Frage nach dem Verhältnis zu Österreich antwortete Bernhard einmal: „Ich liebe es genauso, wie ich es hasse. Es ist dasselbe. “