Am 29. März 1895 wurde in Heidelberg ein Junge geboren, der das 20. Jahrhundert wie kaum ein Zweiter durchmaß – und es bis zuletzt nicht erklärte. Ernst Jünger, Sohn eines Apothekers, wurde 102 Jahre alt.

Er überlebte zwei Weltkriege, das Kaiserreich, Weimar, das Dritte Reich, die Teilung Deutschlands und ihren Fall. Er trug die höchste militärische Auszeichnung des Kaiserreichs, den Pour le Mérite, und lehnte Hitlers Angebote, in den Reichstag zu kommen, ab. Er sammelte Käfer unter Artilleriefeuer, nahm LSD mit dessen Erfinder und ließ sich mit 101 Jahren katholisch taufen. Am Ende blieb eine Frage, die bis heute niemand eindeutig beantworten konnte: Wer war dieser Mann?
Die Flucht nach Afrika: Langeweile und die Fremdenlegion
Sein Aufbruch in die Geschichte begann mit einer Flucht. Der 16-jährige Gymnasiast, aufgewachsen in einem soliden protestantischen Apothekerhaushalt in Hannover, empfand das bürgerliche Leben als Erstickung. Er las Abenteuerromane von Karl May und Ruyard Kipling, blickte aus dem Fenster auf die ordentlichen Vorstadtstraßen und handelte Ende 1913 ohne Vorwarnung. Er beschaffte sich Papiere, reiste nach Marseille und meldete sich bei der französischen Fremdenlegion.
Man brachte ihn nach Sidi Bel Abbès in Algerien. Sein Vater, der Apotheker Ernst Georg Jünger, mobilisierte Behörden und diplomatische Kontakte und holte den Sohn zurück. Was auf der Rückfahrt gesprochen wurde, ist nicht überliefert. Aber schon in der Fremdenlegion zeigte sich ein prägendes Detail: Der Junge suchte in der nordafrikanischen Hitze zuerst nach Käfern.
Der Erste Weltkrieg: Stahlgewitter und Insektenkatalog
Im August 1914 meldete er sich freiwillig, wie Hunderttausende seiner Generation. Er kam an die Westfront, in die Champagne, an die Somme. Es wurde das prägende Ereignis seines Lebens. Insgesamt nannte er 14 Verwundungen; Biografen bestätigen mindestens sieben schwere Verletzungen.
Er ließ sich jedes Mal zurück an die Front versetzen. 1918 durchschlug eine Kugel seine Brust, knapp am Herzen vorbei. Im Lazarett verlangte er als Erstes ein Notizbuch. Im September 1918, sechs Wochen vor Kriegsende, erhielt der 23-jährige Leutnant den Pour le Mérite.
Der Krieg hatte für ihn auch eine andere Dimension. Zwischen den Stellungskämpfen in der Nähe des Dorfes Douchy kroch er durch das Niemandsland, um Insekten zu sammeln. Mit Pinzette, Glas und Notizbuch erfasste er 194 Käferarten. Seine Kameraden hielten ihn für verrückt; er notierte die Ereignisse des Grauens und des Absurden mit derselben kühlen Präzision.
Andere zerbrachen an der Front. Er wurde von ihr genährt. Ob das bewundernswert oder beunruhigend ist, bestimmte die Debatte über ihn für die nächsten acht Jahrzehnte. Aufstieg und Ablehnung: Vom Kriegserlebnis zur inneren Emigration
1920 veröffentlichte er auf eigene Kosten „In Stahlgewittern“.
Das Buch war weder Pazifismus noch Propaganda; es war eine präzise, kühle Prosa über das Töten und Getötetwerden. Die Rechte feierte es als Hymne auf den Frontsoldaten, die Linke verfluchte es als Verherrlichung des Gemetzels. Der Verfasser schrieb das Werk jahrzehntelang um; die frühen Fassungen waren härter und nationalistischer, die späteren polierter und distanzierter. In den 1920er Jahren bewegte er sich in Kreisen der radikalen Rechten.
