Warum Guderian Hitler Anfledhte Berlin Aufzugeben Aber Ignoriert Wurde

Warum Guderian Hitler Anfledhte Berlin Aufzugeben Aber Ignoriert Wurde

Am 24. Dezember 1944, an Heiligabend, stieg General Heinz Guderian am Adlerhorst aus seinem Befehlszug. Das Hauptquartier Hitlers lag rund 16 Kilometer nordwestlich von Bad Nauheim im Taunus. Guderian war über Nacht aus Zossen südlich von Berlin gekommen, wo das Oberkommando des Heeres seine Operationen aus einem weit verzweigten Bunkerkomplex unter der Erde leitete.

Er war nicht gekommen, um Weihnachten zu feiern. Er war gekommen, weil er die Zahlen gesehen hatte, und diese Zahlen waren ein Todesurteil für Deutschland.

Guderian war der Mann, der den Blitzkrieg im wörtlichen Sinn erfunden hatte. Jener schnelle, vernichtende, gepanzerte Stoß hatte Frankreich 1940 in nur sechs Wochen zerschlagen und war durch Polen gerast, noch ehe die Welt richtig begriffen hatte, was geschah. Man nannte ihn den schnellen Heinz. Er war 63 Jahre alt, sein Herz machte nicht mehr lange mit, aber sein Verstand war noch immer der schärfste im deutschen Oberkommando.

Was ihm dieser Verstand an jenem Heiligabend sagte, war simpel: Die Ostfront stand kurz vor dem Zusammenbruch. Die Aufklärungsberichte trug er in seiner Aktentasche. Die Abteilung Fremde Heere Ost beim Oberkommando des Heeres hatte zwischen Ostsee und Karpaten 225 sowjetische Schützendivisionen und 22 Panzerkorps erkannt, die dort zum Angriff bereitstanden.

225 Divisionen, das ist keine Zahl, die man falsch liest, das ist kein Rechenfehler. Die Marschälle Georgi Schukow und Iwan Konew hatten an der Weichsellinie in Polen 2,2 Millionen Mann, 4529 Panzer, 13.763 Geschütze und 5000 Flugzeuge zusammengezogen. Ihnen gegenüber standen in der deutschen Heeresgruppe A 450.000 Soldaten, 1150 Panzer und 4100 Geschütze. Fünf zu eins an der wichtigsten Front des ganzen Krieges.

Guderian ging in den Raum, in dem Hitler saß, und sagte ihm die Wahrheit. Die Ardennenoffensive im Westen müsse gestoppt werden. Sie scheitere. Alles müsse nach Osten verlegt werden. Die Russen stünden unmittelbar vor dem Durchbruch. Er forderte Hitler auf, die 30 deutschen Divisionen zu räumen, die in Kurland an der baltischen Küste Lettlands eingeschlossen und von allem abgeschnitten waren, und sie zurückzuholen, um die Zugänge nach Deutschland selbst zu verteidigen.

Hitler sah sich den Lagebericht an. Dann sagte er etwas, das alles erklärt, was man darüber wissen muss, warum Deutschland diesen Krieg verlor. Er nannte das Ganze, und das ist ein wörtliches Zitat aus dem Protokoll dieser Besprechung, den größten Schwindel seit Dschingis Khan. Er wollte wissen, wer den ganzen Quatsch zusammengestellt habe. Er weigerte sich, die Ardennenoffensive abzubrechen. Er weigerte sich, die Kurlanddivisionen zu evakuieren, und er schickte Guderian zurück zu seinem Zug: Kälte, Dunkelheit, Weihnachten.

19 Tage später, am 12. Januar 1945, begann die sowjetische Offensive. Konews Armeen brachen um 4:35 Uhr morgens aus dem Brückenkopf von Sandomir an der Weichsel hervor. Die deutschen Frontstellungen waren bis zum Mittag hinweggefegt. Innerhalb von zwei Tagen war die Bresche rund 320 Kilometer breit.

Die sowjetischen Panzerkolonnen legten täglich 40 bis 50 Kilometer zurück. Die Infanterie kam auf 30 Kilometer am Tag. Warschau fiel am 17. Januar, Krakau fiel am 19. Januar. Posen war bis zum 25. Januar eingeschlossen. Am 31. Januar hatten Schukows Spitzen bereits die brandenburgische Grenze überschritten und die Oder bei Küstrin erreicht, 64 Kilometer vor Berlin.

Berlin war im Grunde unverteidigt. Das Ganze hatte gerade einmal 19 Tage gedauert. In 19 Tagen war die Sowjetarmee 480 Kilometer vorgestoßen, von der Weichsel bis zur Oder bis an Deutschlands Ostgrenze. Guderian hatte in jedem einzelnen Punkt recht gehabt, und Hitler hatte jedes einzelne Wort in den Wind geschlagen.

