DER DICHTER, DER TODESURTEILE UNTERSCHRIEB — DIE ANDERE SEITE GOETHES

DER DICHTER, DER TODESURTEILE UNTERSCHRIEB — DIE ANDERE SEITE GOETHES

Am 2. Oktober 1808 empfing Napoleon Bonaparte den deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe in Erfurt zur Audienz. Der Kaiser, damals auf dem Höhepunkt seiner Macht, erhob sich, als der Schriftsteller den Saal betrat, und sagte: „Voilà un homme“ – „Das ist ein Mann“. Das etwa einstündige Gespräch drehte sich um Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, den Napoleon sieben Mal gelesen haben soll, sogar während seines Ägyptenfeldzugs.

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Kritik äußerte der Kaiser am Ende des Romans: Er fand, die Vermischung von unglücklicher Liebe und verletztem Ehrgeiz der Figur Werther schwäche die Wirkung. Goethe widersprach nicht und räumte später ein, dass der Einwand berechtigt gewesen sei. Napoleon lud den Dichter ein, nach Paris zu kommen, doch Goethe lehnte höflich ab. Er sei zu alt für neue Anfänge, sein Platz sei in Weimar.

Beim Abschied verlieh ihm der Kaiser das Kreuz der Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung Frankreichs. Diese Geste sollte Goethe Jahre später ankreiden lassen: Als die Freiheitskriege gegen Napoleon tobten und andere Schriftsteller zu den Waffen riefen, schwieg Goethe, verfasste keine patriotischen Verse und trug das französische Ordenskreuz weiter auf der Brust. Man nannte ihn einen Überläufer und Verräter. Nationalismus war ihm fremd; er sah sich als Europäer und Weltbürger.

Die Begegnung mit Napoleon war nur ein Höhepunkt in einem Leben voller Widersprüche, Fluchten und unerfüllter Lieben. Geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Sohn eines kaiserlichen Rats und einer 18-jährigen Mutter, überlebte nur er und seine Schwester Cornelia von sechs Kindern. Der Vater, ehrgeizig und kontrollierend, trieb den Jungen zu Höchstleistungen: Sieben Sprachen lernte er, täglich Unterricht, dazu heimliches Zeichnen unter der Bank.

Die enge Bindung an die Schwester Cornelia, seine „einzige Vertraute“, zerbrach, als sie 1773 heiratete. Vier Jahre später starb sie bei einer Geburt. Goethe schwieg über ihren Tod. Mit 16 ging er nach Leipzig, um Jura zu studieren, fand dort aber zunächst ein Weinkeller und die Liebe zu Anna Katharina Schönkopf, die einen anderen heiratete.

Eine Krankheit unterbrach das Studium, zwei Jahre Genesung folgten. In Straßburg begegnete er 1770 dem Theologen Johann Gottfried Herder, der ihn lehrte, die Regeln der französischen Klassiker zu vergessen und die Poesie aus dem Herzen zu schöpfen. Im nahen Dorf Sesenheim verliebte er sich in die Pfarrerstochter Friederike Brion. Die ersten wirklich großen Verse seines Lebens entstanden in dieser Zeit.

Doch im Herbst 1771 brach er den Kontakt ab, ohne persönlichen Abschied, nur mit einem Brief. Friederike heiratete nie, arbeitete als Gouvernante und starb 1813 in Armut. Im „Faust“ schuf Goethe später die Figur des Gretchens, ein unschuldiges Mädchen, verführt und verlassen – ein literarisches Geständnis. 1772 lernte er in Wetzlar Charlotte Buff kennen, eine verlobte Frau.

Er besuchte sie den ganzen Sommer, bis ihr Bräutigam ihm höflich, aber deutlich den Rückzug nahelegte. Wieder verschwand Goethe ohne Abschied. Doch dieses Mal folgte ein Nachspiel: Ein Bekannter, Karl Wilhelm Jerusalem, erschoss sich aus unglücklicher Liebe. Der Bräutigam von Charlotte hatte ihm die Pistolen geliehen.

Goethe verarbeitete das Ereignis in vier Wochen zum Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, der ganz Europa eroberte. Junge Männer ahmten die Kleidung der Figur nach, einige sogar ihren Selbstmord. In Leipzig fand man einen Studenten, der sich wie Werther getötet hatte, in Leipzig wurde das Buch verboten, auch Dänemark und Italien folgten. Goethe versah spätere Auflagen mit dem Zusatz „Sei ein Mann und folge nicht nach“.

