Am 26. Juli 1875 wurde in Kesswil am Bodensee ein Junge geboren, der die Psychologie für immer verändern sollte: Carl Gustav Jung. Sein Vater war ein reformierter Pfarrer, der an Gott glaubte, weil es sein Beruf war, und zweifelte, weil es sein Schicksal war. Seine Mutter Emilie stammte aus einer Basler Familie, in der das Übersinnliche zum Alltag gehörte.

Drei Geschwister starben vor seiner Geburt. Als Jung drei Jahre alt war, wurde seine Mutter in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die Gründe blieben unklar, die Familie schwieg darüber. Der Junge wachte eines Morgens auf, und die Frau, die seine Welt war, war verschwunden.
Als sie zurückkehrte, konnte er ihr nie wieder vollständig vertrauen. Jahrzehnte später schrieb er: „Von da an war mit dem Wort Frau stets das Gefühl natürlicher Unzuverlässigkeit verbunden. “ Und in einem Nachsatz, der mehr verrät als der Hauptsatz: „Vater bedeutete Zuverlässigkeit und Ohnmacht. “
Die Mutter hatte zwei Gesichter.
Tagsüber war sie eine gewöhnliche Pfarrersfrau, nachts verwandelte sie sich. Der Junge hörte sie mit etwas sprechen, das er nicht sehen konnte, ihre Stimme wurde tiefer und dunkler. Später gab er dieser Erscheinung einen Namen: Persönlichkeit Nr. 2, jener tiefere, ältere Teil der Seele, der unter der Oberfläche lebt wie ein Fisch unter dem Eis.
Im Alter von vier Jahren hatte Jung einen Traum, den er siebzig Jahre lang nicht vergessen sollte. Er stand auf einer Wiese, entdeckte ein Loch im Boden mit Steinstufen und stieg hinab. Unten stand ein Thron, auf dem ein riesiger Phallus saß, aufrecht und regungslos, mit einem einzelnen Auge, das nach oben starrte. Er wachte schreiend auf und erzählte niemandem davon.
Es war sein erstes Geheimnis, und es lehrte ihn, dass die wichtigsten Dinge im Verborgenen geschehen. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte er einen großen grauen Felsbrocken am Seeufer. Der Junge legte sich darauf, spürte die Wärme und Masse des Steins unter sich und fragte sich: Bin ich der Junge, der auf dem Stein sitzt, oder bin ich der Stein, auf dem ein Junge sitzt? Jahrzehnte später beschrieb er diesen Nachmittag als den Beginn seines eigenen Denkens.
Im Schulalter galt er als seltsames Kind, groß und ungeschickt, mit einer Neigung, Dinge zu sagen, die Erwachsene verwirrten und Kinder nervten. Er hatte keine Freunde, dafür ein geheimes Ritual: Im Dachboden des Pfarrhauses versteckte er eine kleine geschnitzte Holzfigur neben einem bemalten Stein und beschriebene Zettel in einer eigenen Geheimschrift. Erst vier Jahrzehnte später erkannte er, dass dieses Verhalten den Ritualen australischer Aborigines entsprach, die heilige Steine mit Seelenkraft aufluden. Es war sein erster Beweis für etwas, das er später das kollektive Unbewusste nennen sollte.
Mit zwölf Jahren ereignete sich etwas, das ihn endgültig von der Welt seines Vaters trennte. Drei Tage lang kämpfte er gegen einen Gedanken an, während er vor dem Basler Münster stand, und verweigerte Schlaf und Nahrung. Dann gab er nach: Gott sitzt auf seinem Thron über dem Münster und lässt einen gewaltigen Klumpen auf die Kathedrale fallen, das Dach birst, die Mauern brechen, alles Heilige zerschellt. Der Junge fühlte keine Angst, sondern Erleichterung.
Er deutete den Traum als Botschaft: Gott selbst will, dass ich über die Kirche hinausdenke. Von da an lebte er bewusst in zwei Welten. Die eine, die er Persönlichkeit Nr. 1 nannte, war der Alltag mit Schule und Pflichten.
