Meyer Lansky galt als das finanzielle Genie der amerikanischen Mafia – ein Mann, der die organisierte Kriminalität von einer Welt der Schläger und Bandenkriege in ein Unternehmen nach Vorbild großer Konzerne verwandelte. Seine wahre Macht lag nicht in Gewalt, sondern in Zahlen, Konten und ausgeklügelten Systemen der Geldwäsche. Geboren wurde er 1902 als Mair Suchowlanski in Grodno im damaligen Russischen Reich, dem heutigen Belarus. Als Sohn eines jüdischen Schneiders wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf.

Angesichts von Pogromen und wirtschaftlicher Not entschloss sich die Familie zur Auswanderung in die USA. 1911 erreichte der Neunjährige mit seinen Eltern und Geschwistern über Ellis Island New York. Der Vater änderte den Familiennamen in Lansky. Die Familie ließ sich in der Lower East Side von Manhattan nieder, einem dicht besiedelten Viertel voller Einwanderer aus ganz Europa.
Der junge Meyer lernte schnell, sich in diesem Umfeld zu behaupten. Im Alter von zwölf Jahren freundete er sich mit einem italienischstämmigen Jungen an: Charles „Lucky“ Luciano. Die beiden erkannten früh ihre sich ergänzenden Fähigkeiten – Luciano mit Charisma und Straßeninstinkt, Lansky mit analytischem Verstand und Geschäftssinn. Mit Beginn der Prohibition in den 1920er-Jahren erkannten die jungen Männer die Chance, am lukrativen Schwarzhandel mit Alkohol zu verdienen.
Sie stellten eine Bande zusammen, die als „Bugs and Meyer Mob“ bekannt wurde, und boten Schutz für lokale Schmuggler und illegale Bars an. Lansky entwickelte sich dabei schnell vom reinen Gangster zum Organisator: Er vereinfachte Abläufe, erhöhte Gewinne und verringerte Risiken durch kluge Finanzplanung. Nach dem Ende der Prohibition 1933 blieb der Bedarf an illegalen Glücksspielen und anderen Lastern bestehen. Lansky und Luciano planten nun etwas Größeres: eine überethnische, landesweite kriminelle Organisation.
In den frühen 1930er-Jahren trafen sie sich mit führenden Gangsterbossen in Atlantic City, New Jersey. Das Ergebnis war die National Crime Syndicate, ein Zusammenschluss italienischer, jüdischer und irischer Banden, die ihre Aktivitäten koordinierte. Lansky übernahm darin die Rolle des Finanzchefs. Er schuf ein Netz aus legalen Firmen wie Hotels, Restaurants und anderen Betrieben, um illegale Gewinne in den legalen Wirtschaftskreislauf einzuspeisen.
Dazu entwickelte er komplexe Buchhaltungssysteme, Auslandskonten und eine Reihe von Scheinfirmen, die es den Ermittlern nahezu unmöglich machten, den Geldfluss nachzuvollziehen. Unter seinen Kollegen erhielt er den Beinamen „der Buchhalter“. Ein einschneidendes Ereignis war der Fall seines langjährigen Freundes Bugsy Siegel. Dessen riskanter Bau des Flamingo-Hotels und -Casinos in Las Vegas drohte nach Ansicht von Lansky die mühsam aufgebauten Strukturen der Organisation zu gefährden.
Lansky, stets pragmatisch, soll die Ermordung Siegels mitveranlasst haben. Der Vorfall festigte seine Stellung als monetärer Kopf des Syndikats. Sein Blick richtete sich früh auch ins Ausland, insbesondere nach Kuba. Schon Ende der 1920er-Jahre investierte er in Casinos und Hotels in Havanna.
Das entscheidende Bündnis schloss er in den 1930er-Jahren mit dem kubanischen Diktator Fulgencio Batista. Dieser gewährte Lansky weitreichenden Einfluss auf das Glücksspielgeschäft der Insel. Im Gegenzug flossen Teile der Gewinne in die Staatskassen Batistas. Die Casinos von Havanna wurden zu Anziehungspunkten für wohlhabende US-Amerikaner, und Lansky gehörte zum gesellschaftlichen Leben der Stadt, im Kontakt mit Politikern, Geschäftsleuten und Hollywood-Größen.
