Ich erwachte um zwei Uhr nachts von einem Schrei, der durch die geschlossenen Fenster drang – ein Wimmern, das zu einem markerschütternden Kreischen wurde, dann ein Lachen, das zwischen Wahnsinn…

Ich erwachte um zwei Uhr nachts von einem Schrei, der durch die geschlossenen Fenster drang – ein Wimmern, das zu einem markerschütternden Kreischen wurde, dann ein Lachen, das zwischen Wahnsinn...

Miriam, die Frau von gegenüber, zwinkerte mir zu unserm wöchentlichen Plausch an der Hecke ein Lächeln zu, das meine Nerven bis zum Zerreißen spannte. Ich musste dringend mit jemandem sprechen, und mir blieb niemand anderes, das geliebt es nicht, aber die Angst vor dem Abgrund in meinen Gedanken war zu groß. Aber erst einmal musste diese Nacht überstanden werden, wieder so eine Nacht mit den Schreien. Es war etwa zwei Uhr nachts, als ich erwachte.

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Die vertraute Stille lag über unserem Viertel in Berlin, diese drückende, schwere Stille, die nur hier in der geschlossenen Siedlung herrschte. Und dann hörte ich sie, die ersten, jaulenden Laute. Ein Wimmern, das sich zu einem schrillen Schrei aufbaute, dann ein Lachen, das irgendwo zwischen Wahnsinn und purer Verzweiflung schwebte. Frau Helga.

Seit Wochen trieb sie nun schon ihr Unwesen. Meine Hände umklammerten die Bettdecke, als ich versuchte, das Zittern zu unterdrücken. Ich warf einen Blick auf die leere Stelle neben mir. Jens war wieder einmal unterwegs, eine nächtliche Besprechung bei einem Kunden in Hamburg, notfalls musste ich damit fertig werden.

Die Schreie wurden lauter, ein markerschütterndes Kreischen, das direkt durch die geschlossenen Fenster in unser Schlafzimmer drang. Das Geräusch von Schritten war zu hören, ein Rennen über den geteerten Bürgersteig, direkt vor unserer Einfahrt. Diesmal hörte ich ein anderes Geräusch, ein Rascheln direkt an unserer Haustür, unter dem Türschlitz hindurch. Mein Herz pochte so laut, dass ich das Gefühl hatte, es ersticken die anderen Geräusche.

Ich schob die Decke beiseite und schlich mich auf Zehenspitzen zur Treppe, an die wir große Fensterfront zum Garten hat, und sah nach draußen. Dort, im trüben Licht der gedimmten Straßenlaterne, erkannte ich die gebeugte Gestalt von Frau Helga, die plötzlich auf dem Boden unserer Auffahrt kniete. Sie arbeitete mit fahrigen Bewegungen an etwas auf dem Boden. Mein erster Impuls war, sie zu verscheuchen, doch dann entdeckte ich das weiße Stück Papier, das in unserer Haustür klemmte.

Mit einem beklemmenden Gefühl in der Magengrube zog ich die Tür einen Spaltbreit auf und riss das Papier an mich. Meine Finger waren eiskalt, als ich es auseinanderfaltete. Die Handschrift war krakelig, eine ältere Dame, die nicht mehr so gut sieht oder deren Hand stärker zittert, als sie es zugibt. Aber der Inhalt war klar wie ein Keulenschlag.

Lena, ich bin nicht verrückt. Ich tue nur so. Du bist in Gefahr. Er weiß, dass du es weißt.

Ich las die Zeilen immer wieder, während ich mechanisch die Tür schloss, den Riegel zu schob und mich mit dem Rücken dagegenlehnte. Was bedeutete das? Wer war ‘er’? Jens?