Die andere, Persönlichkeit Nr. 2, war die Welt der Tiefe, ein weiser alter Mann in ihm, der die Sterne und die Toten kannte. Seine Berufswahl fiel beim Lesen eines Lehrbuchs von Richard von Krafft-Ebing. In der Einleitung hieß es, die Psychiatrie sei eine Wissenschaft, die den ganzen Menschen betrachten müsse.
Jung schrieb später, sein Herz habe heftig geschlagen, es sei wie eine Offenbarung gewesen. Hier trafen sich die zwei Ströme seines Lebens: die Naturwissenschaft und die Welt der Seele. Während seines Medizinstudiums in Basel nahm er an spiritistischen Séancen teil, bei denen seine Cousine Helene Preiswerk behauptete, mit Verstorbenen zu sprechen. Jung beobachtete und machte Notizen, ohne alles zu glauben oder zu verwerfen.
Seine Doktorarbeit schrieb er über die Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene. Im Dezember 1900 begann er seine Arbeit an der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich unter dem Direktor Eugen Bleuler, der den Begriff Schizophrenie prägte. Jung entwickelte dort den Assoziationstest: Der Arzt nennt ein Wort, der Patient antwortet mit dem ersten Einfall, und in den Verzögerungen liegt die Wahrheit. Wo die Antwort nicht kam, saß der Schmerz.
Diese Schmerzpunkte nannte er Komplexe. Im Februar 1903 heiratete er Emma Rauschenbach, die Tochter einer der reichsten Industriellenfamilien der Ostschweiz, die Anteile an der später als IWC weltberühmt gewordenen Uhrenfirma hielt. Er war 27, sie war 21. Aus ihrer Mitgift finanzierte sie später das Haus in Küsnacht.
Sie bekamen fünf Kinder in neun Jahren. Im August 1904 wurde Sabina Spielrein, eine 18-jährige Russin aus reichem jüdischen Haus, mit der Diagnose Hysterie ins Burghölzli eingeliefert. Jung behandelte sie mit Freuds Methode, und die Behandlung wirkte. Sabina studierte Medizin und wurde selbst Psychiaterin, ihre Dissertation über die Zerstörung als Ursache des Werdens nahm Freuds Todestrieb-Theorie vorweg.
Doch zwischen Arzt und Patientin überschritt sich etwas. Die Quellen lassen keinen Zweifel daran, dass die Beziehung die Grenze zwischen Therapie und Intimität überschritt, ob es sich um eine vollständige sexuelle Beziehung handelte, ist unter Historikern umstritten. Dass es eine Verfehlung war, ein Vertrauensbruch, daran besteht kein Zweifel. Im Jahr 1909 schrieb Sabinas Mutter einen Brief an Sigmund Freud, in dem sie behauptete, Jung habe ihre Tochter verführt.
Freud stellte Jung zur Rede. Jung gestand halbherzig und ausweichend und nannte die Beziehung ein Experiment. Emma wusste davon und schrieb heimlich an Freud: „Mein Mann gibt mir manchmal das Gefühl, dass ich nicht genug für ihn bin. “ Sabina Spielrein wurde später eine bedeutende Psychoanalytikerin und Pionierin der Kinderpsychologie.
Im Sommer 1942 wurde sie mit ihren beiden Töchtern von der deutschen Wehrmacht in Rostow am Don in einer Schlucht ermordet. Jung erwähnte ihren Namen nach dem Krieg nie wieder öffentlich. Der Bruch mit Freud vollzog sich über mehrere Jahre. Auf einer gemeinsamen Reise in die USA erlitt Freud einen Ohnmachtsanfall, als das Gespräch auf den Tod ging.
Jung fing ihn auf und trug ihn zu einer Couch, Freud flüsterte: „Wie süß es sein muss zu sterben! “ Der Satz ist dokumentiert, seine Bedeutung bleibt unklar. Jung deutete den Vorfall als Beleg, dass Freud seine eigene Psyche nicht analysieren konnte. Der endgültige Bruch erfolgte durch einen Brief, der letzte in einer Reihe zunehmend kälterer Worte.