1923 erschien ein Artikel von ihm im „Völkischen Beobachter“, der eine Diktatur forderte. Joseph Goebbels notierte in sein Tagebuch: „Ein großartiger Schriftsteller, aber politisch unzuverlässig. “ Hitler schickte ihm ein Exemplar von „Mein Kampf“ mit Widmung und bot ihm mindestens zweimal einen Sitz im Reichstag an. Jünger lehnte ab.
Die genauen Formulierungen sind umstritten; die Tatsache der Ablehnung steht fest. 1925 heiratete er Greta von Jeinsen, eine junge Frau aus niedrigem Adel. Sie war etwa 20 Jahre alt. Ihre Stimme ist nirgends überliefert; kein Interview, kein Tagebuch.
In seinen Aufzeichnungen gab er ihr den Namen Perpetua – die Ewige, die Ausharrende. 1926 kam der erste Sohn Ernst zur Welt, 1934 der zweite, Alexander. Die Familie lebte in Kirchhorst bei Hannover. Das Haus wurde in den 1930er Jahren zu einer Festung der inneren Emigration.
Jünger trat der Reichsschrifttumskammer nicht bei, er schwieg öffentlich. In seinen privaten Aufzeichnungen nannte er Hitler nie beim Namen, sondern stets „Kniebolo“. 1939, kurz vor Kriegsausbruch, erschien sein Roman „Auf den Marmorklippen“. Das Buch, eine dünn verschleierte Allegorie auf die NS-Herrschaft mit einem brutalen Oberförster und Schädelstätten, war in jeder Buchhandlung des Reichs erhältlich.
Die eine Erklärung für das Überleben der Zensur: Man wagte nicht, den Pour-le-Mérite-Träger anzugreifen. Eine andere: Hitler soll persönlich gesagt haben, Jünger werde nicht angetastet. Greta, die die Gefahr erkannte, bat ihn 1939, die Manuskripte seines gefährlichsten Buches zu verbrennen. Er tat es.
Paris: Besatzung, Doppelleben und Rettung
Zwei Jahre nach dem Erscheinen der „Marmorklippen“ erhielt er den Marschbefehl nach Paris. Im Hotel Majestic, dem Hauptquartier des Militärbefehlshabers, war sein offizieller Auftrag die Zensur der Kriegsgefangenenpost. Siegmund formell so nebensächlich, dass sie ihm praktisch völlige Freiheit ließ. Tagsüber saß er in der Besatzungsbürokratie, abends bewegte er sich in Pariser Salons.
Er traf Pablo Picasso und Jean Cocteau. Er war Zeuge der dunklen Seite der Besatzung. 1943 wurde er zu einer Hinrichtung eines wegen Fahnenflucht verurteilten deutschen Soldaten befohlen. In sein Notizbuch schrieb er: „Ich habe viele Tode gesehen, aber niemals im vorher bestimmten Augenblick.
“
Bei einem Abendessen mit dem französischen Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline, der als radikaler Antisemit galt, brach dieser aus: „Warum erschießt ihr die Juden nicht schneller? “ Jünger schwieg. Er notierte später, dies habe einen „entsetzlichen Eindruck“ hinterlassen. Dann war da Sophie Koch, eine deutsch-jüdische Kinderärztin, verheiratet mit Paul Ravoux.
Sie begegneten sich vermutlich 1941. In seinen Tagebüchern erscheint sie unter den Decknamen „Scha“ und „Doktoress“. Es war eine tiefe emotionale Bindung. Er nannte sie seine große Liebe – die einzige Frau, für die er dieses Wort je verwendete.
Die Beziehung hatte auch eine lebensrettende Dimension. Als Jude im besetzten Paris war sie in ständiger Lebensgefahr. Jünger nutzte seine Stellung, gab Informationen über geplante Verhaftungswellen weiter, nannte Adressen sicherer Wohnungen. Es war kein organisiertes Netzwerk, sondern gezielte, vorsichtige Einzelgesten.
