Michael Corleone entlässt Tom Hagen in „Der Pate“ als Consigliere der Familie – eine Szene, die viele Zuschauer bis heute überrascht. Der Grund dafür ist jedoch weniger ein Verrat als vielmehr eine Frage der Eignung: Tom war ein ausgezeichneter Anwalt und Diplomat, aber als Berater in Kriegszeiten versagte er nach Ansicht von Michael. Nach dem Attentat auf Don Vito Corleone übernahm Michael die Führung der Familie. Ihm war klar, dass ein blutiger Konflikt mit den rivalisierenden Mafia-Familien bevorstand.

Für diese Auseinandersetzung brauchte er einen Consigliere, der in den Methoden von Spionage und Gegenspionage geschult war und ihm in einem Krieg kompromisslosen Rat geben konnte. Tom hingegen war ein Mann des Rechts, der Diplomatie und der friedlichen Lösungen. Don Vito hatte Toms Jurastudium finanziert, mit der Erwartung, dass er sich ausschließlich um Belange in Friedenszeiten kümmern würde. Als Salvatore „Solly“ Tessio und die anderen Familien jedoch zur Offensive übergingen, wusste Michael, dass Tom ihm in dieser Lage nicht die nötige Härte bieten würde.
Tom hätte immer zum Frieden geraten, und genau das konnte Michael sich in diesem Moment nicht leisten. Michael schloss Tom deshalb aus dem inneren Zirkel aus. Das hatte mehrere Gründe: Er wollte Tom nicht in die geheimen Pläne zur Ausschaltung der Oberhäupter der fünf Familien einweihen, um ihn zu schützen. Sollte Tom von Rivalen oder Behörden befragt werden, konnte er glaubhaft behaupten, von nichts gewusst zu haben.
Gleichzeitig wollte Michael verhindern, dass Tom während des Krieges zur Zielscheibe wurde. Ein weiterer Aspekt war die Notwendigkeit, seine eigene Herrschaft zu festigen. Als neuer Don musste Michael einen Consigliere ernennen, und er sah keinen besseren Kandidaten als seinen Vater. Vito war taktisch überlegen und kannte die Mechanismen des Krieges aus eigener Erfahrung, selbst wenn Tom sich möglicherweise hätte weiterentwickeln können.
Michaels Plan, seine Rivalen zu beseitigen, war riskant und streng geheim. Er konnte es sich nicht leisten, diesen Plan mit mehr als einer Handvoll Menschen zu teilen. Tom wurde daher bewusst außen vor gelassen, denn sollte er in die Hände von Barzini oder anderen Gegnern geraten, hätte die gesamte Operation scheitern können. Es ist auch möglich, dass Michael Tom durch die Demontage und die entwürdigende Behandlung testen wollte.
Er könnte Zweifel an Toms Loyalität gehabt haben und prüfte, ob Tom sich gegen ihn wenden würde. Letztlich bewies Tom mehr Treue als Michaels eigener Bruder Fredo, der später zur Belastung für die Familie wurde. Die Frage, ob Tom als Consigliere in Kriegszeiten tatsächlich versagte, lässt sich aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Tom war nie ein Gangster im klassischen Sinn.
Er war nicht durch die Straßen gegangen, hatte nicht gekämpft, betrogen oder Menschen eingeschüchtert, wie es seine Adoptivbrüder taten. Die Corleones hatten ihn vor dem Mafia-Leben abgeschirmt, ihn aufs College geschickt und ihm einen akademischen Werdegang ermöglicht. Dies zeigte sich in konkreten Situationen. Als Salvatore Tessio und Virgil Sollozzo an den Don herantraten, hätte ein kriegstauglicher Berater sofort durchschaut, wer hinter diesen Männern stand und welche Gefahr ihnen drohte.
Ein idealer Consigliere hätte erkannt, dass die Ablehnung von Sollozzos Angebot unweigerlich zu einem Bandenkrieg führen würde. Tom erkannte diese Zusammenhänge nicht, weil er nicht in den Denkmustern eines Gangsters dachte. Michaels Umgang mit Tom war von einer eigenartigen Mischung aus Respekt und Verachtung geprägt. Einerseits schätzte er Toms juristische Fähigkeiten und seinen Rat.
Andererseits zeigte er sich immer wieder frustriert über dessen Schwächen und Grenzen. Anders als sein Vater konnte Michael die Fehler seiner Vertrauten schwer akzeptieren, selbst wenn er sie liebte. Diese Spannung wird besonders in „Der Pate II“ sichtbar. Als Hyman Roth Tom ein Stellenangebot unterbreitet, lehnt Tom ab, ohne sich das Angebot überhaupt anzuhören.
Aus Michaels Sicht war das ein Fehler: Hätte Tom zugehört, hätte er vielleicht eine Gelegenheit für die Familie erkannt und genutzt. Diese fehlende Fähigkeit, Chancen im Interesse des Familienunternehmens zu erkennen, wertete Michael als grundlegende Schwäche. Dennoch vertraute Michael Tom mehr als seinem eigenen Bruder. Die Spannungen zwischen ihnen ähnelten eher einer komplizierten Bruderbeziehung als einer reinen Machtdynamik.
Sie kannten die Schwächen des jeweils anderen und trieben sich gegenseitig zur Weißglut, hielten aber in Krisen zusammen. Trotz aller Demütigungen blieb Tom bis zum Ende ein loyaler Teil der Familie, unabhängig von Blutlinien.