Freud beendete den Briefwechsel, keiner sprach je wieder mit dem anderen. Bevor die dunkle Zeit kam, trat eine Frau in Jungs Leben ein, die er schon als Patientin behandelt hatte. Toni Wolff, 27 Jahre alt, aus guter Zürcher Familie, war nach dem Tod ihres Vaters in eine tiefe Depression gefallen. Jung behandelte sie, heilte sie, und wieder verschwamm die Grenze.
Toni wurde seine Geliebte. Er erklärte Emma, er brauche beide: Emma sei die Erde, fest und beständig, Toni das Feuer, hell und gefährlich. Emma blieb. Das Dreieck dauerte dreißig Jahre, Toni kam dreimal die Woche zum Abendessen an den Familientisch.
Im Oktober 1913, wenige Monate nach dem Bruch mit Freud, sah Jung während einer Zugfahrt eine Vision: Europa ertrank in Blut, Leichen trieben in den Fluten. Wochenlang kehrte die Vision zurück, und Jung glaubte, den Verstand zu verlieren. Zehn Monate später brach der Erste Weltkrieg aus. Jung verstand, dass das kollektive Unbewusste ihm gezeigt hatte, was kommen würde.
Er beschloss, seiner Angst entgegenzutreten, und ließ die Bilder kommen. Diese Methode nannte er später aktive Imagination. Was ihn erwartete, war gewaltig. Zuerst erschien Philemon, ein alter Mann mit einem weißen Bart und türkisblauen Königsfischer-Schwingen, der Dinge sagte, die Jung nicht wusste.
Dann kam Salome, jung, blind, schön und gefährlich, und der Prophet Elia. Jung schrieb auf, was sie sagten, und malte die Bilder, die er sah. Es entstanden Mandalas, kreisförmige Formen, die er später in allen Kulturen der Welt wiederfinden sollte. Alles, was er in diesen Jahren sah, schrieb und malte, sammelte er in einem großen Buch, handschriftlich in kalligraphischer Schrift, in rotes Leder gebunden, ohne Titel.
Die Welt sollte es später Das Rote Buch nennen. Es lag 93 Jahre lang in einem Banksafe in Zürich und wurde erst 2009 veröffentlicht. Im Jahr 1916 geschah im Haus in Küsnacht etwas, das Jung als das unheimlichste Erlebnis seines Lebens beschrieb. Die Türglocke läutete von selbst, die Kinder sahen Gestalten in den Räumen, die Luft wurde dick wie Suppe.
Jung fühlte: „Die Toten wollen etwas, sie wollen Antworten. “ In drei Nächten schrieb er einen Text, den er Die sieben Unterweisungen an die Toten nannte. Sobald der letzte Satz geschrieben war, hörte das Spuken auf. Aus den Jahren der Visionen entstand 1921 sein Buch Psychologische Typen, aus dem die Begriffe introvertiert und extravertiert in die Alltagssprache eingingen.
Jahrzehnte später entwickelten zwei Amerikanerinnen daraus den Myers-Briggs-Typenindikator, den heute schätzungsweise 50 Millionen Menschen pro Jahr ausfüllen. Aus den wiederkehrenden Bildern in Träumen seiner Patienten entwickelte Jung seine Archetypenlehre: der weise alte Mann, die große Mutter, das göttliche Kind, der Trickster, der Held, der Schatten, die Anima und der Animus. Die Persona, die Maske, die wir tragen. Der Schatten, alles, was wir nicht sehen wollen.
Individuation, der Weg zur Ganzheit. Und die Synchronizität, die bedeutungsvolle Koinzidenz, die er anhand einer Patientin erklärte, die von einem goldenen Skarabäus träumte und im selben Moment ein Rosenkäfer ans Fenster klopfte. Ab 1922 baute Jung seinen Turm in Bollingen am oberen Zürichsee, ohne elektrisches Licht, ohne fließendes Wasser, ohne Telefon. Er baute ihn weitgehend mit eigenen Händen, Stein für Stein, über Jahrzehnte.
