Für die Russen war es Rache. Für die deutschen Frauen die Hölle

Für die Russen war es Rache. Für die deutschen Frauen die Hölle

Berlin/Moskau – Es ist eines der dunkelsten und am wenigsten aufgearbeiteten Kapitel des Zweiten Weltkriegs: Als die Rote Armee im Januar 1945 erstmals deutsches Reichsgebiet erreichte, begann eine Welle der Vergeltung, die sich vor allem gegen Frauen richtete. Historiker schätzen, dass bis zu zwei Millionen deutsche Frauen von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurden – das größte Massenvergewaltigungsereignis der aufgezeichneten Geschichte.

Der Ursprung dieser Gewalt liegt in einem Vernichtungskrieg, den Nazi-Deutschland selbst entfesselt hatte. Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa” die Sowjetunion.

Es war kein gewöhnlicher militärischer Angriff, sondern ein rassistischer Ausrottungskrieg gegen Slawen und Juden, der Millionen sowjetische Kriegsgefangene, Zivilisten und ganze Dörfer auslöschte.

Die Belagerung von Leningrad, die Gräueltaten in Kiew und Minsk, der systematische Hungerplan gegen die sowjetische Bevölkerung – all das brannte sich in das kollektive Gedächtnis der Roten Armee ein. Als die sowjetischen Truppen nach der Niederlage von Stalingrad 1943 die Gegenoffensive starteten und 1944 die Grenzen des Dritten Reiches erreichten, wurde aus dem militärischen Vormarsch ein Rachefeldzug.

Die ersten drei Tage nach der Einnahme einer Stadt, so erinnerte sich eine sowjetische Telefonistin später, seien inoffiziell für Plünderungen und Vergewaltigungen reserviert gewesen. Was in Ostpreußen, Schlesien und Pommern begann, erreichte im Frühjahr 1945 in Berlin seinen blutigen Höhepunkt. Krankenhäuser in der Hauptstadt verzeichneten zwischen 95.

000 und 130. 000 Fälle – bei einer Dunkelziffer, die weit höher liegen dürfte.

Die Gewalt war nicht vereinzelt, sondern systematisch. Sie dauerte Wochen und Monate, oft bis zur völligen Erschöpfung der Opfer. Frauen wurden mehrfach vergewaltigt, manche bis zu sechzig oder siebzig Mal.

Eine sowjetische Kriegsberichterstatterin namens Natalia Gesse gab später zu, ihre eigenen Landsleute hätten „jede Frau von acht bis achtzig” vergewaltigt und bezeichnete die Armee als „eine Armee von Vergewaltigern”.

Ein ehemaliger sowjetischer Offizier schilderte die Taten später mit erschreckender Offenheit: „Wir waren jung, stark und vier Jahre ohne Frauen. Also versuchten wir deutsche Frauen zu fassen. Zehn Mann vergewaltigten ein Mädchen.

Es gab nicht genug Frauen, da die gesamte Bevölkerung vor der Roten Armee geflohen war. Also mussten wir Junge nehmen, zwölf- oder dreizehnjährige. Wenn sie schrien, stopften wir ihnen etwas in den Mund.

Wir fanden es lustig.”

Heute, so sagte er, könne er nicht verstehen, wie er das getan habe. „Ein Junge aus einer guten Familie, aber das war ich.” Diese Aussage steht exemplarisch für die kollektive Enthemmung, die Propaganda, Kriegstrauma und jahrelange Entbehrung in den Reihen der Roten Armee erzeugt hatten.

Viele Soldaten waren überzeugt, ein Recht auf Rache zu haben – eine verdrehte Belohnung für die Verwüstung, die Nazi-Deutschland in ihrer Heimat angerichtet hatte.

In Kellern und Schutzräumen hockten deutsche Frauen in Todesangst, während Truppenangehörige, die in zeitgenössischen Berichten oft als „kräftige Mongolen” beschrieben wurden, unberechenbar durch die Straßen patrouillierten. Die nationalsozialistische Propaganda hatte über ein Jahrzehnt lang das Bild mongolischer Horden beschworen – nun wurde es für die Zivilbevölkerung zur furchtbaren Realität. Viele der Täter stammten tatsächlich aus dem fernen Osten der Sowjetunion und den zentralasiatischen Republiken.

Junge Mädchen wurden gelehrt, sich um jeden Preis zu verstecken, sobald sich Soldaten näherten. Frauen beschmierten ihre Gesichter mit Dreck, trugen Lumpen und versteckten sich auf Dachböden oder in Abstellräumen. Mädchen wurden tagelang in Schränken oder Speisekammern verborgen.