Der 20. Juli und der Tod des Sohnes
Der General, in dessen Stab er diente, Heinrich von Stülpnagel, war ein Anführer der Verschwörung des 20. Juli. Jünger wusste von den Plänen und sympathisierte, handelte aber nicht aktiv.
Im August 1944 wurde er aus der Wehrmacht entlassen, ehrenhaft, ohne Anklage. Der Krieg war für ihn vorbei. Doch der Krieg hatte noch eine Rechnung offen. Sein Sohn Ernst, der „kleine Ernst“, 18 Jahre alt, hatte in militärischer Ausbildung offen gesagt, was er dachte.
Die genauen Worte sind nicht überliefert; der Inhalt war defätistisch. Man verhaftete ihn wegen Wehrkraftzersetzung und schickte ihn ins Strafbataillon 999, eine Einheit mit minimaler Überlebensrate. Am 29. November 1944 wurde er in den Marmorsteinbrüchen bei Carrara in Italien durch einen Kopfschuss getötet.
Die offizielle Version: gefallen im Gefecht. Sein Vater vermutete später, die SS habe den Jungen gezielt getötet, nicht für dessen eigene Worte, sondern als Rache am Vater. Ein dokumentarischer Beweis wurde nie gefunden. Ernst Jünger der Jüngere wurde 18 Jahre alt und liegt auf dem deutschen Soldatenfriedhof am Futapass.
Nachkriegszeit: Fragebögen, Schweigen und eine zweite Ehe
Nach dem Krieg weigerte sich Jünger, den Entnazifizierungsfragebogen der Alliierten auszufüllen. Die britische Militärverwaltung verhängte daraufhin ein Publikationsverbot, das von 1945 bis 1949 dauerte. In der DDR wurde er zum Neofaschisten gestempelt. Um 1950 zog er nach Wilflingen in Oberschwaben, in ein Haus namens „Oberförsterei“ – eine Ironie, die ihm nicht entging, hatte er doch in den „Marmorklippen“ den Tyrannen als Oberförster dargestellt.
Das Anwesen gehörte der Familie Stauffenberg. Er lebte dort 48 Jahre. Greta, die Perpetua, starb 1960. Die Todesursache wird in den meisten Quellen nicht genannt.
Er notierte ihren Tod in wenigen Zeilen. 1962 heiratete er erneut: Liselotte Lohrer, eine Historikerin und Archivarin am Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Die Ehe dauerte bis zu seinem Tod. Die späten Jahre: LSD, der Selbstmord des Sohnes und die Taufe
In Wilflingen widmete er sich seinen zwei großen Leidenschaften: Käfern und veränderten Bewusstseinszuständen.
Seine Käfersammlung wuchs auf Tausende Exemplare; mehrere Arten tragen heute den Zusatz „jüngeri“ in ihrem lateinischen Namen. Sein Interesse an Drogen begann in den 1920er Jahren mit Äther und Kokain. 1970 veröffentlichte er „Annäherungen. Drogen und Rausch“.
Er korrespondierte ab Anfang der 1950er Jahre mit Albert Hofmann, dem Schweizer Chemiker, der 1943 LSD synthetisiert hatte. Sie wurden Freunde. Im Lauf der 1960er und 1970er Jahre nahmen sie gemeinsam LSD, unter anderem in Wilflingen. Hofmann beschrieb eine Sitzung: Nach der Einnahme sah der eine Tiger aus Edelsteinen, der andere Blütenkaskaden; danach tranken sie Kamillentee und diskutierten Platon.
Hofmann bezeichnete Jünger als einen der wenigen Menschen, die psychedelische Substanzen „richtig“ verwenden könnten: den Rausch durchqueren, ohne darin unterzugehen. 1993 erreichte ihn die Nachricht, die schlimmer war als alle Granaten: Sein zweiter Sohn, Alexander, hatte sich das Leben genommen. Der 1934 geborene Arzt wurde 59 Jahre alt. Die Gründe wurden nie öffentlich gemacht.