Der Soziologe David Phillips prägte dafür später den Begriff „Werther-Effekt“, nach dem die Weltgesundheitsorganisation bis heute Richtlinien zur Suizidberichterstattung ausrichtet. Charlotte Buff erkannte sich im Roman wieder und war wütend; ihre Nachkommen weigerten sich noch im 20. Jahrhundert, über den Autor zu sprechen. Im November 1775 kam Goethe auf Einladung des 18-jährigen Herzogs Karl August nach Weimar.

Der junge Herzog wollte seinen Hof zu einem Zentrum der Kultur machen und hatte dafür den berühmten Schriftsteller gewonnen. Goethe blieb bis zu seinem letzten Atemzug in der Stadt. Er stürzte sich in die Arbeit als geheimer Rat: Bergwerkskommission, Straßenbau, Militärreform, Theatergründung. Wenige Tage nach seiner Ankunft begegnete er Charlotte von Stein, Hofdame, verheiratet, siebenfache Mutter, sieben Jahre älter als er.

Über 1700 Schreiben sandte er ihr in mehr als einem Jahrzehnt, Bekenntnisse, Verse, Zeichnungen. Er nannte sie seine Seele und sein besseres Ich. Eine Scheidung kam nicht in Frage, ob die Beziehung körperlich war, ist bis heute unklar – Charlotte verbrannte ihre Antworten. Sicher ist: Sie formte den wilden jungen Dichter zum Staatsmann.

Doch Goethe fühlte sich gefangen: in Pflichten, in einer Zuneigung ohne Erfüllung, in einem Leben, das er nicht mehr als sein eigenes empfand. In der Nacht zum 3. September 1786 verließ er Karlsbad heimlich, reiste unter falschem Namen als „Johann Philipp Möller, Maler“ nach Italien. Zwei Jahre durchstreifte er Rom, Neapel und Sizilien, zeichnete, studierte die Antike und vollendete Werke wie „Iphigenie“.

In Italien entdeckte er auch seinen Körper. Die „Römischen Elegien“, die er nach der Rückkehr schrieb, waren für die Zeit unerhört freizügig und beschreiben Liebesnächte und Lust. Charlotte von Stein spürte die Veränderung: „Sie sehen mich an, als wäre ich ein Fremder“, sagte sie. Sie schrieb ihm nie wieder.

Wenige Wochen nach seiner Rückkehr begegnete Goethe im Park einer jungen Frau namens Christiane Vulpius, die in einer Blumenfabrik arbeitete und ein Bittgesuch für ihren Bruder überreichen wollte. Innerhalb weniger Wochen zog sie zu ihm – nicht als Ehefrau, sondern als Konkubine, wie der Hof sie nannte. Christiane war das genaue Gegenteil von Charlotte: Sie tanzte statt zu philosophieren, kochte Suppe statt Briefe über die Seele zu schreiben. Charlotte von Stein brach den Kontakt ab und nannte sie in ihren Schreiben „diese Kreatur“.

Die Hofdamen weigerten sich, Christiane zu grüßen, und gaben ihr Spitznamen wie „die Runde Null“ und später „die dicke Blutwurst“. Achtzehn Jahre ertrug sie diese Demütigungen. Ihr Sohn August wurde am 25. Dezember 1789 geboren, vier weitere Kinder starben kurz nach der Geburt.

In der Nacht zum 15. Oktober 1806, nach der Schlacht bei Jena, plünderten französische Soldaten Weimar. Sie drangen auch ins Haus am Frauenplan ein. Während Goethe in seinem Arbeitszimmer war, stellte sich Christiane den Eindringlingen entgegen und rief: „Hier wohnt ein Freund eures Kaisers.

“ Ob mit Messer, Säbel oder nur mit ihrem Mut, die Soldaten zogen ab. Tags darauf schrieb Goethe in sein Tagebuch: „Sie hat in dieser Nacht mehr getan als ich in meinem ganzen Leben. “ Fünf Tage später, am 19. Oktober 1806, heirateten sie in der Sakristei der Jakobskirche zu Weimar, ohne Gäste und ohne Feier.