Guderian ging immer wieder zu Hitler. Er hörte nicht auf. Genau das muss man über diesen Mann verstehen. Er war kein Feigling. Er war kein Jasager. Er war der eine deutsche General, der sich vor Adolf Hitler stellte und ihn anschrie.

Im Januar 1945, als die Sowjets im Osten bereits durch die Lücke strömten, fuhr Guderian erneut zum Adlerhorst. Wieder legte er die Lage dar. Er verlangte, Verstärkungen von der Westfront nach Osten zu schicken. Hitler lehnte ab. Er verlangte, die Panzerdivisionen der Heeresgruppe Süd von Ungarn nach Polen umzulenken. Auch das lehnte Hitler ab.

Stattdessen schickte Hitler die sechste Panzerarmee nicht an die Ostfront, sondern nach Ungarn, um die Ölfelder am Plattensee zu schützen. Ölfelder, die ohnehin kurz davor standen, eingeschlossen zu werden.

Guderians Erinnerungen, die 1952 unter dem Titel Erinnerungen eines Soldaten erschienen, beschreiben diese Wochen als zermalmenden Albtraum aus Schreiduellen und unbeweglicher Sturheit. Er schreibt, dass Hitlers Hände zitterten, dass er sich über die Kartentische beugte und auf Gegenangriffen mit Verbänden bestand, die es längst nicht mehr gab, mit Nachschub, der schon verbrannt war.

Hunderttausende deutsche Soldaten und Zivilisten starben, während Hitler auf ein Wunder wartete. Das Wunder, auf das er wartete, war kein militärischer Plan. Es war Ideologie.

Hitler hatte sich eingeredet, vielleicht angeregt durch Friedrich den Großen und die Geschichte des Siebenjährigen Krieges, dass die alliierte Koalition eher zerbrechen würde als Deutschland. Er nannte das das Wunder des Hauses Brandenburg. Friedrich der Große hatte im Jahr 1762 kurz vor der völligen Niederlage gestanden, als die russische Zarin Elisabeth starb und der neue Zar Peter III. Russland aus dem Krieg führte und Preußen damit praktisch über Nacht rettete.

Hitler glaubte, etwas Ähnliches werde wieder geschehen. Die Amerikaner und die Sowjets würden sich gegeneinander wenden. Churchill würde zur Vernunft kommen. Die Koalition würde auseinanderfallen. Sie fiel nicht auseinander. Sie schloss sich noch enger zusammen.

Währenddessen tat Hitler etwas Erstaunliches, um die aufbrechende Lücke in der Mitte der Ostfront zu decken, genau jene Lücke, vor der Guderian seit Monaten gewarnt hatte. Er schuf eine neue Heeresgruppe, die Heeresgruppe Weichsel, und er stellte Heinrich Himmler an ihre Spitze. Himmler, den Reichsführer SS, den Mann, der das Konzentrationslagersystem leitete, einen Mann, der nie etwas Größeres als einen Polizeiverband befehligt hatte.

Guderian war außer sich. Wegen dieser Ernennung legte er sich unmittelbar mit Hitler an. Er argumentierte, flehte, er drohte mit Rücktritt. Hitler blieb stur. Himmler übernahm am 25. Januar 1945 das Kommando über die Heeresgruppe Weichsel und richtete sein Hauptquartier in einem Sonderzug ein, der bei Deutsch Krone abgestellt war.

Er führte den entscheidenden Frontabschnitt der Ostfront aus einem Zug heraus. Er verließ diesen Zug kaum. Er hatte keine geschlossene Strategie, keine professionelle militärische Ausbildung und keinen Plan, der über Gehorsam gegenüber Hitler hinausging. Mehr als eine halbe Million deutsche Soldaten standen nominell unter seinem Kommando, während die Rote Armee auf ihre Stellungen vorrückte.

Im Februar hatten die Sowjets bereits Brückenköpfe über die Oder gebildet. Berlin war nur noch etwa 70 Kilometer entfernt. Die Stadt war, in den Worten des amerikanischen Militärhistorikers Earl Ziemke, im Grunde offen.

Guderian begriff, was bevorstand. Er versuchte es noch einmal. Er entwarf das Unternehmen Sonnenwende, eine Gegenoffensive der Heeresgruppe Weichsel, die Schukows nördliche Flanke zurückwerfen sollte. Er wusste, dass es zumindest eine Chance gab, den sowjetischen Vormarsch zu bremsen, wenn sich die Flanken stabilisieren ließen. Lange genug vielleicht, um mit den Westalliierten noch irgendetwas zu verhandeln. Das war kein Optimismus, das war nüchterne Rechnung.

