DIE BRIEFE, DIE 60 JAHRE NIEMAND LESEN DURFTE — MAX FRISCHS DUNKELSTES GEHEIMNIS

DIE BRIEFE, DIE 60 JAHRE NIEMAND LESEN DURFTE — MAX FRISCHS DUNKELSTES GEHEIMNIS

Im Herbst 2022 öffnete ein Archivar in einem Verlagsgebäude in Zürich versiegelte Kartons, die sechzig Jahre lang nicht hatten berührt werden dürfen. Darin lagen Hunderte Briefe, die nie abgeschickt worden waren – darunter ein Briefwechsel, der bis dahin als Geheimnis zweier der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gegolten hatte. Die Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, die unter dem Titel „Wir haben es nicht gut gemacht“ veröffentlicht wurde, gilt seither als eines der schonungslosesten Dokumente über Liebe, Scheitern und die Frage, ob Künstler einander zerstören müssen.

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Die Geschichte beginnt lange vor dem Ruhm. Max Frisch wuchs in Zürich als Sohn eines Architekten auf, der im Zuge der Wirtschaftskrise seine Existenz verloren hatte. Der Vater arbeitete zuletzt als Immobilienmakler, kämpfte mit Schulden und starb 1932 – zwei Jahre nach einem Abend, an dem er seinem Sohn gesagt haben soll: „Schreiben, davon wird niemand satt. “ Frisch, damals 19, musste sein Germanistikstudium aufgeben und wurde Journalist.

Es war der Beginn eines Lebens, das von der Angst vor dem Absturz geprägt blieb. 1935 reiste der junge Reporter nach Berlin. In einem Charlottenburger Apartment verbrachte er einige Wochen mit einer jüdischen Frau, die er später in seinen Aufzeichnungen als „Rut“ schützte. Als er ihr anbot, mit in die Schweiz zu kommen, habe sie geantwortet: „Ihr lasst keine Juden rein, das weißt du.

“ Frisch kehrte allein zurück. Was aus der Frau wurde, erfuhr er nie. Die Erinnerung an diese Ohnmacht verarbeitete er dreißig Jahre später in dem Theaterstück „Andorra“, das international erfolgreich wurde. Nach dem Tod des Vaters und dem Kriegsausbruch heiratete Frisch 1942 Trudy von Meienburg, eine Frau aus wohlhabender Zürcher Familie.

Das Paar bekam drei Kinder: Ursula (1943), Hans Peter (1944) und Charlotte (1949). Währenddessen baute Frisch tagsüber als Architekt Karriere auf – sein bekanntestes Werk ist das 1949 entworfene Freibad Letzigraben in Zürich – und schrieb nachts an seinen Texten. Mit dem Roman „Stiller“ (1954) gelang ihm der Durchbruch. Das Buch wurde als Abrechnung mit der Zürcher Gesellschaft verstanden; seine Frau erkannte sich in der Figur der kalten Ehefrau Julika wieder.

„Du hast unsere Ehe veröffentlicht“, soll sie gesagt haben. Im selben Jahr schloss Frisch sein Architekturbüro und widmete sich fortan ganz dem Schreiben. Vier Jahre später, 1958, traf er auf einer Party in Paris die 28-jährige österreichische Lyrikerin Ingeborg Bachmann. Sie unterhielten sich bis zum Morgengrauen, und Bachmann sagte ihm voraus: „Du wirst mir wehtun – weil du Schriftsteller bist.

Schriftsteller lieben nicht, sie sammeln Material. “ Frisch verließ daraufhin 1960 seine Frau und die Kinder und zog mit Bachmann nach Rom. Die gemeinsamen Jahre in der Via Giulia waren produktiv, aber zerstörerisch. Frisch schrieb in Rom den Roman „Homo faber“ und das Drama „Andorra“.

Bachmann kämpfte mit Depressionen, Schlaflosigkeit, Alkohol und Medikamenten. Frisch beobachtete ihr Leiden, half manchmal, floh manchmal. In einem Brief notierte er später: „Sie schläft bis mittags. Wenn sie aufwacht, weint sie manchmal eine Stunde.

“ Im Jahr 1962 trennte sich das Paar. Zwei Jahre später veröffentlichte Frisch den Roman „Gantenbein“, in dem eine Figur namens Lila unübersehbar Züge Bachmanns trägt. Bachmann fühlte sich verraten; ein wütender Anklagebrief an Frisch, in dem es heißt, er habe sie „zu einem Symptom“ gemacht, wurde nie abgeschickt. Er fand sich später in den versiegelten Kartons.