Im Zuge der kubanischen Revolution unter Fidel Castro Ende der 1950er-Jahre brach dieses Imperium zusammen. Lansky versuchte vergeblich, mit den neuen Machthabern zu verhandeln und einen Weiterbetrieb seiner Casinos zu sichern. Castro lehnte ab. Lansky floh schließlich von der Insel – Berichten zufolge mit mehreren Millionen Dollar in bar und Gold sowie Vermögenswerten auf geheimen Auslandskonten.
Der Verlust seiner kubanischen Besitzungen war ein schwerer Schlag, beendete aber nicht sein gesamtes Netzwerk. Eine besondere Episode war Lanskeys Zusammenarbeit mit der US-Regierung während des Zweiten Weltkriegs. Die US-Marine soll ihn gebeten haben, die Hafenanlagen von New York vor deutschen Sabotageakten zu schützen. Lansky mobilisierte daraufhin seine Kontakte zu Gewerkschaften und Hafenarbeitern, die verdächtige Aktivitäten meldeten.
Im Gegenzug wurde ihm ein gewisses Maß an Toleranz in Aussicht gestellt. Diese Partnerschaft galt als klassisches Bündnis aus Pragmatismus: Lansky sicherte seine Interessen und erhielt Schutz vor Strafverfolgung. Dauerhaft schützte ihn das nicht. In den frühen 1950er-Jahren rückte das Ausmaß der organisierten Kriminalität in den Fokus der Öffentlichkeit.
Der US-Senator Estes Kefauver leitete Untersuchungen zur National Crime Syndicate. Lansky wurde vorgeladen, verwickelte sich aber in geschickte Ausreden und konnte eine direkte Anklage vermeiden. Seine Kontakte in Politik und Justiz erwiesen sich als wirksamer Schutzschild. In den 1960er-Jahren verschärfte die Regierung ihren Kurs gegen die organisierte Kriminalität.
Die Ermittler konzentrierten sich zunehmend auf Lanskeys Finanzimperium. 1962 wurde er wegen Steuerhinterziehung angeklagt, insbesondere wegen nicht deklarierter Einkünfte aus seinen Casinos in Kuba. Lansky versuchte 1970, dieser Bedrohung zu entkommen: Er floh nach Israel und berief sich auf das Rückkehrgesetz, das Juden automatisch die Staatsbürgerschaft gewährt. Die israelische Regierung lehnte seinen Antrag jedoch unter Druck der USA ab.
Lansky musste in die Vereinigten Staaten zurückkehren, wo ihm 1973 der Prozess gemacht wurde. Trotz einer umfangreichen Beweisführung durch die Staatsanwaltschaft sprach die Jury ihn von den Vorwürfen der Steuerhinterziehung frei. Der Prozess machte deutlich, dass Lanskey einstiger Einfluss schwand. Seine gesundheitlichen Probleme nahmen zu, und jüngere Gangster zeigten weniger Respekt vor seiner Autorität.
Die traditionellen Machtstrukturen der Mafia veränderten sich, und die zunehmende Regulierung der Finanzmärkte erschwerte seine bislang so effektiven Geldwäschemethoden. Meyer Lansky starb 1983 im Alter von 80 Jahren. Seine letzten Jahre verbrachte er vergleichsweise zurückgezogen und in deutlich bescheideneren Verhältnissen als zu seinen besten Zeiten. Sein Erbe ist von bleibender Bedeutung.
Lansky gilt als einer der ersten, der Geldwäsche im großen Stil systematisierte. Seine Methoden – Offshore-Konten, Scheinfirmen, Kreditrückzahlungsmodelle – wurden zum Vorbild für spätere kriminelle Organisationen weltweit. Er verwischte die Grenze zwischen legalem Geschäft und Verbrechen auf eine Weise, die Strafverfolger noch Jahrzehnte später vor große Herausforderungen stellte.
Sein Leben zeigt, wie weit die Verbindung aus krimineller Energie, finanziellem Sachverstand und politischen Kontakten reichen kann – und wie dünn die Linie zwischen Unternehmertum und Verbrechen manchmal ist.