Aber Himmler konnte diesen Angriff nicht führen. Guderian wusste das. In einem der heftigsten Wortgefechte des gesamten Krieges stellte er Hitler zur Rede und verlangte, General Walter Wenck müsse das Unternehmen tatsächlich führen, während Himmler auf die Rolle einer bloßen Galionsfigur reduziert werde. Nach stundenlangem Geschrei gab Hitler nach. Wenck übernahm die operative Führung.

Der Gegenangriff, der im Februar begann, wurde trotzdem zum Desaster. Die Verbände waren nur noch zerschlagene Reste, schlecht versorgt und unzureichend ausgebildet, aber wenigstens wurde es nicht die völlige Katastrophe, die es unter Himmler allein geworden wäre.

Dann verunglückte Wencks Stabswagen in den frühen Morgenstunden des 17. Februar. Wenck selbst saß am Steuer, weil sein Fahrer eingeschlafen war. Dann schlief auch er ein. Der Wagen prallte bei Rathenow an das Geländer einer Brücke über die Havel, und Wenck erlitt einen Schädelbruch sowie fünf gebrochene Rippen. Der fähigste deutsche Offizier in diesem Operationsraum war für Wochen außer Gefecht.

Guderian kämpfte weiter, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Lagebesprechungsraum, jeden Tag. Jede militärische Besprechung im Führerbunker in Berlin wurde zu einer Konfrontation. Hitler verschob Phantomdivisionen über die Karte. Er befahl Angriffe von Armeen, die längst vernichtet waren. Er schrie Generäle an, weil sie Stellungen nicht hielten, obwohl es weder Munition noch Verstärkungen gab.

Guderian schrie zurück. Offiziere, die in diesen Räumen standen, sagten später, Guderians Gesicht sei dunkelrot bis violett angelaufen. Die Adern an seinem Hals seien hervorgetreten. Er habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Er sagte Hitler offen, dass Deutschland Waffenstillstandsverhandlungen suchen müsse.

Er sagte Hitler, dass der Krieg im Osten bereits verloren sei. Er sagte Hitler, dass die Rettung der Zivilbevölkerung im Osten, der Millionen Deutschen in Ostpreußen, in Pommern, in Schlesien, einen sofortigen Rückzug auf haltbare Linien verlange. Ebenso die umgehende Evakuierung der eingeschlossenen Kurlandverbände über die Ostsee. Alles wurde abgelehnt.

Im März 1945 war die Lage überall katastrophal. Die Besatzung von Küstrin an der Oder war eingeschlossen. General Theodor Busses neunte Armee versuchte mit einem Entsatzangriff zu den eingeschlossenen Soldaten durchzubrechen. Der Versuch scheiterte. Das Scheitern dieses Entsatzes war der letzte Auslöser.

Am 28. März 1945 kam es zwischen Adolf Hitler und Heinz Guderian zum endgültigen Bruch. Beide schrien sich an. Hitlers Stab stand wie erstarrt im Raum. Offiziere, die dabei waren, sagten später, man habe körperlich zwischen die beiden treten müssen. Guderian war lauter als Hitler. In diesem Raum war noch nie jemand lauter gewesen als Hitler.

Danach sagte Hitler: Ich glaube, Sie haben genug gehabt. Sie sind von Ihrem Kommando entbunden. Sie können jetzt nach Hause gehen. Er befahl Guderian, sechs Wochen Erholungsurlaub zu nehmen. General Hans Krebs ersetzte ihn als Chef des Generalstabs des Heeres. Guderian war weg. Die letzte Stimme in der militärischen Führung, die noch die Wahrheit aussprach, war verstummt.

Er hatte mehr Auseinandersetzungen mit Hitler überstanden als jeder andere deutsche General. Im Dezember 1941 war er entlassen worden, weil er seine Truppen vor Moskau zurückgenommen hatte. Im März 1943 wurde er zurückgeholt als Generalinspekteur der Panzertruppen, nachdem Stalingrad gezeigt hatte, dass die Armee jemanden brauchte, der tatsächlich etwas von Panzerkrieg verstand.

Am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler, wurde er zum Chef des Generalstabs des Heeres gemacht, auch weil Hitler jemanden brauchte, dem er an der Ostfront vertrauen konnte, während er im eigenen Apparat aufräumte. Und nun, am 28. März 1945, als die sowjetischen Truppen nur noch rund 80 Kilometer vor Berlin standen, wurde ihm gesagt, er solle nach Hause gehen und sein Herz schonen.