Nach der Trennung verschlechterte sich Bachmanns Zustand. Am 17. Oktober 1973 starb sie in Rom an den Folgen eines Wohnungsbrandes, der sich ereignet hatte, als sie – vermutlich unter dem Einfluss von Schlaftabletten – im Bett geraucht hatte. Frisch, der von ihrem Tod durch einen nächtlichen Anruf erfuhr, nahm nicht an der Beerdigung teil.

In der Zwischenzeit hatte Frisch längst eine neue Beziehung begonnen. 1968 heiratete er die 28 Jahre jüngere Literaturwissenschaftlerin Marianne Oellers. Die Ehe scheiterte, als er 1974 das Buch „Montauk“ veröffentlichte. Darin beschrieb er offen ein Wochenendabenteuer mit einer jungen Amerikanerin und offenbarte zugleich ein vertrauliches Geständnis seiner Frau über deren Affäre mit dem Schriftsteller Donald Barthelme.

Die Veröffentlichung gilt bis heute als einer der radikalsten Fälle literarischer Indiskretion. Die Scheidung folgte 1979. Danach lebte Frisch mit der Verlegerin Alice Locke-Carey zusammen, die er bei der Arbeit an „Montauk“ kennengelernt hatte. Seine Kinder blieben zeitlebens auf Distanz.

Der Sohn Hans Peter sagte in einem Interview: „Stolz? Ich kenne ihn kaum. Ich kenne seine Bücher. “ Hans Peter starb 1999 im Alter von 54 Jahren.

Seine Tochter Ursula veröffentlichte 2009, achtzehn Jahre nach Frischs Tod, das Buch „Sturz durch alle Spiegel“, eine Abrechnung mit dem Vater, in dem es heißt: „Er konnte Figuren schaffen, die lebten, aber er konnte nicht mit lebenden Menschen leben. “ Die jüngste Tochter Charlotte äußerte sich nie öffentlich dazu. Zu den größten Ironien seines Lebens zählt die sogenannte Fichen-Affäre. 1989 kam ans Licht, dass der Schweizer Geheimdienst seit 1948 – seit Frischs Teilnahme am Weltfriedenskongress in Breslau – eine umfangreiche Akte über ihn geführt hatte.

Über 900. 000 Bürger waren betroffen. Frisch durfte seine Akte einsehen und notierte danach: „Sie wussten alles über mich und verstanden nichts. “ Es wurde sein berühmtester Satz über sein Heimatland, das er jahrzehntelang als «Nestbeschmutzer» kritisiert und dem er zugleich zeit seines Lebens verbunden geblieben war.

Im Frühjahr 1990 wurde bei Frisch Darmkrebs diagnostiziert. Er starb am 4. April 1991 in seiner Zürcher Wohnung. Auf dem Nachttisch lag ein Gedichtband – die Quellen sind sich uneinig, ob es ein Buch Bachmanns war.

Er wurde ohne Grabinschrift beigesetzt; auf dem Stein stehen nur sein Name und die Lebensdaten. Dreißig Jahre nach seinem Tod wurden die versiegelten Briefe geöffnet. Der letzte Brief, den Bachmann an Frisch schrieb, stammt aus dem Jahr 1973, wenige Monate vor ihrem Tod. Er wurde nie abgeschickt und bricht mitten im Satz ab.

Der Briefwechsel zeigt zwei Menschen, die einander brauchten und nicht ertragen konnten. In einem frühen Brief hatte Frisch geschrieben: „Ich weiß nicht, ob ich dich liebe oder nur die Idee von dir. Vielleicht kann ich nur beobachten. Vielleicht ist das mein Fluch.

“ Bachmanns letzter Satz an ihn lautete: „Wir haben es nicht gut gemacht, Max, aber wir haben es getan. “

Die Veröffentlichung der Korrespondenz löste kontroverse Debatten aus – über das Recht auf literarische Verwertung privaten Leids, über die Frage der Mitschuld und über das Wesen einer Beziehung, die zwei Künstler gleichermaßen inspirierte und zerstörte. Frisch selbst hatte in „Stiller“ geschrieben: „Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben.

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