Ich starrte auf die verlöschende Silhouette von Frau Helga, die in den Schatten der Bäume verschwand. Sie wirkte kein bisschen verwirrt, als sie einen letzten, intensiven Blick über die Schulter warf und dann hinter dem nächsten Haus verschwand. Sie wollte offenbar, dass ich es las, dass ich es verstehe. Ein Gedanke an die vergangenen Wochen riss mich aus meiner Starre: die Abende, an denen er angeblich Überstunden machte, seine plötzliche Begeisterung, im Garten Obstbäume zu pflanzen, sein Handy, das er auf einmal mit einem Sechser-PIN-Code sicherte, und die Art, wie er nachts neben mir im Bett lag, die Augen offen, als würde er auf etwas warten.

Ich trat an das Fenster und sah in den dunklen Garten hinaus. Der kleine Spaten, den Jens neulich gekauft hatte, lehnte noch an der Hecke. Ich betrachtete die aufgewühlte Erde im Beet unter der alten Linde, dort wo er letzte Woche so seltsam fokussiert gegraben hatte. Etwas war da unten, etwas sollte ich nicht sehen.

Mit zitternden Händen schaltete ich die Sicherheitslichter der Gartenbeleuchtung ein. Das Licht flutete die Einfahrt und den Vorgarten. Plötzlich blitzte dort, wo das Licht auf den Boden traf, etwas auf. Ich trat näher an die Scheibe, kniff die Augen zusammen.

Es war eine kleine, verbogene Rasierklinge, halb im feuchten Gras versunken. Und daneben, eine kaum sichtbare Vertiefung, eingeprägt in der aufgeschütteten Erde, ein Muster, das Teil einer Schuhsohle sein konnte. Ein Schuh, der nicht in unseren Kleiderschrank gehörte. Ein Schuh, mit einem Profil, wie es vielleicht ein Sicherheitsbeamter oder ein Jäger trägt.

Mir schoss es kalt den Rücken hinunter. Die Beete lagen da, als wäre die Erde vor kurzem umgegraben worden, als wäre etwas begraben und wieder ausgegraben worden. Alles war möglich. Plötzlich fiel mir ein anderes Detail ein, ein Gespräch von vor ein paar Tagen.

Jens hatte mir lächelnd erzählt, er würde ein neues Saatgut für den Rasen besorgen, aber da war ein Riss im Küchenplan gewesen, ein Blitz einer Erinnerung. „Ich bin über einen Glatzkopf mit Sonnenbrille gestolpert, als ich auf dem Weg zum Bäcker war“, hörte ich mich selbst sagen, um zu erklären, warum ich mit einem Griff zur Speisekammer innegehalten hatte. Nein, das war es nicht. Es war der Blick, den Jens und Frau Helga ausgetauscht hatten, als sie vorgab, ihre Katze zu suchen, und er nur kurz genickt hatte, ein kaum wahrnehmbares Zeichen der Wiedererkennung in seinen Augen.

Und da war noch der Anruf neulich Nacht, als ich unterm Schlafzimmerfenster stand und hörte, wie er ins Telefon flüsterte: „Ich warte auf die letzte Lieferung. Dann haben wir den Beweis. “ Beweis wofür? Ich torkelte zurück, stieß gegen den Wohnzimmertisch und blieb schwer atmend stehen.

Die Einsamkeit des Hauses war auf einmal erdrückend. Ich war allein mit einem Geheimnis. Ich konnte nicht anrufen, nicht die Polizei, nicht einmal meine Schwester. Nicht ohne zu wissen, was unter der Linde lag.

Ich zog mich mühsam in die obere Etage, schloss mich im Badezimmer ein und setzte mich auf den kalten Fliesenboden, bis die Angst einer eiskalten Entschlossenheit wich. Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Milchglas des Fensters fielen, stand ich auf, wusch mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser und starrte mein eigenes Spiegelbild an. Ich konnte der Gefahr nicht nur zusehen, ich musste handeln. Ich musste mir selbst helfen.

Als ich die Treppe hinunterging, um Kaffee zu kochen, fiel mein Blick auf den kleinen Taschenspiegel in der Ecke des Flurs, ein Hochzeitsgeschenk von Tante Klara. Er sah völlig normal aus, aber als ich ihn aufhob, um seine Ausrichtung zu korrigieren, bemerkte ich eine winzige Naht am oberen Rand. Ein Ritz. Mein Magen krampfte sich zusammen.