Wie ein Baum wuchs der Turm, jede Krise fügte einen neuen Teil hinzu. Hier lebte er ein zweites Leben: holzte Holz, kochte auf dem Eisenofen, holte Wasser aus dem See und meißelte Inschriften in die Steine. Von Bollingen aus brach er zu großen Reisen auf. 1925 durchquerte er Ostafrika, 1925 besuchte er die Pueblo-Indianer in New Mexico.
Ein Häuptling namens Ochwiay Biano sagte über die Weißen: „Sie sind immer auf der Suche, immer unruhig, sie wollen immer etwas. Wir glauben, sie sind verrückt. “ Auf die Frage, warum, antwortete er: „Ihr sagt, ihr denkt mit dem Kopf, wir denken hier“, und legte die Hand aufs Herz. 1938 reiste Jung nach Indien.
In Konark, vor den erotischen Skulpturen des Sonnentempels, notierte er: „Hier ist Sexualität heilig, nicht verdrängt, nicht sublimiert, einfach heilig. “ Der Einladung, den Heiligen Ramana Maharshi zu treffen, folgte er nicht. Er fürchtete, eine Begegnung mit wahrhaft Erleuchteten könnte das Gleichgewicht seiner beiden Persönlichkeiten zerstören. In den dreißiger Jahren entdeckte Jung die Schriften der mittelalterlichen Alchemisten und erkannte in ihren Formeln nicht Chemie, sondern Psychologie.
Die Alchemisten suchten nicht Gold, sondern die Verwandlung der Seele. Der Stein der Weisen war ein Zustand, die Vereinigung der Gegensätze, die Coniunctio oppositorum. Um 1931 entschied ein Gespräch Millionen von Leben. Der Amerikaner Roland Hazard, ein hoffnungsloser Alkoholiker, saß in Jungs Praxis.
Jung behandelte ihn monatelang erfolglos und sagte schließlich: „Ich kann Ihnen nicht helfen. Ihr Fall ist medizinisch hoffnungslos. Die einzige Möglichkeit wäre eine echte religiöse Erfahrung. “ Hazard bekam eine Bekehrungserfahrung und hörte auf zu trinken.
Er sprach mit Ebby Thacher, Thacher mit dem bankrotten Börsenmakler Bill Wilson aus New York. Wilson rief in einem Krankenhaus, am Tiefpunkt seines Lebens, „Wenn es einen Gott gibt, soll er sich zeigen“ und erlebte ein weißes Licht. Er trank nie wieder. Zusammen mit einem Arzt namens Bob Smith gründete er 1935 die Anonymen Alkoholiker.
Im Jahr 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, übernahm Jung den Vorsitz der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, die unter nazistischem Druck stand. Stellvertretender Vorsitzender war ein Verwandter Hermann Görings. Es gibt drei Erklärungen: Er tat es, um jüdische Mitglieder zu schützen, die als Einzelmitglieder in der internationalen Gesellschaft bleiben konnten. Er tat es aus Naivität und Ehrgeiz.
Und er tat es, weil er den Nationalsozialismus psychologisch analysieren wollte. In seinem Essay „Wotan“ von 1936 beschrieb er Hitler nicht als Politiker, sondern als psychisches Phänomen, einen Mann, der von einem Archetyp besessen war. Was schwerer wiegt als der Vorsitz, sind Sätze, die er 1934 schrieb und in denen er ein „arisch-unbewusstes“ vom „jüdisch-unbewussten“ unterschied. Diese Sätze sind nicht zu entschuldigen, nur zu erklären.
1938 beschrieb er Hitler in einem Interview als Medium ohne eigene Persönlichkeit. 1939 trat er vom Vorsitz zurück. Die Debatte darüber dauert bis heute an. Weniger bekannt ist, dass Jung ab 1943 für den amerikanischen Geheimdienst OSS arbeitete und psychologische Profile von Hitler, Goebbels und der deutschen Bevölkerung erstellte.
Im Februar 1944 erlitt Jung im Alter von 68 Jahren einen schweren Herzinfarkt. Während des Komas hatte er eine Erfahrung, die er als das Gegenteil des Todes beschrieb. Er schwebte hoch über der Erde, sah einen riesigen Felsen im Weltraum, der zu einem Tempel ausgehöhlt war. Am Eingang saß ein Hindu in Lotushaltung.