Christiane Vulpius wurde zu Christiane von Goethe. Christiane starb am 6. Juni 1816 an Urämie, 51 Jahre alt. Goethe war nicht an ihrem Bett, er konnte den Anblick nicht ertragen.

In sein Tagebuch notierte er: „Leere und tote Stille um mich und in mir. “ Er sprach nie wieder über sie und hatte nie wieder eine andere Frau. Elf Jahre vor ihrem Tod hatte Goethe die intensivste Freundschaft seines Lebens begonnen: 1794 schrieb Friedrich Schiller ihm einen außergewöhnlich einfühlsamen Brief über sein Werk. Es folgten elf Jahre des Austauschs, über tausend Mitteilungen, gemeinsame Projekte wie das Balladenjahr 1797.

Schiller drängte ihn, den seit Jahrzehnten unvollendeten „Faust“ zu vollenden – ohne diesen Druck wäre der erste Teil vielleicht nie erschienen. Am 9. Mai 1805 starb Schiller mit 45 Jahren an Schwindsucht. Goethe ging nicht zur Beerdigung und verfasste keinen Nachruf, aber er weinte, wenn der „Epilog zu Schillers Glocke“ rezitiert wurde.

„Ich verlor die Hälfte meines Daseins“, schrieb er später. Nach der Begegnung mit Napoleon 1808 blieb der Ruhm, aber das Privatleben war von Verlust geprägt. Sein Sohn August, der jahrelang im Schatten des Vaters lebte und das Stigma der unehelichen Geburt trug, verfiel dem Alkohol. Die Ehe mit Ottilie von Pogwisch war unglücklich.

1830 reiste August nach Italien, wo er im Oktober im Fieber starb, 40 Jahre alt. Offiziell wurde eine Gehirnentzündung diagnostiziert, wahrscheinlicher war jahrelanger Alkoholmissbrauch. Auf seinem Grabstein in Rom steht nur: „Goethe Filius“ – Goethes Sohn. Als Goethe die Nachricht erhielt, sagte er auf Latein: „Ich wusste, dass ich einen Sterblichen gezeugt habe.

“ Er ging nicht zur Beerdigung, er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb weiter. Ein Jahr vor Augusts Tod hatte den 74-jährigen Goethe noch einmal die Liebe getroffen. In Marienbad begegnete er der 17-jährigen Ulrike von Levetzow. Drei Sommer verbrachte er in ihrer Nähe.

1823, mit 74 Jahren, hielt er um ihre Hand an – er bat den Großherzog, als Vermittler aufzutreten. Die Familie lehnte höflich ab. Auf der Rückfahrt von Karlsbad schrieb Goethe in einem Zug 23 Strophen, die „Marienbader Elegie“, eines der erschütterndsten Gedichte deutscher Sprache. Als er sie vor Bekannten vorlas, weinte er.

Ulrike von Levetzow heiratete nie und lebte bis 1899. Zu Goethes Werben sagte sie später nur, sie habe ihn wie einen Großvater gesehen. Seine letzten Jahre widmete der Dichter der Vollendung des „Faust“, an dem er sechzig Jahre gearbeitet hatte. Der erste Teil erschien 1808, der zweite blieb Fragment, bis er 1831, ein Jahr vor seinem Tod, das versiegelte Manuskript in eine Schublade legte mit der Anweisung, es erst nach seinem Tod zu öffnen.

Der Kern des Werks ist die Suche nach dem Augenblick, der so schön ist, dass man ihn festhalten möchte. Faust wird am Ende gerettet, nicht weil er gut war, sondern weil er strebte: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. “

Im Winter 1832 erkältete sich der 82-Jährige bei einem letzten Ausflug. Die Erkältung wurde zu einer Lungenentzündung.

Am 22. März 1832 starb Johann Wolfgang von Goethe in seinem Lehnstuhl in Weimar. Über seine letzten Worte gibt es widersprüchliche Überlieferungen: Ob er „Mehr Licht“ oder „Macht doch den zweiten Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkomme“ sagte, bleibt unklar. Er wurde in der Fürstengruft neben Friedrich Schiller beigesetzt.

Mit ihm erlosch die direkte Nachfahrenlinie: Seine drei Enkel blieben kinderlos, der letzte starb 1885. Das Haus am Frauenplan wurde zum Museum, die Korrespondenz mit Charlotte von Stein, Christiane und anderen wurde veröffentlicht und der Nachwelt zugänglich gemacht.