Ich zog mit den Fingernägeln daran, das Holz gab nach, und ein kleines, festgerolltes Papier fiel heraus. Es war mit einer Handschrift beschrieben, die völlig anders war als die von Jens: spitz, kantig und gepresst. Es war ein Foto. Ein Foto von einem Grabstein.

Darauf der Name: Rebecca Anders. Und das Datum ihres Geburts- und Sterbejahrs. Das erste Jahr ihres Todes, sie ist gerade einmal 24 geworden. Ich sah es im Geiste: eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren, die mir irgendwoher bekannt vorkam, die man in jungen Jahren mit mir verwechseln könnte.

Sie war also genauso gewesen wie ich, die perfekte, hingebungsvolle Ehefrau an der Seite des perfekten Ehemanns. Bis sie nicht mehr war. Auf der Rückseite des Fotos stand in derselben kratzigen Handschrift, die ich von Frau Helgas Brief kannte: „Helene, er überwacht deine Bewegungen. Er hat es bei mir getan.

Er bringt Rosen hinter dem Haus an. Sieh unter der alten Linde nach, wo wir unsere Tochter begraben haben. Wann hörst du auf, es zu sehen? “

Mir wurde schwarz vor Augen.

Ich taumelte in die Küche, wo ich mich am Küchenblock festhielt. Meine Tochter. Frau Helga hatte also doch eine Tochter gehabt, hier im Haus, die man so schnell vergessen hatte. Das erklärte ihre Wutausbrüche und die Schreie.

Sie wollte mich nicht erschrecken, sie versuchte, mich zu warnen. Und Jens? Hatte Jens davon gewusst? Wie hatte er die Familienverbindung ausgeblendet, während er mir von seiner kranken Nachbarin erzählte, die es nicht verdiene, in ein Heim gebracht zu werden?

Ich hörte, wie vor dem Haus ein Auto vorfuhr. Jens. Ich steckte das Foto schnell in meinen Bademantel und lief nach oben ins Schlafzimmer, wo ich mich auf das Bett legte, den Blick an die Zimmerdecke geheftet. Ich hörte, wie sich die Haustür öffnete, seine leisen Schritte die Treppe heraufkamen.

Ich atmete flach, schloss die Augen und gab vor zu schlafen. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, dann trat er neben das Bett. Ich spürte seinen Blick auf mir, dann beugte er sich herab und küsste mich sanft auf die Wange. „Ich bin wieder da, mein Schatz.

Es war eine lange Fahrt. Wir müssen dringend über deinen Garten sprechen“, murmelte er. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich blieb regungslos liegen, bis er ins Badezimmer ging, dann öffnete ich die Augen.

Das Foto war warm in meiner Hand. Ich hörte das Wasser im Bad laufen. Meine Gedanken rasten. Ich brauchte einen Plan.

Ich konnte nicht einfach die Polizei rufen, nicht ohne Beweise, nicht ohne zu wissen, was unter der Linde lag und was ihn zu dieser Besessenheit getrieben hatte. Frau Helga hatte es überlebt, aber ihre Tochter nicht. Ich musste es mit so viel Vorsicht und List angehen wie möglich. Am Nachmittag, als Jens im Arbeitszimmer in einem Anruf vertieft war, beobachtete ich vom Küchenfenster aus, wie er aufstand, meine Reisetasche zur Seite schob und dabei ein paar sekundenlang an der großen Eichenvitrine verharrte, wo wir unsere Familienfotos aufbewahrten.

Sein Blick ruhte auf einem Bild von uns, von unserer Hochzeit. Er fasste sich ans Gesicht, drehte sich dann um und verließ das Zimmer, um sich zur Linde zu begeben. Ich schlich mich ins Arbeitszimmer, um zu sehen, was er notiert hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein offener Notizblock.

Es war keine Notiz, sondern eine sehr detaillierte technische Zeichnung, eine, die mein Blut in den Adern gefrieren ließ: eine Art Rohrleitungsplan unseres Hauses, mit einer kaum sichtbaren Markierung im Keller, wo die Hauptwasserzufuhr abging. Jens hatte also nicht nur gegraben, er hatte einen Plan. Und der Plan führte in den Keller. Was hatte er dort unten versteckt?