Jung wusste, wenn er den Tempel beträte, erhielte er alle Antworten. Da erschien sein Arzt Dr. Hämmerli und rief ihn zurück. Jung war wütend, er wollte nicht zurückkehren.
Nach seiner eigenen Darstellung starb Dr. Hämmerli kurz darauf, als hätte er sein Leben für das seines Patienten gegeben. Nach dem Herzinfarkt schrieb Jung freier und kühner. 1951 erschien Aion, 1952 Antwort auf Hiob, das Buch, das mehr Theologen erzürnte als alles andere, was er geschrieben hatte.
Seine These: Gott braucht den Menschen genauso wie der Mensch Gott braucht. Hiob verliert alles, nicht weil er gesündigt hat, sondern weil Gott eine Wette mit Satan eingeht. Darin sah Jung nicht die Prüfung eines Frommen, sondern die Unreife eines Gottes, der durch den Menschen wächst. 1955 erschien sein letztes großes Werk, Mysterium Coniunctionis.
Am 21. März 1953 starb Toni Wolff an Herzversagen. Die letzten Jahre waren schwierig gewesen, Arthritis hatte ihre Hände verkrüppelt, und Jung hatte sich nach dem Herzinfarkt verändert. Emma ging zur Beerdigung und erwies ihrer Rivalin die letzte Ehre.
Jung wollte Toni einen Gedenkstein im Garten des Hauses in Küsnacht errichten, die Kinder lehnten einhellig ab. Er meißelte den Stein selbst und stellte ihn in Bollingen auf. Zweieinhalb Jahre später, am 27. November 1955, starb Emma an Krebs.
Sie hatte bis zum Ende gearbeitet, ihr Buch über die Gralslegende blieb unvollendet und wurde von Marie-Louise von Franz vollendet. In ihren letzten Tagen saß Jung an ihrem Bett, hielt ihre Hand und weinte, es ist der einzige dokumentierte Moment, in dem man ihn weinen sah. Nach ihrem Tod sagte er: „Sie war die Königin. Sie war das Fundament meines Hauses.
Ohne sie bricht alles zusammen. “ Und: „Sie war der einzige Mensch, bei dem ich die Nummer eins sein konnte. Ein gewöhnlicher Mensch. Bei allen anderen musste ich die Nummer zwei sein, der Weise.
“
Am 22. Oktober 1959 saß der 84-jährige Jung vor einer BBC-Kamera für die Sendung Face to Face. Der Interviewer John Freeman stellte Fragen über Kindheit, Träume und den Sinn des Lebens. Dann kam die Frage: „Glauben Sie an Gott?
“ Lange Stille. Dann sagte Jung: „Ich brauche nicht zu glauben, ich weiß. “ Der Satz wurde millionenfach zitiert. Später erklärte er seiner Sekretärin Aniela Jaffé, was er gemeint hatte: „Die Leute haben mich missverstanden.
Ich meinte nicht, dass ich weiß, ob Gott existiert. Ich meinte, dass ich eine Erfahrung habe, die weder in Glauben noch in Unglauben passt. Das Wort Wissen kommt dem am nächsten. “
Am 30.
Januar 1961, viereinhalb Monate vor seinem Tod, schrieb Jung einen Brief an Bill Wilson, den Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker. Seine Handschrift war zittrig, aber sein Geist war klar. Er schrieb den Satz, der alles zusammenfasste: Spiritus contra spiritum, Geist gegen Geist. „Das Verlangen nach Alkohol ist auf tiefster Ebene wie das Verlangen nach Gott, nur in die falsche Richtung gelenkt.
“
Es waren fast ausschließlich Frauen, die Jungs Erbe in die Welt trugen. Marie-Louise von Franz, die ihm über 40 Jahre verbunden blieb, wurde die wichtigste Interpretin seines Werks. Barbara Hannah schrieb die erste umfassende Biografie. Aniela Jaffé, eine aus Berlin geflohene Jüdin, wurde seine Sekretärin und schrieb seine Autobiografie Erinnerungen, Träume, Gedanken nach seinen Diktaten nieder.
