In der Nacht des 15. Februar 1781 stirbt Gotthold Ephraim Lessing in einem Gasthof in Braunschweig. Er ist 52 Jahre alt, wirkt aber wie ein Siebzigjähriger. Auf dem Nachttisch liegt ein versiegeltes Schreiben, das den Namen eines Mannes trägt, den ganz Deutschland seit Jahren zu finden versucht: den Autor jener Fragmente, die die christliche Kirche erschüttert haben.

Lessing nimmt dieses Geheimnis mit ins Grab. Sein Leben begann am 22. Januar 1729 in Kamenz in der Oberlausitz. Als Sohn eines strengen lutherischen Pfarrers wächst er in einem Haushalt auf, in dem Glaube und Gehorsam über allem stehen.
Der Vater, Johann Gottfried Lessing, duldet keine Fragen. Der kleine Gotthold liest heimlich Bücher aus der Studierstube des Vaters und stellt bereits als Zehnjähriger Fragen, die niemand beantworten kann: Warum verdammt Gott Menschen, die ihn nie kennengelernt haben? Mit zwölf Jahren verlässt er das Elternhaus und besucht die Fürstenschule St. Afra in Meißen.
Dort glänzt er durch Sprachgewandtheit, gilt aber als Außenseiter. Mitschüler nennen ihn den Bücherwurm oder den kleinen Ketzer, weil er auch hier unbequeme Fragen stellt. Sein Vater erwartet, dass er Theologie studiert und Pfarrer wird. Doch Lessing schlägt einen anderen Weg ein.
In Leipzig studiert er zwar Theologie, verbringt seine Zeit aber im Theater der berühmten Schauspielerin Friederike Caroline Neuber. Er entdeckt die Bühne als seinen eigentlichen Ort. Zugleich lernt er die Schattenseiten der Freiheit kennen: Er spielt Karten, macht Schulden und wird schließlich vom Vater nach Hause zitiert. Das Verhältnis der beiden zerbricht an diesem Konflikt.
Der Sohn erklärt, er suche seinen eigenen Weg – zur Wahrheit. Lessing geht nach Berlin. Er lebt von Übersetzungen und Theaterkritiken, schreibt erste Stücke und veröffentlicht mit 20 Jahren die Komödie „Die Juden“, in der er einen edelmütigen jüdischen Helden zeigt. Das ist für die damalige Bühne eine Provokation.
Ein Professor aus Göttingen schreibt, ein solch tugendhafter Jude sei unmöglich. Fünf Jahre später widerlegt Lessing diese Behauptung durch eine Begegnung. In Berlin lernt er Moses Mendelssohn kennen, einen armen, jüdischen Gelehrten. Aus der Begegnung wird eine lebenslange Freundschaft.
Lessing veröffentlicht ohne Wissen Mendelssohns dessen Manuskript und macht ihn berühmt. Mendelssohn wird zum Begründer der jüdischen Aufklärung und vergisst nie, wem er diesen Schritt verdankt. Mit scharfen Kritiken macht sich Lessing früh Feinde. Er vernichtet die Karriere eines Gelehrten mit einer akribischen Widerlegung von dessen Horaz-Übersetzung.
Später weist er nach, dass ein berühmter Dichter sein Drama abgeschrieben hat. Der Skandal ist groß, Lessing zuckt nur mit den Schultern. Als der Siebenjährige Krieg tobt, wird Lessing Sekretär eines Generals in Breslau. Er erlebt den Krieg aus nächster Nähe – und verliert in einer Nacht eine hohe Summe beim Kartenspiel.
Aus dieser Verzweiflung heraus schreibt er die Komödie „Minna von Barnhelm“, die erste bedeutende deutsche Komödie, die bis heute aufgeführt wird. Nach dem Krieg wagt er in Hamburg den Versuch, ein Nationaltheater zu gründen. Seine „Hamburgische Dramaturgie“ gilt als Beginn der modernen Theaterkritik. Doch das Theater scheitert nach zwei Jahren an Intrigen und Piratenkopien seiner Schriften.