Verstehe mich nicht falsch, ich dachte nicht an eine Überraschungsparty. Ich dachte an die Zeitung von neulich, wo ein Bericht über einen ungeklärten Unfall in einem Einfamilienhaus stand. War das das Muster? Ich ging nach unten in den dunklen Keller, wo es muffig und nach feuchter Erde roch, obwohl wir dort oben wohnten.

Ich sah die schwere Holztür am Ende des Flurs, die nicht zu unserem Grundriss gehörte. Sie war abgeschlossen. Aber in einer verbeulten Blechkiste, die auf einem Regal im Abstellraum stand, lagen ein Zweitschlüssel und ein altes Tagebuch mit abgegriffenem Einband, halb zerfallen. Das verblasste orange Cover trug den aufgedruckten Titel „Mein Becher aus Weißgrad, Umkehrung Rotkelchen“.

Ich klappte es auf und roch es sofort, mein Parfüm, das ich nicht mehr seit der Schwangerschaft benutzt hatte. Er hatte sich also an mein Leben geklammert und es nicht nur überwacht. Meine Finger blätterten die Seiten um. Auf halber Höhe stand geschrieben: „Ich muss sie nur genau beobachten, um sie zu verstehen.

Das System funktioniert nicht, wenn es die Konstante des freien Willens nicht ersetzt. Aber ich habe sie trainiert und sie gehorcht. Am besten funktioniert es, wenn man ihnen die Kinder nimmt, denn das bricht den eigenen Willen. Meine Befriedigung liegt in dem Moment des endgültigen Zusammenbruchs.

“

Eine Gänsehaut überzog meine Arme. Es war nicht nur die Kontrolle, es war eine krankhafte Freude an der Zerstörung. Ich hörte hinter mir ein Geräusch, das Knacken einer Bodenplatte. Ich wirbelte herum, aber da war niemand.

Nur das Klacken der alten Heizungsrohre. Jetzt war mir klar, dass jeder weitere Schritt mir nur eines einbringen würde: noch mehr Fehler. Ich versteckte das Buch in meiner Unterwäscheschublade, unter meine alte ausrangierte Winterdecke, und stapelte einige meiner verlorenen Ohrringe darüber. Als ich aus dem Bad kam, stand Jens im Schlafzimmer.

„Du scheinst ja eine sehr produktive Toilettenzeit zu haben“, sagte er, die Arme verschränkt, das Gesicht völlig ausdruckslos. „Chronisch, weißt du“, erwiderte ich so ruhig wie möglich, „darum muss ich auch dringend zum Arzt. “ „Lass mich mitkommen“, bot er an, aber ich wehrte ab. „Nein, ich muss das selbst durchziehen.

Bis später. “

Ich zog mich um, schnappte mir meine Handtasche und musste zwei Türen durchqueren, um das Haus zu verlassen, als ich den Zettel in meiner Manteltasche fand. Ich hielt inne und las. Es war die Botschaft von Frau Helga gewesen, aber mit einer anderen Handschrift auf der Rückseite, einer festen, analytischen Handschrift: „Du weißt immer noch nicht die Wahrheit.

Dein Mann war vor vier Jahren in Ungarn, wo die Polizei das Versteck deiner Kontaktperson ausgehoben hat. Es ist Zeit zu sehen, was unter der Linde ist, in die dein Name eingeritzt ist. RB. Du musst sie aufhalten, bevor sie dich aufhält.

– Der Mann im Schatten. “

Mir blieb der Mund offen stehen. Das ändert alles. Es gab also einen Zeugen, einen Beobachter, der genau wusste, was Jens in der Vergangenheit getan hatte, und wahrscheinlich auch, was heute geschah.