Mütter verließen ihre Häuser nur im Morgengrauen, wenn die Soldaten vermutlich betrunken oder eingeschlafen waren.

In einigen Fällen verrieten Mütter sogar die Verstecke anderer Frauen, um ihre eigenen Töchter zu retten. Manche Frauen boten sich einem einzelnen Soldaten an, in der Hoffnung, so einer Gruppenvergewaltigung zu entgehen. Die Berliner Schauspielerin Mark Daviland wurde aus ihrem Versteck gezerrt und bot sich einem sechzehnjährigen Soldaten als Schutz an – doch er lief davon, um anzugeben, und ein anderer Soldat vergewaltigte sie.

Selbst jüdische Frauen blieben nicht verschont. Als Nachbarn einem Soldaten sagten, eine Frau sei Jüdin, antwortete dieser nur: „Frau ist Frau.” Die rassistische Ideologie, die die NS-Propaganda gegen die Sowjetunion geschürt hatte, fiel auf die deutsche Bevölkerung zurück – unterschiedslos und gnadenlos.

Ein besonders tragischer Fall ist der von Hannelore Kohl, der ersten Frau des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl. Im Mai 1945 wurde sie mit nur zwölf Jahren von sowjetischen Soldaten brutal vergewaltigt und anschließend wie ein Zementsack aus einem Fenster im ersten Stock geworfen. Sie erlitt eine lebenslange Rückenverletzung und chronische Krankheiten, die mit ihrem Trauma verbunden waren.

Im Jahr 2001 nahm sie sich das Leben.

Die langfristigen Folgen dieser Massengewalt waren verheerend – nicht nur für die Opfer, sondern für die gesamte deutsche Nachkriegsgesellschaft. Viele Frauen starben an inneren Verletzungen, unbehandelten Infektionen und anhaltenden Traumata. Schwangerschaften durch diese Übergriffe endeten in Fehlgeburten oder unsicheren Abtreibungen, oft ohne jegliche medizinische Hilfe.

Frauen, die austrugen, brachten Kinder zur Welt, die als „Russenkinder” bezeichnet und stigmatisiert wurden. Viele dieser Kinder wurden verlassen oder wuchsen in Armut auf – in einer Gesellschaft, die selbst noch in Trümmern lag. In Berlin stieg die Kindersterblichkeit drastisch an; Schätzungen zufolge überlebten bis zu neunzig Prozent der Neugeborenen in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht.

Die psychischen Wunden waren noch tiefer. Tausende Frauen, die mit dem Trauma und der Scham nicht fertig wurden, nahmen sich das Leben. Manche wurden von ihren eigenen Vätern gezwungen, um die Familienehre zu bewahren.

Andere wurden von ihren Ehemännern ermordet, die ihnen vorwarfen, die Vergewaltigung zugelassen zu haben. Frauen, die versuchten weiterzuleben, wurden oft mit Grausamkeit und Demütigung durch ihre Mitmenschen konfrontiert.

Sie wurden in der Öffentlichkeit beschimpft und mit weiterer Gewalt bedroht. Viele durften oder konnten nie über das sprechen, was sie erlitten hatten. Es wird geschätzt, dass allein in Berlin bis zu 100.

000 Frauen in der Folge Selbstmord begingen. In Ostpreußen, Schlesien und Pommern wurden mindestens 1,4 Millionen Frauen vergewaltigt; die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit diesen Übergriffen wird auf bis zu 240. 000 geschätzt.

Jahrzehntelang wurde dieses Kapitel sowohl in der sowjetischen als auch in der deutschen Erinnerungskultur verdrängt. In der DDR war das Thema tabu, weil es das Bild der befreienden Roten Armee beschädigt hätte. In der Bundesrepublik wiederum wollte man die eigene Opferrolle nicht mit der Schuld am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion verrechnen.

Die Frauen selbst schwiegen – aus Scham, aus Angst, aus dem Gefühl, dass niemand ihnen glauben würde.

Erst in den letzten Jahrzehnten haben Historiker wie Antony Beevor und Autoren wie der Berliner Arzt Hans-Joachim Maaz begonnen, das Ausmaß dieser Gewalt systematisch zu dokumentieren. Doch für die Überlebenden verblassten die Erinnerungen nie. „Wir haben den Krieg überlebt”, sagte eine Überlebende, „aber den Frieden danach haben wir nie wirklich überstanden.”

Die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee gehören zu den am wenigsten thematisierten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Sie waren eine Tragödie, die nahezu jedes Haus in Ostdeutschland erreichte und Generationen von Leid hinterließ. Sie erinnern daran, dass Kriege nicht mit dem letzten Schuss enden – und dass die Narben der Gewalt oft tiefer sind als die der Bomben.