Lessing bleibt wieder einmal nichts. In Hamburg begegnet er auch Eva König, einer verheirateten Kaufmannsfrau und Mutter von vier Kindern. Sie freunden sich an. Als ihr Mann stirbt und sie mit Schulden zurücklässt, zögert Lessing.
Er liebt sie, schreibt ihr über Jahre mehr als 200 Briefe – aber er heiratet sie nicht. Stattdessen nimmt er eine Stelle als Bibliothekar in Wolfenbüttel an. Dort verwaltet er eine der größten Bibliotheken Europas. Das Amt bringt ihm ein Privileg: Er darf alles veröffentlichen, was er findet – ohne Zensur.
Dieses Privileg wird ihm zum Verhängnis. Er beginnt, die Manuskripte Hermann Samuel Reimarus’ zu publizieren, eines Hamburger Gelehrten, der nach seinem Tod radikale Schriften gegen die christliche Lehre hinterlassen hat. Sie stellen Jesu Auferstehung und die biblischen Wunder infrage. Lessing gibt die Texte als „Fragmente eines Ungenannten“ heraus und behauptet, er wisse nicht, wer der Autor sei.
Der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze greift ihn daraufhin scharf an. Es entsteht eine der berühmtesten Kontroversen der deutschen Geistesgeschichte. Lessing antwortet mit Polemiken, die immer schärfer werden. Ganz Deutschland fragt nach dem Verfasser der Fragmente – doch Lessing schweigt.
Er schützt die Familie Reimarus, deren Existenz die Offenlegung zerstören würde. Der Herzog von Braunschweig entzieht Lessing 1778 das Zensurprivileg. Lessing kündigt an, künftig von der Theaterbühne zu predigen, und beginnt noch am selben Abend mit der Arbeit an „Nathan der Weise“. Die letzten Jahre seines Lebens sind von Verlust geprägt.
1776 heiratet er schließlich Eva König – nach zehn Jahren Warten. Sie ist 40, er ebenfalls. Doch das Glück währt nur kurz. Im Dezember 1777 bringt Eva einen Sohn zur Welt, der nur wenige Stunden lebt.
Wenige Wochen später stirbt Eva an Kindbettfieber. Lessing ist am Boden zerstört. Aus dieser Dunkelheit heraus vollendet er „Nathan der Weise“. Das Stück erzählt von einem jüdischen Kaufmann, der seine Familie bei einem Pogrom verloren hat und dennoch weitermacht.
Die berühmte Ringparabel verkündet, dass keine Religion beweisen kann, die einzig wahre zu sein – entscheidend seien Taten, nicht Herkunft. Die Theater lehnen das Stück ab; es sei zu philosophisch, und ein Jude als Held sei undenkbar. Lessing reagiert gelassen: Es werde gespielt werden, wenn er längst tot sei. Im Dezember 1780 erkrankt Lessing schwer.
Er wird nach Braunschweig gebracht, wo er in einer einfachen Kammer eines Gasthofs liegt. Sein Bruder Karl besucht ihn. Moses Mendelssohn schreibt einen letzten Brief. Am 15.
Februar 1781 stirbt Lessing. Seine letzten Worte sind nicht überliefert. Das Geheimnis um die Autorschaft der Fragmente bleibt bis 30 Jahre nach seinem Tod gewahrt. Erst dann gibt der Sohn von Reimarus die Urheberschaft seines Vaters preis.
„Nathan der Weise“ wird 1783 in Berlin uraufgeführt und zum größten Erfolg der deutschen Theatergeschichte. Selbst die Nationalsozialisten konnten das Stück nicht dauerhaft verhindern. Nach dem Krieg gehörte es zu den ersten Aufführungen in den Ruinen deutscher Städte.