Und er wusste, was unter der Linde lag. Ich lief los, rannte die Straße entlang zurück zu unserem Haus, nicht zum Eingang, sondern zur Seite, wo der hohe Zaun lag. Ich musste das Beet unter der Linde sehen, und das sofort. Ich zwängte mich durch die kleinen Öffnung in der Hecke, die Frau Helga die ganze Zeit benutzt hatte, und blieb schwer atmend unter dem Baum stehen.

Die Erde war locker, erst kürzlich umgegraben und wieder glattgeharkt worden. Ich kniete mich hin und begann zu graben. Meine Fingernägel brachen, aber ich hörte nicht auf. Dann spürte ich etwas Hartes, eine Ecke.

Ich befreite es vorsichtig, es war eine kleine, verrostete Metallkassette mit einem Kratzer in Form einer Zahl. Ich riss sie auf. Stapel von Bargeld, ein Reisepass mit einem frischen Stempel, keine dt. Banknoten, aber harte Euro-Scheine, eine Waffe, eine schwarze Pistole, die ich nie zu Gesicht bekommen hatte, und ganz unten, unter den Dokumenten, ein Umschlag mit einem Bild von mir.

Ein Schnappschuss aus dem Garten, ich gieße die Blumen, dann ein Bild von mir im Schlafanzug, aufgenommen aus einem Versteck in unserem eigenen Haus. Dazu ein Zettel mit einer Notizschrift, die Exakt die gleiche war wie die auf dem Zettel von Madame Bovary – der Schnickschnack: „Wenn alle schiefgeht: Die Witwe weiß mehr, als sie wissen sollte. Behalte sie im Auge. Bring sie nach Bethanien, wie wir es mit der anderen gemacht haben.

“

In dem Moment ging ein Schatten über mich, und ich hörte eine vertraute, ruhige Stimme: „Ich wusste, wenn ich ihr den Köder hinwerfe, würde sie anbeißen. “ Jens stand wenige Meter entfernt, eine kleine, schwarze Schaufel in der Hand, das Gesicht entspannt, aber mit einem grimmigen Ausdruck in den Augen. „Du hättest dich wirklich nicht einmischen sollen, mein Schatz. “ Er trat näher, und mir wurde klar, dass die Werkzeuge und das Graben nicht dem Bau einer Terrasse gedient hatten, sondern einem weitaus brutalen Zweck.

Ich griff in die Kiste nach der Waffe, aber er war schneller. Mit einer einzigen Bewegung riss er mir die Kassette aus der Hand und schleuderte sie ein Stück weit über den Rasen. „Das ist eine Automatik“, sagte er gelassen, „die hat schon einmal funktioniert. Du weißt gar nicht, wie Recht du hattest, als du dich so oft mit diesen Kopfschmerzen gequält hast.

Dein Arm, dein Vorderhaupt, dieser kleine Aussetzer in der Nacht vor sechs Monaten, als du vom Fahrrad gestürzt bist. Das war ich. “ Er lächelte kalt. „Ich habe dafür gesorgt, dass etwas mehr bei der Kontrolle schiefgeht.

Es muss sich einfach richtig anfühlen. “ Ich fiel nach hinten, gegen die Linde, und spürte den Stamm hart im Rücken. „Frau Helger“, stieß ich hervor, „deine Tochter? Sie hat es überlebt.

Du wirst sie nicht los. “

Sein Grinsen wurde schmaler. „Die alte Schachtel? Sie ist längst erledigt.

Ich habe dafür gesorgt, dass ihre Einweisung vorbereitet ist. In einer Woche holt sie der Krankenwagen. Auf Nimmerwiedersehen. “ Er machte einen Schritt auf mich zu, die Schaufel in der Hand, und ich verstand die volle Bedeutung seiner Worte.

„Du hattest immer einen sechsten Sinn für solche Dinge, Lena. Schade, dass aus uns nie ein Team werden konnte“, sagte ich und sprach zum ersten Mal seit Stunden wieder gelassen. „Ich hätte auch einen guten Verhörspezialisten abgegeben. Zu dumm, dass ich nur eine Verrückte war.