Esther Harding und Jolande Jacobi verbreiteten seine Lehren in Amerika und Europa. Man nannte sie die „Jungfrauen“, ein Wortspiel, das Jung mit einem schwer zu deutenden Lächeln akzeptierte. In den letzten Monaten seines Lebens schrumpfte Jungs Welt. Der Garten wurde zur Terrasse, die Terrasse zum Wohnzimmer, das Wohnzimmer zum Sessel am Fenster.
Er las mit einer Lupe, die er mit beiden Händen halten musste. Ruth Bailey, eine englische Bekannte, die ihm den Haushalt führte, erinnerte sich an einen Nachmittag, an dem Jung aus dem Fenster auf den Zürichsee blickte und sagte: „Weißt du, was das Schönste auf der Welt ist? “ Sie wartete. „Das Licht auf dem Wasser am Nachmittag.
“
In seinen letzten Wochen erzählte er einen Traum. Er hatte ein großes rundes Fundament aus Stein gesehen, auf dem ein Baum wuchs. Die Wurzeln des Baumes wuchsen nicht in die Erde, sondern nach oben ins Licht. „Die Wurzeln waren im Licht“, sagte er.
Dann fügte er leise hinzu: „Es wird alles gut. “
Am 6. Juni 1961, am frühen Nachmittag, blieb Carl Gustav Jungs Herz stehen. Er wurde 85 Jahre alt.
Draußen tobte ein Gewitter über dem Zürichsee, ein Blitz schlug in den großen Baum im Garten ein, unter dem er gesessen hatte. Ruth Bailey, Aniela Jaffé und mehrere Familienmitglieder berichteten unabhängig voneinander von einer Stille, die in diesem Moment eintrat. Das Grab liegt in Küsnacht. Auf dem Stein stehen drei Inschriften: sein Name und Emmas Name, ein Bibelvers, und der Satz, der auch über der Tür seines Hauses steht: Vocatus atque non vocatus, Deus aderit.
„Gerufen oder nicht gerufen, Gott wird da sein. “ Auf die Frage, warum er diesen Satz gewählt habe, antwortete Jung: „Um mich zu erinnern. Nicht, ob ich an Gott glaube, sondern dass es egal ist, ob ich an Gott glaube. Er ist auf jeden Fall da.
“
Was bleibt, ist eine Sprache. Die Wörter introvertiert, extravertiert, Komplex, Archetyp, Persona, Schatten, Anima, Animus, Selbst, Individuation, Synchronizität und kollektives Unbewusstes werden heute benutzt, ohne dass jemand fragt, woher sie kommen. Was bleibt, ist eine Methode, die in vielen Therapieformen weiterlebt. Was bleibt, ist eine Wirkungskette: die Anonymen Alkoholiker mit Millionen Mitgliedern, der Myers-Briggs-Typenindikator, Joseph Campbell, der George Lucas beeinflusste, und damit Star Wars.
Was bleibt, ist die Idee, dass jeder Mensch einen Schatten hat und dass dieser Schatten nicht der Feind ist, sondern der Schlüssel. Dass Heilung nicht bedeutet, die Dunkelheit zu besiegen, sondern sie zu kennen. Jung war der Mann, der seine Patientin verführte, der seiner Frau eine Geliebte aufzwang, der während der Jahre des Nationalsozialismus Sätze schrieb, die nicht zu entschuldigen sind. Er war auch der Mann, der in die Dunkelheit hinabstieg, als alle anderen wegliefen, der mit Geistern sprach und daraus eine Wissenschaft machte, der einem hoffnungslosen Alkoholiker den Satz sagte, der Millionen Leben rettete, und der am Sterbebett seiner Frau weinte, weil er kein Wort groß genug fand.
Er war beides, Licht und Schatten, Nummer eins und Nummer zwei, der Stein und der Junge, der auf dem Stein sitzt. In Bollingen steht ein Stein, in den der alte Mann Worte gemeißelt hat, die nur er lesen konnte. „Ob Merlin aus diesem Stein schaut – vielleicht tut er es, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist die Frage wichtiger als die Antwort.
Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht. “