Die sowjetische Offensive begann erneut am 16. April 1945. Schukows erste weißrussische Front und Konews erste ukrainische Front stießen nach Deutschland vor. Zweieinhalb Millionen sowjetische Soldaten standen ungefähr einer Million deutscher Soldaten der Heeresgruppe Weichsel und der Heeresgruppe Mitte gegenüber. Die Seelower Höhen östlich von Berlin fielen nach vier Tagen erbitterter Kämpfe.

Am 22. April beschoss die sowjetische Artillerie bereits das Zentrum Berlins. Am 23. April war die Stadt eingeschlossen. Am 25. April wurde die letzte Verbindung zwischen der deutschen Neunten Armee und Berlin abgeschnitten.

Himmler, dem am 20. März der Befehl über die Heeresgruppe Weichsel entzogen worden war, weil er unter dem Druck zusammengebrochen war und sich in ein Sanatorium in Hohenlychen zurückgezogen hatte, versuchte zu diesem Zeitpunkt bereits heimlich über den schwedischen Grafen Folke Bernadotte mit den Westalliierten zu verhandeln. Er wollte sich selbst retten. Auch das scheiterte.

Nach der Kapitulation des NS-Regimes wurde er gefasst und tötete am 23. Mai 1945 sich selbst. Hitler tötete sich am 30. April 1945 im Bunker unter der Reichskanzlei in Berlin. Guderian, der sich mit seiner Frau in München aufhielt und dort wegen seines Herzleidens behandelt wurde, ergab sich am 10. Mai 1945 der amerikanischen Armee. Er verbrachte drei Jahre in Haft.

In Nürnberg wurde ihm kein Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Er kehrte nach Hause zurück und schrieb seine Erinnerungen. Er starb am 14. Mai 1954 im Alter von 65 Jahren in Schwangau in Bayern.

Und genau das macht diese Geschichte so kalt. Als Guderian am Heiligabend 1944 im Adlerhorst erschien und diesen Geheimdienstbericht auf den Tisch legte, in dem 225 sowjetische Divisionen aufgeführt waren, die sich an der Weichsel zusammenzogen, wusste er bereits, dass Hitler nicht zuhören würde. Er wusste es, weil er das alles schon einmal erlebt hatte.

Im Dezember 1941 war er entlassen worden, weil er sich ohne Befehl aus dem Raum vor Moskau zurückgezogen hatte, weil er sich geweigert hatte, seine Männer in einer aussichtslosen Verteidigung erfrieren zu lassen. Zurückgeholt wurde er erst, nachdem Stalingrad die sechste Armee vernichtet hatte und Deutschland wieder jemanden brauchte, der Panzerkrieg verstand.

Er kannte das Muster, und er ging trotzdem hin. Er ging hin, weil er glaubte, dass vielleicht noch ein einziges Argument, noch ein einziger Satz zählen, noch eine letzte direkte Konfrontation etwas durchbrechen könnte. Das tat es nie.

Der sowjetische General Wassili Tschuikow, der beim letzten Angriff auf Berlin die achte Gardearmee befehligte, schrieb in seinen eigenen Erinnerungen, dass er im Januar, als seine Männer die Oder überschritten und ihnen auf 70 Kilometern fast keinen Widerstand entgegenschlug, überzeugt war, Berlin hätte bereits im Februar 1945 fallen können, zwei Monate bevor die Stadt tatsächlich fiel. Die Spähtrupps meldeten leere Straßen, leere Felder, eine Stadt, die noch nicht ahnte, dass der Krieg bereits vor ihrer Tür stand.

Die Zahlen, die Guderian an jenem Heiligabend in seiner Aktentasche trug, waren nicht falsch. Sie waren vollkommen richtig. Deutschland verlor allein in den ersten vier Monaten des Jahres 1945 eine Million Männer. So die Einschätzung von Historikern, die die Verlustunterlagen der Wehrmacht aus dieser Zeit ausgewertet haben.

Hunderttausende Zivilisten in Ostpreußen und Pommern wurden von der Front überrollt. Die Wilhelm Gustloff, ein Passagierschiff, das Flüchtlinge aus dem Osten in Sicherheit bringen sollte, wurde am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Dabei starben ungefähr 8000 der 9000 Menschen an Bord. Die größte Katastrophe der Schifffahrtsgeschichte. 8000 Menschen in einer einzigen Nacht.

All das lag in jener Zukunft, die Guderian schon im Dezember vor sich sehen konnte. Er konnte es sehen, weil die Rechnung einfach war. Die Heeresgruppe, die Berlin verteidigen sollte, verfügte über 450.000 Mann. Die Armee, die kam, um sie zu vernichten, zählte zwei Millionen.

Das ist keine Strategie. Das ist Arithmetik. Und Arithmetik interessiert sich nicht dafür, woran du glaubst. Hitler nannte es den größten Schwindel seit Dschingis Khan. Die Rote Armee nannte es Sieg.