“

Bevor ich weitersprechen konnte, wurde sein Blick scharf, hinter mir, über meine Schulter hinweg, hörte ich etwas, das wie das leise Klicken einer Waffe klang. „Nicht bewegen, Jens. Hände hinter den Kopf. “ Ich drehte mich langsam um.

Am Zaun, das Gesicht von einer großen Sonnenbrille und einem Schal halb verdeckt, stand Frau Helga. Ihre Haltung war nicht mehr die einer zittrigen Greisin. Sie hielt einen großen schwarzen Schlagstock in der Hand und zielte damit gerade auf Jens’ Brust. „Du magst ja Spezialisten für deine Drecksarbeit haben“, sagte sie mit einer Stimme, die plötzlich fester und jünger klang, „aber ich war schon immer besser im Beenden als du, Bursche.

“

Ein Motorrad mit heulendem Motor raste heran, ein einzelner Fahrer in dunkler Kleidung und Vollvisierhelm, der auf dem Gehweg direkt vor unserem Grundstück schlitterte. „Steig auf, schnell“, befahl er Frau Helga, ohne den Helm abzunehmen. Sie zögerte keine Sekunde und schwang sich mit einer Wendigkeit, die all ihren Jahren trotzte, auf den Sitz. Bevor das Motorrad davonraste, sah mich Frau Helga ein letztes Mal an, in dem Augenblick, als ich ihre Augen erkannte.

Es waren nicht die Augen einer Tumorranken, es waren die kalten, wachsamen Augen einer anderen Verfolgten. „Keine Sorge“, rief sie mir zu, und ihre Stimme klang völlig unsentimental, „Wir sehen uns auf der anderen Seite. Du weißt ja jetzt genug, um es ihr zu erklären. “

Dann verschwanden sie zwischen den Grundstücken.

Jens stand noch immer da, braun gebrannt, und lachte leise und völlig unberührt. „Na also, Lena. Jetzt wäre ich beinahe um meine Rente geprellt worden“, sagte er. „Aber das ist auch egal, denn die hab ich ja zum Glück schon.

Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns richtig bequem machen. Wir werden viel über unsere neue Zukunft reden, über deine, über meine und über unseren kleinen Lieblingsmenschen im Rollstuhl. “

Ich hatte das Gefühl, dass der Boden unter mir weggerissen wurde.

Meine Rettung war weg, die einzige Zeugin, die ich jemals hätte haben können. Aber er wusste nichts von dem Tonbandgerät, das ich auf der Brüstung des Gästezimmerfensters versteckt hatte und das nun zwischen den beim Auto üblichen Feldern im Schlafzimmer lag. Ich hatte keine Beweise mehr, aber das letzte Wort war noch nicht gesprochen. In dieser Nacht, als Jens tief und fest schlief, schlich ich mich nach unten in den Keller und öffnete die Kiste neben der Heizung.

Dort, unter alten Weihnachtsdekorationen, fand ich einen zweiten, kleineren Koffer, der in meinen Sachen versteckt war. Der Koffer mit den Landkarten von einem Ort, den ich nur aus einer halben Erinnerung kannte, aus einem Gespräch, das ich einmal vor langer Zeit mit einem Kunden in Hamburg geführt hatte. Ich hob ihn vorsichtig heraus und machte ihn auf. Ja, wieder einmal eine Sammlung von Zetteln, von Fotos, von Dokumenten, die mehr als ein Vierteljahrhundert zurückreichten.

Ein Tau, ein Name auf einer Liste, eine alte Zeitungsnotiz über einen Bootsunglück in der Ostsee. Auf einem der Bilder war eine junge blonde Frau zu sehen, die mir aus dem Gesicht schnitt: meine Mutter, mit einem Kind auf dem Arm, aufgenommen an einem Ostseestrand. Eine andere Aufnahme zeigte einen Mann, der ihr unter der Bahre eines Zeltes beim Picknick über die Schulter lächelte. Es standen Daten auf der Rückseite, Adressen, eine Telefonnummer.