Jünger zog sich in den folgenden Jahren endgültig zurück. 1996, anderthalb Jahre nach seinem 100. Geburtstag, empfing der 101-Jährige in der kleinen Kirche von Wilflingen die katholische Taufe. Er selbst gab keine Erklärung.
Am 29. März 1995, zu seinem 100. Geburtstag, war er im wiedervereinigten Deutschland tief gespalten aufgenommen worden: für die einen der größte deutsche Schriftsteller des Jahrhunderts, für andere ein nicht reumütiger Militarist. Helmut Kohl besuchte ihn in Wilflingen; François Mitterrand hatte ihn ebenfalls persönlich aufgesucht.
Er starb am 17. Februar 1998 in einem Krankenhaus in Riedlingen, 40 Tage vor seinem 103. Geburtstag. Die Todesursache: Alter.
Man begrub ihn auf dem Friedhof der Kirche St. Pankratius in Wilflingen. Er war aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte lebende Träger des Pour le Mérite militärischer Klasse aus dem Ersten Weltkrieg. Die Nachrufe weltweit waren gespalten: großer Schriftsteller und unbequemes Gewissen in denselben Absätzen.
Die Frage, die bleibt
Sein Leben wirft eine Frage auf, die bis heute nicht eindeutig beantwortet ist. Im April 1945 standen zwei Deutsche vor demselben Feind. Dietrich Bonhoeffer, der sich dem Attentatskomplott angeschlossen hatte, wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt.
Jünger saß im selben Monat in Kirchhorst im Garten, schrieb in sein Notizbuch und lebte noch 53 Jahre. Wer hat richtig gehandelt? Seine Verteidiger sagen, er war ein innerer Emigrant, half Verfolgten, lehnte den Diktator ab. Seine Ankläger sagen, seine nationalistischen Texte der 1920er Jahre fütterten die Ideologie des Dritten Reiches; sein Widerstand war bequem.
In seinem Roman „Eumeswil“ von 1977 schuf er die Figur des „Anarch“, der wie ein Selbstporträt liest: Er durchquert jedes System, ohne dessen Wände zu berühren, rebelliert nicht, unterwirft sich nicht, beobachtet. Im Roman arbeitet der Anarch als Barkeeper in der Festung eines Diktators. Die Kritiker fragten: Kann man als Barkeeper eines Diktators innerlich frei sein – oder ist das die eleganteste Selbsttäuschung der deutschen Literatur? Nach dem Krieg hatte er die Korrespondenz mit Sophie wieder aufgenommen, rund 40 Jahre nach dem letzten Abschied in Paris.
In einem dieser Briefe oder Gespräche nannte er sie seine große Liebe. Sophie hatte den Krieg überlebt, nicht zuletzt dank seiner Warnungen. Sie wie Greta blieb eine Frau ohne eigene Stimme in der Geschichte eines berühmten Mannes. Sein Haus in Wilflingen ist heute ein Museum.
Im Arbeitszimmer liegen eine Lupe, die Käfersammlung, ein Notizbuch. Die letzte Seite ist nicht sichtbar. Er hinterließ mehr als 50 Bücher, Zehntausende Seiten Tagebücher, eine Korrespondenz von Heidegger über Carl Schmitt bis zu Hofmann. Er hinterließ keine Antwort auf die Frage, ob er sich geirrt habe.
Auf keiner Seite steht ein Satz des Bedauerns. Am Ende bleibt, was er selbst als Bild für sein Leben verwendete: die Eichel. Sie enthält bereits den ganzen Baum. Man verändert sich nicht, man entfaltet sich.
Ob das die tiefste Einsicht eines Menschen über sich selbst ist oder die bequemste Ausrede eines Intellektuellen, muss jeder für sich entscheiden.