Die zeichnete sich deutlich auf dem Papier von etwas ab, dass sich wie der Abdruck eines alten Fotokopierers anfühlte. Ich hatte es geerbt, nachdem meine leibliche Tante gestorben war, eine Frau, die ich nie kennengelernt hatte. Meine Mutter war als junge Frau nach Thailand gegangen, hatte dort gelebt und irgendwann nicht mehr untertauchen können, weil sie zu viele Feinde gemacht hatte, innerhalb der Familie und im Ausland. Und was war dabei herausgekommen?

Eine Tragödie, ein Todesfall in der Familie, von dem ich nichts wollte, aber auch nicht abrücken konnte. Sie hatte mir diese Aufzeichnungen geschickt, zusammen mit einem Brief, in dem stand, dass sie so krank sei, dass sie das alles nicht mehr ertrage. Es war der letzte Wille einer Toten, die mehr gewusst hatte als jedes Finanzamt. Sie hatte sich von Jens losgeeist und ihm eine Rechnung hinterlassen, die er nie würde bezahlen können.

Ich sah auf den Wecker, der neben der Kiste stand: jetzt war es fast Zeit. Ich musste nur noch eines erledigen, bevor ich das Land verließ. Ich packte den Koffer, zog mir den Mantel über und schlich mich aus dem Haus. Die Nacht war kalt und klar, der Himmel voller Sterne, ein unendliches Blau, das mich an die See erinnerte, obwohl wir mitten im Land waren.

Als ich aus der Siedlung herauskam, hielt neben mir ein dunkler Van. Die Tür öffnete sich, und eine Frauenstimme sagte: „Steig ein. Wir haben nicht viel Zeit. “ Ich zögerte.

„Woher weiß ich, dass du das hier nicht auch durchziehst? “ Der Fahrer drehte sich um. Es war Frau Helga, die mir über den Sitz hinweg einen vertrauten, kräftigen Aktenkoffer überreichte. „Ich obsorge nur, was dir gehört“, sagte sie, und ihre Stimme klang erschöpft, aber bestimmt.

„Deine Mutter hat mir das hier vor ihrem Tod gegeben. Für dich. Damit du genug hast, um neu anzufangen. Und damit du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du diesen Ort jemals wiedersiehst.

“

Ich öffnete den Koffer. Mein Atem stockte. Er war fast vollständig mit Bargeld gefüllt, in einem Bündel, mit dem Wechselstempel einer Bank aus Österreich. Dazu lagen ein Reisepass und ein Flugticket auf einen Namen, den ich nicht kannte, nach Kuala Lumpur.

Und unter den Geldbündeln blätterte ich die Ausweispapiere einer Verstorbenen durch, die mir Jahre zuvor wie aus dem Gesicht geschnitten war, und einen Zeitungsartikel: „Tochter eines in Bayern vermissten Unternehmers spurlos verschwunden“. Ich blickte Frau Helga an. „Und was wirst du machen? Er wird nicht aufgeben.

“ Sie schüttelte den Kopf und wirkte zum ersten Mal wirklich alt. „Ich habe andere Verpflichtungen. Und du? Du schaffst das.

Du warst nie die Verrückte. Ich weiß das. Mein Helene hat es auch gewusst. “ Sie nannte mich bei diesem Namen.

Meine Mutter hieß Helene. Ich warf noch einen letzten, langen Blick auf das dunkle Haus, aus dem ich kurz zuvor gekommen war, und stieg ein. „Fahr zu“, sagte ich leise. Der Motor des Vans lief an.

Die Siedlung verschwand im Rückspiegel, verschluckt von der Nacht. In meiner Hand hielt ich die Bilder. Ein Foto von mir, ein anderes von meiner Mutter mit leeren, toten Augen. Und in meiner Jackentasche den abgegriffenen Umschlag.

Es war Zeit zu gehen. Es war eine Tür zugefallen, und ich wusste nicht, ob sie sich noch einmal öffnen lassen würde. Aber zum ersten Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, dass der Boden unter meinen Füßen fest wurde. Das Haus, das Grauen, die Angst, sie gehörten bald der Vergangenheit an.

Ich atmete durch und starrte in die Dunkelheit vor mir, die sich wie ein Versprechen anfühlte.